
ChemStats Notizen: Wie viel Hebel für All-Country World im Altersvorsorgedepot?
Liebe Mitreisende auf der Mauerstrasse, liebe Wegelagerer in den Finanzgassen,
nach den letzten Beiträgen habe ich wieder Lust auf kürzere Analysen gekriegt – kleine Schnipsel ohne großartigen Overhead; das gab es in den bisherigen Posts zur Genüge, daher jetzt eher leichte Kost.
ZL;NG:
- Kontext: Scalable hat Pläne für einen gehebelten MSCI All-Country World
- Gedankenspiel: Weltweiter, breiter Hebel im Altersvorsorgedepot möglich?
- Analyse: Risikoklasse des Produkts zu hoch, selbst adaptiver Hebel hilft nicht
Kürzlich tauchte die Meldung auf, dass die Registrierung eines Legal Entity Identifier für einen Scalable MSCI AC World Leveraged Daily Swap Xtrackers UCITS ETF gesichtet wurde. Natürlich folgte darauf eine rege Diskussion über dieses Produkt, das – allein aus der Namenslogik heraus – ein gehebelter Exchange Traded Fund auf der MSCI All-Country World Index-Reihe zu sein scheint. Direkt gab es regen Austausch darüber, wie wahrscheinlich es wäre, dass sich dieses Hebelprodukt in einem Altersvorsorgedepot besparen ließe...
Gehen wir das mal analytisch an: Leider ist der Zugriff auf historische Zeitreihen von MSCI-Indizes kürzlich stark eingeschränkt worden, weshalb wir auf unseren Basis-Ansatz zur Rückrechnung der Aktienmarkt-Indizes (Price Return, Net Total Return und Gross Total Return) nutzen – wer sich in die Methodik einlesen will, findet sie in den Beiträgen der Serie "Eine kleine Reise in gehebelte Welten"; ist jedoch relativ komplex. Naja, ziehen wir den Stiefel durch, sieht es jedenfalls so aus:
Index-Varianten MSCI All-Country World in US-Dollar
Bislang gibt es lediglich eine LEI, sodass wir uns jetzt in rein hypothetischen Gefilden bewegen – bitte beachtet das, es sind bloße Gedankenspiele. Sofern wir davon ausgehen, dass Scalable und die DWS Group auf den gehebelten MSCI All-Country World Net Total Return in der USD-Variante und nicht auf einen Haus-Index setzen, ist lediglich eine Annahme über die Kosten und sonstige Friktionen zu treffen. Im Sinne des Pragmatismus gehen wir von einem Total Expense Ratio von 0.7 % p.a. und einer Friktionsgröße von 0.5 % p.a. aus – somit läge das Produkt leicht über dem gehebelten World-Produkt von der Amundi S.A. (WKN: ETF888) und wir würden berücksichtigen, dass LETFs zu Beginn ihres Lebenszyklusses größere Abweichungen zu ihrem Referenzwert aufweisen.
Ähm, ist das nicht eine Verzerrung der Analyse? Nein, so ziemlich alles im Bereich latenter Kosten und Friktionen hat keine Relevanz auf die Berechnung der Risikoklasse, da sie auf der Volatilität, Schiefe und Wölbung empirischer Renditeverteilungen beruht – grob ausgedrückt: Es gibt eine Verschiebung des Mittelwertes durch Kosten und Friktionen, aber die Momente höherer Ordnung bleiben unberührt. Achja, und der hypothetische Kursverlauf wird natürlich in Euro umgerechnet, weil wir das Produkt in Euro kaufen würden. Alles klar, sowei, so gut...
Bevor es weitergeht, beachtet bitte, dass wir die EU-Regulatorik zur Packaged Retail and Insurance-based Investment Products, also Produkten für Privat- und Kleinanleger, krass vereinfacht angehen. Wir halten keine Regulatory Master Class ab und es ist möglich, dass diese Verkürzung zu Fehlern der Auslegung führt – gebt mir gerne Bescheid, wenn ihr was findet! Welche Regeln sieht die EU-Verordnung über Basisinformationsblätter für verpackte Anlageprodukte für Kleinanleger und Versicherungsanlageprodukte konkret für unser hypothetisches Produkt vor? Zunächst sind gehebelte Exchange Traded Funds in der Kategorie 2 (z.B. Produkte mit nicht-linearer oder komplexerer Auszahlungsstruktur) angesiedelt, was heißt, dass historische Renditeparameter und Value-at-Risk-Analysen für die Risikoeinstufung relevant sind – keine Kreditrisiken (CRM), lediglich das Marktrisiko (MRM) und es ist die Kursentwicklung des Produkts, nicht die Entwicklung des Referenz- oder Basisindex relevant. Sobald wir von täglichen Daten ausgehen, ist ein Beobachtungszeitraum (M) von mindestens 5 Jahren (ca. 1260 Tage bei Annahme von 252 Handelstagen pro Jahr) vorgesehen:
Prozedur zur Berechnung der Volatility Equivalent Volatility (EU-Verordnung Nr. 1286/2014)
Im ersten Schritt erfolgt die Logarithmierung der täglichen Renditen, bevor wir ihre Standardabweichung sowie die Schiefe und Exzess-Kurtosis für standardisierte Tagesrenditen ermitteln. Darauf folgt die Anwendung der Cornish-Fisher-Näherung, um das 97.5 %-Konfidenzniveau für die Value-at-Risk-Analyse zu bestimmen, wobei N die empfohlene Haltedauer in Handelstagen gemäß Angaben des Anbieters ist. Die Regelung sieht die Cornish-Fisher-Näherung vor, da Renditen von Finanzprodukten in der Regel nicht normalverteilt sind, weshalb das Normalverteilungsquantil des Value-at-Risk um die Effekte von Schiefe und Wölbung korrigiert werden muss. Vom Cornish-Fisher-VaR ist es anschließend nur noch ein weiterer Schritt zur Volatility Equivalent Volatility (VEV) – ein Begriff, der vermutlich eher aus regulatorischer Penibilität als aus sprachlicher Eleganz entstanden ist... In seltenen Fällen ist die Wurzel im Zähler nicht definiert, was die Verwendung der historischen Volatilität in annualisierter Form zulässig macht. Was bleibt ist die VEV auf einer Skala für das Marktrisiko einzuordnen, die von Klasse 1 (VEV < 0.5 %) bis Klasse 7 (VEV ≥ 80 %) reicht.
Soweit, so gut, aber wie hilft uns das weiter? Nunja, wir greifen uns diese Vorgehensweisen und nutzen rollierende Fenster von 5 Jahren, die wir täglich verschieben, um den Verlauf der Risikoklassifizierung für unseren hypothetischen LETF analysieren zu können. In der folgenden Grafik steht die blaue Linie für den Verlauf der VEV (linke Achse), während die rote Linie als Stufenfunktion die Risikoklasse (rechte Achse) ausgibt:
Gleitende Analyse der Klassifizierung eines MSCI ACWI-LETFs durch MRM und VEV
Wie ersichtlich ist, gibt es über die Zeit zahlreiche Wechsel zwischen den Risikoklassen. Unter Nutzung der längsten Zeitreihe wäre das Produkt jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit rund 59.5 % der Zeit in Klasse 6 und etwa 25.5 % in Klasse 5 eingestuft worden. Schränken wir die Analyse auf den Zeitraum ab 2000 ein, ergibt sich sogar ein Anteil von etwa 75.7 % in Risikoklasse 6. Natürlich ist es reine Spekulation, welche Merkmale das reale Produkt aufweisen oder welche Referenz als Basis dienen wird – sofern sich das Produkt jedoch grob wie unsere Simulation verhalten würde, wäre die Zulässigkeit für ein Altersvorsorgungsdepot (Risikoklasse 5 als Maximum) fraglich...
Aber vielleicht gibt's ja eine dicke Überraschung: Was wäre, wenn Scalable und die DWS Group im Wissen um das große Interesse an gehebelten Produkten auf breite, globale Indizes keinen fixen Hebel, sondern eine adaptive Lösung ins Produkt einbauen würden, um die Risikoklasse 5 zu halten? In der folgenden Grafik seht ihr, welches Spektrum an Hebelfaktoren hierfür geeignet wären:
Adaptiver Hebel für einen MSCI ACWI-LETF zur Erreichung von Risikoklasse 5
Zumindest seit 2000 hätte ein adaptiver Hebel die längste Zeit deutlich unter einem Faktor von x2 verbracht; zeitweise hätte der Hebel sogar ausgesetzt werden müssen, um die Risikoklasse zu halten. Aber ein letztes Wort zum Abschluss: Unser Fokus lag auf der Risikoklasse und die Tauglichkeit des Produkts für eine Vorsorgestruktur mit staatlicher Förderung, was deutlich von Aspekten wie Rendite und Drawdowns abhebt – letztere haben wir ausgeblendet, was nicht heißt, dass ein reales Produkt nicht gut bis sehr gut abliefern kann; Äpfel und Birnen.
So, das wär's jetzt...