Ich tue seit sechs Wochen so, als könnte ich Italienisch, weil ich am ersten Abend zu stolz war, ein einziges Missverständnis im Chor sofort aufzuklären
Beim ersten Treffen unseres kleinen Chors fragte die Leiterin, wer schon Italienisch könne. Ich sagte: „Ein bisschen. Ich verstehe warscheinlich mehr als ich spreche.“ Das war großzügig formuliert. Ich kann Speisekarten lesen und drei Liedzeilen auswendig.
Eine neue Sängerin aus Bologna hörte nur den ersten Teil. Seitdem redet sie in den Probenpausen auf Italienisch mit mir. Anfangs nickte ich, erkannte einzelne Wörter und antwortete mit „certo“, „vediamo“ oder einem sehr überzeugten „mamma mia“. Irgendwie funktionierte es. Einmal glaubte sie, das ich einen Hund habe. Ich habe keinen Hund, aber offenbar habe ich jetzt in Italien einen sehr lebhaften Beagle.
Nach sechs Wochen bat sie mich gestern, ihre kurze Rede für den Abschluss ihrer Schwester anzuhören. Ich sagte, ich sei heiser, was sprachlich nicht einmal Sinn ergibt. Morgen sehe ich sie wieder.
Ich schäme mich weniger für die erste Übertreibung als dafür, dass ich dieses Theater so lange gefüttert habe. Beichte ich alles sofort oder warte ich, bis der erfundene Beagle wenigstens einen Namen bekommt?