Betrieb insolvent weitermachen oder neu anfangen?
Ich bin 19 und aktuell im 3. Lehrjahr meiner Ausbildung. Mir fehlt eigentlich nur noch der letzte Teil bis zum Abschluss.
Mein Ausbildungsbetrieb ist vor ungefähr 1½ Monaten insolvent gegangen und hat den Betrieb geschlossen. Seitdem suche ich einen neuen Betrieb, der mich für das letzte Stück meiner Ausbildung übernimmt. Und das gestaltet sich deutlich schwieriger als gedacht, weil viele Betriebe natürlich lieber jemanden von Anfang an ausbilden möchten.
Vor kurzem hatte ich dann endlich ein Vorstellungsgespräch bei einem möglichen neuen Betrieb. Das Gespräch hat bei mir allerdings einiges ausgelöst und mich ehrlich gesagt auch dazu gebracht, meine komplette Situation nochmal zu hinterfragen.
Ich habe in der Berufsschule ziemlich schlechte Noten. Mein Schnitt liegt ungefähr im 5er-Bereich, also viele 4er, 5er und teilweise auch 6er. Außerdem habe ich über 150 Fehlstunden.
Ich habe ADHS und habe schon länger das Problem, dass ich beim Lernen oft das Gefühl habe, den Stoff verstanden zu haben und die Antworten eigentlich zu kennen. In den Klausuren funktioniert es dann aber trotzdem nicht und ich schreibe schlecht.
Auch meine Zwischenprüfung lief nicht gut. Mir haben damals nur ein paar Punkte bis zur 50-Punkte-Grenze gefehlt. Deshalb habe ich mittlerweile ehrlich gesagt auch Angst, dass ich die Abschlussprüfung trotz Lernen nicht schaffen könnte.
Was die ganze Sache für mich noch schwieriger macht: Meine Motivation für die Ausbildung ist nicht einfach irgendwann grundlos verschwunden.
Ein großer Teil davon hängt mit meinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb zusammen.
Ich wurde während meiner Ausbildung immer wieder ins Lager geschickt, obwohl Lagerarbeit nicht der eigentliche Schwerpunkt meiner Ausbildung war. Das Lager war ungefähr 1 Stunde und 40 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Dadurch musste ich teilweise Nachtschichten machen und war teilweise erst gegen 1 Uhr nachts wieder zu Hause.
Dazu kamen Überstunden, die sich angesammelt haben und für die ich am Ende nicht einmal eine Auszahlung bekommen habe.
Es gab auch Situationen, in denen ich im eigentlichen Ausbildungsbetrieb einfach keine Aufgaben hatte. Ich habe sogar aktiv nachgefragt, ob man mir Aufgaben geben könnte, weil ich etwas lernen und sinnvoll arbeiten wollte. Teilweise hieß es aber einfach, dass es gerade nichts für mich gäbe.
Ich habe dann teilweise 8 Stunden am PC gesessen und praktisch nichts gemacht.
Das hat mich extrem demotiviert. Ich wollte eigentlich etwas lernen und meine Ausbildung vernünftig machen, aber teilweise hatte ich das Gefühl, dass ich weder richtig ausgebildet noch sinnvoll eingesetzt werde.
Dazu kam die Bezahlung: Ich bekam im Grunde nur das absolute Minimum, hatte 24 Tage Urlaub und musste trotzdem teilweise Überstunden und diese langen Fahrten bzw. Einsätze hinnehmen.
Rückblickend hat das meiner Motivation ziemlich geschadet. Irgendwann habe ich einfach aufgehört, mich wirklich für die Ausbildung zu interessieren.
Jetzt frage ich mich natürlich auch, wie viel davon eigentlich daran liegt, dass mir der Beruf nicht gefällt – und wie viel davon daran liegt, dass meine Ausbildung unter diesen Bedingungen einfach beschissen gelaufen ist.
Denn wenn ich ehrlich bin, würde ich meinen Abschluss eigentlich schon gerne machen.
Mir fehlt nur noch ein überschaubarer Teil und es wäre natürlich extrem schade, jetzt kurz vor dem Ziel aufzuhören.
Aber gleichzeitig habe ich Angst vor der Abschlussprüfung, weil meine bisherigen schulischen Leistungen schlecht waren. Ich denke mir teilweise: „Was bringt es mir, jetzt noch alles durchzuziehen, wenn ich die Abschlussprüfung am Ende sowieso verkacke?“
Andererseits weiß ich auch nicht, ob ich mir damit selbst Unrecht tue. Vielleicht habe ich nicht grundsätzlich ein Problem damit, Prüfungen zu schaffen, sondern hatte bisher einfach schlechte Bedingungen, wenig Motivation und Probleme durch ADHS.
Und jetzt kommt der aktuelle Teil:
Bei dem Vorstellungsgespräch hat der mögliche neue Betrieb ziemlich stark auf meine schulischen Leistungen geachtet. Ich hatte deshalb während des Gesprächs eher das Gefühl, dass sie mich wahrscheinlich nicht nehmen werden.
Allerdings haben sie anschließend meinen ehemaligen Ausbilder kontaktiert und mit ihm über mich gesprochen. Außerdem hatten sie von mir die Kontaktdaten meiner Klassenlehrerin und meines IHK-Ansprechpartners bekommen.
Mein ehemaliger Ausbilder hat mich heute angerufen und mir erzählt, dass sie sich bei ihm gemeldet haben.
Deshalb habe ich jetzt das Gefühl, dass sie mich tatsächlich noch prüfen und vielleicht überlegen, mich zu übernehmen.
Und genau da stehe ich jetzt vor einem riesigen Problem:
Was mache ich, wenn sie mir tatsächlich den Ausbildungsplatz anbieten?
Soll ich sagen: „Scheiß drauf, mir fehlt nur noch ein Teil, ich ziehe das jetzt durch und hole mir meinen Abschluss“?
Oder sollte ich mit 19 nochmal komplett neu anfangen und eine Ausbildung suchen, für die ich wirklich Motivation habe?
Ich habe Angst, dass ich bei einer neuen Ausbildung wieder dieselben Probleme mit Schule und Prüfungen bekomme. Gleichzeitig frage ich mich aber, ob ich bei einem Beruf, der mich wirklich interessiert, vielleicht komplett anders an die Sache rangehen würde.