Streak 370 — Pausentag
Ich habe heute keine Energie mehr, um einen Text zu schreiben. Bis morgen!
Ich habe heute keine Energie mehr, um einen Text zu schreiben. Bis morgen!
Heute habe ich meinen ganzen Tag damit verbracht, Piroschki für die ganze Woche zu backen und wollte danach sogar ihr Rezept aufschreiben. Aber der Teig, den ich zubereitet hatte, erwies sich als misslungen. Er hatte offenbar zu lange gegärt und begann an den Händen zu kleben, war viel zu zäh und zu weich und weigerte sich, sich zu einer Kugel formen zu lassen, aus der man einen Piroschok hätte machen können. So stand ich am Ende mit allen möglichen bereits vorbereiteten Füllungen, fast ohne übrig gebliebenes Mehl, dafür mit schmutzigen Händen und einem schmutzigen Tisch und ohne Piroschki da, nachdem ich zwölf wertvolle Stunden meines Lebens auf diese völlig sinnlose Weise verbracht hatte. Böse wie ein Hund, beende ich diesen Tag und hoffe, auf dem Weg ins Bett niemanden umzubringen, abgesehen von einer Mücke, die diesen Tod verdient hat. Und das Rezept bekommt ihr von mir dann, wenn ich gelernt habe, einen richtigen Teig zu machen. Mit unfreundlichen Grüßen.
Es gibt ein Thema, bei dem es mir schwerfällt, mir eine Meinung zu bilden. Während ich für viele Probleme Deutschlands und überhaupt der modernen Welt bestimmte Lösungen sehe, ist in diesem Fall alles von so vielen Schleiern der Widersprüche umhüllt, dass mir überhaupt keine Lösung einfällt. Das Dilemma lautet folgendermaßen: Muss Hilfe für Menschen, die sie objektiv benötigen, auf eine Weise aufgezwungen werden, dass sie sich ihr nicht entziehen können?
Nehmen wir zum Beispiel Obdachlose. Es ist selbstverständlich, dass der Staat die Voraussetzungen schaffen und eine Infrastruktur aufbauen muss, um solche Menschen im Winter zu wärmen, ihnen Essen zu geben und so weiter. Aber diese Maßnahmen lösen das Problem der Obdachlosigkeit nicht. Ja, natürlich hört man überall, dass solche Menschen in staatlich bereitgestellten Wohnungen untergebracht werden sollen. Das ist ebenfalls nachvollziehbar. Aber wenn man sich die Situation in Städten ansieht, in denen solche Maßnahmen bereits eingeführt wurden, sieht man, dass auch das das Problem nicht löst. Solche Menschen wollen sehr oft ihren Lebensstil nicht ändern oder sind psychisch gar nicht in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen, und ziehen trotz einer Wohnung weiterhin ziellos durch die Stadt. Die Hauptursache ihres Leidens liegt selbstverständlich darin, dass diese Menschen in der überwältigenden Mehrheit der Fälle an schweren psychischen Erkrankungen und Drogenabhängigkeit leiden. Ein weiteres Beispiel sind jene Drogenabhängige, die zwar noch nicht obdachlos geworden sind, aber trotzdem ein asoziales Leben führen. Und es gibt Menschen, die aufgrund von Einsamkeit und Isolation einfach den Verstand verloren haben.
All diese Bevölkerungsgruppen sind Zeitbomben. So sehr Obdachlose einem auch leidtun mögen, zeigen sie häufig Anzeichen einer Vereiterung innerer Organe, und die Stellen, auf die sie sich setzen, können zumindest für kurze Zeit mit Pseudomonas aeruginosa infolge einer Gangrän dieses Obdachlosen oder zumindest mit Läusen kontaminiert sein. Wenn, Gott bewahre, ein Kind eine solche Stelle berührt und anschließend die Hand in den Mund nimmt, kann das schreckliche Folgen haben. Von dem unangenehmen Geruch und dem aggressiven Verhalten will ich gar nicht erst sprechen. Drogenabhängige kontrollieren während eines Rausches ihr Verhalten nicht und sind in diesem Zustand zu allem fähig, worauf sie in ihrem veränderten Bewusstseinszustand kommen. Genauso stellen auch Menschen mit schweren Psychosen eine Gefahr für die Gesellschaft dar.
Zurzeit sieht es in allen Rechtsstaaten so aus (oder zumindest sind mir keine Ausnahmen bekannt), dass einem Menschen keine medizinische Hilfe aufgezwungen werden kann. Man muss sie selbst wollen. Eine Zwangsbehandlung ist zwar möglich, setzt aber einen Gerichtsbeschluss voraus, der erstens kein schnelles Prozedere ist und zweitens zeitlich begrenzt bleibt. Das Wichtigste ist jedoch, dass Gerichte solche Entscheidungen entweder auf Antrag von Angehörigen treffen, die eine Feststellung der Geschäftsunfähigkeit dieser Person und die Übertragung der Vormundschaft beantragen (wenn die Angehörigen verantwortungsbewusst sind), oder als Alternative zu einer Freiheitsstrafe, wenn eine Tragödie mit Beteiligung dieser Person bereits stattgefunen hat. Nur weil jemand auf der Straße lebt, Drogen konsumiert oder einfach nur „ein bisschen merkwürdig“ ist (wie ihre Nachbarn solche Menschen oft wahrnehmen), seine Wohnung mit Alufolie auskleidet und auf Außerirdische wartet, wird niemand auf der Straße aufgegriffen und zwangsweise in Behandlung geschickt. Ein solcher Ansatz führt letztlich einfach dazu, dass viele Tragödien, die man hätte verhindern können, überhaupt erst geschehen, und dass soziale Missstände hingenommen werden, als wären sie etwas, gegen das man ohnehin nichts unternehmen könne.
Gleichzeitig haben wir auch das Beispiel eines anderen Systems. Zur Zeit der Sowjetunion ließ man solchen Menschen keine Wahl. Wenn jemand eine Psychose erlitt, wurde er nach Abklingen der akuten Phase unabhängig von seinem eigenen Willen so lange behandelt, bis er seine Krankheit wenigstens einigermaßen unter Kontrolle hatte. War die Krankheit unheilbar und konnte die Person nicht wieder in die Gesellschaft entlassen werden, wurde sie für geschäftsunfähig erklärt und in ein psychoneurologisches Internat eingewiesen, wo sie den Rest ihres Lebens verbrachte. Obdachlosen wurde nicht erlaubt, auf Müllhalden umherzustreifen [?]. Drogenabhängige und Alkoholkranke konnten nicht einfach mit einer Spritze oder einer Flasche in der Hand auf der Straße liegen. Solche Menschen wurden zunächst in eine Ausnüchterungsstation gebracht und anschließend obligatorisch in einer suchtmedizinischen Abteilung behandelt. Auch dieser Ansatz hatte seine Probleme. Ich will gar nicht davon sprechen, dass die Behandlungsmethoden aus heutiger Sicht oft nicht nur unwirksam, sondern auch unmenschlich waren. Das war kein spezifisches Problem des sowjetischen Systems. Die Medizin befand sich damals in allen Ländern auf einem vergleichbaren Entwicklungsstand. Viel schlimmer war, dass die bloße Existenz eines solchen Systems es dem Regime ermöglichte, Oppositionelle, Dissidenten, Andersdenkende u.Ä. mit Hilfe der sogenannten „Strafpsychiatrie“ zu bekämpfen. Das Schema war sehr einfach. Wenn du die Staatsmacht und die bestehende Ordnung offen kritisiertest, stellte man dir einfach eine Diagnose wie „schwere Schizophrenie“ und brachte dich genau in jenes psychoneurologische Internat, wo man dir täglich so viele starke Medikamente verabreichte, dass man nach einiger Zeit einer solchen „Behandlung“ tatsächlich den Verstand verlor. Außerdem gab es den Begriff des „101. Kilometers“. Hinter den 101. Kilometer außerhalb der Großstädte wurden Obdachlose, Bettler, Arbeitslose und andere gebracht. Die Städte waren sauber, und niemand stank in der U-Bahn, aber dieses idyllische Bild wurde mit der für die Sowjetzeit typischen Missachtung der Menschenrechte erkauft.
Meiner Ansicht nach sollten die von mir beschriebenen Bevölkerungsgruppen weder ignoriert noch einfach hingenommen werden. Ich könnte mir eine Lösung vorstellen, bei der ausnahmslos jeder Obdachlose, jeder Drogenabhängige und jeder Mensch mit schweren psychischen Erkrankungen (in einem Ausmaß, in dem dies bereits eine potenzielle Gefahr für die Gesellschaft darstellt) allein aufgrund dieser Tatsache verpflichtet wird, Hilfe anzunehmen, unabhängig von seinem eigenen Willen. Denn der Ansatz „fördern ohne zu fordern“ funktioniert nicht und wird auch niemals funktionieren (genauso wenig wie umgekehrt). Obdachlosen sollten Wohnungen zur Verfügung gestellt und Hilfsangebote gemacht werden, gleichzeitig sollte es ihnen aber untersagt sein, erneut einen solchen Lebensstil zu führen sowie diesen Angeboten abzusagen. Sie sollten zunächst behandelt, anschließend wieder in die Gesellschaft eingegliedert und erst danach wieder in Freiheit entlassen werden (selbstverständlich bereits mit einer Wohnung). Drogenabhängige sollten nicht allein für den Konsum bestraft werden (außer wenn darunter ihre Kinder leiden), sie sollten aber verpflichtet sein, an Rehabilitationsprogrammen teilzunehmen und auf Drogen zu verzichten. Menschen mit schweren Psychosen sollten nicht entlassen werden, solange dies weder für sie selbst noch für ihr Umfeld sicher ist. Man darf nicht warten, bis diese Zeitbombe explodiert, und man darf soziale Missstände weder wachsen lassen noch beschönigen oder ignorieren. Aber wie lässt sich das mit den Menschenrechten vereinbaren? Und vor allem: Selbst wenn man ein solches System schaffen würde, in dem Hilfe für diejenigen tatsächlich verpflichtend ist, die sie objektiv benötigen, und das vollkommen fehlerfrei funktioniert, bliebe noch eine entscheidende Frage. Wie könnte man die Gewaltenteilung und die Kontrollmechanismen so ausgestalten, dass dieses System später nicht zerstört wird und sich nicht in ein Repressionsinstrument gegen politisch oder gesellschaftlich Unerwünschte verwandelt? Ich habe auf diese Fragen keine Antworten. Vielleicht habt ihr welche?
Heute war ich bei einem Jazzkonzert in meinem am wenigsten geliebten Stadtteil: Dresdner Neustadt. Dieses Viertel verfügt, obwohl es sehr ungepflegt ist (oder vielleicht gerade deshalb), über eine Vielzahl von Kneipen, Bars, Pubs, Cafés und anderen Lokalen. Und auf eines dieser Lokale hat mich eine Bekannte aus der Synagoge aufmerksam gemacht. Dort wird täglich Jazz gespielt. Außer freitags und samstags sind alle Konzerte dort völlig kostenlos, mit der einzigen Bedingung, dass man mindestens ein Getränk bestellen und etwa 10 Euro nach eigenem Ermessen und entsprechend der eigenen finanziellen Situation in den Hut der Musiker werfen muss. Ich finde, dass ich das Konzert letztendlich zu einem sehr günstigen Preis genießen konnte. Es hat mir sehr gut gefallen, und ich war schon immer ein großer Jazzfan und habe in Moskau oft ähnliche Konzerte besucht (auch wenn ich nicht behaupten kann, dass ich mich in diesem Genre besonders gut auskenne, bereitet es mir einfach große Freude, diese Musik zu hören). Aber das Wichtigste: Ich kam mit einer ganz wunderbaren älteren Dame ins Gespräch, mit der wir über Gott und die Welt redeten [?] und die mir sogar ihre Kontaktdaten hinterließ, für den Fall, dass sie jemanden für mich und meine, ihrer Meinung nach, längst überfällige Heirat findet (sie war fest entschlossen, mich mit jemandem zu verkuppeln). Vielleicht geht dieser Prozess so tatsächlich schneller voran. Geht raus auf die Straße, hört Jazz und unterhaltet euch mit Leuten! Bis morgen!
Ich habe meine Ruhe verdient. Tschüssi!
Mir ist eine Sache eingefallen, die man als Vorteil des deutschen Wohnungsmarktes und als Nachteil des osteuropäischen Modells betrachten kann. Wir haben bereits besprochen, dass fast alle Russen die Wohnung besitzen, in der sie wohnen. Das bedeutet aber auch, dass es fast unmöglich ist, jemanden aus der eigenen Wohnung zu delogieren. Das heißt, wenn euer Nachbar gegen die allgemeine Ordnung verstößt, werdet ihr euch euer ganzes Leben lang mit ihm quälen müssen.
Besonders diejenigen, die Russisch beherrschen, werden nachdrücklichst aufgefordert, sich dieses Video anzuschauen (ich schaue dich an, u/motorsport_central!!!). Diese Reportage stammt von einem regionalen Fernsehsender aus Nischni Nowgorod. Die Journalisten kamen auf Einladung der Bewohner des dargestellten Hauses, weil ihr Nachbar jeden Tag Pferdegewieher auf [?] voller Lautstärke über zwei Hochleistungslautsprecher, die nach oben und nach unten ausgerichtet waren, einschaltete. Dabei war der Nachbar klug und schaltete diese „Musik“ während der Ruhezeiten (22 bis 7 Uhr in Nischni Nowgorod) aus und schlug in dieser Zeit lediglich an [?] Heizkörpern und Rohren [oder „Röhren“? Was ist der Unterschied?], was rechtlich schwieriger zu verfolgen ist. In Russland schlägt man nämlich normalerweise an Heizkörpern, um die Nachbarn dazu zu bringen, leiser zu sein (das wird das Erste sein, was ihr hören würdet, ehe ein russischer Nachbar wegen eures Lärms auf eurer Türschwelle erscheint). Vor dem Gewieher gehörten klassische Musik und später auch Rammstein zu seinem Repertoire.
Nun, was wäre in Deutschland passiert? Am wahrscheinlichsten hätte dieser Nachbar die Wohnung gemietet. Die Nachbarn hätten alles dokumentiert, mehrere Beschwerden verfasst und mehrmals die Polizei gerufen. Das wäre wahrscheinlich ausreichend gewesen, damit der Vermieter einen solchen Bewohner delogiert. Und in Russland? Ein Jahr lang haben die Nachbarn versucht, alles persönlich zu klären. Zwei Jahre lang haben sie versucht, die Polizei, die Staatsanwaltschaft und die Gerichte einzuschalten. Wirkungslos. Was hätten sie denn auch tun können? Geldbußen hat er zwar bekommen, sie waren aber zu niedrig, um die Situation ändern zu können. Enteignen kann man ihn nicht, und um jemanden aus der eigenen Wohnung zu delogieren, fehlt in Russland die rechtliche Grundlage. Nach der Reportage ist es trotzdem gelungen, ein strafrechtliches Verfahren einzuleiten, und der Mann wurde zu 3,5 Jahren Haft auf Bewährung wegen „Folterung“ (es gibt im russischen StGB glücklicherweise einen solchen Paragraphen) verurteilt. Dazu hier noch eine weitere Reportage. Das heißt, er sitzt nicht im Knast, sondern wohnt nach wie vor in ebendieser Wohnung. Während die Bewährung gilt, benimmt er sich noch halbwegs normal, schmiedet aber bereits Pläne, wie er seinen Nachbarn das Leben weiterhin verderben kann. Dass er überhaupt verurteilt wurde, ist allerdings in der russischen Realität eine Ausnahme. Wer die Wohnung besitzt, der spielt auch Musik.
Ein weiteres Problem sind Schulden. Man zahlt zwar keine Miete für eine Eigentumswohnung, dafür gibt es aber mehrere monatliche Kosten, die man trotzdem bezahlen muss. Strom, Wasser, Gas und Heizung sind natürlich selbstverständlich, aber wenn man sich weigert, Wasser zu bezahlen, wird es einfach ausgeschaltet. Es gibt aber auch andere Kosten, die alle Wohnungseigentümer zu tragen haben (Instandhaltung, Müllgebühren, Renovierungskasse, Gegensprechanlage usw.). Wenn jemand aus dem Haus diese monatlichen Rechnungen nicht bezahlt, müssen die anderen Eigentümer diese Kosten für ihn übernehmen, damit das Konto der Eigentümergemeinschaft nicht ins Minus [?] gerät. Und je länger jemand nicht bezahlt, desto höher werden die Rechnungen für alle anderen. Viele Jahre oder sogar Jahrzehnte dauert es, bis man eine Zwangsvollstreckung durch Gerichtsvollzieher erlangen kann, und selbst dann meldet man einfach Privatinsolvenz an. Laut russischem Gesetz darf der Staat die einzige Eigentumswohnung, in der man wohnhaft ist, nicht pfänden. Deshalb geht alles einfach weiter wie bisher.
Deshalb muss ich, obwohl ich nach wie vor mehr Nachteile als Vorteile im deutschen Modell sehe, zugeben, dass auch das osteuropäische Modell problematisch sein kann. Miete und die Angst, delogiert zu werden, disziplinieren. Ich wünsche euch gute Nachbarn!
Eigentlich hatte ich meinen heutigen Text schon fertig, aber dann habe ich plötzlich bemerkt, dass heute mein 365. Tag auf diesem Subreddit ist! Hurra! Ein ganzes Jahr liegt bereits hinter mir. Ich kann inzwischen viel schneller mit deutschen Wendungen in meinem Kopf umgehen und bilde Sätze deutlich schneller. Trotzdem bin ich noch weit vom Ideal entfernt. Der Grund, warum meine Texte normalerweise nur wenige Fehler enthalten, ist, dass ich sie mindestens fünfmal durchlese und mehrmals korrigiere, bevor ich sie veröffentliche. Beim ersten Versuch fällt mir natürlich alles deutlich schwerer. Aber ich werde mich auch weiterhin bemühen, eure wunderbare Sprache zu meistern und euch mit neuen Geschichten zu erfreuen. Vor allem wenn man bedenkt, dass mir an jedem einzelnen Tag dieses ganzen Jahres ein wirklich großartiger Mensch beiseite stand, der zu einem guten Freund geworden ist, der mich immer unterstützt und mir viele neue Dinge beigebracht hat. Danke dir, lieber u/motorsport_central!
Es gibt in der Kindheit eines jeden religiösen Juden einen sehr wichtigen Moment: die jüdische Volljährigkeit. Sie tritt bei Jungen mit 13 Jahren und 1 Tag und bei Mädchen mit 12 Jahren und 1 Tag ein. Die entsprechenden Bezeichnungen sind Bar Mitzwa (Sohn der Gebote) und Bat Mitzwa (Tochter der Gebote). Bnai Mitzwa ist der Plural (Kinder der Gebote) und so etwas wie ein genderneutraler Begriff. Nun, wie begeht man dieses Fest?
Normalerweise fangen Kinder einige Monate oder sogar Jahre vor dem entsprechenden Geburtstag (der in diesem Kontext natürlich anhand des jüdischen Kalenders berechnet wird) an, sich auf Bnai Mitzwa vorzubereiten. Sie lernen Hebräisch (denn alle Gebete sind in Synagogen nur auf Hebräisch, und normalerweise ist auch die gesamte religiöse Literatur in dieser Sprache verfasst, obwohl die Predigten, Besprechungen, Unterrichtsstunden und Diskussionen natürlich in der jeweiligen Landessprache stattfinden), wie man die Tora vorsingt (ja, wir singen während des Betens und lesen nicht einfach nur), jüdische Gesetze, Werte und Feiertage, bereiten außerdem einen Kommentar zu einem der Wochenabschnitte der Tora vor und lernen, manche Ritualien durchzuführen. Diese ganze Vorbereitung übernimmt der Rabbiner der Gemeinde. Am Schabbat nach dem jüdischen Geburtstag wird das Kind während des Gottesdienstes auf die Bima (so etwas wie ein Katheder mitten in der Synagoge) gerufen und soll einen Abschnitt aus der Tora vorsingen, einen kurzen Vortrag oder sogar eine Vorlesung dazu halten (je nachdem, wie talentiert und interessiert das Kind ist) und sich anschließend bei den Eltern, der Gemeinde und den Lehrern bedanken. „Masal tow!“, rufen alle Anwesenden aus (wörtlich bedeutet das „Gutes Schicksal“ und ist die verbreitetste Floskel für alle persönlichen feierlichen Anlässe wie Hochzeiten, Geburtstage usw.). Anschließend liest der Vater (und in liberaleren Gemeinden kann das auch die Mutter tun) einen Segensspruch, in dem er Gott eigentlich dafür dankt, dass er für sein Kind letzten Endes nicht mehr verantwortlich ist, da aber alles eh auf Hebräisch ist, versteht das kaum jemand, und der Segensspruch wird einfach als symbolischer Glückwunsch wahrgenommen. Nach dem Gottesdienst wird normalerweise in einem Restaurant gefeiert. Das Kind bekommt Geld und sonstige Geschenke, die durch 18 teilbar sind (z.B. 1818 Euro, 36 Kugelschreiber und 18 Kuchen obendrauf). Der Grund dafür ist das hebräische Wort „chai“ (lebendig), das im hebräischen Alphabet den Zahlenwert 18 hat (alle hebräischen Buchstaben sind auch Zahlen, und das hat eine enorme Bedeutung im Judentum, worüber ich in einem meiner nächsten Texte berichten werde).
Der eigentliche Wert dieses Festes liegt aber nicht in dem Ritus. Einem Kind wird als Vorbereitung auf dieses Fest der Gedanke vermittelt, dass volljährig zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Die aus jüdischer Sicht volljährigen Mitglieder der Gemeinde müssen alle Mitzwot (Gebote) selbst übernehmen. Das heißt, man wird als vollberechtigtes Mitglied wahrgenommen, aber von einem wird auch die entsprechende Beteiligung am Leben der Gemeinde erwartet. Das war aber im Mittelalter wichtig. Heutzutage ist die Idee dieselbe, doch sie geht nun über die Religion hinaus. Ein sehr verbreiteter Brauch ist es, am Tag der Volljährigkeit eine wohltätige Organisation auszuwählen und eine monatliche Spende vom Konto des Kindes einzurichten. Als Teil des Festes machen die Eltern oft großzügige Spenden zu diesem Anlass. Das soll dem Kind eines der wichtigsten Gebote namens „Zedaka“ näherbringen, das fordert, ein Zehntel des Einkommens für wohltätige Zwecke auszugeben. Außerdem wird das Kind dazu gebracht, sich im Zuge des jüdischen Prinzips „Tikkun Olam“ ehrenamtlich zu engagieren (in meiner Stadt war gefühlt die Hälfte aller Kinder, die in einer der zahlreichen kindlichen Ehrenamtsorgsnisationen tätig waren, jüdisch, und das in einer Stadt mit 1% jüdischer Bevölkerung, weswegen sich eine Lehrerin stets darüber zu scherzen erlaubte: „Zwei Schnejdermans, drei Rabinowitsches und durch einen merkwürdigen Zufall ein Iwanow“). Die wichtigste Idee besteht darin, dem Kind zu vermitteln: „Du bist jetzt für diese Welt auch verantwortlich.“ Das finde ich sehr schön.
Leider hatte ich in meiner Kindheit keine Bar Mitzwa. Und ich war immer sehr neidisch auf meine jüdischen Bekannten, deren Eltern sich an diese Tradition hielten. Ich möchte auch, dass meine Kinder dieses Fest begehen. Wie immer, finde ich auch in diesem Brauch eine sehr schöne und wichtige Bedeutung.
Ich habe lange darüber nachgedacht, worüber ich heute schreiben soll. Schließlich habe ich beschlossen, dass es im Moment wohl nichts auf der Welt gibt, was unsere Gedanken und Herzen mehr beschäftigt als die abscheuliche Hitze, die ganz Deutschland erfasst hat. Deshalb möchte ich ein wenig über den Klimawandel und die deutsche Klimapolitik nachdenken.
Ich kritisiere den deutschen Ansatz. Ich denke, so ziemlich alle meinen Leser (nicht, dass ich besonders viele hätte…) verstehen den Hintergrund dieser nicht enden wollenden Diskussion. Einerseits wollen wir die Klimasituation nicht noch weiter verschlimmern und möchten auf grüne Energiequellen umsteigen sowie früher oder später Klimaneutralität erreichen. Andererseits werden Industrie und Wirtschaft durch zu hohe Umweltabgaben erwürgt. Und mir scheint, dass dies ein typisches für Deutschland Beispiel dafür ist, wie man für ein gutes Ziel die falschen Mittel zu seiner Erreichung gewählt hat, was sowohl zu einer politischen Spaltung als auch zu wirtschaftlichen Problemen geführt hat. Wie man so schön sagt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Meiner Ansicht nach (wenn ich überhaupt das Recht habe, sie zu äußern) ist das ein typisches Beispiel deutscher Kurzsichtigkeit bei politischen Entscheidungen, oder genauer gesagt bei der Ausarbeitung eines Plans zu ihrer Umsetzung.
Die goldene Regel eines jeden Ingenieurs (einschließlich eines Softwareingenieurs) lautet: „Was funktioniert, das fasse gefälligst nicht an!“. Manchmal sind Veränderungen jedoch trotzdem notwendig. Was macht ein Ingenieur in einem solchen Fall? Er rechnet voraus [?], welche Systeme, Module und Kreisläufe von einer bestimmten technischen Entscheidung betroffen sein werden. Anders gesagt: Wenn wir noch einen Nagel in die Wand schlagen, überlasten wir dann nicht die gesamte Konstruktion und machen sie dadurch nicht instabil? Und genau diese Berechnung scheint mir aus irgendeinem Grund immer übersehen zu werden. Nehmen wir zum Beispiel die Luftverkehrsabgaben, die Fluggesellschaften zahlen müssen, wenn sie Flüge nach Deutschland durchführen. Die Zielsetzung ist nachvollziehbar. Flugzeuge verschmutzen unsere Luft mit ihrem schmutzigen Treibstoff, also verlangen wir von ihnen zusätzliches Geld, um diese Luft zu reinigen. Nun, ich bin ein Mensch ohne wirtschaftliche Ausbildung, und selbst mir ist klar, dass diese Erhöhung eine Kettenreaktion auslösen musste und gar nicht anders konnte. Und genau das ist passiert. Ihr führt also diese zusätzlichen Abgaben ein. Auf wen werden die gestiegenen Kosten der Fluggesellschaften abgewälzt? Auf den Endverbraucher. Der Endverbraucher ist nicht dumm und wird deshalb keine teuren Tickets kaufen, sondern entweder mit dem Zug fahren (was für Deutschland ebenfalls ein schmerzhaftes Thema ist) oder zu einem nahegelegenen Flughafen in Tschechien, Belgien, den Niederlanden oder wenigstens Polen fahren. Die Nachfrage nach Flügen ab Deutschland sinkt, ebenso wie die Zahl potenzieller Kunden, weil sich nun nicht mehr jeder ein Ticket leisten kann. Welche Fluggesellschaften verschwinden als Erste? Natürlich die Low-Costers. Ryanair hat beispielsweise schon im vergangenen Jahr angekündigt, den Flughafen Berlin nicht mehr anzufliegen [?] (der übrigens über mehrere Jahrzehnte gebaut wurde, was ebenfalls ein Thema für ein eigenes Gespräch wäre). Und was haben wir am Ende? Die großen deutschen Flughäfen verlieren, mit Ausnahme vielleicht von Frankfurt, Passagiere und finden keine neuen Partner. Arbeitsplätze gehen verloren. Der Handel innerhalb der Flughäfen schrumpft. In Dresden plant man beispielsweise den Bau eines neuen Terminals, das um ein Mehrfaches kleiner sein soll als das heutige (und das alte wird man, nehme ich an, abreißen). Und infolgedessen sinken auch die Steuereinnahmen. Das ist ein Beispiel für ein erwürgtes Wirtschaftswachstum, das einmal großes Potenzial hatte. Und, wurden die Ziele erreicht? Vielleicht könnte man das sagen, wenn man sich das Ganze nicht besonders genau anschaut. Tatsächlich fliegen dieselben Passagiere heute einfach nicht mehr von Deutschland aus. Die Emissionen sind nicht geringer geworden, sie haben lediglich ihre Geografie verändert. Dafür hat man alles andere kaputtgemacht.
Noch ein Beispiel. Wir wollen keinen Ruß mehr einatmen und den Boden nicht weiter zerstören. Wir wollen grüne Energie. Ein gutes Ziel? Und ob! Wer wäre denn dagegen? Aber aus irgendeinem Grund schien es den Politikern, als müsste sich die Energiewirtschaft von heute auf morgen vollständig verwandeln und diese grüne Energie müsste plötzlich wie aus dem Nichts erscheinen. Gleichzeitig begannen die Deutschen nach den Ereignissen des Jahres 2011 in Japan plötzlich zu befürchten, dass mitten in den bayerischen Wäldern mit ihren zwei Seen und drei Kühen auf einmal ein Tsunami auftreten könnte. Deshalb schlossen sie kurzerhand die gesamte Kernenergie, die der einzige wirklich grüne und billige Energieträger war und bis heute bleibt, der den hohen Strombedarf Deutschlands decken kann (ganz zu schweigen davon, wie viele Arbeitsplätze dadurch vernichtet wurden). Was blieb übrig? Solaranlagen, Windräder, russisches Öl, das noch eine gewisse Zeit nach Deutschland floss, sowie einige Kohlekraftwerke, die weiterhin in Betrieb bleiben. Wohin das russische Öl verschwunden ist, muss ich, denke ich, nicht erklären. Und plötzlich stellte Deutschland „überraschend“ fest, dass der im eigenen Land erzeugte Strom den Bedarf der riesigen deutschen Industrie überhaupt nicht deckt. Und was sehen wir? Natürlich steigen die Strompreise. Die Herstellung von allem, was in Deutschland hergestellt wird, wird zu teuer. Diese zusätzlichen Kosten trägt wiederum der Endverbraucher. Und der Käufer ist nicht dumm und kauft statt eines deutschen Volkswagens lieber einen tschechischen Škoda. Das Unternehmen macht Verluste, Arbeitsplätze hängen am Haar [?], die Exporte gehen zurück und damit sinken auch die Steuereinnahmen. Und, wurden die Ziele erreicht? Davon ist nicht viel zu sehen.
Wie hätte man es stattdessen machen sollen? Man hätte alles anders machen sollen. Anstatt immer neue Steuern einzuführen, hätte man Steuervergünstigungen (!) für jene Unternehmen einführen sollen, die sinnvolle Maßnahmen für den Übergang zu einer saubereren Produktion umsetzen. Man hätte die Steuern für Unternehmen für jedes produzierte Elektroauto senken und zusätzlich Forschung und Entwicklung in diesem Bereich fördern sollen. Und das Wichtigste ist, dass nicht das Unternehmen, sondern der Endverbraucher hätte besteuert werden sollen. Man hätte sagen sollen: Werte Deutsche, für ein Elektroauto würdet ihr fünfmal weniger Steuern und Versicherung zahlen als für ein Benzinauto. Einen solchen Steuerunterschied hätte man allerdings nicht sofort einführen dürfen. Man hätte zunächst beispielsweise zwei Jahre Zeit geben sollen, damit sich sowohl Verbraucher als auch Hersteller darauf einstellen können. Deutschland hätte auf diese Weise durchaus dieselben Ergebnisse erzielen können, die wir heute in Skandinavien sehen, wo die überwältigende Mehrheit der Autos elektrisch ist. Dasselbe hätte man auch in der Energiepolitik tun sollen. Man hätte nicht das zerstören sollen, was bereits funktioniert, sondern den Ausbau eines Netzes sauberer Kraftwerke in Deutschland fördern und steuerlich unterstützen sollen (und zwar mit Vergünstigungen für die „Guten“ statt mit Zuschlägen für die „Schlechten“). Und ganz sicher hätte man nicht aus der Kernenergie aussteigen sollen. Ideal wäre eine Situation gewesen, in der Deutschland einen Stromüberschuss gehabt hätte, den es exportieren könnte. Und wiederum sollte auch der Endverbraucher gefördert werden. Für Eigentümer von Häusern, in denen Solaranlagen, eine Wärmepumpe oder etwas Vergleichbares installiert sind, müsste die jährliche Grundsteuer niedriger sein. Und auch dafür hätte man Zeit geben müssen. Mit Flugzeugen ist die Situation schwieriger. Hier hätte man in erster Linie die Entwicklung (und erstmal die Forschung) von Elektroflugzeugen finanzieren müssen.
Leider sucht niemand nach komplizierten Lösungen, deren Ergebnisse sich nicht sofort zeigen. Am Ende leidet alles, worüber man nicht klug genug war nachzudenken. Schade.
Heute werde ich zur Synagoge fahren, um Kabbalat Schabbat (Empfang des Schabbats) zu feiern, und werde versuchen, Schabbat dieses Mal zumindest teilweise einzuhalten. Ich glaube nicht, dass mir das ganz gelingen wird, aber ich werde mich zumindest bemühen. Deshalb schalte ich gleich mein Handy aus und verabschiede mich von euch bis morgen Abend. Und wünsche euch noch angenehme Kühle und gute Laune!
Heute hat mein Vater seine Kündigung bei seinem derzeitigen Arbeitgeber, einem Krankenhaus, unterschrieben, und ab dem nächsten Monat wird er nun in einem Dorf arbeiten, das 50 km von der Stadt entfernt liegt, in der meine Familie lebt. In Russland zahlt der Staat Ärzten sehr hohe Gehaltszuschläge und stellt ihnen kostenlosen Wohnraum zur Verfügung, um sie für abgelegene ländliche Regionen zu gewinnen. Gehalt wird es dort um mehrfach größer geben, während Arbeit, versteht sich, viel weniger.
Während der Coronazeit musste mein Papa bereits außerhalb der Stadt arbeiten, weil er aufgrund seines Alters zur Risikogruppe gehörte und deshalb nicht in der Stadt arbeiten durfte. Damals hat ihm diese Erfahrung jedoch nicht gefallen, vor allem weil die Patienten auf dem Land… speziell sind. In dem Dorf, in das er jetzt fahren wird, hat er allerdings letzten Monat bereits einen Chirurgen vertreten, der im Urlaub war, und diesmal hat es ihm dort sehr gut gefallen. Es stellte sich heraus, dass dort sage und schreibe fünf (!!!) ethnisch deutsche Familien leben, und das hat offenbar ausgereicht, damit das Dorf nach russischen Maßstäben sehr gepflegt wirkt und mein Vater es tatsächlich nichts Geringeres als ein „deutsches Dorf!“ nennt. Jetzt erzählt er jedem Erstbesten stolz, dass sein Sohn gewissermaßen auch ein „Deutscher“ sei. Offenbar, um sich Zustimmung zu verschaffen.
Aber ich kann ihn gut verstehen. Ich habe bereits die Meinung geäußert, dass es in Europa nichts Schöneres gibt als (echte!) deutsche Dörfer. Während es mich in Russland in große Millionenstädte zog, weil alles andere dort eher so meh ist, habe ich für Deutschland inzwischen einen ganz anderen Plan entwickelt. Ich werde in ein Dorf ziehen, mir drei Acre Land und ein kleines Häuschen kaufen, einen Rasen anlegen und mir eine Kuh anschaffen, damit sie sich um diesen Rasen kümmert und ich an einem Rasenmäher sparen kann. Einwände?
In Russland gibt es eine App, ohne die man praktisch nicht überleben kann. Diese App heißt Telegram. Ihr habt bestimmt schon einmal von ihr gehört. Leider hat Telegram in Deutschland einen miserablen Ruf. Es gilt als Zufluchtsort für Schwurbler.
Tatsächlich ist Telegram einfach ein gewöhnlicher Messenger, allerdings mit deutlich stärkeren Datenschutzmaßnahmen. Entwickelt wurde er von Pawel Durow, einem russischen Unternehmer, der zuvor bereits durch die Entwicklung von VKontakte bekannt geworden war. VKontakte (oder VK) ist das größte russische soziale Netzwerk und erinnert an Facebook, hat aber ein jüngeres Publikum. Im Jahr 2014 verkaufte er dieses Unternehmen, verließ Russland und veröffentlichte auf seiner Seite in ebendiesem sozialen Netzwerk seine Ablehnung der russischen Politik. Kurz darauf erschien Telegram. Ich bin dort praktisch seit den Anfängen dabei. Anfangs war dieses soziale Netzwerk vor allem unter oppositionell eingestellten Russen beliebt. Während die neuen Eigentümer von VKontakte begannen, manche öffentliche Gruppen zu sperren und Nutzerdaten an die Behörden weiterzugeben, wurde Telegram zu einem Ort, an dem man sich austauschen und Nachrichten lesen konnte, ohne Angst vor Verfolgung haben zu müssen. Schon bald, im Jahr 2018, wurde Telegram in Russland gesperrt. Die Sperrung wurde von den damals noch möglichen Massenprotesten begleitet sowie von Protestaktionen, bei denen Papierflugzeuge aus den Fenstern geworfen wurden (ein Papierflugzeugchen ist das Logo dieses Messengers). Ich erinnere mich noch daran, dass unser Kiez voller solcher Papierflieger lag [?]. Diese Sperrung war jedoch erfolglos, weil Telegram seinen russischen Nutzern praktisch sofort Möglichkeiten anbot, die Sperre zu umgehen. Aus demselben Grund wurde diese App auch im Iran beliebt.
Im Jahr 2020 wurde Telegram wieder freigegeben und ist innerhalb kürzester Zeit zum wichtigsten Kommunikationsmittel für Russen aller politischen Richtungen geworden. Ich kenne keinen einzigen Menschen, der dort nicht angemeldet wäre. Im Grunde ist es derselbe Messenger wie WhatsApp, allerdings mit einer deutlich bequemeren und schöneren Benutzeroberfläche sowie mit einem unbegrenzten Cloudspeicher. Dadurch entfällt einer der größten Nachteile von WhatsApp, das alle Mediendateien im lokalen Speicher ablegt und diesen dadurch zumüllt. Aus diesem Grund kann man Telegram im Gegensatz zu WhatsApp auch gleichzeitig auf mehreren Geräten nutzen. Das Wichtigste ist jedoch, dass es neben den Chats auch sogenannte Kanäle gibt. Kanäle sind öffentliche Gruppen, in denen Administratoren Beiträge in derselben Oberfläche und im selben Format wie in einem Messenger veröffentlichen, allerdings können dort nur die Administratoren etwas posten (wobei später auch Kommentare unter den Beiträgen eingeführt wurden). Alle russischen Medien, Politiker, städtische, regionale und Bundesbehörden, Banken, Unternehmen und alles bedenkliche richteten sofort ihre eigenen Kanäle ein. Natürlich beschränkt sich das nicht nur auf Politik. Dort findet man Kanäle von Zoos, Sportlern, Bloggern, Sprachschulen oder einfach Kanäle, die alle möglichen Katzenvideos usw. veröffentlichen. Es gibt außerdem große Gruppen, in denen Menschen ihre verschiedensten Angelegenheiten besprechen. Eine solche Telegram Gruppe war z.B. der wichtigste Kommunikationskanal mit unseren Studienbewerbern. Und nachdem Instagram in Russland gesperrt worden war, führte Telegram außerdem Stories ein. Außerdem gibt es auf Telegram Bots, über die man praktisch alles Mögliche erledigen kann. Deshalb werden viele Dienste in Russland inzwischen gar nicht mehr als eigenständige Apps entwickelt, sondern stattdessen als entsprechende Bots. Dazu gehören zum Beispiel Lieferdienste, Terminbuchungen für Massagen oder die Kommunikation mit Sprachmodellen wie ChatGPT (das in Russland offiziell nicht verfügbar ist, über solche Bots aber trotzdem problemlos genutzt werden kann) und vieles mehr.
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Telegram dadurch von einer App für Oppositionelle zum wichtigsten sozialen Netzwerk Russlands. Es vereint die Funktionen eines Messengers, von Twitter, Instagram, Slack, eines persönlichen Blogs, einer Lokalzeitung, eines Hausgemeinschaftschats sowie der Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern, Kollegen, Freunden, Bekannten und vielen anderen. Viele hören dort sogar Musik. Fast jeder nutzt den Chat mit sich selbst als Cloudspeicher.
Im April dieses Jahres wurde Telegram erneut gesperrt und seitdem versucht man ziemlich aufdringlich, alle dazu zu bewegen, auf den staatlichen Messenger umzusteigen, der den Namen MAX erhalten hat und damit den Ruf aller Maxes [oder was ist der Plural von Max?] auf der Welt ruiniert hat. Soweit ich das beurteilen kann, weil ich keinerlei Rückgang der Aktivität auf Telegram bemerkt habe, war dieser Versuch sowohl aus technischer Sicht der Sperrung als auch hinsichtlich des Versuchs, die Nutzer auf den neuen Messenger zu ziehen, nicht besonders erfolgreich.
Ich habe euch bereits von meinem hinterhältigen Plan erzählt, die Deutschen von der Notwendigkeit zu überzeugen, Klimaanlagen zu installieren. Wenn die Deutschen außerdem noch das nicht gottgefällige WhatsApp aufgeben und zu Telegram wechseln, wäre mein kultureller Beitrag zur Entwicklung dieses Landes vollständig abgeschlossen. Und habt ihr Telegram?
Heute setze ich meine Serie über Klassismus in Russland fort. Letztes Mal haben wir über das vierte Russland gesprochen. Heute werden wir über das dritte Russland sprechen und bewegen uns dafür aus dem Dorf in überwiegend kleine und mittlere Städte, obwohl das dritte Russland auch in riesigen Städten wie Moskau vertreten ist.
Das dritte Russland besteht aus Menschen mit keiner besonders hohen Bildung. Das entspricht ungefähr derselben sozialen Schicht, die in Großbritannien als „working class“ bezeichnet wird. Vor allem konzentriert sich das dritte Russland in Industriestädten. Dazu gehören Fabrikarbeiter, Krankenschwestern, der Großteil der Lehrer (die in Russland weder den Wohlstand noch das Prestige dieses Berufs in Deutschland annähernd genießen), Erzieherinnen in Kindergärten, Kassierer in Supermärkten, gering qualifizierte Fachkräfte (zu denen in Russland übrigens auch sämtliche Schlosser, Tischler und ähnliche Berufe gezählt werden, was überhaupt nicht mit dem Status eines Handwerkers in Deutschland vergleichbar ist), Busfahrer und so weiter. Das Erste, was man über das dritte Russland verstehen muss, ist, dass diese Menschen zwar nicht in völliger Armut leben (im Gegensatz zum vierten Russland), aber dennoch recht arm sind. Daraus ergibt sich auch ihr äußeres Erscheinungsbild.
Als wir über das erste Russland gesprochen haben, haben wir einige typische Merkmale beschrieben. Versuchen wir nun dasselbe für das dritte Russland zu tun. Ihr erkennt Vertreter dieser sozialen Schicht an ihrer Kleidung. Wegen der unerschwinglichen Preise in normalen Bekleidungsgeschäften sind sie oft gezwungen, billige Kleidung schlechter Qualität auf Kleidermärkten zu kaufen. Ich war sehr überrascht, als ich gesehen habe, wie gerne deutsche Studenten Kleidung aus Second-Hand-Läden tragen. Ich vermute, dass die meisten Studenten, die ich so sehe, es nicht aus Geldmangel tun, sondern aus ökologischen, sozialen oder anderen Gründen. Aber an ihnen erkennt man trotzdem, egal wie arm sie wirken möchten, vor allem wegen der Vielzahl dekorativer Elemente, dass es sich um einen bestimmten, wenn auch übertrieben urbanen und „mausigen“/„fotzigen“ [wenn ich diese Wörter korrekt verstehe?] Stil handelt. In Russland kleidet man sich so aus Unmöglichkeit, sich etwas Besseres leisten zu können, und irgendeinen „Stil“ gibt es dabei nicht. Um sich diese Kleidung vorzustellen, solltet ihr euch Dokumentarfilme über die DDR ins Gedächtnis rufen und euch Ostdeutsche vor dem Fall der Mauer vorstellen. Sehr einfache, sehr minderwertige und sehr billige Kleidung. Ich habe versucht, einige Beispiele zu finden (erstes, zweites, drittes).
Die zweite Sache ist die Aussprache. Wir haben bereits besprochen, dass es in Russland praktisch keine geografisch bedingten Dialekte mehr gibt, abgesehen von wenigen Ausnahmen, die die allgemeine Beobachtung nur bestätigen. Dafür gibt es etwas, das britischen Soziolekten ähnelt, wobei ich nicht glaube, dass Linguisten mir bei der Verwendung dieses Begriffs zustimmen würden. Es geht nämlich nicht um gemeinsame sprachliche Merkmale, sondern um das, was Russischlehrer in der Schule als „Fehler“ und „ungebildete Sprache“ bezeichnen. Das dritte Russland weicht vom Standardrussischen ungefähr so stark ab, wie die Sprachformen, die im deutschen Internet anhand von Sätzen wie „Wir biEten sie hierorts, nicht eine größere Mehrzahl mehr als wie von maximal zehn Artikel an der diesigen Kasse draufzutun, der wo keine Barzahlung annehmen tut“ verspottet werden [ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist, diese Sprache meist sogar ethnischer Deutscher darzustellen, die in der Schule nicht besonders gut Deutsch gelernt haben]. Im Russischen äußert sich das meist in falschen Betonungen, falscher Kasusbildung, der Verwendung des frikativen G und dem Gebrauch falscher Paronyme (ich werde jetzt nicht tiefer in die russische Grammatik und Phonetik einsteigen und das näher erläutern). Deshalb wird ihre Sprache von den meisten Menschen nicht als etwas Regionales oder Authentisches wahrgenommen, sondern einfach als ungebildet.
Wenn man diese Kleidung sieht und diese Sprechweise hört, versteht man sofort alles Weitere über diese Person. Man weiß, dass sie einmal im Jahr für eine Woche an die russische Schwarzmeerküste fährt, meistens in Städte wie Anapa oder Gelendschik, und zwar mit dem Zug. Man kann bis ins Detail die Einrichtung ihrer Wohnung beschreiben. Diese wird von einer starken sowjetischen Atmosphäre geprägt sein, mit Möbeln aus den 80ern und sehr oft mit einem Teppich an der Wand, besonders bei der älteren Generation. Man weiß, dass sie in Supermärkten wie Pjatörotschka und Magnit einkauft. Man weiß, dass sie, falls sie überhaupt ein Auto besitzt, höchstwahrscheinlich eines aus russischer Produktion fährt (wobei die meisten den [?] ÖPNV nutzen). Besonders unter Männern und Jugendlichen ist das Bydlo verbreitet. Deshalb wird man zwar nicht immer, aber fast immer davon ausgehen, dass sie sich für nichts anderes interessieren als für „Wägens“ und „Tölki“ (dt. “Färsen”. Im Russischen ist es ein äußerst beleidigendes und unter Bydlo leider auch verbreitetes Synonym für das Wort „Mädchen“), dass sie in jedem zweiten Satz fluchen und dass ihr ganzes Leben aus billigem Angeben und irgendwelchem Kokolores [?] vor den „Jungs“ oder „Brüdern“ besteht. Gleichzeitig habe ich vor Augen das sehr prägnante Bild von Frauen aus dem dritten Russland, die solche Männer meist überhaupt nicht verdienen, sondern trotz aller Belastungen freundliche und häusliche Menschen sind, etwas zu laut, aber sehr aufrichtig und meistens fröhlich. Ich empfehle allen, besonders denen, die Russisch können, diesen YouTube-Kanal zu besuchen und sich einige Shorts dieses jungen Mannes anzusehen, der das Bild von Frauen aus dem dritten Russland geradezu filigran darstellt. Und ja, natürlich gibt es überall Ausnahmen. Aber da wir über allgemeine Regeln und durchschnittliche Beobachtungen sprechen, kommen wir um Stereotype nicht herum, die bekanntlich nicht aus dem Nichts entstehen.
Politisch unterstützen gerade das dritte und das vierte Russland, obwohl sie unter nicht besonders guten Bedingungen leben, aufrichtig den gegenwärtigen Kurs der russischen Regierung. Wie alle anderen Russen mögen sie die “Macht” nicht, aber im Fall der heutigen russischen politischen Ordnung tritt bei ihnen die Denkweise „Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht“ in den Vordergrund. Selbst wenn sie dem russischen Präsidenten nicht persönlich loyal gegenüberstehen, stimmen sie eher der offiziellen Rhetorik zu. Die russische Binnenpropaganda verbreitet genau die Narrative, die bei diesen Menschen beliebt sind. Man sollte allerdings nicht auf die Illusion verfallen, dass gerade das dritte und vierte Russland die Legitimität des Regimes gewährleisten. Das Henne-Ei-Problem würde ich hier eher von der anderen Seite betrachten. Die Menschen wünschen sich ein Stück Normalität und wollen deshalb hören, was sie hören möchten. Die regierungsnahen russischen Medien dienen vielmehr diesem Zweck, als jemanden ideologisch von etwas zu überzeugen. Ideologie spielt in Russland überhaupt keine Rolle, auch wenn das aus der westlichen Sicht schwer zu verstehen ist. Alles ist viel einfacher. Diese Menschen leben in einer derart hoffnungslosen Perspektivlosigkeit und haben sich so daran gewöhnt, alles und jeden um sich herum zu hassen (niemand, nicht mal die Deutschen, schimpft so leidenschaftlich über sich selbst wie die Russen. Darüber werde ich wahrscheinlich einen eigenen Text schreiben), sie haben sich so sehr daran gewöhnt, nichts zu haben, worauf sie stolz sein können, und ständig das Gefühl zu haben, dass es überall besser ist als in ihrer eigenen Welt, dass sie in einem gewissen Zeitpunkt zu einem selbsthassenden, aber sehr russischen Gedanken gelangt sind: „Jedes Volk verdient seine Regierung.“ Natürlich sagen sie das nicht über sich selbst oder ihre Familie, sondern über Nachbarn, Kollegen und Bekannte, die zu nichts taugen, nach nichts streben, sich für nichts interessieren und nichts tun wollen. Deshalb sei es auch nicht verwunderlich, dass ein so untaugliches Volk eine entsprechende Regierung bekommen habe.
Wer sich selbst hasst, braucht Liebe. Wer auf nichts stolz ist, braucht einen Grund, stolz zu sein. Und genau diese Bedürfnisse wurden in den letzten zwölf Jahren im dritten Russland erfüllt. Jetzt haben sie einen „Grund zum Stolz“. Jetzt fühlen sie sich wichtig. Jetzt haben sie es allen gezeigt. Das ähnelt einerseits den amerikanischen konservativen Republikanern, unterscheidet sich andererseits aber stark von ihnen. Auch diese mögen eine militaristisch-patriotische Rhetorik, sind aber meist nicht arm und leben in eng verbundenen, gut funktionierenden lokalen Gemeinschaften, meistens auf dem Land. Übrigens sind es gerade das dritte und in deutlich geringerem Maße das vierte Russland, aus denen die russische Armee seit Beginn der Ereignisse des Jahres 2022 hauptsächlich besteht. Und ihr irrt euch gewaltig, wenn ihr glaubt, dass diese Menschen aus Überzeugung oder aus Hass auf den Westen dort sind. Und nein, niemand hat sie dazu gezwungen. In Russland gab es im September 2022 eine sehr kurze Phase, in der Menschen auf der Straße aufgegriffen und an die Front geschickt wurden. Seitdem existiert so etwas nicht mehr. Sie gehen freiwillig dorthin und sind dort des Geldes und nur des Geldes wegen (was natürlich keineswegs bedeutet, dass dies irgendwie besser wäre). Selbst wenn sie innerlich der offiziellen Rhetorik zustimmen, wäre das nicht ausreichend, um in den Krieg zu ziehen. Die enormen Geldsummen hingegen, die es ihnen ermöglichen, ihre Hypothek abzubezahlen, Kredite zu tilgen und ihrer Familie sogar im Fall ihres eigenen Todes finanzielle Sicherheit zu hinterlassen, wirken sehr anziehend. Die Armut und Verschuldung dieses Bevölkerungsteils trägt dazu ausgesprochen „positiv“ bei.
Weitere Probleme dieser Schicht sind die unter Männern verbreitete Alkoholabhängigkeit, genauso wie im vierten Russland. Im dritten Russland haben sich jedoch besonders unter jüngeren Männern (45 Jahre und jünger) auch Drogen verbreitet. Meist handelt es sich um die sogenannten „Salze“ (Mephedron mit noch irgendeinem Scheiß), die zeitweise populär waren, Tausende Menschenleben gekostet und noch mehr Menschen dauerhaft in psychiatrische Kliniken gebracht haben. Das erinnerte im Ausmaß stark an die Fentanyl-Epidemie in den USA, nahm jedoch einen anderen Charakter an. Trotzdem würde ich sagen, dass im dritten Russland Drogen- und Alkoholabhängigkeit zusammen genommen relativ weniger verbreitet sind als der Alkoholismus des vierten Russland. Das ist allerdings nur mein Eindruck. Statistiken dazu habe ich nicht. Ebenfalls im dritten und vierten Russland begegnet man Phänomenen wie sehr frühen Schwangerschaften. Das ist nicht besonders häufig, aber wenn es vorkommt, dann fast ausschließlich dort.
Je kleiner und industrieller eine Stadt ist, desto mehr Vertreter des dritten Russland wird man dort finden. Und umgekehrt gilt: Je größer die Stadt, desto weniger solcher Menschen gibt es dort (Tscheljabinsk oder Omsk, die weiterhin überwiegend aus Vertretern des dritten Russland bestehen, sind daraus große und gut bekannte Ausnahmen). Damit zeichnet sich bereits der grundlegende Trend der Binnenmigration in Russland ab. Das Dorf zieht in die Städte, kleine Städte ziehen in mittlere Städte, und diese in große Städte. Auf den ersten Blick ist daran nichts Überraschendes. In Russland hat dies jedoch eher den Charakter eines sozialen Aufstiegs als die Suche nach besseren Arbeitsplätzen und Ähnlichem, wie man es aus Europa kennt. Bildung und Umzug sind die Mechanismen, durch die in Russland der Übergang von einer sozialen Schicht in die nächste erfolgt. Menschen aus dem vierten Russland streben ins dritte Russland, und Menschen aus dem dritten Russland ins zweite. Über dieses werden wir nächstes Mal sprechen.
Gott, beschütze mich vor allen Teamprojekten, die ich mit Idioten durchführen muss!
In meiner Kindheit hatte ich Episoden des sogenannten Somnambulismus. Mit anderen Worten: Ich bin im Schlaf herumgelaufen. Und aus irgendeinem Grund denken all meine Bekannten, dass Menschen beim Schlafwandeln die Arme nach vorne ausgestreckt haben und die Augen geschlossen sind. In Wirklichkeit sieht das aber ganz anders aus.
Menschen, die schlafwandeln, sehen völlig normal aus. Sie haben die Augen offen und stehen oder gehen in einer ganz normalen Haltung. Anders ist eher der Blick. Er kann auf etwas fokussiert sein oder völlig zerstreut wirken, aber meistens sehen wir einfach unkonzentriert aus. Wir tun die Dinge, die wir jeden Tag automatisch machen, ohne darüber nachzudenken. Zum Beispiel öffnen und schließen wir Fenster und Schränke, bringen irgendwelche Gegenstände von einem Platz zum anderen, murmeln etwas vor uns hin und so weiter. Einmal habe ich sogar ein Hemd, eine Krawatte und eine Hose angezogen, als würde ich mich für die Schule fertig machen. Am nächsten Tag musste ich all das schon nicht mehr tun, und darüber war ich sehr froh. Also kann das sogar praktisch sein!
Lustig ist oft das, was Menschen im Schlaf sagen. Ich habe normalerweise irgendeinen zusammenhanglosen Unsinn von mir gegeben, den man nur schwer interpretieren konnte. Aber manchmal konnte ich zu meiner Mutter gehen und sagen: „Weißt du, dein Fuchs mit Pilzen war übrigens zu wenig gesalzen“. Und einmal, als ich bei meiner Großmutter übernachtete, begann ich plötzlich zu jammern: „Wo ist denn diese Fotze, wenn ich sie erschießen will? Warum versteckt sie sich ständig irgendwo?“ (Ich war damals ca. 10 Jahre alt und ein sehr netter und schüchterner Junge). Wie ihr seht, kann ich euch eine sehr unterhaltsame Gesellschaft leisten.
Aber wir können euch oder uns selbst kaum schaden. Das Höchste, wozu wir fähig sind, ist, uns irgendwo zu stoßen, weil der Körper in diesem Zustand Bewegungen nicht besonders gut koordiniert. Man muss uns nicht „retten“, uns vom Fenster wegziehen oder darauf achten, dass wir nicht in die Nachbarstadt fahren. Zu so etwas sind wir höchstwahrscheinlich nicht in der Lage. Und versucht bitte nicht, uns aufzuwecken! Wahrscheinlich wird euch das nicht gelingen, weil sich das Gehirn in solchen Momenten in einer sehr tiefen Schlafphase befindet. Aber selbst wenn es gelingt, erschrecken wir uns einfach, geraten in Panik, verstehen nicht, wo wir sind und was gerade passiert, und können aggressiv reagieren. Wenn ihr keine Lust habt, fünfzehn Minuten zu warten, bis wir von sich aus auf dem nächstbesten Sofa einschlafen, könnt ihr uns einfach vorsichtig an die Hand nehmen und wieder ins Bett bringen.
In den letzten Jahren tritt dieses Phänomen bei mir seltener auf. Allerdings gibt es inzwischen auch niemanden mehr, der mir sagen könnte, ob ich im Schlaf herumgelaufen bin. Denn am nächsten Morgen erinnern sich Menschen wie wir natürlich an nichts. Manchmal entdecke ich jedoch blaue Flecken unbekannter Herkunft. Dann verstehe ich, dass ich wahrscheinlich wieder im Schlaf aufgestanden bin und mich beim Herumlaufen irgendwo gestoßen habe. Heute Morgen habe ich zum Beispiel einen riesigen blauen Fleck an meinem rechten Oberschenkel entdeckt und sofort verstanden, woran es lag.
Übrigens nennt man Menschen wie mich auf Russisch „Lunatik“. Das hängt höchstwahrscheinlich mit dem russischen Wort „Luna“ zusammen, also „Mond“. Früher glaubte man nämlich, dass Schlafwandelanfälle durch die Mondzyklen, den Vollmond und ähnliche Dinge ausgelöst werden.
Mit besten Grüßen
euer Lieblings-Lunatic
Heute habe ich den ganzen Tag damit verbracht, eine Präsentation für mein Teamprojekt zu erstellen. Das Schlimmste an einer Teamarbeit ist, wenn der Partner ein Idiot ist. Leider habe ich genau so einen Partner erwischt. Man muss ihn ständig fast schon mit einem Stock anstoßen, damit er sich endlich bewegt und anfängt, etwas zu tun. Letztendlich muss ich die ganze Arbeit für ihn erledigen, während er irgendwo in Indien die Zeit vertreibt, weil er mitten im Semester plötzlich Lust hatte, seine Familie zu besuchen, und außerdem beschlossen hat, sein Handy auszuschalten, um Ablenkungen zu vermeiden. Wenn das so weitergeht, halte ich es nicht mehr aus und werde bei den Dozenten petzen. Ich hoffe, er kommt doch noch zur Vernunft. Gute Nacht und bis morgen!
Im November bin ich auf Empfehlung meines Freundes, der mir erzählt hatte, dass man in Deutschland Blutplasma spenden und dafür eine Entschädigung erhalten kann, zum ersten Mal zum nächstgelegenen Haema-Zentrum gegangen und habe mich dort anmelden lassen [oder einfach "angemeldet"?]. Leider durfte ich damals kein Blut spenden, weil ich erst vor Kurzem aus dem „außereuropäischen Ausland“ eingereist war. Über diese Formulierung haben die Ärztin, die meine Erstuntersuchung durchgeführt hat, und ich gemeinsam gelacht (sie ist ebenfalls eine Auswanderin aus Russland).
Mir wurde gastfreundlich mitgeteilt, dass ich nicht vor Anfang Januar wiederkommen dürfe. Ehrlich gesagt war ich dann aber zu faul, weshalb ich bisher nie zurückgekehrt bin. Diesen Monat hat mich jedoch eine finanzielle Krise ereilt, deshalb habe ich beschlossen, morgen doch dorthin zu gehen und einen Teil meines von meinen Organen mühsam erarbeiteten Blutes für 20 € abzugeben.
Beim ersten Mal muss man immer Blut und nicht Plasma spenden, vermutlich als eine Art Initiationsritus. Ich habe noch nie eine so große Menge Blut gespendet. Wenn mir allerdings Blut aus einer Vene abgenommen wurde, wurde mir dabei immer ziemlich schwindelig. Hoffentlich läuft morgen alles erfolgreich ab.
Den strengen Anweisungen auf der Haema-Webseite folgend, werde ich morgen etwas fettarmes essen. Wünscht mir und meiner Leber, die schon bald neues Blut produzieren muss, viel Glück.
Ihr erinnert euch wahrscheinlich an meinen Text über Architektur. Es könnte der Eindruck entstanden sein, als würde ich moderne Architektur hassen. Das stimmt nicht. Ich sehe Schönheit in modernen Wolkenkratzern wie dem neuen One World Trade Center in New York, The Gherkin in London oder den großartigen Werken von Zaha Hadid, die ich für eine geniale Architektin halte. Ich bin lediglich der Meinung, dass jeder Architekturstil seinen Platz haben sollte, und zwar entsprechend der Epoche, in der ein bestimmter Ort erstmals (in der überschaubaren Geschichte) bebaut wurde. Ich bin sogar bereit, mich mit den modernistischen Plattenbauten der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts abzufinden, dort, wo sie nicht an der Stelle alter abgerissener Gebäude stehen, sondern wo das gesamte Viertel von Anfang an in diesem Stil bebaut wurde. Ich sehe sogar eine gewisse Ästhetik in Stadtteilen wie Tschertanowo in Moskau.
Meine Überzeugung besteht nicht darin, dass das Neue keinen Platz haben sollte, sondern darin, dass man das Alte nicht zerstören darf, um an seiner Stelle etwas Neues zu errichten. Das betrifft nicht nur die Architektur, sondern auch gesellschaftliche Institutionen. Das Alte darf und sollte reformiert und umgestaltet, aber nicht zerstört werden. Dasselbe kann man auch über die Architektur sagen. Natürlich geht die Zeit voran, und alte Baustandards, alte Grundrisse, das Fehlen eines Badezimmers in jeder Wohnung, schlechte Isolierung und so weiter sind nicht die Art und Weise, wie wir im 21. Jahrhundert Häuser bauen sollten. Aber um mit der Zeit zu gehen, muss man kein altes Haus in einer schönen historischen Altstadt abreißen. Erhaltet die Fassade, selbst wenn sie nicht millimetergenau rekonstruiert wird, dann wenigstens stilgetreu, und modernisiert das Innere entsprechend den Bedürfnissen der neuen Zeit. Für Fassaden in einem neuen Architekturstil habt ihr dagegen genügend Platz auf einer Brachfläche außerhalb der Stadt, wo nie etwas gestanden hat außer einem hölzernen Schuppen. Und diese Logik lässt sich auf alles Mögliche übertragen. Auch auf politische Themen. Ich würde mit Freude für eine Partei stimmen (wenn ich das Wahlrecht hätte), die den Konservatismus in diesem reformorientierten Sinne versteht. Leider ist die Partei, die in Deutschland als konservativ gilt, dies nur dem Namen nach. Denn Konservatismus bedeutet nicht „Wir werden so leben, wie wir immer gelebt haben.“ Jedem ist klar, dass Veränderungen notwendig sind. Aber diese Veränderungen bleiben aus, und stattdessen gibt es nur den Wunsch, die Lösung von Problemen immer weiter aufzuschieben. Und dort, wo sich die Bewahrung dessen, was wir bereits haben oder hatten, geradezu aufdrängt, will diese Partei oft nicht mal das tun, sondern gibt kurzfristigen Bedürfnissen nach, ohne dabei weder Einfallsreichtum noch strategisches Denken zu zeigen.
Ihr habt sicher von dem Einsturz der Carolabrücke in Dresden im September 2024 gehört. Die vorherige Version der Brücke wurde in der Zeit der DDR an der Stelle einer alten Barockbrücke errichtet, die im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. Man könnte denken, der liebe Gott hätte uns damit höchstpersönlich die perfekte Gelegenheit gegeben, eine schöne historische Brücke wiederaufzubauen, die in die Dresdner Altstadt führt, welche Touristen aus aller Welt anzieht. Der Oberbürgermeister von Dresden gehört der CDU an. Man könnte denken, er müsste sich geradezu verpflichtet fühlen, die Geschichte und die lokale Identität des ihm anvertrauten Ortes zu bewahren. Methoden zur vergleichsweise kostengünstigen Herstellung architektonischer Dekorationselemente gibt es schon seit Langem. Man könnte denken, alle Sterne stünden günstig, und Dresden erhielt endlich die Chance, etwas zu bauen, das die Verbindung zwischen den Generationen stärkt und zu einem Vermächtnis für zukünftige Generationen wird, ohne dafür astronomische Summen auszugeben. Aber was sehen wir? Der Öffentlichkeit wurden vier Entwürfe vorgestellt, von denen jeder so langweilig und austauschbar ist, dass man am liebsten schreien möchte: Habt ihr überhaupt noch ein Gewissen?!
An das Gewissen zu appellieren ist allerdings wohl sinnlos. Wenn ich daran denke, wie bei uns mit Bürgerbegehren umgegangen wird, habe ich wenig Hoffnung. Trotzdem habe ich heute die Petition der Initiative Carolabrücke unterschrieben. Sie schlägt vor, einen der vorgestellten Entwürfe mit der Rekonstruktion und Anbringung dekorativer Elemente der alten ursprünglichen Brücke zu verbinden. Ich bin der Meinung, dass die Geschichte zumindest in dieser Form bewahrt werden sollte, wenn die vollständige Wiederherstellung der historischen Brücke schon zu teuer ist. Und ich rufe euch dazu auf, euch dieser Petition ebenfalls anzuschließen.
Erinnert ihr euch daran, dass es eine Gruppe von Eltern in meiner Klasse gab, die meine Mutter „Kollaborateure“ nannte? Eigentlich gibt es solche Eltern in jeder Klasse, und sie schließen sich in einer Clique zusammen, die den offiziellen Namen „Elternkomitee“ trägt. Die einzige Aufgabe des Komitees besteht (laut meiner Mutter) darin, das Leben aller vernünftigen Eltern zu erschweren und ihnen die letzten Groschen aus den Taschen auszusaugen.
Ich erzählte bereits, dass meine Mutter nach jeder Elternversammlung stinksauer nach Hause zurückkehrte. Ich hatte damals grundsätzlich zwei mögliche Szenarien: Entweder hatte die Klassenlehrerin gepetzt und mich wegen irgendeiner Kleinigkeit vor allen Eltern bloßgestellt. Dann wurde meine Mutter wütend, denn sie musste „vor der ganzen Klasse rot [im Gesicht, vor Schande] werden!“, und ergriff sofort nach dem Heimkehr „pädagogische“ Maßnahmen. Oder ich wurde nicht erwähnt, und dann wurde meine Mutter ebenfalls wütend, denn sie musste da drei Stunden rumsitzen und sich irgendeinen hanebüchenen Unsinn über andere Kinder anhören, die sie überhaupt nicht interessierten, und noch dazu die „tollen Ideen“ des Elternkomitees abwehren: darüber, wie wir den Mädchen zum 8. März gratulieren sollen und wie alle Eltern der Jungen zu diesem Zweck 5000 Rubel bezahlen sollen, oder ob wir jetzt eine „Ehrentafel“ im Klassenzimmer organisieren sollen, an der die Kinder hängen werden (oder besser gesagt ihre Fotos), die in diesem Monat die besten Noten hatten. Und dafür brauchen wir jetzt bitte auch noch einmal je 5000 Rubel. Als meine Mutter wieder zu Hause war, mussten alle zwölf Etagen unseres Hauses zuhören, wie sie rumschrie: „A wy tam ne ochujeli????“ („Seid ihr da eigentlich total bescheuert?“).
Aber eigentlich ist das Elternkomitee einfach eine Gruppe der aktivsten Eltern der Klasse, die der Klassenlehrerin bei ihren organisatorischen Aufgaben helfen sowie die Klassenkasse verwalten. Ja, sie sind die aktivsten Hellköpfe, weshalb meine Mutter sie auch so gehasst hat, dafür sind sie aber auch diejenigen, die zur Hilfe gerufen werden, wenn irgendein Ausfall oder irgendeine Havarie passiert oder wenn jemand die Kinder zusammen mit dem Lehrer in [oder „bei“?] einem Ausflug begleiten soll. Ohne solche Menschen wäre vieles nicht möglich. Ich weiß nicht, ob ich als Vater eher aktiv sein werde oder eher so abwehrend wie meine Mutter. Einerseits möchte ich nicht wie ein Hubschrauber um mein Kind rumfliegen, andererseits mag ich es, Menschen zu helfen und organisatorische Aufgaben zu übernehmen. Ich muss mich also noch entscheiden.
Dafür musste meine Mutter nicht lange darüber nachdenken: Sie ist, wie ihr versteht, gegen Kollaborateure. Sie ist der Typ Elternteil, der während der Versammlung an den hinteren Tischen sitzt und mit seiner besten Freundin (der Mutter meines damaligen besten Freundes) über jeden Unsinn kichert. Ich weiß nicht, ob das kulturelle Phänomen der hinteren Reihen in deutschen Schulen existiert oder nicht, aber in Russland haben alle dasselbe Bild von Schülern (und Eltern), die in den hinteren Reihen sitzen, kichern und den Lehrer stören. „Kamtschatka, was lacht ihr denn da hinten so, dass ihr euch vor Lachen fast den Bauch aufreißt? Erzählt es uns doch mal, wir wollen auch mit euch zusammen lachen!“, sagen Lehrer in 99 % der Fälle, wenn die Schüler in den hinteren Reihen zu laut waren (denn Kamtschatka befindet sich bekanntlich am östlichsten, d. h. am weitesten entfernten Rand Russlands). Meine Mutter war genau Teil von Kamtschatka.
Dabei war sie auch aktiv am Gespräch beteiligt, nur in ihrer oppositionellen Rolle als Mensch, der alles ablehnen und das dumme, nutzlose Elternkomitee endlich zur Vernunft bringen musste. Sie kam sich dabei als Kämpferin für alle vom Komitee „unterjochten“ Eltern vor und war tatsächlich sehr beliebt. Vor allem wegen ihrer Perlen. „Mediki pojdut w med, a pediki pojdut w ped!!!“ (Die Mediziner werden an medizinische Universitäten gehen, und die Pädagogen [hier hat sie aber aus Versehen das Wort „pedagog“ zu „pedik“ verwandelt, was eigentlich ein beleidigendes Wort für Schwule ist] an pädagogische Universitäten!), sagte sie einmal der Direktorin vor allen Eltern, um zu verhindern, dass eine Unmenge Geld für Berufsorientierung im Format eines Online-Tests (wegen der [?] Corona) ausgegeben wird, ein Monat vor den Abschlussprüfungen, wo eh schon alle wussten, an welchen Universitäten sie sich bewerben würden. Für diesen Auftritt meiner Mutter wurde mir fast mein rotes Zeugnis entzogen. Ich schätze aber, ganz wie in echten demokratischen Systemen, brauchen auch Klassen eine Opposition. Und das ständig alles auslachende Kamtschatka spielte diese Rolle.
Und wo steht ihr in diesem politischen Spektrum? Seid ihr im Elternkomitee oder in Kamtschatka? Was wünschtet ihr euch für eure Kinder? Und gibt es Elternkomitees in deutschen Klassen?