Keiner interessiert such wirklich für Mode über "den look" hinaus
Mich nervt mittlerweile weniger Fast Fashion als die völlige Entkopplung von Form und Funktion. Jeder zweite redet von "quiet luxury", aber erkennt nicht mal den Unterschied zwischen einem voll canvassed Sakko und einem geklebten Frontaufbau. Dann werden Polyester-Gabardines gefeiert, als wären sie irgendwelche Wunderstoffe, obwohl man schon am Fall sieht, dass da nichts lebt. Das Verrückte ist, dass viele Trends einfach historische Arbeits- oder Militärkleidung recyceln, ohne zu verstehen, warum die Schnitte überhaupt entstanden sind. Raglanärmel kamen nicht aus ästhetischen Gründen, sondern wegen Bewegungsfreiheit. Die M-65 hat ihre Taschen nicht, weil sie "utilitarian" aussieht, sondern weil sie ein militärisches Lastenkonzept erfüllt. Gleichzeitig wird alles mit japanischer Americana vermischt, obwohl Leute oft nicht wissen, dass Marken wie Visvim, Kapital oder Real McCoy's jahrzehntelang Vintage-Konstruktionen auseinandergenommen haben, um Webarten, Nahtdichten und Stoffgewichte möglichst originalgetreu zu reproduzieren. Stattdessen kaufen Leute irgendeinen 300-g-Sweatshirt-Hoodie mit "heritage"-Marketing und denken, Gewicht wäre gleich Qualität. Dabei sagen Garnqualität, Stapellänge der Baumwolle, Strickbild, Schrumpfreserve oder die Art der Färbung deutlich mehr aus. Dasselbe bei Denim: Alle reden über Selvedge, aber kaum jemand interessiert sich dafür, ob Shuttle Loom, Rope Dyeing, Zimbabwe Cotton oder die tatsächliche Spannung beim Weben dahinterstecken. Mode ist inzwischen oft nur noch Markenidentität. Das eigentliche Handwerk interessiert erstaunlich wenige.