u/aswertz

"Das muss Sinn ergeben heißen"

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Ich kann dieses reflexhafte „Ähhh, Sinn machen ist falsch, es heißt Sinn ergeben!“ echt nicht mehr hören.

Es ist immer dieselbe Sorte Mensch. Irgendwo einmal Bastian Sick gelesen und seitdem wird sich aufgeführt, als wäre man persönlich vom Rat der deutschen Sprache ernannt worden. Hauptsache, man kann sich kurz über andere erheben und sich kultiviert fühlen, obwohl man in Wirklichkeit nur einen uralten Sprachmythos aus den frühen 2000ern nachplappert.

Und das Lustigste daran ist, dass die Leute, die sich über „Sinn machen“ lustig machen, sprachhistorisch oft selbst erstaunlich ahnungslos sind.

Nein, „Sinn machen“ ist kein modernes Sprachverbrechen und auch nicht einfach irgendein dummer Anglizismus, der aus dem Englischen eingeschleppt wurde. Diese Behauptung wird ständig wiederholt, stimmt aber so nicht. Die Wendung ist im Deutschen deutlich älter als ihre Kritiker oft glauben. Die Idee, dass etwas Sinn „macht“, existiert schon lange im Sprachgebrauch und lässt sich historisch nachweisen. Sprache funktioniert nicht wie ein Naturgesetzbuch, in dem irgendwann der Duden auf Steintafeln beschlossen hat, was auf ewig erlaubt ist.

Aber was mich wirklich aufregt, ist diese unfassbare Arroganz, mit der Leute anderen Sprachfehler vorwerfen, obwohl sie selbst nicht einmal verstanden haben, wie Sprache oder Bedeutung funktionieren.

Denn philosophisch betrachtet ist „Sinn machen“ sogar oft die deutlich bessere Formulierung.

„Sinn ergeben“ klingt so, als wäre Sinn bereits objektiv in der Welt vorhanden und müsse nur entdeckt werden. Dinge „ergeben“ Sinn, als gäbe es da draußen eine feste Ordnung der Bedeutung, die unabhängig von uns existiert.

Aber warum sollte man das überhaupt annehmen?

Nietzsche zerlegt genau diese Vorstellung. Wenn „Gott tot ist“, dann meint das eben auch: Es gibt keine letzte metaphysische Instanz mehr, die Bedeutung garantiert. Werte und Sinn liegen nicht fertig im Universum herum. Menschen erschaffen sie. Wir interpretieren, wir bewerten, wir konstruieren Bedeutung. Sinn wird gemacht.

Sartre geht noch weiter. Für Existenzialisten kommt erst die Existenz und dann die Bedeutung. Menschen haben keinen vorgegebenen Zweck, sondern schaffen ihn selbst durch Entscheidungen und Handlungen. Auch hier wird Sinn nicht entdeckt, sondern gemacht.

Und jetzt kommt der Punkt, den die selbsternannten Sprachpäpste wahrscheinlich besonders hassen würden: Selbst Kant hilft ihnen nicht wirklich.

Ja, Kant glaubte an Gott. Aber gleichzeitig argumentiert er gerade nicht, dass Menschen objektive Wirklichkeit einfach unmittelbar erkennen könnten. Im Gegenteil. Wir haben laut Kant keinen direkten Zugriff auf die Dinge an sich. Wir erleben die Welt nur durch die Strukturen unseres Verstandes und unserer Wahrnehmung. Raum, Zeit und Kategorien formen unsere Erfahrung. Das bedeutet: Selbst für Kant erscheint uns die Welt niemals als reine objektive Wahrheit, sondern immer vermittelt durch menschliche Erkenntnis.

Mit anderen Worten: Selbst wenn man religiös oder metaphysisch denkt, bleibt Bedeutung für Menschen etwas, das durch menschliche Begriffe, Perspektiven und Deutungen entsteht. Das macht „Sinn machen“ sprachlich ziemlich plausibel.

Und Wittgenstein würde über die ganze Debatte wahrscheinlich sowieso nur müde lächeln. Bedeutung entsteht durch Gebrauch. Wenn Millionen Menschen „Sinn machen“ verwenden und verstanden werden, dann ist die Formulierung Teil der Sprache. So funktioniert Sprachgebrauch. Sprache ist kein Museum, das von gelangweilten Pedanten bewacht wird.

Aber nein, irgendein Typ, der vor zwanzig Jahren einmal Bastian Sick gelesen hat, muss immer noch so tun, als hätte er exklusiven Zugang zur einzig wahren deutschen Sprache.

Das Ironische ist ja: Die Leute, die sich über andere lustig machen, wirken meistens selbst erschreckend ungebildet, sobald man auch nur fünf Minuten über Sprachgeschichte, Linguistik oder Philosophie redet.

Dieser zwanghafte Drang, andere wegen „Sinn machen“ korrigieren zu wollen, ergibt für mich jedenfalls wenig Sinn.

Oder sollte ich sagen: Er macht keinen Sinn.

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u/aswertz — 1 day ago

Findet ihr Sex mit Kondom auch soviel schlechter?

Moin Zusammen,

Ich bin seit ca. 15 Jahren mit meiner Frau zusammen und sie ist bisher meine einzige Sexualpartnerin gewesen.

Am Anfang hatte sie die Pille genommen, dann die Spirale und irgendwann vor ein paar Jahren sind wir auf Gummis umgestiegen, da wir hormonfrei verhüten wollten ( außerdem war es besser für mein Portemonnaie:D )

Und ja, ist irgendwie nicht so toll. Alle Marken und Größen durchprobiert, bei mysize viel zu viel Geld gelassen.

Irgendwie ist das alles nicht das wahre. Es geht so weit, dass ich inzwischen keine Lust auf penetrativen Sex mehr habe.

Geht es nur mir so? Machen wir irgendwas "falsch?"

Aktuell freue ich mich richtig auf die Vasektomie nach dem zweiten Kind :D

P.S. benutzt außerhalb fester Beziehungen trotzdem immer Gummis!

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u/aswertz — 2 days ago

Die Fakestellen VT ist typisch reddit

Ich kann diese Reddit-Theorie von wegen „Firmen schreiben absichtlich Fake-Stellen aus, damit sie nach außen gesund wirken“ langsam echt nicht mehr hören.

Das ist so ein klassischer Reddit-Moment, wo Leute eine Erklärung gefunden haben, die sich emotional richtig anfühlt, und plötzlich wird daraus die große Wahrheit, obwohl sie spätestens nach 10 Sekunden Nachdenken auseinanderfällt.

Also mal ernsthaft: Wer denkt sich sowas aus und vor allem, warum glauben das plötzlich alle?

Erster Punkt: Stellenanzeigen kosten Geld. Viel Geld.

Das hier ist nicht 2009 auf eBay Kleinanzeigen, wo man kostenlos irgendeinen Müll inseriert. Recruiting ist teuer. Je nach Plattform, Reichweite, Zusatzoptionen und Laufzeit reden wir über hunderte bis tausende Euro pro Anzeige. Dazu kommt die Zeit von HR, Hiring Managern, Leuten die Bewerbungen sichten, Termine koordinieren, Gespräche führen oder wenigstens Absagen verschicken.

Und jetzt soll ich glauben, Unternehmen verbrennen freiwillig Geld und Arbeitszeit, nur um symbolisch zu sagen: „Hey schaut mal, uns geht’s gut“?

Für wen eigentlich? Wer soll der Adressat sein?

Investoren?

Als ob Investoren oder Analysten da sitzen und denken:

„Hmm, Umsatz stagniert, Prognose schwach, aber warte mal… auf Xing haben sie gerade drei Java-Stellen offen. Bullish.“

Nein. Die schauen sich Zahlen an. Umsatz, Cashflow, Auftragslage, Kundenentwicklung, Forecasts. Kein Mensch mit Verantwortung bewertet ein Unternehmen über random Stellenanzeigen.

Kunden?

Kauft ihr irgendwas, weil ihr vorher schaut, ob die Firma gerade einen „Senior Talent Acquisition Specialist (m/w/d)“ sucht?

„Boah geil, die Versicherung sucht gerade zwei Controller, da schließe ich direkt mal eine Police ab.“

Komplett absurd.

Mitarbeiter oder Bewerber?

Auch da: Warum sollte eine Firma absichtlich hunderte Bewerbungen erzeugen, die niemand bearbeiten will? Schon mal erlebt wie langsam Recruiting sowieso oft läuft? Genau. Weil da nicht 50 Leute rumsitzen und Langeweile haben.

Das wirklich Lustige ist: Hinter dieser Theorie steckt oft ein echter Kern, aber Reddit macht daraus sofort wieder irgendeine globale Master-Erzählung.

Ja, es gibt Stellen, die ewig online bleiben.

Ja, manche Firmen sammeln Lebensläufe.

Ja, manchmal ist die Stelle intern schon halb vergeben.

Ja, Budgets werden eingefroren und die Anzeige bleibt trotzdem online.

Ja, manche Recruiter ghosten Leute komplett.

Das alles passiert. Arbeitsmarkt ist teilweise chaotisch, ineffizient und frustrierend.

Aber daraus dieses „NEIN NEIN, DIE STELLEN SIND GAR NICHT ECHT, DAS IST NUR EIN IMAGE-DING“ abzuleiten, ist so peak Reddit-Akchually.

Es ist diese typische Dynamik:

Jemand macht eine persönliche Erfahrung („Hab mich 30-mal beworben und nix gehört“), jemand anders wirft eine spekulative Erklärung rein („Das sind alles Fake Jobs“), dann kommen 500 Kommentare mit anekdotischer Evidenz und plötzlich wird aus „könnte vereinzelt vorkommen“ ein „JEDES UNTERNEHMEN MACHT DAS“.

Und wehe jemand sagt: „Vielleicht ist das nicht die plausibelste Erklärung“, dann kommt sofort:

„Äh actually 🤓☝️ Unternehmen machen das um Wachstum zu signalisieren.“

Ja klar. Der DAX wird demnächst anhand von Stepstone-Anzeigen bewertet.

Ich verstehe wirklich den Frust am Arbeitsmarkt. Gerade wenn man wochenlang Bewerbungen schreibt und ignoriert wird, sucht man nach einer Erklärung. Das ist menschlich.

Aber manchmal ist die langweilige Wahrheit halt einfach die richtige: Viele Unternehmen haben beschissene Prozesse, schlechte Kommunikation, langsame Entscheidungen und ineffizientes Recruiting.

Das ist nervig genug.

Man muss daraus nicht direkt eine LinkedIn-Xing-Fakejob-Verschwörung basteln.

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u/aswertz — 11 days ago

Am deutschen Vertrieb soll die Welt genesen

Ich leite beruflich größere Digitalisierungsprojekte und vergebe regelmäßig sechsstellige Aufträge. Also nichts völlig kleines, wo man erwarten würde, dass sich keiner zuständig fühlt.

Aber deutscher B2B Vertrieb ist teilweise wirklich komplett kaputt.

Mit US Firmen ist das jedes Mal ein Unterschied wie Tag und Nacht. Anfrage rausgeschickt, paar Stunden später Antwort. Wenn irgendwas nicht Standard ist, wird nicht direkt abgeblockt, sondern die überlegen halt kurz. „Interesting use case“, „lass uns mal schauen“, Termin am nächsten oder übernächsten Tag, fertig. Nicht schleimig, nicht dieses Linkedin-Sales-Geschwurbel. Einfach normale professionelle Kommunikation.

Und hier?

Hier hast du teilweise das Gefühl du bittest um einen Privatkredit.

Erstmal überhaupt jemanden erreichen. Dann dauert es drei Tage bis eine Mail beantwortet wird. Dann heißt es „dafür müssten wir intern mal sprechen“. Dann hörst du wieder ne Woche nichts. Dann kommt irgendwann ein Terminvorschlag Dienstag 11:30 in zwei Wochen.

Junge ich will euch gerade einen Auftrag im mittleren sechsstelligen Bereich geben und ihr benehmt euch als hätte ich gefragt ob ihr mit mir beim Umzug helfen könnt.

Und wehe irgendwas ist nicht exakt Standardprozess. Sofort komplette Schockstarre.

„So haben wir das bisher noch nicht gemacht.“

„Das ist bei uns aktuell nicht vorgesehen.“

„Da müssten wir prüfen ob das möglich ist.“

Ja dann PRÜFT halt. Dafür seid ihr doch da?

Ich renne teilweise dem Vertrieb hinterher damit mir jemand ein Angebot auf Basis des Listenpreises schickt. Nicht irgendein Sonderdeal. Einfach literally ein Angebot.

Und Verbindlichkeit existiert gefühlt gar nicht mehr. Zusagen werden vergessen, Rückrufe passieren nicht, man muss überall dreimal nachfassen damit überhaupt Bewegung reinkommt.

Aber gleichzeitig wundern sich dieselben Firmen dann über internationale Konkurrenz und warum amerikanische Anbieter ihnen die Kunden wegnehmen.

Vielleicht weil man dort verstanden hat, dass Vertrieb bedeutet Kunden gewinnen zu wollen und nicht jede Anfrage wie eine lästige Störung zu behandeln.

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u/aswertz — 14 days ago