"Das muss Sinn ergeben heißen"
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Ich kann dieses reflexhafte „Ähhh, Sinn machen ist falsch, es heißt Sinn ergeben!“ echt nicht mehr hören.
Es ist immer dieselbe Sorte Mensch. Irgendwo einmal Bastian Sick gelesen und seitdem wird sich aufgeführt, als wäre man persönlich vom Rat der deutschen Sprache ernannt worden. Hauptsache, man kann sich kurz über andere erheben und sich kultiviert fühlen, obwohl man in Wirklichkeit nur einen uralten Sprachmythos aus den frühen 2000ern nachplappert.
Und das Lustigste daran ist, dass die Leute, die sich über „Sinn machen“ lustig machen, sprachhistorisch oft selbst erstaunlich ahnungslos sind.
Nein, „Sinn machen“ ist kein modernes Sprachverbrechen und auch nicht einfach irgendein dummer Anglizismus, der aus dem Englischen eingeschleppt wurde. Diese Behauptung wird ständig wiederholt, stimmt aber so nicht. Die Wendung ist im Deutschen deutlich älter als ihre Kritiker oft glauben. Die Idee, dass etwas Sinn „macht“, existiert schon lange im Sprachgebrauch und lässt sich historisch nachweisen. Sprache funktioniert nicht wie ein Naturgesetzbuch, in dem irgendwann der Duden auf Steintafeln beschlossen hat, was auf ewig erlaubt ist.
Aber was mich wirklich aufregt, ist diese unfassbare Arroganz, mit der Leute anderen Sprachfehler vorwerfen, obwohl sie selbst nicht einmal verstanden haben, wie Sprache oder Bedeutung funktionieren.
Denn philosophisch betrachtet ist „Sinn machen“ sogar oft die deutlich bessere Formulierung.
„Sinn ergeben“ klingt so, als wäre Sinn bereits objektiv in der Welt vorhanden und müsse nur entdeckt werden. Dinge „ergeben“ Sinn, als gäbe es da draußen eine feste Ordnung der Bedeutung, die unabhängig von uns existiert.
Aber warum sollte man das überhaupt annehmen?
Nietzsche zerlegt genau diese Vorstellung. Wenn „Gott tot ist“, dann meint das eben auch: Es gibt keine letzte metaphysische Instanz mehr, die Bedeutung garantiert. Werte und Sinn liegen nicht fertig im Universum herum. Menschen erschaffen sie. Wir interpretieren, wir bewerten, wir konstruieren Bedeutung. Sinn wird gemacht.
Sartre geht noch weiter. Für Existenzialisten kommt erst die Existenz und dann die Bedeutung. Menschen haben keinen vorgegebenen Zweck, sondern schaffen ihn selbst durch Entscheidungen und Handlungen. Auch hier wird Sinn nicht entdeckt, sondern gemacht.
Und jetzt kommt der Punkt, den die selbsternannten Sprachpäpste wahrscheinlich besonders hassen würden: Selbst Kant hilft ihnen nicht wirklich.
Ja, Kant glaubte an Gott. Aber gleichzeitig argumentiert er gerade nicht, dass Menschen objektive Wirklichkeit einfach unmittelbar erkennen könnten. Im Gegenteil. Wir haben laut Kant keinen direkten Zugriff auf die Dinge an sich. Wir erleben die Welt nur durch die Strukturen unseres Verstandes und unserer Wahrnehmung. Raum, Zeit und Kategorien formen unsere Erfahrung. Das bedeutet: Selbst für Kant erscheint uns die Welt niemals als reine objektive Wahrheit, sondern immer vermittelt durch menschliche Erkenntnis.
Mit anderen Worten: Selbst wenn man religiös oder metaphysisch denkt, bleibt Bedeutung für Menschen etwas, das durch menschliche Begriffe, Perspektiven und Deutungen entsteht. Das macht „Sinn machen“ sprachlich ziemlich plausibel.
Und Wittgenstein würde über die ganze Debatte wahrscheinlich sowieso nur müde lächeln. Bedeutung entsteht durch Gebrauch. Wenn Millionen Menschen „Sinn machen“ verwenden und verstanden werden, dann ist die Formulierung Teil der Sprache. So funktioniert Sprachgebrauch. Sprache ist kein Museum, das von gelangweilten Pedanten bewacht wird.
Aber nein, irgendein Typ, der vor zwanzig Jahren einmal Bastian Sick gelesen hat, muss immer noch so tun, als hätte er exklusiven Zugang zur einzig wahren deutschen Sprache.
Das Ironische ist ja: Die Leute, die sich über andere lustig machen, wirken meistens selbst erschreckend ungebildet, sobald man auch nur fünf Minuten über Sprachgeschichte, Linguistik oder Philosophie redet.
Dieser zwanghafte Drang, andere wegen „Sinn machen“ korrigieren zu wollen, ergibt für mich jedenfalls wenig Sinn.
Oder sollte ich sagen: Er macht keinen Sinn.