u/garluc

Bitte verschrotten Sie Ihr funktionierendes Fahrzeug, und kaufen Sie ein neues!

Meine Damen und Herren,

ich muss mich zu regulatorischen Rahmenrichtlinien auslassen, die vielleicht viele nicht betreffen, viele aber garantiert auch gar nicht wissen, dass sie davon betroffen sind.

Ich habe eine kleine Firma. Nichts riesengroßes, aber auch kein Einzelkämpfer. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, geht es im groben um den IT-Bereich, da sehr am Rande. Das meiste passiert aus dem Büro oder wir fahren mit normalen PKWs zu den Kunden, haben relativ wenig Material mit und kommen wunderbar mit klassischen VW Golfs oder vergleichbar kleinen Autos hin.

Manchmal müssen wir aber mehr Material bewegen. Das ist oft der Fall, wenn wir eines der wenigen Großprojekte annehmen, oder umfangreichere Wartungen in weiterer Entfernung vornehmen müssen - da muss dann viel Werkzeug und Material für alle Eventualitäten dabei sein, weil das Lager weit weg ist. Manchmal bekommen es auch die Speditionen nicht hin, ordentlich bei uns zuzustellen, und die Lieferung ist eilig - dann müssen wir selbst ins Depot fahren, damit vor dem Wochenende (wir arbeits samstags) benötigtes Material nicht erst am Montag kommt. Anderes Thema, aber ist eben so. Alles schick. Deswegen haben wir einen etwas älteren, aber technisch gut gepflegten VW Transporter.

Die Karre ist alt. Es ist ein T4, noch mit dem großen Lenkrad, ohne nennenswerte Elektronik. Nix mit CAN-Bus, digitalen Instrumenten oder Sensorik, sondern Tachowelle, Vorglühen, Gemischverstellung. Das Ding mag antiquiert sein, ist aber ein flotter Wagen ohne Wartungsstau und mit hoher Verlässlichkeit.

Nun reicht manchmal der Platz in dem Ding nicht aus. Dann brauchts einen Anhänger, sowas haben wir auch - ein wunderbarer Kofferanhänger, zwei Tonnen zGM. Oder man muss beim Kunden schlafen, dann hänge ich meinen Wohnanhänger an den Transporter, und brauche kein Hotel, sondern bin maximal flexibel, wenn ich selbst fahre. Das Problem: ich bin damit juristisch plötzlich im Werkverkehr unterwegs und führe ein Gespann von über 3,5 Tonnen. Das darf man gewerblich nicht einfach so tun, sondern muss dann einen Fahrtenschreiber haben. Richtig gelesen: das Ding, was die LKW-Fahrer haben. Mit Fahrerkarte, Lenk- und Ruhezeiten und all diesem Pfeffer.

Ich verstehe das Ansinnen total. Wer ständig fährt, hat ein Recht auf Pausen und sollte vor allem ausgeruht sein. Wir, die alle paar Wochen mal weite Strecken im Gespann fahren, müssen uns aber genau so verhalten, wie ein LKW-Fahrer: Wochenarbeitszeiten einhalten, Pausenzeiten einhalten, dokumentieren, archivieren. Mit dem Haken, dass bei uns keiner so viel Transporter mit Anhänger fährt, dass überhaupt auch nur das Risiko für das Erreichen der halben Wochenhöchstarbeitszeit entsteht.

Diesen verf*ckten Tachographen, also diesen Fahrtenschreiber, einbauen zu lassen, ist Pflicht für alle(!) gewerblichen Gespanne über 3,5 Tonnen. Das wissen viele nicht, und das betrifft quasi jeden, der gewerblich unterwegs ist und einen Anhänger an seinem SUV oder Kombi hat. Foodtrucks, KFZler, Handwerker mit einem Aktionsradius über 100km, und eben uns, die da Ware zum Kunden bringen und dort verbauen. Abseits der absurd hohen Kosten für den Einbau (mehrere tausend Euro) und die regelmäßige Prüfung sind die Strafen bei Nicht-Beachtung so hoch (mehrere zehntausend Euro, weil jeder Tag ohne Aufzeichnung ein eigenes Strafmaß hat), dass man das freiwillig macht. Wenn es denn geht.

In unseren alten Transporter, der verdammt gut läuft und seinen Dienst tut, geht das Teil nicht rein. Also physisch schon, aber es ist nicht vorgesehen, von einer Tachowelle die Geschwindigkeit abzugreifen. Zwar gab es früher schon Tachographen mit Papier, und die kann man bei VW sogar noch bestellen, aber man darf die nicht mehr erst-inbetriebnehmen - das muss jetzt so ein modernes Ding mit GPS und allem Gedöns sein.

Ich finde keine Firma, die mir das Gerät einbauen kann, und zum Laufen bekommt. Es fehlt Signal, es gibt keine Sensoren, zu alt, zu kompliziert, unmöglich - wegen ein paar Fahrten im Jahr, bei hohem Strafenrisiko. Also habe ich mich an die zuständige Behörde gewendet, und für unsere paar Fahrten eine Ausnahmegenehmigung beantragt. Abgelehnt, weil: ich habe als Unternehmer doch gefälligst dafür zu sorgen, meine Betriebsmittel entsprechend der gesetzlichen Vorgaben zu wählen. Wenn mein Auto das nicht kann, bitte ein neues kaufen.

Juristisch? Völlig korrekt. Menschlich? Total daneben. Wir sind keine börsennotierte AG, sondern eine kleine Firma im ländlichen Raum, die kein Geld defäkieren, sondern dafür arbeiten müssen. Gescheite Transporter sind spätestens seit der großen Pest Mangelware, und wir haben einen Transporter, der zugelassen, UVV-geprüft, versichert und was weiß ich noch alles ist. Für den Anhängerbetrieb brauchen wir bitte aber noch einen weiteren Transporter, damit wir die Arbeitszeiten automatisch dokumentieren können - handschriftlich ist nämlich nicht mehr zulässig.

Ach ja, und um es nicht zu vergessen: wenn ich mit dem Transporter und Anhänger privat in den Urlaub fahren sollte (1%-Regelung), dann ist das alles egal - private Fahrten sind von der Pflicht nämlich ausgenommen. Dann darf ich mit dem selben Gespann zehn Stunden durchballern, keine Pausen machen, eine ganze Woche am Stück fahren. Aber wehe, ich fahre drei Stunden gewerblich, und zeichne das nicht dokumentiert und archiviert mit dem vorgeschriebenen Gerät auf, das in unserem Auto kein valides Signal bekommt, weil wir noch eine Tachowelle haben. Dann muss ich ein neues Auto kaufen.

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u/garluc — 1 day ago