






Die Moschee, die ursprünglich gar keine Moschee war: Die Gartenmoschee von Schwetzingen
Mitten im Schlossgarten von Schwetzingen steht ein Gebäude, das auf den ersten Blick wie eine osmanische Moschee wirkt. Zwei Minarette, vergoldete Halbmonde, arabische Schriftzüge und eine große Kuppel. Tatsächlich war der Bau aber ursprünglich überhaupt nicht als islamisches Gotteshaus gedacht.
Errichtet wurde die Gartenmoschee zwischen 1779 und 1795 im Auftrag des pfälzisch-bayerischen Kurfürsten Carl Theodor. Verantwortlich war sein Hofarchitekt Nicolas de Pigage. Zu dieser Zeit herrschte an vielen europäischen Fürstenhöfen eine große Faszination für den „Orient“. Osmanische Kleidung, Musik, Literatur und Architektur waren regelrecht in Mode gekommen. Man denke nur an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ oder den damals wachsenden Erfolg der Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“.
Die Schwetzinger Moschee war allerdings mehr als eine exotische Kulisse. Sie gehörte zu einem Schlossgarten, in dem verschiedene Kulturen, Religionen und philosophische Vorstellungen dargestellt wurden. Carl Theodor wollte sich damit als aufgeklärter und weltoffener Herrscher präsentieren. Die Moschee sollte den Besucher zum Nachdenken über Weisheit, Vernunft und religiöse Toleranz anregen.
Architektonisch ist sie deshalb keine Nachbildung einer echten osmanischen Moschee. Pigage mischte bewusst unterschiedliche Stile: eine europäische Barockkuppel, klassische Säulen, gotisch wirkende Spitzbögen und einen Kreuzgang, der fast an ein christliches Kloster erinnert. Daneben stehen Minarette, orientalische Ornamente und Halbmonde. Als Vorbilder dienten unter anderem eine Gartenmoschee in den Londoner Kew Gardens sowie ältere europäische Zeichnungen islamischer Bauwerke.
Auch im Inneren zeigt sich, dass die Erbauer den Islam nur aus europäischen Büchern und Vorstellungen kannten. An den Wänden befinden sich deutsche und arabische Sinnsprüche über Weisheit, Fleiß, Verschwiegenheit und gutes Handeln. Viele arabische Texte enthalten jedoch Schreib- und Punktierungsfehler. Der deutsche Steinmetz, der sie 1794 übertrug, beherrschte die Sprache offenbar nicht. Außerdem fehlen wichtige Bestandteile einer richtigen Moschee, beispielsweise eine Gebetsnische, eine Kanzel und ein Brunnen für die rituelle Waschung.
Erst viel später wurde das Gebäude zeitweise tatsächlich für muslimische Gebete genutzt. Überliefert ist, dass dort nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 muslimische Kriegsgefangene aus Nordafrika gebetet haben sollen. Auch im 20. Jahrhundert fanden gelegentlich besondere Gebete statt. Für eine dauerhafte muslimische Gemeinde war die Anlage jedoch nie vorgesehen.
Heute gilt die Schwetzinger Gartenmoschee als die letzte erhaltene Gartenmoschee des 18. Jahrhunderts. Sie ist daher nicht einfach die „älteste Moschee Deutschlands“, wie manchmal behauptet wird, sondern vielmehr eines der ältesten erhaltenen moscheeartigen Bauwerke des Landes.
Ich finde gerade diesen Widerspruch interessant: Das Gebäude war Ausdruck ehrlicher Bewunderung und eines aufklärerischen Toleranzgedankens, zeigt aber gleichzeitig, wie ungenau und romantisiert sich das damalige Europa den Orient vorstellte. Es ist gewissermaßen ein europäischer Traum vom Orient, in Stein gebaut.