How to Bachelor-/Masterarbeit - Alle Tipps, die hier gegeben werden, sind schlecht
Ja, ich weiß, es ist ein provokanter Titel, aber ich bekomme hier immer wieder Beiträge angezeigt, in denen irgendjemand absolut generelle Tipps für eine Abschlussarbeit gibt: worauf Betreuer achten oder eben nicht achten, was wie wichtig ist etc. Das mag für den individuellen Fall vielleicht stimmen, ist aber für alle anderen, die es lesen, quasi useless. Warum? Einfach, weil Abschlussarbeiten komplett individuell sind im Hinblick auf Anforderungen, Rahmenbedingungen und Bewertungen.
Ich habe selbst schon einige Arbeiten betreut (MINT) und kenne mich dahingehend an den zwei Universitäten, an denen ich war, in dem Bereich und angrenzenden Bereichen (Wirtschaftsingenieurwesen etc.) halbwegs aus. Selbst innerhalb gleicher Studiengänge sind die Erfahrungen und Anforderungen komplett unterschiedlich.
An groben Rahmenbedingungen der Abschlussarbeiten in den verschiedenen Prüfungsordnungen gibt es massive Bandbreitenunterschiede. Es gibt Abschlussarbeiten mit einer Dauer von sechs bis acht Wochen, bei denen man die Themen zugelost bekommt, quasi zwei Termine mit dem Betreuer hat und danach die Arbeit abgeben muss. Auf der anderen Seite hat man Abschlussarbeiten (so kenne ich das beispielsweise), die sechs Monate dauern oder sogar noch länger. Man hat wöchentliche, teilweise sogar mehr als wöchentliche Abstimmungstermine mit dem Betreuer, weil man in Laborequipment eingewiesen wird, Ergebnisse/Simulationen diskutiert und so weiter. Das sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Abschlussarbeiten, und das sind quasi nur die Extremfälle. Tipps, die für jemanden gelten, der eine Acht-Wochen-Abschlussarbeit macht, versus jemanden, der eine sechsmonatige Abschlussarbeit mit regem Austausch schreibt, können völlig andere sein. Das heißt, diese ganzen generellen Tipps in diese Richtung sind komplett schwachsinnig, weil es auf den individuellen Fall ankommt. Und das sind nur die groben Bedingungen.
Nehmen wir mal die sechsmonatigen Abschlussarbeiten, so wie sie in meinem Studium üblich waren bzw. so, wie ich die Betreuung kenne. Prinzipiell hat man sechs Monate an einem Teil des Forschungsprojekts eines Doktoranden gearbeitet, hatte wöchentliche Austauschtermine, hat Ergebnisse besprochen ... Relevant für die Bewertung ist quasi nur, wie gut das Thema bearbeitet wurde. Die schriftliche Ausarbeitung, also die eigentliche Abschlussarbeit, musste halt gemacht werden. Ich bin mir relativ sicher, dass die in vielen Fällen, bis auf das Auswertungskapitel, nicht mal gelesen wurde. Formale Anforderungen gab es quasi keine, nicht mal ein Template. Jeder konnte quasi machen, was er will, und die Ausarbeitung hat gegebenenfalls 0,3 an der Note ausgemacht. Entsprechend würden meine Tipps aussehen.
Ein Kumpel von mir (gleiche Uni, gleiches Studienfach) hat an einem anderen Lehrstuhl geschrieben. Dort war die Auswertung quasi völlig egal, Hauptsache alle formalen Anforderungen (Seitenzahl, formaler Aufbau etc.) wurden erfüllt. Am Ende hat er 0,3 Abzug bekommen, weil er bei der Verteidigung keinen Anzug angezogen hatte (MINT wohlgemerkt). Würde er die Tipps verfolgen, die ich ihm aufgrund meiner Erfahrungen gegeben hätte, hätte er komplett reingeschissen. Umgekehrt hätte ich komplett reingeschissen, wenn ich bei meiner Abschlussarbeit seine Prioritäten gesetzt hätte.
Dazu kommt bei der Bewertung, dass es oftmals völlig irrationale Kriterien gibt, die wichtig sind. Einem Prof. bei uns war es z. B. absurd wichtig, dass die Achsenbeschriftung normgerecht war. Hat man z. B. sowas geschrieben wie „t in [s]“, hat man direkt ein bis zwei Notenstufen Abzug bekommen. Andere Lehrstühle hatten in ihren Anforderungen, dass man explizit die Einheit in eckige Klammern schreiben soll. Besagter Prof. hat sich entsprechend bei der Verteidigung meistens einfach nur die Figures angeschaut.
TL;DR:
Was will ich damit sagen? Abschlussarbeiten sind in ihrer Bewertung und in der Gewichtung von Leistungen (sprich worin man als Student wie viel Zeit stecken solllte) absolut individuell. Es hängt in erster Linie von der Uni und dem Studiengang ab, aber selbst innerhalb der Studiengänge gibt es zwischen den Lehrstühlen massive Unterschiede. Quasi alle Tipps sind nur für den jeweiligen Lehrstuhl, in Extremfällen sogar nur für den entsprechenden Betreuer relevant.
Wenn ihr nach sinnvollen Tipps zu den Arbeiten sucht, gibt es im Wesentlichen zwei relevante Personen(-gruppen):
- Euer Betreuer/Prof. bzw. Leute am entsprechenden Lehrstuhl.
- Studenten, die vorher dort eine Abschlussarbeit geschrieben haben und daher Erfahrungen haben.
Alle anderen Tipps sind so generisch und können zufällig richtig oder auch falsch sein.
Daher ist auch mit der einzige Tipp, den ich Leuten geben würde: Sucht euch einen Betreuer, mit dem ihr gut klarkommt. Das ist mit das Wichtigste. Und selbst dieser Tipp ist nicht wirklich allgemeingültig, weil sich nicht mal jeder sein Thema und seinen Betreuer aussuchen kann ;).