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Erfahrungsbericht zu Reanimation nach Alarmierung durch "Region der Lebensretter"

Hallo zusammen,

ich bin vor einigen Tagen über die App "Lebensretter 3.0", im Rahmen des "Region der Lebensretter e. V.", zu einem gemeldeten Herzstillstand alarmiert worden.

Ich habe das jetzt mal zu einem, dann doch detaillierteren Bericht zusammengeschrieben.

Teils weil mir das generell immer beim Aufarbeiten hilft, es zusätzlich aber auch eine persönliche Einsatznachbesprechung ist, in der ich sehe, was ich in Zukunft besser/anders machen kann.

Ich habe zum generellen Ablauf bei so einer Alarmierung hier im Sub noch nicht allzu viel gefunden und gedacht, ich teile das einfach mal mit euch. Vielleicht hilft es ja jemanden.

Ich bin natürlich offen für alle etwaigen Fragen.

Danke schon mal im Voraus für die halbe Stunde oder so, die ihr euch fürs Lesen nehmt 😅

Es ist Samstagmorgen, 05:13 Uhr.
Ich werde unsanft aus dem Schlaf gerissen.
Ein, zwei Sekunden Ungewissheit, was gerade um mich rum passiert, dann verstehe ich: da schreit mich gerade ein Alarm an.
Feuerwehr-Meldeempfänger? Nein, nicht der richtige Ton.
Es kommt von meinem Handy auf dem Nachttisch.
Meine Augen gehen auf, ich greife nach dem Ding. Sinngemäß steht auf dem Display: "Notfall: Herzstillstand" - ich bin schlagartig wach. Ich melde über die App, dass ich den Einsatz annehme und sehe die Adresse. Mit dem Auto keine zwei Minuten von mir. Ich kenne das Haus, allerdings weiß ich nicht, wer darin wohnt. Kurz schweifen die Gedankengänge in Richtung "was wohl passiert ist" ab. Ich schüttle den Kopf - es macht keinen Sinn darüber nachzudenken - ich werde es früh genug erfahren.

Raus aus dem Bett und kurz stehen bleiben. In über 25 Jahren Einsatzerfahrung habe ich für mich den ein oder andere Automatismus entwickelt. Wenn ich von einem Alarm aus dem Tiefschlaf gerissen werde, geht das damit los, dass ich mir direkt nach dem Aufstehen aus dem Bett ca. 10 Sekunden Zeit nehme, meine Gedanken zu ordnen und die nächsten Schritte zu überlegen; außerdem gibt es dem Kreislauf die Chance Schritt zu halten.

Ich gehe die unmittelbar nächsten Punkte im Kopf durch. Hose, T-Shirt, Socken liegen von gestern Nacht noch auf dem Wäschekorb. Handy habe ich, Autoschlüssel liegen am gewohnten Platz auf dem Weg nach draußen, Schuhe stehen an der Türe, Auto parkt hinterm Haus. Auch das, alles feste Abläufe, die sich schon dutzende Male bewährt haben. Was noch? Meine Kontaktlinsen und kurz auf die Toilette. Hört sich vielleicht erstmal komisch an, aber wer schonmal mit randvoller Blase in eine Situation gezwungen wurde, in der man nicht einfach mal kurz austreten konnte, weiß, wie unangenehm und ablenkend das sein kann. Kontaktlinsen bekomme ich mittlerweile in unter zehn Sekunden rein - das hat den Vorteil, dass dir bei einer Reanimation die Brille nicht dauernd von der Nase rutscht - definitiv den Zeitaufwand wert.

Ich setze alles Geplante um - läuft beinahe wie auf Schienen. Eingespielte Handgriffe, zügig und in Eile, aber ohne Hektik oder gar Panik. Ich verlasse die Wohnung und will gerade zur Vordertüre raus, als mir einfällt: Mist, ich kann nicht von der Vordertüre durch den Garten hinters Haus - wir bauen gerade um, der Weg ist versperrt - eine Abweichung vom gewohnten; der eingespielte Ablauf kommt kurz ins Stocken. Zwei Möglichkeiten: Raus zur Vordertüre und erst um mein und dann das Nachbarhaus herumlaufen oder durch den Keller. Keller ist kürzer und schneller. Also das Treppenhaus weiter nach unten, Kellertüre auf, weiter. Licht schalte ich keins ein. Die Dämmerung hat schon eingesetzt, es ist hell genug, dass ich meinen Weg sehe und nach fast 40 Jahren kenne ich jede Stufe in- und auswendig.

Ich schließe die Kellertüre auf und bin draußen - es ist kalt - zu kalt für einen Morgen Mitte Mai. Ich denke kurz nach, ob ich eine Jacke holen soll. Ich glaube ich habe eine im Auto gelassen - wird schon passen. Auf dem Weg das Treppenhaus hinunter ist mir doch nochmal durch den Kopf gegangen, was wohl passiert ist und mein erster Gedanke war: Es ist kurz nach fünf; die Ehefrau wacht auf und stellt fest, dass sie ihren Mann nicht wachbekommt, dann dass er nicht mehr atmet. Der Gedanke kommt nicht von ungefähr - ich habe das aus dem Bekanntenkreis leider schon einige Male genauso mitbekommen... Für mich spielt sich deshalb in meinen Überlegungen erst Mal auch alles drinnen ab. Also haken wir die Jacke mal ab.

Ich laufe zum Auto. Ein kurzer Weg, nach wie vor ohne Hektik, aber trotzdem weiter eilig. Rein ins Auto, Motor an, los. Ich muss einmal aus der kleinen Nebenstraße, hinter meinem Haus, auf die Bundesstraße einbiegen und dann einmal links, einmal rechts den Dorfberg rauf und ich bin da. Als ich auf die Bundestraße abbiege, sehe ich unsere Turnhalle. Ich weiß, da hängt ein Defi, aber die App hat mich als einen der beiden ersten Helfer zugewiesen. Also ist meine Aufgabe zügig zum Patienten zu gelangen und mit der Rea zu beginnen. Wenn möglich wird ein dritter Helfer alarmiert, einen Defi zu Einsatzort zu bringen. Ich habe gelernt, mich an Befehlsketten und vorgegebene Einsatzabläufe zu halten - vor allem, wenn ich nicht alle Informationen parat habe. Also weiter Richtung Ziel.

An mir fährt ein Auto vorbei, als ich in die Bundestraße einbiege. Gleiche Richtung unterwegs, zügige Fahrweise - vielleicht mit dem gleichen Ziel? Ich kenne ein paar der registrierten Helfer aus meinem Ort und Umkreis. Ich gehe kurz durch, wer alles dazukommen könnte. Von wem weiß ich, dass sie/er über das lange Wochenende weg sind? Bei wem würde ich mich einordnen, bei wem die Führung übernehmen?

Ich bin Kommandant meiner Feuerwehr und wir haben ein paar "Lebensretter" in der Truppe. Wenn jemand von denen dazu kommt, würde ich recht sicher die Leitung übernehmen, bis der Rettungsdienst eintrifft. Nicht weil ich es besser kann oder schon länger dabei bin, sondern weil es eine gewohnte Struktur ist - meine Mädels und Jungs kennen mich als Einsatzleiter und erwarten das auch von mir, wenn ich bei einer Notfalllage dabei bin.

Wenn es jemand Fremdes ist, muss man kurz schauen, wie sie sich verhalten. Man kann sich bei der App registrieren, ohne je eine reale Reanimation gemacht haben zu müssen - wichtig ist die Qualifikation. Aber es ist dann halt doch etwas anderes, an einem Menschen zu arbeiten, als an einer Puppe. Ich hatte es jetzt schon zweimal, dass welche vor mir da waren, die noch nie eine Rea am Patienten gemacht hatten. Da hilft es Ruhe auszustrahlen, mitzuteilen, dass man schon Erfahrung mit sowas hat und dann seinen Rat und Hilfe anzubieten. Zusammen entscheiden und unterstützen, anstatt einfach die Leitung an sich zu nehmen - das wäre für mich nur eine Alternative, wenn ich sehe, die Dinge laufen aus dem Ruder. In meinen beiden Fällen waren die jungen Männer danach dankbar, dass sie nicht alles ganz allein Entscheiden mussten.

Das Auto vor mir biegt ab; weiter in Richtung meines Ziels. Wir sind jetzt nur noch ein Straße entfernt, aber da wo ich rechts wegmuss, fährt das andere Fahrzeug links. Ok, eventuell muss ich erst mal allein ran. In der App kann man auch sehen, ob außer einem selbst noch jemand dazu kommt - aber halt erst wenn die auch ihre Teilnahme bestätigen. Als ich meine bestätigt hatte, gab es sonst noch niemanden. Und ich habe die App seitdem nicht mehr geöffnet. Ich fahre durch eine Engstelle in der Straße und sehe vor mir: "Durchfahrt verboten - Baustelle" - WTF!? Ich fange an zu fluchen. Als Feuerwehrkommandant sollten wir über die Gemeindeverwaltung eigentlich alle Straßensperrungen in unserem Ausrückegebiet mitgeteilt bekommen, aber für diese Straße kam nichts. In unserem Dorf wird aktuell Glasfaser ausgebaut und dadurch gibt es nur "General"-Mitteilungen, in der Art von: "Straße XYZ und angrenzende werden über die nächsten zwei Monate immer wieder nur teilweise oder gar nicht befahrbar sein". Ärgerlich, lässt sich aber leider nicht ändern.

Das Haus liegt hinter der Absperrung. Also parken und weiter zu Fuß. Es sind nur hundert Meter oder so. Als ich aussteige und aus dem Kofferraum meinen Notfallrucksack hole, versuche ich mir eine geistige Notiz zu machen, dem Disponent auf der Leitstelle zu sagen, dass RTW und NEF das Haus von der anderen Seite anfahren sollen.

Ich laufe Richtung Haus los, dann höre ich hinter mir jemanden meinen Namen rufen - Laut! Eine sehr vertraute Stimme. Mein Bruder. Ich drehe mich um; er steht zwanzig Meter hinter mir und zeigt auf ein Haus: "Das ist hier". Die App hat mir den falschen Standort angezeigt - oder habe ich es im ersten Moment falsch gesehen? Egal, ich renne zurück. Die App meldet sich auch noch kurz und fragt, ob ich angekommen bin. Kurzer Wisch nach rechts: Ja, bin da. Mein Bruder geht vor mir in die offene Eingangstüre des Hauses, biegt dann gleich rechts ab, eine Steintreppe hinauf in den ersten Stock.

Er ist zwei Jahre jünger als ich, auch seit über zwanzig Jahren in der Feuerwehr und mittlerweile einer der erfahrensten und geschätztesten Gruppenführer unserer Wehr. Außerdem ist er Kreisausbilder für die Feuerwehrsanitäter. Obwohl er in einem ganz anderen Berufsfeld arbeitet, hat er schon früh eine Leidenschaft für die erste Hilfe entwickelt. Er ist schon mehrere Praktika auf dem RTW mitgefahren und hat dementsprechend auch schon echte Erfahrungen bei Reanimationen gesammelt. Ich weiß, dass er in hektischen Situationen den Überblick behält und besonnen reagiert. Ein besserer Partner, zur Unterstützung bei einer Rea hätte ich mir nicht wünschen können.

Ich laufe hinter ihm die Treppen hoch. Oben steht eine Frau, ca. 70 Jahre. Schlank, hochgewachsen; eine Hand vor dem Mund, die Augen weit offen, wässrig. Angst und Entsetzen stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Sie zeigt mit der anderen Hand von ihr aus nach rechts: "Mein Mann ist im Badezimmer".

Ich sage, "Ok, wir schauen sofort nach ihm" und gehe an ihr vorbei, weiter meinem Bruder nach. Er betritt den Raum bleibt eine Sekunde stehen, geht dann nach rechts. Ich sehe weiße Fließen, als ich näherkomme, dann ein paar nackte Füße - liegend. Im Türrahmen angekommen, kann ich den Mann in Gänze sehen. Er liegt auf dem Rücken, den Kopf auf dem Boden, schräg zwischen Toilette und Bidet. Er trägt nur eine Unterhose, ist deutlich fülliger als seine Frau, aber nicht in einem Maß, dass ich als ungesund bezeichnen würde. Mehr so: Ich bin Rentner und lasse mir endlich das Leben gut gehen.

Mein Bruder hat sich bei den Füßen postiert und fragt: "Ziehen wir ihn aus dem Raum oder nur ein Stück vor?" Damit wäre dann auch direkt die Frage, wer die Führung übernimmt und die Entscheidungen trifft, aber auch die Verantwortung trägt, geklärt. Bekannte Strukturen, vorhandene Hierarchien, bewährte Abläufe.

Ich schaue kurz in den Flur - zu eng, um sinnvoll arbeiten zu können. Vor allem wenn der Rettungsdienst gleich auch noch kommt. Also bleiben wir im Bad und positionieren den Mann nur besser. Ich antworte: "Wir lassen ihn hier, nur ein bisschen zu dir ziehen. Ich nehme den Kopf". Mein Bruder wartet kurz, bis ich in Position bin und den Kopf in den Händen habe.

Ein Auge ist offen, blickt starr an die Decke, das andere geschlossen. Sein Mund ist etwa zur Hälfte geöffnet, ich kann ein paar Zähne sehen. Sie funkeln weiß aus der dunklen Mundhöhle heraus. Die Haut hat einen fahlen Farbton. Man merkt sofort, hier fehlt etwas...

Die Haut fühlt sich noch warm an - so lange kann es noch nicht her sein, als das Unglück passierte. Ich bin auf den Knien, mein Bruder zieht an den Füßen, der Körper gleitet relative mühelos über die glatten Bodenfließen. Wir stoppen ziemlich genau in der Raummitte. Rechts von mir sind zwei Waschbecken, links die Toilette, dann weiter an der Wand nach unten das Bidet und im Rücken meines Bruders eine Duschkabine.

Ich beginne die Atemkontrolle: ich kniee mich seitlich, rechts von dem Mann hin, nehme eine Hand in seinen Nacken, die andere oben an den Kopf und überstrecke diesen. Dann das Ohr direkt an seinen Mund, Blickrichtung entlang des Körpers. Ich sehe, wie mein Bruder über das Bidet steigt und sich auf Brusthöhe des Manns hinkniet. Es ist in Position, um mit der Herz-Druck-Massage zu beginnen. Ich zähle im Kopf: Ein Mississippi, zwei Mississippi, drei Mississippi... Zehn Sekunden. Der Brustkorb hebt oder senkt sich kein bisschen in dieser Zeit. Ich spüre und höre keine Atmung an meinem Ohr. Nichts. Ohne aufzusehen, sage ich: "Ich bekomme nichts, fang an zu drücken" und mein Bruder beginnt, ohne zu zögern. Für mich heißt das jetzt Beatmung vorbereiten und durchführen.

Mein Rucksack liegt im Türrahmen. Dort steht gerade auch die Ehefrau. Noch immer derselbe Gesichtsausdruck. Sie murmelt etwas, ich meine die Worte "Bitte nicht" zu hören. Ich nehme den Rucksack, gehe an der Duschkabine vorbei und lege ihn ab. Darin ist sofort griffbereit mein Einweg-Beatmungsbeutel, plus Maske.

Ich höre meinen Bruder plötzlich laut zählen: "28, 29, 30, 31, 32". Dann wieder Stille. Wir wissen damit beide, es ist Zeit zu Beatmen, sobald ich bereit bin - und ich bin es noch nicht. Nichts allzu Ungewöhnliches für den Anfange einer Rea. Die Reanimation wird deshalb nicht unterbrochen, sondern so lange weitergeführt, bis beatmet werden kann.

Ich nehme Beutel und Maske aus den jeweiligen Verpackungen und stecke sie zusammen, gehe dann wieder an den Kopf des Patienten. Hals überstrecken, mit einem C-Griff die Maske über Mund und Nase des Mannes drücken, kurz den richtigen Sitz überprüfen, die Augen auf den Brustkorb, dann das Kommando: "Ok, ich kann beatmen." Mein Bruder bestätigt und stoppt seine Wiederbelebung. Ich drücke den Beutel zusammen, der Brustkorb hebt sich nur sehr wenig, ich höre aber auch keine undichte Stelle an der Maske. Also folgt der zweite Luftstoß. Wieder ein kleines Heben. Mein Bruder übernimmt wieder.

Jetzt ist unsere Lage erst einmal stabil. Sehr viel mehr können wir nicht tun, bis entweder der Rettungsdienst oder ein weiterer Ersthelfer mit einem AED eintrifft. Wir gehen bis dahin den Ablauf einfach weiter durch. Außer den Ansagen beim Zählen, einmal bei "20" und dann "28, 29, 30", sprechen wir nichts Großartiges.

Mir fällt jetzt erst auf, dass die Ehefrau gar nicht mit dem Disponenten der Leitstelle spricht. Das war bei meinem letzten Mal anders. Da war die Ehefrau noch am Telefon, als ich ankam, und hatte es auf Lautsprecher gestellt. Wir konnten damals gleich Bescheid geben, dass wir keine Vitalfunktionen mehr erkennen können und die Rea einleiten. Er hatte uns sogar noch gefragt, ob er den Rhythmus vorgeben soll.

Nach dem ungefähr achten oder neunten Durchlauf frage ich meinen Bruder kurz, ob noch alles klar ist, oder wir wechseln sollen. Mein Bruder ist körperlich fit, definitiv fitter als ich und macht keine Anzeichen bei der Herz-Druck-Massage nachzulassen. Trotzdem biete ich den Wechsel an. Er lehnt erst mal ab. "Alles gut", sagt er schlicht. Also weiter.

Irgendwann sehe ich blinkendes Blaulicht durchs Fenster scheinen. Die nächste Rettungswache ist im Nachbardorf. Fahrtzeit ca. 5 Minuten. Da ist auch ein Notarzt stationiert. Falls die nicht verfügbar sind, kommt normalerweise jemand von einem der nächsten Krankenhäuser - das kann dann gut 15 Minuten oder länger dauern. Heute haben wir Glück. Ein Rettungswagen und der Notarzt halten direkt vorm Haus. Ich bitte die Ehefrau nach unten zu gehen und die Richtung zu zeigen. Sie nickt und geht wortlos weg.

Dann hört man Stiefel die Treppe hocheilen. Der Notfallsanitäters bleibt in der Türe stehen. Eine großgewachsene, etwas fülligere Figur, in Weiß/Rot gekleidet, mit einem freundlichen Gesicht, tiefe Stimme. Er begrüßt uns beide mit Namen. Wir kennen uns. Auch er ist in der Feuerwehr, aber im Nachbardorf. Erst vor zwei Wochen war er bei uns im Ort als Gruppenführer der Überlandbrandhilfe bei einem größeren Feuer dabei. Damals war ich Einsatzleiter und habe gesagt was zu tun ist, heute gibt er mir die Anweisungen. Passt. Außerdem ist er auch einer der Kreisausbilder, für die Feuerwehrsanitäter. Mein Bruder kennt ihn also noch ein Stück besser.

Nach dem "Hallo" kommt nur ein schlichtes "Macht einfach erst mal weiter, wir bauen auf". Dann spulen er und seine Kollegin ihr Programm ab. Geräte und Zubehör vorbereiten. Mein Bruder drückt, ich beatme.

Dann ist auch direkt die Notärztin da. Ich schätze sie auf Mitte 30. Schwarze Haare, Brille, schlank, mittelgroß. Angenehme Stimme, vielleicht ein bisschen aufgeregt. Ich kann mich aber auch täuschen. Vielleicht wars auch nur eine ereignisreiche Nacht.

Sie fragt kurz, wie lange wir schon aktiv sind. Ich sage "Sieben bis acht Minuten". Alles klar, Sie übernimmt nach der nächsten Beatmung am Kopf. Als ich den Beutel am Ende des nächsten Zyklus wieder loslasse, stehe ich sofort auf und drücke mich an ihr vorbei. Sie nimmt meinen Platz ein.

Ich gehe am Notfallsanitäter vorbei und stehe im Gang. Ich sehe die Rettungssanitäterin und den Fahrer des NEFs im Zimmer am Ende des Gangs stehen und weitere Geräte und Papiere vorbereiten. Die Notärztin fragt auf einmal, wie lange der Patient denn schon hier liegt.

"Weiß ich nicht, ich frage die Ehefrau", antworte ich. Ich gehe den Gang entlang und frage die anderen beiden, wo die Ehefrau ist: "Oben". Ok. Ich gehe die Treppe weiter rauf und kündige mich mit einem deutlichen "Hallo?" an. Sie kommt aus einem der Zimmer und ich stelle die Frage der Ärztin an sie. Aber sie weiß es nicht genau. Ihr Mann und sie schlafen in getrennten Zimmern. Sie oben, er unten. Ich frage, ob es Angewohnheiten gibt, ob er zum Beispiel immer zur selben Zeit ins Bad muss. "Nein - Vielleicht - Tut mir leid, ich weiß es nicht", spricht sie entschuldigend und leise.

Ich würde Sie am liebsten in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles wieder gut wird - aber dafür ist jetzt leider kein Platz und ich glaube auch nicht, dass die Dinge hier schnell wieder gut werden...

Ich frage, wann sie ihn denn gefunden hat. "Ich bin kurz vor fünf aufgestanden, und dann nach unten gegangen. Da habe ich meinen Mann im Bad liegen sehen. Ich habe noch versucht ihn zu aufwecken, aber er machte nichts mehr und dann habe ich die 112 angerufen." Ok, ich rechne kurz. Dann lag er mindestens 20 Minuten da. Ich frage: "Haben Sie selbst eine Wiederbelebung versucht?" Als ich die Frage ausspreche, kommt sie mir unheimlich pietätslos vor. Ich hoffe die Frau versteht es nicht als Anschuldigung oder Vorwurf, aber die Antwort wird sicherlich den weiteren Verlauf beeinflussen. "Nein, ich habe nichts mehr gemacht, ich kann das nicht...", wieder entschuldigend, leise aber diesmal auch unendlich traurig. "Ok, Danke. Ich gehe wieder runter." Ich sehe ihr kurz ins Gesicht. In ihren Augen stehen Tränen. Ich gehe zurück ins Bad.

Mein Bruder drückt immer noch, die Notärztin beatmet, der Notfallsanitäter hat inzwischen alle Elektroden des EKG/Defi angebracht - die Linie auf dem Monitor schlägt bei jedem Druck ein wenig aus. Ich sehe einen Timer der bei 01:30 steht und im Sekunden-Rhythmus hochzählt.

"Patient war laut der Ehefrau mindestens 20 Minuten ohne Behandlung, bis wir gekommen sind. Wie lange er schon lag, bevor sie ihn gefunden hat, kann sie nicht einschätzen.", erkläre ich der Ärztin. Sie schaut mich an und denkt kurz nach. "Na, toll. Das ist jetzt halt echt nicht optimal." Der Timer am EKG hat die zwei Minutenmarke überschritten. Ich sage zu meinem Bruder, dass ich ihn jetzt ablöse. Er muss schon seit fast zehn Minuten drücken - man sieht es ihm nicht an. Ich gehe um den Mann am Boden herum und stelle mich neben das Bidet. Mein Bruder zählt den nächsten Zyklus wieder laut an, die Notärztin drückt noch zweimal den Beutel zusammen und dann nutzen wir den Wechsel für eine Diagnose-Pause. Der Monitor zeigt eine durchgehende, flache Linie.

Mein Bruder drückt sich hinter mir vorbei, ich gehe auf die Knie platziere meine Hände und sage der Notärztin, sie soll mir Bescheid geben, wann ich weiter machen soll. Nach vielleicht 5 Sekunden gibt sie mir das Zeichen, Ich fange an zu drücken. Für die nächsten paar Minuten bin ich an der Reihe.

Mein Bruder geht aus dem Bad in den Gang. Ich zähle laut, wie er zuvor, erst einmal bei 20 und dann wieder bei 28, 29, 30. Ich schaue mir den Rhythmus auf dem Monitor an. Die Linie schlägt jedes Mal ein bisschen aus, wenn ich drücke. Die Frequenz liegt bei 100-120 mal pro Minute. Passt.

Der Fahrer des NEFs kommt auf einmal ins Badezimmer. Ob die Notärztin mal rauskommen kann? Es gibt anscheinend ein Patientenverfügung. Mein Bruder steht dahinter und sagt, er übernimmt das Beatmen. Alle sind einverstanden. Am Zyklusende tauschen er und sie. Beim Rausgehen fordert sie den Notfallsanitäter noch auf einen Zugang am Handrücken zu legen. Er steht auf und geht kurz in den Gang.

Jetzt sind es wieder nur mein Bruder und ich. Ich schaue ihn kurz an - er hat die Maske über Mund und Nase, mit demselben Handgriff wie ich am Anfang positioniert. Er sieht mich und wir heben beide gleichzeitig die Augenbrauen an und unsere Münder werden zu horizontalen Schlitzen. Dieser typische, deutsche Gesichtsausdruck: "Mal sehen, was das noch gibt..." Ich glaube wir haben beide dieselbe Befürchtung.

Der Notfallsanitäter kommt zurück und legt den Zugang. Ich bemerke das erste Mal, dass ich zusehen kann, wie die Venen sich anstauen und mit jedem meiner Drücke etwas deutlicher zu sehen sind. Ist mir bei den Wiederbelebungen, die ich bisher erlebt habe, so noch nie aufgefallen. Ich mache eine geistige Notiz, dass ich ihn danach frage, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.

Draußen kann ich Notärztin und Ehefrau leise miteinander sprechen hören, dann Schritte. Sie kommt nochmal rein und möchte die aktuelle Lage wissen. Der Notfallsanitäter gibt ihr Werte und einige Fachbegriffe durch. Alles Worte, die ich schon mal gehört habe und die zumindest nicht bedeutungslos für mich sind, die ich aber eine Minute später trotzdem nicht wiedergeben könnte. Sie sagt uns, dass wir am Ende des laufenden Zyklus nochmal eine Analyse machen. 28, 29, 30 - zweimal Beatmen - Pause. Alles unverändert. Die Linie bleibt flach.

Sie räuspert sich und atmet hörbar aus. Dann ein kurzes "Ok" - ich glaube mehr zu sich selbst als zu uns, und sie verschwindet wieder im Gang. Ich kann sie wieder mit der Ehefrau sprechen hören. Ein oder zwei Zyklen später kommt sie wieder und sagt es werden jetzt nochmal alle Sachen geprüft. Wir sollen erstmal einfach weiter machen.

Sie begibt sich zum Kopf des Mannes, leuchtet in die Augen, spricht nochmal mit dem Notfallsanitäter und ihrem Fahrer, dann sagt sie: "So, wir machen eine letzte Analyse" Der Zyklus endet, meine Hände sind an meiner Brust, bereit wieder zurückzukehren, wenn es verlangt wird. Mein Bruder hat die Maske angehoben und wartet auch nur auf das Go. Aber dann sagt die Notärztin: "Das war es. Wir hören auf."

Mein Bruder und ich geben ihr eine verbale Bestätigung und stehen langsam auf. Ich merke, dass ich leicht schwitze. Ich kann mich nicht genau erinnern, wie viele Zyklen, bzw. wie lange ich gedrückt habe; fünf Minuten, zehn, länger? Ich versäume es, ein letztes Mal auf Timer zu schauen. Dann hätte ich es sicher gewusst.

Ich stehe auf und gehe zu meinem Notfallrucksack in der Ecke. Der Notfallsanitäter fängt an abzubauen. Mein Bruder gibt mir den benutzten Beatmungsbeutel und die Maske. Ich packe es in den großen Zip-Beutel, aus dem beides kam.

Und wieder fällt mir erst jetzt etwas auf: Ich hatte keine Handschuhe an. Mein Bruder auch nicht. War vielleicht nicht unbedingt nötig, aber geübt wird es bei uns immer mit. Ich muss mir was überlegen, wie ich das in Zukunft besser machen kann, denke ich mir.

Wir stehen zu dritt im Gang, ich frage, ob wir schonmal runter sollen. Ohne etwas zu tun, komme ich mir unheimlich fehl am Platz vor. Aber der Notfallsanitäter sagt, wir sollen mal noch warten. Ich glaube er weiß was gleich noch kommen wird.

Die Notärztin kommt dazu und fragt uns, ob wir bereit wären zu helfen, den Mann ins Bett, im angrenzenden Schlafzimmer zu legen. Selbstverständlich. Der Notfallsanitäter und die Rettungssanitäterin, lagern den Mann im Bad auf ein großes, stabiles Handtuch um, dann nehmen wir es an den Ecken und tragen ihn ins Schlafzimmer. Das Handtuch kommt wieder raus und wir decken ihn bis zu den Schultern zu.

Der Notfallsanitäter sagt uns, wir können jetzt gehen, sollen unten aber noch kurz warten. Ich bekomme Ersatz für meinen benutzten Beatmungsbeutel und die Maske. Wir verabschieden uns bei ihm mit Handschlag und er bedankt sich für die gute Hilfe. Wir lächeln gezwungen. Klar doch, kein Problem.

Wir gehen nach unten. Ich habe meinen Notfallrucksack über die Schulter geworfen. Bei der Ehefrau oder der Notärztin verabschieden wir uns nicht. Sie sprechen gerade miteinander. Wir wollen nicht stören.

Unten angekommen nehme ich erst Mal einen tiefen Atemzug der frischen Luft - mein Bruder auch. Wir gehen um den Rettungswagen, die Rettungssanitäterin öffnet die Schiebetür und nimmt mir das benutzte Equipment ab. Ich bekomme das exakt selbe Model als Ersatz. Wir bedanken uns und gehen ein paar Schritte zur Seite. Sie geht wieder nach oben.

Mein Bruder und ich sprechen leise miteinander: "Hast du den Mann oder seine Frau gekannt?", frage ich. "Nein. Der Name kommt mir bekannt vor, aber vom Sehen kenne ich sie nicht. Du?" - "Nein. Weder Name noch sonst wie." Wir reden kurz, wie wir angekommen sind. Mein Bruder hat in der App gesehen, dass ein weiterer Helfer unterwegs war und mich dann fahren sehen. Er war wohl genauso froh wie ich, dass er es nicht allein machen mussten.

Wir reden noch kurz über den Tagesablauf. Er muss als Jugend-Trainer zum Fußball, ich gehe später auf eine Beerdigung eines alten Freundes. Vielleicht sehen wir uns heute Mittag noch.

Die App meldet sich plötzlich bei uns. Der Alarm wurde gelöscht und sie fragt, ob wir bei einer kurzen Nachbesprechung teilnehmen würde. Sicher doch. Es wird nach der Funktionsweise der App und dem generellen Ablauf des Einsatzes gefragt. Außerdem kann man am Ende noch das Angebot einer persönlichen Nachsorge annehmen. Finde ich sehr gut, aber für mich - bei diesem - Einsatz nicht notwendig.

Mein Bruder bemerkt plötzlich, dass mir das NEF den Weg versperrt und ich nicht mal heimfahren kann. Ist mir komplett durchgegangen. Ich lasse das Auto stehen und er nimmt mich mit. Als er mich zuhause rauslässt, schütteln wir uns nochmal die Hände. Wir haben unser Bestes versucht, aber heute hat es leider nicht gereicht.

Bei mir ist es derselbe Ausgang wie in allen Reanimation, an denen ich zuvor dabei war. Ich weiß, dass die Chancen auf ein Überleben bei einem Herzstillstand nicht gut sind. Ich glaube zwischen 5-15% und mit jeder Minute sinkt sie um weitere, knapp 10%. Wenn jemand, unter normalen Bedingungen 20 Minuten lang keine Hilfe bekommt, ist da fast nichts mehr zu machen.

Trotzdem war ich froh, dass wir es versucht haben. Schon allein wegen der Ehefrau. Ich hoffe es spendet ihr ein wenig Trost, dass da ein paar, ihr völlig unbekannte Menschen kamen und um das Leben ihres Mannes gekämpft haben - und nicht einfach sagten: "Och, wird doch eh ziemlich sicher nichts mehr bringen". Auch wenn meine Bilanz schlecht ist, würde ich deshalb niemals meine Hilfe versagen. Wenn ich von hundert Wiederbelebungen auch nur eine erfolgreich abschließe, hat es sich schon gelohnt.

Ich schließe meine Haustüre auf. Mist, ich muss nochmal runter in den Keller, die Türe da habe ich ja offengelassen. Dann endlich in der Wohnung. Ich will duschen, dann einen Kaffee und mal sehen, was der Rest des Tages bringt.

Kann ja fast nur besser werden...

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u/Argon85112 — 4 days ago