u/Available_Pick963

Mittag

Die Sonne hing reglos über der Straße
als hätte selbst der Himmel aufgegeben sich zu bewegen

ich fuhr zur Tankstelle
mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit
der Tank war nicht leer
nur ich war es

mein schwarzes Haar war nass vom Schweiß
mein schwarzes Hemd klebte an meinem Rücken
ich sah aus wie jemand
der schon lange aufgehört hatte irgendwo anzukommen

ich stellte den Motor ab
nahm den Zapfhahn in die Hand
hörte das monotone Klicken
dieses stumpfe Geräusch
das besser zu mir passte als jedes Gespräch

dann stand sie neben mir

blondes Haar
ein weißes Blumenkleid
so hell
dass es beinahe schmerzte sie anzusehen

sie war das Gegenteil von allem
was ich geworden war

sie lächelte mich an

und ich sah weg

nicht weil ich sie nicht ansehen wollte
sondern weil ich Angst hatte
dass sie in meinem Gesicht etwas erkennt
diese Müdigkeit
diese trostlose Stille
die man nicht mehr abwaschen kann

ich tat so
als würde ich mich auf den Verkehr konzentrieren
auf die Zahlen der Zapfsäule
auf irgendetwas
das nicht ihre Augen waren

aber ich spürte ihr Lächeln neben mir
warm und leicht
wie etwas
das nicht für Menschen wie mich bestimmt ist

ich bezahlte
stieg wieder ins Auto
und fuhr los

an der Ausfahrt hielt ich kurz an
nur einen Moment
lang genug um zurückzusehen

sie stand noch dort

der Wind bewegte ihr Kleid ganz leicht
und sie lächelte immer noch in meine Richtung

nicht traurig
nicht spöttisch
einfach nur ruhig
als hätte sie verstanden
dass ich niemals den Mut gehabt hätte
sie anzusprechen

dann fuhr ich weiter

und ich habe sie nie wieder gesehen

aber manchmal
wenn die Sonne zu heiß auf den Asphalt drückt
und Tankstellen nach Benzin und Sommer riechen
denke ich an sie

an das weiße Kleid
an ihr blondes Haar
und daran
dass manche Menschen nur für wenige Sekunden in dein Leben treten
und trotzdem für immer dort bleiben

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u/Available_Pick963 — 7 days ago