Mittag
Die Sonne hing reglos über der Straße
als hätte selbst der Himmel aufgegeben sich zu bewegen
ich fuhr zur Tankstelle
mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit
der Tank war nicht leer
nur ich war es
mein schwarzes Haar war nass vom Schweiß
mein schwarzes Hemd klebte an meinem Rücken
ich sah aus wie jemand
der schon lange aufgehört hatte irgendwo anzukommen
ich stellte den Motor ab
nahm den Zapfhahn in die Hand
hörte das monotone Klicken
dieses stumpfe Geräusch
das besser zu mir passte als jedes Gespräch
dann stand sie neben mir
blondes Haar
ein weißes Blumenkleid
so hell
dass es beinahe schmerzte sie anzusehen
sie war das Gegenteil von allem
was ich geworden war
sie lächelte mich an
und ich sah weg
nicht weil ich sie nicht ansehen wollte
sondern weil ich Angst hatte
dass sie in meinem Gesicht etwas erkennt
diese Müdigkeit
diese trostlose Stille
die man nicht mehr abwaschen kann
ich tat so
als würde ich mich auf den Verkehr konzentrieren
auf die Zahlen der Zapfsäule
auf irgendetwas
das nicht ihre Augen waren
aber ich spürte ihr Lächeln neben mir
warm und leicht
wie etwas
das nicht für Menschen wie mich bestimmt ist
ich bezahlte
stieg wieder ins Auto
und fuhr los
an der Ausfahrt hielt ich kurz an
nur einen Moment
lang genug um zurückzusehen
sie stand noch dort
der Wind bewegte ihr Kleid ganz leicht
und sie lächelte immer noch in meine Richtung
nicht traurig
nicht spöttisch
einfach nur ruhig
als hätte sie verstanden
dass ich niemals den Mut gehabt hätte
sie anzusprechen
dann fuhr ich weiter
und ich habe sie nie wieder gesehen
aber manchmal
wenn die Sonne zu heiß auf den Asphalt drückt
und Tankstellen nach Benzin und Sommer riechen
denke ich an sie
an das weiße Kleid
an ihr blondes Haar
und daran
dass manche Menschen nur für wenige Sekunden in dein Leben treten
und trotzdem für immer dort bleiben