Frustration und Einsamkeit
Da ich weiß, dass es sich um ein extrem polarisierendes Thema handelt, hab' ich mir einen neuen Account zugelegt, nur muss ich einfach mal was loswerden.
Disclaimer:
Ich weiß, dass es Ausnahmen gibt und jeder Hund anders ist. Ich spreche in diesem speziellen Post nicht über alte oder wirklich kranke/frisch operierte Hunde und auch nicht über Hunde, die aus Tierheim/Tierschutz kommen und mit Ängsten oder Traumata zu kämpfen haben.
Außerdem habe ich in meinem Leben schon 3 andere Hunde gehabt, etwas Erfahrung ist also da.
TL;DR: Ich finde keine zuverlässigen Sozialkontakte für meine Hündin und empfinde die Übervorsicht/Lügerei/Aggression einiger Hundehalter als unangebracht für Mensch und Tier.
Nun, da das aus dem Weg geschafft ist:
Warum zum Teufel, gönnen so viele Menschen ihrem Hund weder Freilauf noch Spiel?
Ich wohne in einer sehr ländlichen Gegend mit relativ vielen Hundebesitzern. Die Gegend, in der ich spazieren gehe, hat keine Straßen und keine unmittelbaren Gefahren und es ist auch kein dichter Wald.
Ich habe eine knapp 2 Jahre alte Hündin aus dem Tierschutz, die schon eine ganze Weile bei mir lebt. Sie hat nicht ein böses Haar an sich. Das Einzige, was man ihr vorwerfen kann, ist, dass sie beim Spielen etwas zu "überdrüber" ist, aber meine Güte, sie ist jung und ich arbeite aktiv an ihrem Verhalten - das kann ich aber nur, wenn ich Situationen erlebe, in denen ich sie diesbezüglich korrigieren kann.
Und genau da wird es schwierig.
Fast immer, wenn uns andere Hunde begegnen, werden selbige meistens sofort dicht an sich gezogen und röchelnd am Halsband an uns vorbeigeschleppt. In diesen Fällen nehme ich auch meine Hündin an die Leine und führe sie vorbei. Natürlich zieht sie etwas zum anderen Hund - der andere Hund meist auch zu ihr - und versteht nicht, warum sie nicht Hallo sagen darf, beruhigt sich aber schnell wieder.
Kommt jemand etwas lockerer auf uns zu, frage ich immer vorab "Dürfen die Zwei sich Hallo sagen? Meine ist ein Mädchen und sehr lieb."
In 80% der Fälle ist die Antwort "Nein" und man wird auch noch angekuckt, als hätte man jemanden zu einem Verbrechen aufgefordert, während deren Hund wie ein Irrer in unsere Richtung will.
Die übrigen 20% teilen sich in zwei Gruppen auf.
Etwa 15% sagen "Ja, klar", lassen aber entweder die Leine am Hund und/oder werden sofort richtiggehenden hysterisch, sobald die Hunde auch nur Knurren oder meine Teenager-Dame etwas rüpelig wird (sie beißt nicht, sie hat nur noch nicht begriffen, dass Bremsen eine Option ist).
Sofern der Halter ansprechbar bleibt, sage ich auch sofort "Wenn er/sie ihr "Bescheid sagt" ist das okay, sie muss lernen, einen Gang runterzuschalten." aber meistens ist die Sache dann in 5 Minuten erledigt und der Hund wird weitergezogen. Oder man kritisiert mich, weil mein Hund so hyperaktiv ist oder - mitten im Spiel - nicht sofort kommt, wenn ich sie rufe.
Die übrigen 5% versüßen mir den Tag. Diese Leute sagen Ja, leinen ihre Hunde ab und ab geht die Post. Wird geknurrt oder gebellt, wird zwar hingeschaut aber nicht reagiert, wenn es reine Korrektur war, was es bisher immer war. Nach etwa 10 bis 15 Minuten sind beide Hunde "totgespielt" und glücklich und wir gehen zufrieden unserer Wege, meist nach einem angenehmen Gespräch über Hundehaltung.
Bei Leuten, die Nein sagen oder schon richtiggehend aggressiv werden, obwohl ich nur gefragt habe, habe ich schon die wildesten Geschichten gehört.
Ein Rüde, 80 Kilo, geht mir bis zur Brust, wurde beim Tierarzt von einer "Fußhupe" (<- Aussage Besitzer) gebissen und hat seither Angst vor anderen Hunden. Er geht nur mit Kurzleine und Halti (also dieses Band über der Schnauze) spazieren, kann den Hund kaum bändigen und verweigert jeden Sozialkontakt. Und WENN sein Hund Sozialkontakt haben darf, dann nur und ausschließlich an der Leine.
Gefühlt jeder zweite Hund ist entweder krank, frisch operiert, hat Angst oder ist - laut Aussage der eigenen Besitzer - aggressiv und alle zusammen sollen/dürfen nicht spielen und schon gar nicht von Leine.
Und dann gibt es da meine Süße und die - leider schon alte - Hündin meiner Nachbarn.
Beide dürfen frei laufen, sobald wir von der Straße weg sind, sind fast immer abrufbar (außer direkt im Spiel, dann dauert's mal ein, zwei Minuten) und haben nicht einen aggressiven Knochen im Körper. Ich konnte meine Hündin nach nicht mal einem Monat bei mir problemlos frei laufen lassen, sobald sich unsere Bindung etabliert, sie aber noch genug "Angst" hatte, dass sie wieder woanders hinkommt. Klingt fies, ich weiß, aber so konnte ich ihren Rückruf super trainieren, weil sie mich nie aus den Augen gelassen hat. Inzwischen kann sie mehrere hundert Meter von mir entfernt sein und kommt zuverlässig zurück.
Ich verstehe die anderen Halter nicht. Hunde sind soziale Wesen, Hunde brauchen Sozialkontakte. Freie Sozialkontakte, wo sie einfach laufen und spielen dürfen. Wenn ihr euch beim Rückruf unsicher seid, lasst einfach die Leine fallen, da könnt ihr im Zweifelsfall drauftreten und habt euren Hund wieder.
Ich habe inzwischen das Problem, dass meine Hündin zunehmend frustrierter wird, wenn ich sie wegziehen muss. Weil sie nicht versteht, was sie falsch macht und warum ich sie "bestrafe", indem ich ihr das Spiel verweigere (Tipps hierzu sind gern gesehen und gewünscht!)
So kann Leinenaggression entstehen, weil der Hund irgendwann denkt, Frauchen/Herrchen hat Angst vor anderen Hunden und muss beschützt werden. War schon bei einem vorherigen Hund genau der gleiche Fall, weil wir da auch ernsthafte Probleme hatten, mal Spielgefährten zu finden.
Und es wundert mich ehrlich gesagt wenig, dass andere Hunde so schwer abzurufen sind. Wenn man sie dann mal laufen lässt, geben sie natürlich Gas und wollen nicht zurück an die kurze Leine. Aber wenn sie regelmäßig Freilauf haben, ist es nichts besonderes mehr und der Rückruf verbessert sich.
Außerdem sind 10 Minuten Sozialkontakt ähnlich anstrengend für Hunde wie 'ne Stunde Spaziergang. Wenn ich mal das Glück habe, einen Spielgefährten für meine Süße zu finden, ist sie danach den ganzen Tag über total entspannt und glücklich.
Warum wollen so viele Leute keinen Kontakt für ihre Hunde? Warum lese ich hier so oft Posts darüber, dass "man seinen scheiß Köter an die Leine nehmen soll" oder teilweise sogar, dass Hunde nicht spielen, sondern das nur stressige Rangeleien sind?
Hunde knurren und "beißen" (ich meine sanftes Spielbeißen) als Teil ihres sozialen Ausdrucks. Auch das Hinwerfen und Balgen gehört dazu.
Mir tun die Hunde leid, die ihre Welt nur an der Leine kennenlernen und teilweise nicht mal ausgiebig schnüffeln dürfen, sondern weitergezogen werden.
Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn meine Süße mit glitzernden Augen und offenem Fang da sitzt und einer Hummel beim Fliegen zusieht, einem wegfliegenden Vogel kurz nachläuft oder mit irgendeinem Busch Seilzerren spielt. Es macht mir nichts aus, wenn sie dreckig wird, weil sie der Meinung war, der matschige, kleine Bach sei der perfekte Spielplatz. Das überlegt sie sich seit ihren ersten heimischen Vollbädern, die darauf folgen, auch lieber dreimal. Und es ist herrlich, wenn sie ihre Zoomies kriegt und einfach nur rennt, weil's Spaß macht.
Also bitte ... erklärt mir, warum das so wenige Hunde in Gesellschaft dürfen. Warum wird einem ausgewichen? Warum zerrt man den Hund krampfhaft an anderen Hunden vorbei? Und warum wird man angefeindet, wenn der eigene Hund frei herumläuft, an einem Ort, an dem er das auch darf und keiner Fliege was zu leide tut, man sie sogar festhält, damit die Leute in Ruhe weitergehen können, nachdem Kontakt verweigert wurde?
Ich raff's nicht und finde es unglaublich schade. Ich hätte so gern einen Spielgefährten für sie, in ihrem Alter, der ähnlich viel Energie hat und mit dem sie einfach Hund sein darf. Und mir kann niemand erzählen, dass fast jeder Hund, den wir treffen, krank ist, frisch operiert wurde oder sich schlecht benimmt.
Gerade Letzteres ist doch eine Ausrede. Wie soll ein Hund besseres Benehmen lernen, wenn Situationen, in denen das relevant ist und korrigiert werden kann, konsequent gemieden werden?
So, das war mein Wort zum Sonntag. Musste mal raus.