Prostitution
August Bebel schrieb im 19. Jahrhundert über Prostitution:
„Wohl dämmert diesem und jenem, der sich mit dieser Frage beschäftigt, daß die traurigen sozialen Zustände, unter denen zahlreiche Frauen leiden, die Hauptursache sein möchten, warum so viele ihren Leib verkaufen, aber dieser Gedanke ringt sich nicht zu der Konsequenz durch, daß alsdann notwendig sei, andere soziale Zustände zu schaffen.“
Und natürlich sind auch heute die große Mehrheit der Prostituierten Deutschlands in Armutsprostitution, in der Regel aus Rumänien, Bulgarien, Moldawien, usw., sowie aus afrikanischen Ländern, Südeuropa, Mittel- und Südamerika und Süd- bzw. Südostasien. Also vor allem aus Schwellen- und Drittwelt-Ländern.
Im Übrigen mit verschwimmendem Übergang zu Zwangsprostitution, betrieben oft von organisierter Kriminalität, also illegalem kapitalistischem Geschäft. Und ergänzt von einer Minderheit von "einheimischen" Prostituierten, die allerdings oft durch Notsituationen (minderjährig von zu Hause abgehauen, usw.) oder Drogenabhängigkeit in diesen Beruf kamen.
Ja, es gibt auch ein paar Frauen (und Männer), die sich dafür entschieden haben, weil sie das der Sozialhilfe oder irgendeinem Mindestlohn-9-to-5-Job vorziehen (im Grunde trotzdem Armutsprostitution) oder sie sich zu ihrem Büro-Job abends und am Wochenende auf Kaufmich oder über Social Media bzw. Dating Apps was dazuverdienen und sich dann die Freier aussuchen können, aber das sind statistisch eher Ausnahmen. Gleiches gilt wohl für die sog. "Edelprostitutierten", die von Escort-Unternehmen vermittelt werden.
Also hat Bebel alles in allem auch noch recht, was die gegenwärtige Prostitution angeht. Es ist größtenteils Armutsprostitution, auch wenn die Dunkelziffer an Zwangsprostitution nicht zu unterschätzen und von Armutsprostitution oft nicht zu trennen ist.
Tatsächlich irrt Bebel, wenn er meint, die Prostituierten würden "ihren Leib verkaufen". Was sie tatsächlich als Ware anbieten und verkaufen, sind sexuelle Dienste.
Unter Marxisten gab es deshalb Diskussionen darüber, ob man da von Ausbeutung sprechen könne. Ökonomisch gesehen, lautet die Antwort: Kommt drauf an, ob sie Zuhälter haben.
Das empörte jene, die da eine Verharmlosung heraushörten, wo doch die psychischen Folgen dieses Berufs gut erforscht sind. Aber das liegt nur an einem Missverständnis. Ausbeutung bedeutet eben, dass jemand für jemanden anderes arbeiten muss, um mit seiner Mehrarbeit denjenigen zu bereichern.
Insofern kann man ökonomisch bei einer zuhälterlosen alleinselbstständigen Prostituierten - und nur das ist in der BRD legal (was nicht bedeutet, dass die Zuhälterei deshalb aufgehört hätte) - nicht von Ausbeutung reden. Eine Frau, die selbstständig Sex gegen Geld anbietet, arbeitet für sich und bereichert niemanden. Sie ist quasi eine Kleinstunternehmerin.
Nur das ist gar keine Verharmlosung oder Wertung oder sowas! Wenn in Indien arme Leute aus lauter Verzweiflung ihre eigenen Organe verkaufen, also wirklich ihren Leib zu Geld machen, ist das auch nicht harmlos, nur weil das keine Ausbeutung im streng ökonomischen Sinn ist.
Der Kapitalismus hat auch jenseits der Lohnarbeit viel Greuel zu bieten.
Die Schuhputzer, Masseure und Trödelhändler an so mancher südasiatischen Strandpromenade sind auch weder Lohnarbeiter noch Sklaven, aber wer wollte behaupten, denen ginge es gut mit den paar Rupien o.ä., die nicht wirklich zum Überleben reichen.
Davon abgesehen, scheint uns illegale Zuhälterei eher die Regel als die Ausnahme...
Das in diesen kleinen Debatten gefallene "Argument", es gäbe doch schlimmere Jobs als die Prostitution zielt wahrscheinlich gegen die blöde moralisch-konservative Verurteilung, der nicht am Wohl der Prostituierten, sondern am Anstand gelegen ist, aber ist tatsächlich eine Verharmlosung.
Selbst wenn: Nur weil irgendwas schlimmer ist, wird nichts Schlimmes je gut. Man kann jeden Mist mit größerem Mist vergleichen, um zu sagen: Also im Vergleich dazu, ist es doch immerhin besser. Das ist allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund in dieser Gesellschaft - früher war oder in den Drittwelt-Slums ist es schlechter als heute in Deutschland. Man muss nichts sagen, was gut ist. Es reicht völlig der Vergleich mit irgendwas schlechterem, das man sich einfallen lässt.
Also wenn es schlimmere Jobs gibt, spricht das nicht dafür, dass die Prostitution harmlos sei, sondern gegen die Prostitution und gegen diese angeblich noch beschisseneren Jobs.
Und nein, wir beraten keine bürgerlichen Regierungen, ob sie Prostitution erlauben, verbieten oder teilverbieten sollen. Einerseits interessieren die sich nicht dafür, was paar Kommunisten dazu meinen und selbst haben wir nicht die Macht, irgendwas zu entscheiden. Hätten wir die Macht, hätten wir ganz anderes vor, als sowas. Andererseits dürfte klar sein: Wenn die Prostitution ihren Grund in Armut und Geschäft hat, wird Armut und Geschäft abzuschaffen sein, was keine Frage von Regierung, sondern von Revolution ist.
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