u/Born-Lunch-4830

Ein Gedanke zur Schuldfrage

ich hab mir in letzter Zeit ein paar Gedanken zur Schuldfrage in der Ethik gemacht und würde meine These hier gerne mal zur Diskussion stellen.

Ich suche absichtlich nach ein paar Leuten, die meine Argumente auf Herz und Nieren prüfen und mir die Schwachstellen zeigen.

Meine Grundidee ist: Moralische Schuld gibt es nur im Moment der Handlung. Man misst die Schuldfrage an der Verantwortung, die man in Anbetracht seiner eigenen Vernunft übernimmt. Daran bemisst sich die Moral der Tat. Die tatsächlichen Folgen sind für die eigentliche Schuldfrage komplett egal, weil man sie eh nicht beeinflussen kann.

Dafür trenne ich strikt zwischen individueller Moral und gesellschaftlicher Stabilität (also dem Rechtssystem). Die Bewertung anhand von Folgen dient eigentlich nur der gesellschaftlichen Stabilität und der Genugtuung.

Ich habe das für mich an drei Beispielen durchgedacht:

Beispiel 1 (Der Pfeilschuss): Wenn ich blind einen Pfeil in einen Wald schieße, ist die Schuldfrage geklärt, sobald ich den Pfeil loslasse. Ich verletze hier meine Verantwortung und meine Vernunft, weil ich trotz des Risikos schieße. Ob der Pfeil danach im Dreck landet oder zufällig jemanden trifft, liegt nicht mehr in meiner Macht. Das Ergebnis ändert nichts mehr an der Schuld, die beim Schuss schon da war.

Beispiel 2 (Zwei betrunkene Fahrer): Fahrer A und Fahrer B fahren exakt gleich besoffen Auto. Sie verletzen beide genau gleich ihre Verantwortung und Vernunft. Fahrer A hat Glück, die Straße ist leer. Fahrer B hat Pech, ihm läuft ein Kind vors Auto. Für mich sind beide moralisch absolut gleich schuldig. Dass das Gesetz Fahrer B viel härter bestraft, ist eine reine Notwendigkeit für die gesellschaftliche Stabilität, aber kein moralisches Urteil. Sonst wäre Moral ja nur ein Glücksspiel.

Beispiel 3 (Der Attentäter): Ein Terrorist will ein Haus sprengen, weil er durch Gehirnwäsche felsenfest glaubt, er rettet damit die Welt. Er hatte nie die kognitive Chance, das überhaupt zu hinterfragen. Die Bombe zündet wegen eines technischen Fehlers nicht. Da er aus seiner Sicht im Einklang mit seiner Vernunft gehandelt hat, ist er moralisch nicht verwerflich. Es war für ihn außerhalb seiner Macht, es besser zu wissen. Wenn er allerdings Zweifel gehabt und diese ignoriert hätte, dann hätte er seine Verantwortung verletzt und wäre schuldig. Dass wir ihn wegsperren müssen, um uns zu schützen, ist eine gesellschaftliche und politische Frage, keine rein moralische.

Mein Fazit wäre: Wenn die Vernunft komplett aussetzt, gibt es gar keine Schuld mehr, weil die geistige Zurechnungsfähigkeit fehlt. Wenn sie da ist, zählt nur die Verantwortung im Angesicht dieser Vernunft beim Handeln, nicht der Zufall danach.

Wo liegt mein Denkfehler?

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u/Born-Lunch-4830 — 5 days ago