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Kapitel1

Am Rand des dicht besiedelten inneren Bereichs der Galaxis kreiste eine Welt, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkte.

Sie besaß keine gewaltigen Gebirgsketten, keine aktiven Vulkane und keine Ozeane aus salzigem Wasser, wie sie auf zahllosen anderen Welten vorkamen. Ihre Kruste war alt und ruhig. Tektonische Kräfte spielten kaum noch eine Rolle. Das Land bestand aus endlosen Ebenen, sanften Hügeln und flachen Senken, zwischen denen sich zahllose Seen und breite Flüsse schlängelten.

Mehr als die Hälfte allen Wassers lag in riesigen, flachen Backwasserbecken, deren Ufer oft kaum auszumachen waren. Der Rest bestand aus Süßwasserseen und weit verzweigten Flusssystemen.

Die Rotationsachse des Planeten stand nahezu senkrecht auf seiner Umlaufbahn. Jahreszeiten existierten kaum. Das Klima änderte sich nur langsam und gleichmäßig über die Breiten hinweg. Für das Leben bedeutete das eine außergewöhnliche Stabilität, die sich über viele Millionen Jahre kaum verändert hatte.

Doch die Welt stellte ihren Bewohnern eine andere Herausforderung.

Sie besaß eine Oberflächenschwerkraft von mehr als dem Doppelten der Erde.

2,1 g.

Alles Leben musste mit diesem ständigen Gewicht leben.

Die Pflanzen wuchsen niedrig und kräftig. Viele von ihnen trugen ein tiefes Blau anstelle eines Grün, als hätte der Planet selbst entschieden, andere Farben hervorzubringen als die meisten Welten der Galaxis.

Aus genau dieser Landschaft entstand eine Spezies. Die Anasi.

Für einen Menschen wäre der erste Eindruck der eines aufrecht gehenden Nilpferdes.

Ein gewaltiges Wesen von beinahe fassförmigem Körperbau, getragen von kurzen, ungeheuer kräftigen Beinen. Die Füße endeten in breiten, weichen Sohlen mit drei Zehen, vollkommen ohne Hufe, Krallen oder Nägel. Jeder Schritt verteilte ihr enormes Gewicht gleichmäßig auf den Boden.

Ihre Haut war nicht grau.

Sie schimmerte in einem tiefen, satten Blau.

Dick genug, um selbst schwere Verletzungen oft folgenlos zu überstehen, spannte sie sich über eine Muskulatur, die selbst unter der hohen Schwerkraft ihres Heimatplaneten enorme Kräfte entwickelte.

Die Arme waren vergleichsweise kurz, aber massiv. Drei Finger endeten jeweils in einer harten, keilförmigen Klaue, eher einer kleinen Axt als einer menschlichen Hand ähnlich. Feinmotorik lag ihnen kaum. Präzise Arbeiten waren mühsam und langsam.

Der Kopf verstärkte den Eindruck eines Nilpferdes noch weiter.

Ein breites Maul, kleine Ohren, hoch sitzende Augen.

Nur die gewaltigen Stoßzähne fehlten. Das Maul war etwas schmaler und kürzer, ansonsten hätte jeder Zoologe der Erde unwillkürlich nach einer biologischen Verwandtschaft gesucht, obwohl zwischen beiden Arten unzählige Lichtjahre und völlig getrennte Evolutionsgeschichten lagen.

Ihre Masse machte Wasser zu einem unverzichtbaren Teil ihres Lebens.

Selbst Erwachsene verbrachten viele Stunden eines Tages halb im flachen Brackwasser oder in den Seen ihrer Heimat. Dort wurde das Gewicht erträglich, die Muskeln konnten sich entspannen, und selbst lange Gespräche oder politische Versammlungen fanden oft mit halb eingetauchten Teilnehmern statt.

Die Anasi sind Pflanzenfresser.

Und sie stammten unverkennbar von Herdentieren ab.

Fast jedes Verhalten ihrer Zivilisation trug noch die Spuren dieser Vergangenheit.

Lange bevor sie Sprache entwickelten oder begannen, Werkzeuge zu benutzen, besaßen sie bereits eine andere Fähigkeit.

Eine Fähigkeit, die weder Muskeln noch Klauen ersetzen konnte.

Sie wirkte direkt auf den Geist.

Jeder Anasi erzeugte unbewusst ein schwaches psychisches Feld. Wer sich in seiner Nähe befand, gewann beinahe automatisch den Eindruck, dass dieser Anasi vernünftige Argumente vorbrachte. Dass seine Einschätzung richtig war. Dass es sinnvoll erschien, ihm zu folgen.

Bei anderen Spezies war dieser Effekt spürbar.

Bei Artgenossen war er überwältigend.

Nicht jeder Anasi besaß dieselbe Stärke. Manche wurden mit einem außergewöhnlich schwachen Feld geboren, andere mit einer Ausstrahlung, der sich kaum jemand entziehen konnte.

Und mit jedem Lebensjahr nahm diese Kraft weiter zu.

Die Folge war eine Gesellschaft, deren Hierarchien sich beinahe von selbst bildeten.

Die Ältesten waren meist zugleich die Überzeugendsten.

Die Überzeugendsten wurden fast immer die Mächtigsten.

Niemand hatte dieses System geplant.

Es war das Ergebnis ihrer Evolution.

Auch die Fortpflanzung folgte diesen Gesetzen.

Die Weibchen nutzten ihre eigene psychische Ausstrahlung, um möglichst starke Männchen an sich zu binden. Die erfolgreichsten Bullen sammelten Harems aus zahlreichen Kühen, doch darin lag eine ständige Gefahr.

Zu schwache Weibchen bedeuteten schwachen Nachwuchs.

Zu starke bedeuteten den Verlust der Kontrolle.

Ein Bulle musste seine Stellung ständig behaupten. Waren seine Partnerinnen gemeinsam psychisch stärker als er selbst, bestimmten bald sie sein Leben.

Viele wohlhabende oder politisch mächtige Bullen gerieten genau in diese Falle.

Sie besaßen mehr Kühe, als sie tatsächlich führen konnten.

Ihr Alltag bestand schließlich fast ausschließlich daraus, dafür zu sorgen, dass möglichst alle Weibchen entweder trächtig waren oder ihre Jungen säugten. Nur dann ließ der Druck des Harems für kurze Zeit nach.

Auf ihrem Heimatplaneten hatte dieses Verhalten hervorragend funktioniert.

Raubtiere wagten selten einen Angriff auf eine ausgewachsene Herde.

Ein aufrecht stehendes Tier von mehreren Tonnen Gewicht war bereits furchteinflößend genug.

Wenn seine Drohgebärden zusätzlich durch eine psychische Präsenz verstärkt wurden, die den Gegner instinktiv an seiner eigenen Überlegenheit zweifeln ließ, verzichteten selbst große Räuber meist auf den Angriff.

Nur Kranke, Alte oder einzelne Jungtiere wurden gelegentlich zur Beute.

Dann entwickelte sich Intelligenz.

Von diesem Augenblick an verloren die Raubtiere ihren letzten Vorteil.

Die Anasi lernten, ihre psychischen Fähigkeiten bewusst einzusetzen.

Sie beeinflussten Tiere gezielt.

Sie machten sie gefügig.

Sie ließen sie für sich arbeiten.

Bald unterteilten sie alles Leben ihres Planeten nur noch in zwei Kategorien.

Lebewesen, die sich beherrschen und nutzen ließen.

Und Lebewesen, bei denen das nicht funktionierte.

Die zweite Gruppe verschwand.

Jede Art, die Nahrung konkurrierte, Jagd auf Anasi machte oder auch nur ein ernsthaftes Risiko darstellte, wurde systematisch ausgerottet.

Nicht aus Grausamkeit.

Sondern weil sie keinen Nutzen besaß.

Werkzeuge erfanden die Anasi selbst.

Benutzen mussten sie sie selten.

Dafür erschufen sie andere Hände.

Anfangs waren es lediglich besonders gelehrige Tiere, die einfache Tätigkeiten verrichteten.

Mit jeder Generation wurden diese Tiere intelligenter, geschickter und besser an ihre Aufgaben angepasst.

Aus Zucht wurde Wissenschaft.

Aus Wissenschaft wurde Genetik.

Schließlich erschufen die Anasi ganze Arten ausschließlich für bestimmte Arbeiten.

Sie selbst planten.

Andere bauten.

Andere bedienten die Maschinen.

Andere führten ihre Befehle aus.

Als sie schließlich die Raumfahrt entwickelten, war diese Arbeitsteilung längst zum Fundament ihrer gesamten Zivilisation geworden.

Damals beherrschten noch die Alten die Galaxis.

Die erste intelligente Spezies, die jemals zwischen den Sternen entstanden war.

Sie lebten ausschließlich im galaktischen Kern.

Jede junge Raumfahrernation erhielt irgendwann Besuch von ihnen.

Auch die Anasi.

Die Alten übergaben ihnen das Wissen über Überlichtantriebe, erklärten einige wenige unumstößliche Gesetze und kehrten anschließend wieder in ihr unerreichbares Reich zurück.

Sie verlangten keinen Tribut.

Keine Unterwerfung.

Nur die Einhaltung weniger Regeln.

Vor allem durfte keine intelligente Spezies gewaltsam erobert oder durch überlegene Fähigkeiten versklavt werden.

Für die Alten gehörte auch die psychische Beeinflussung der Anasi eindeutig zu diesen verbotenen Mitteln.

Damit begann ein Problem, das die Anasi über Jahrtausende begleiten sollte.

Sie hassten künstliche Umgebungen.

Je weiter sie sich von einem Planeten entfernten, auf dem sie ohne große technische Hilfe leben konnten, desto stärker wuchs ihr Unbehagen.

Für manche war selbst ein großes Raumschiff kaum auszuhalten.

Fast die Hälfte ihrer Bevölkerung empfand den Aufenthalt fern jeder bewohnbaren Welt als nahezu unerträglich.

Diese Eigenart war in der Galaxis keineswegs einzigartig.

Viele Spezies litten unter ähnlichen Instinkten.

Doch nur wenige so stark wie die Anasi.

Gleichzeitig wuchs ihre Bevölkerung unaufhörlich.

Ihre Biologie verlangte möglichst viele Nachkommen.

Jede freie Fläche ihres Heimatsystems wurde genutzt.

Jeder Mond.

Jeder geeignete Planet.

Jeder Asteroid.

Doch lebensfreundliche Welten waren selten.

Noch seltener waren solche ohne intelligente Bewohner.

So blieb ihr Reich über viele Jahrtausende klein.

Drei vollständig besiedelte Sternensysteme.

Einige wenige Außenposten auf unwirtlichen Welten. Welten auf denen Anasi nur befristeten Dienst taten um dann abgelöst zu werden. Dies war fast nur zum Zweck der Ressourcen Gewinnung.

Mehr erlaubte weder ihre Psychologie noch das Gesetz der Alten.

Über fünftausend Jahre lang änderte sich daran wenig.

Dann verschwand plötzlich die älteste Macht der Galaxis.

Niemand wusste warum.

Zwischen fünfzigtausend und fünfhundert fünfzigtausend Jahren vor der Gegenwart verstummten die Alten.

Nachrichten blieben unbeantwortet.

Expeditionen in den galaktischen Kern kehrten nie zurück.

Allerdings war auch das nichts Neues.

Schon immer war jeder verschwunden, der unerlaubt in das Gebiet der Alten eindrang.

Ob sie noch existierten oder längst ausgelöscht waren, wusste niemand.

Jahrtausende vergingen.

Schließlich wagten die Anasi den ersten Schritt.

Sie eroberten eine Nachbarzivilisation.

Nicht als Einzige.

Überall in der Galaxis prüften junge Mächte vorsichtig, ob die alten Gesetze noch galten.

Nichts geschah.

Keine Strafe.

Keine Warnung.

Keine Rückkehr der Alten.

Innerhalb weniger Jahrhunderte zerfiel die politische Ordnung der gesamten Galaxis.

Imperien entstanden.

Föderationen bildeten sich.

Allianzen wurden geschlossen und wieder verraten.

Manche Herrscher glaubten, die rechtmäßigen Erben der Alten zu sein.

Andere wollten lediglich ihre Nachbarn beherrschen.

Wieder andere versuchten verzweifelt, sich aus allen Konflikten herauszuhalten.

Nur wenigen gelang das.

Die Anasi gehörten zu den Erfolgreichsten.

Ihre Flotten waren stark.

Ihre Industrie mächtig.

Vor allem aber machten ihre psychischen Fähigkeiten jede Eroberung dauerhaft.

Viele unterworfene Völker verehrten ihre neuen Herren schließlich nicht nur als Herrscher.

Sondern als lebende Götter.

Ihr Reich breitete sich immer weiter aus.

Bis nach innen, näher zum galaktischen Kern, andere Mächte auftauchten, gegen die selbst die Anasi nicht mehr gewinnen konnten.

Dort war die Technik älter.

Die Wirtschaft stärker.

Die Flotten größer.

Außerdem funktionierte der Überlichtantrieb in Kernnähe erheblich effizienter. Jeder Sprung benötigte weniger Energie und überbrückte größere Entfernungen.

Für diese Reiche waren die Anasi zu weit entfernt, um eine Eroberung zu lohnen.

Für die Anasi waren jene Reiche zu mächtig, um sie herauszufordern.

Eine stabile Grenze entstand.

Daraufhin dehnten sich die Anasi seitlich entlang ihres Spiralarmes aus.

Auch dort stießen sie schließlich auf ein Reich.

Eine Macht ähnlicher Größe.

Entstanden aus denselben Wirren nach dem Verschwinden der Alten.

Auch dieses Reich war auf seinem Vormarsch zum galaktischen Kern gestoppt worden und hatte sich stattdessen entlang des Spiralarmes ausgedehnt.

Die Rasse, die dieses Reich aufgebaut hatte hieß Jadarif.

Beide Reiche waren sich erstaunlich ebenbürtig.

Alles sprach für einen langen, blutigen Krieg.

Die Anasi hätten eigentlich einen entscheidenden Vorteil besitzen müssen.

Ihre psychische Dominanz hatte schon zahllose Völker gebrochen.

Doch die Jadarif besaßen etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Auch sie verfügten über eine psychische Gabe.

Und sie war den Fähigkeiten der Anasi erschreckend ähnlich.

Hätte ein Mensch einen Anasi und einen Jadarif nebeneinander gesehen, wäre ihm sofort aufgefallen, dass beide Völker unterschiedlicher kaum hätten entstehen können.

Nicht nur ihr Aussehen trennte sie.

Auch ihre Geschichte.

Ihre Instinkte.

Ihre Vorstellung davon, wie eine Gesellschaft funktionieren sollte.

Wo die Anasi aus Pflanzenfressern hervorgegangen waren, deren größte Stärke im Zusammenhalt einer Herde gelegen hatte, entsprangen die Jadarif einer langen Reihe von Raubtieren.

Sie waren Jäger gewesen.

Nicht Einzelgänger, sondern Rudeljäger.

Über viele Millionen Jahre hatte ihre Evolution sie langsam vom reinen Fleischfresser zu einem Allesfresser gemacht. Pflanzen ergänzten ihre Nahrung, ohne jemals die Jagd zu ersetzen. Beides gehörte zu ihnen.

Ein Mensch hätte in ihrem Gesicht vielleicht etwas von einem Hund oder einem Fuchs erkannt.

Doch die Ähnlichkeit blieb oberflächlich.

Sie besaßen weder lange Schnauzen noch hängende Ohren oder ein dichtes Fell. Nur bestimmte Proportionen des Schädels, die Form ihrer Augen und manche Mimik erinnerten entfernt an irdische Kaniden.

Der Rest war unverwechselbar jadarisch.

Ihre Heimatwelt unterschied sich ebenso deutlich von der der Anasi.

Mit nur sieben Zehntel der Erdschwerkraft war sie eine leichte Welt. Dort wuchsen Pflanzen hoch empor, Wälder erreichten Höhen, die auf dem Planeten der Anasi niemals möglich gewesen wären, und selbst große Tiere bewegten sich mit einer Leichtigkeit, die den Bewohnern der schweren Welt fremd geblieben wäre.

Die Rotationsachse war leicht geneigt.

Jahreszeiten existierten.

Nicht extrem.

Aber deutlich genug, um den Rhythmus des Lebens zu bestimmen.

Ausgewachsene Jadarif überragten die meisten Menschen.

Mehr als zwei Meter Körpergröße waren normal.

Trotzdem wirkten sie schlank.

Lange Beine und ein aufrechter Gang verliehen ihnen eine Eleganz, die den massigen Anasi völlig fehlte.

Von dem dichten Fell ihrer Vorfahren war kaum etwas geblieben.

Lediglich eine prächtige Mähne zog sich von der Stirn über den Kopf und Nacken bis auf den oberen Rücken. Bei den Männern ging sie fließend in einen kräftigen Bart über, der oft als Zeichen des Alters und der Würde gepflegt wurde.

Ein langer Schwanz sorgte für Gleichgewicht.

Bei den Frauen war er deutlich buschiger als bei den Männern und galt vielerorts als Ausdruck besonderer Schönheit.

Auch sie besaßen eine psychische Begabung.

Doch sie war das genaue Gegenteil jener der Anasi.

Ein Jadarif zwang niemandem seinen Willen auf.

Er überzeugte nicht davon, Recht zu haben.

Seine Gabe bestand darin, anderen das tiefe Gefühl zu vermitteln, dass sie in seiner Nähe sicher waren.

Dass dieser große Fremde sie beschützen würde.

Dass man ihm vertrauen konnte.

Wie jede natürliche psychische Fähigkeit hatte auch diese zunächst nur dem Überleben gedient.

Ein Rudel funktionierte besser, wenn jedes Mitglied den Anführer instinktiv als Beschützer wahrnahm.

Mit wachsender Intelligenz lernten die Jadarif, diese Gabe bewusst einzusetzen.

Nicht gegeneinander.

Sondern gegenüber ihren Beutetieren.

Sie begannen, Herden zu halten.

Aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters wirkte dieses Verhältnis beinahe widersinnig.

Die Tiere folgten freiwillig den Raubtieren, die sie später fraßen.

Doch aus Sicht der Herden war der Tausch sinnvoll.

Unter dem Schutz der Jadarif überlebten weit mehr Tiere als ohne sie. Andere Raubtiere wurden ferngehalten, Krankheiten bekämpft und Wasserstellen verteidigt.

Dafür akzeptierte die Herde, dass regelmäßig einige ihrer Mitglieder geopfert wurden.

Die Jadarif waren zugleich Schäfer und Wolf.

Beschützer und Besitzer.

Als ihre Werkzeuge besser wurden und der Ackerbau langsam entstand, ergänzten sie ihre Ernährung zunehmend durch Pflanzen.

Milch, Käse und andere tierische Erzeugnisse kamen hinzu.

Die Jagd blieb wichtig.

Aber sie war längst nicht mehr ihre einzige Lebensgrundlage.

Mit den ersten Städten begannen auch die ersten Kriege.

Nicht um Beute.

Sondern um Land.

Um Weiden.

Um Herden.

Die Kämpfe unterschieden sich jedoch in einem Punkt grundlegend von denen der Anasi.

Die Jadarif vernichteten die Raubtiere ihrer Welt nicht.

Zumindest nicht absichtlich.

Im Gegenteil.

Schon kurz nach Beginn ihrer Metallzeit begannen sie damit, die gefährlichsten Raubtiere systematisch zu erhalten.

Nicht aus Mitgefühl.

Nicht aus Naturschutz.

Sondern weil diese Tiere eine Delikatesse waren.

Das Fleisch eines mächtigen Räubers galt als weit kostbarer als das jedes Pflanzenfressers.

Gleichzeitig entwickelte sich ihre Jagd zu einem kulturellen Ideal.

Wer ein gefährliches Raubtier erlegte, bewies Mut, Geschick und Selbstbeherrschung.

Große Jagden wurden gefeiert wie auf anderen Welten militärische Siege.

Als die Alten die Jadarif kontaktierten, lag deren Entwicklung kaum fünfhundert Jahre vor ihrem eigenen Verschwinden.

Für galaktische Maßstäbe war das kaum mehr als ein Augenblick.

Doch die kurze gemeinsame Zeit genügte.

Die Alten übergaben auch ihnen das Wissen über die Sterne.

Und die Jadarif machten sofort Gebrauch davon.

Sie litten weit weniger unter der Leere zwischen den Welten als die Anasi.

Schon damals konnten einzelne Jadarif dauerhaft auf Raumstationen oder Bergbauanlagen leben, obwohl sich dort kein lebensfreundlicher Planet in der Nähe befand.

Es war nur ein kleiner Teil ihrer Bevölkerung.

Etwa ein Prozent.

Doch diese Menschen – oder vielmehr diese Jadarif – bekamen Kinder.

Und deren Kinder erbten häufig dieselbe Gelassenheit gegenüber der Künstlichkeit des Weltraums.

Über viele Jahrtausende stieg dieser Anteil immer weiter an.

In der Gegenwart lebte bereits etwa jeder Fünfte problemlos dauerhaft fern jeder bewohnbaren Welt.

Dieser Unterschied veränderte das Schicksal eines ganzen Reiches.

Bereits unter der Herrschaft der Alten hatten die Jadarif eine ungewöhnlich große Flotte aufgebaut.

Nicht für Eroberungen.

Sondern für Schutz.

Piraten hatte es schon immer gegeben.

Banditen ebenso.

Die Gesetze der Alten griffen nicht überall.

Kleine Gruppen von Gesetzlosen bedrohten regelmäßig Handelsschiffe und abgelegene Kolonien.

Viele friedliche Völker zahlten deshalb bereitwillig für Sicherheit.

Die Jadarif nahmen diese Aufgabe mit Begeisterung an.

Ihr angeborener Beschützerinstinkt machte aus ihnen hervorragende Wächter.

Der Wohlstand ihres Volkes wuchs.

Nicht durch Krieg.

Sondern durch Verträge.

Als die Alten verschwanden, änderte sich zunächst erstaunlich wenig.

Die Schutzverträge blieben bestehen.

Nur fehlte nun die höchste Autorität.

Aus Vertragspartnern wurden allmählich Vasallen.

Nicht durch Gewalt.

Sondern weil Schutz Verpflichtungen schuf.

Mit jeder neuen Generation entstand aus zahllosen Bündnissen langsam ein Reich.

Die Völker innerhalb dieses Reiches wurden nicht versklavt.

Niemand zwang sie zu blindem Gehorsam.

Doch jeder kannte seinen Platz.

Die Bedeutung einer Spezies richtete sich danach, welchen Nutzen sie für das Ganze besaß.

Manche galten als hervorragende Ingenieure.

Andere stellten ausgezeichnete Verwaltungsbeamte.

Wieder andere dienten bevorzugt als Soldaten, Wissenschaftler oder Handwerker.

So entstand eine Gesellschaft, deren Klassen durch die Art selbst bestimmt wurde.

Jede Spezies besaß ihren Platz.

Manche standen hoch.

Andere niedrig.

Veränderungen waren selten.

Nicht unmöglich.

Aber selten genug, dass sie über Generationen hinweg kaum ins Gewicht fielen.

Die psychische Gabe der Jadarif erleichterte dieses System erheblich.

Andere Völker spürten instinktiv, dass die Jadarif tatsächlich den Wunsch hatten, sie zu beschützen.

Nicht aus Berechnung.

Sondern weil dieser Wunsch tief in ihrer Natur lag.

Natürlich bedeutete das nicht, dass alle Entscheidungen gerecht waren.

Auch Beschützer konnten bevormunden.

Auch Fürsorge konnte Freiheit einschränken.

Doch verglichen mit den Reichen der Anasi erschien vielen Völkern dieses System wie ein Paradies.

Die Expansion verlief gleichmäßig.

Wo die Jadarif auf stärkere Mächte näher am galaktischen Kern trafen, akzeptierten sie deren Überlegenheit.

Sie befestigten ihre Grenzen.

Dann wandten sie sich einfach anderen Richtungen zu.

Erst als sich ihre Expansion jener der Anasi näherte, änderte sich das Tempo.

Grenzvölker, die vom Reich der Anasi bedroht wurden, baten freiwillig um Aufnahme unter den Schutz der Jadarif.

Immer mehr Systeme schlossen sich ihnen an.

Nicht aus Liebe.

Sondern aus Angst.

Zwischen beiden Mächten blieb schließlich kein freier Raum mehr.

Vor fünfundzwanzigtausend Jahren trafen ihre Grenzen erstmals aufeinander.

Seit diesem Tag verlief eine Frontlinie quer durch den Spiralarm der Galaxis.

Mal gewannen die Anasi einige Systeme.

Mal die Jadarif.

Doch keine Seite errang jemals einen entscheidenden Vorteil.

Die Grenze bewegte sich.

Langsam.

Fast träge.

Große Offensiven blieben selten.

Über neunundneunzig Prozent der Zeit herrschte ein Zustand, der weder Frieden noch wirklicher Krieg war.

Ein ständiges Ringen.

Scharmützel.

Grenzüberfälle.

Aufklärung.

Spionage.

Und immer neue Befestigungen.

Je weiter sich beide Reiche vom galaktischen Kern entfernten, desto deutlicher zeigte sich jedoch ein Vorteil der Jadarif.

Die Überlichtantriebe arbeiteten dort immer schlechter.

Jeder Sprung kostete mehr Energie und führte über kürzere Entfernungen.

Zugleich wurden lebensfreundliche Planeten seltener.

Für die Anasi war das eine doppelte Katastrophe.

Ihre Schiffe mussten länger unterwegs sein.

Und ihre Besatzungen litten zunehmend unter der Entfernung zu natürlichen Welten.

Den Jadarif machte beides weit weniger aus.

Sie konnten Raumstationen dauerhaft besiedeln.

Sie konnten Versorgungsketten aufrechterhalten, an denen Anasi früher oder später psychisch zerbrachen.

So beherrschten die Jadarif den äußeren Teil des Spiralarmes nahezu vollständig.

Nicht weil ihre Flotten stärker gewesen wären.

Sondern weil ihre eigene Natur sie befähigte, dort zu leben, wo die Anasi nur für begrenzte Zeit überleben konnten.

Seit fünfundzwanzigtausend Jahren standen sich beide Reiche gegenüber.

Zwei Völker.

Zwei psychische Gaben.

Zwei völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie Ordnung geschaffen werden sollte.

Die einen glaubten, dass die Stärksten führen mussten.

Die anderen, dass die Stärksten beschützen sollten.

Beide hielten sich für unverzichtbar.

Beide waren überzeugt, das bessere Reich geschaffen zu haben.

Und keiner von beiden ahnte, dass am äußersten Rand der Galaxis längst eine junge Spezies heranwuchs, die keines ihrer alten Gesetze jemals kennengelernt hatte.

Natürlich spreche ich nun von den Menschen. Eine Spezies, die als die Alten verschwanden noch kaum sich zu Homo Sapiens entwickelt hatten und ihre Welt noch mit anderen Hominiden teilten.

Auf einem Planeten, der so weit vom Kern der Galaxis entfernt war, das kein Schiff der Anasi oder Jadarif auch nur entfernt in seine Nähe gekommen war.

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u/Braindead_sloth — 19 hours ago