Nur mal von der Seele schreiben... (und ein Problem)
Ich weiß jetzt gar nicht so recht wie ich anfangen soll.
Ich komme aus einer bayerischen Stadt und bin 1974 geboren.
Ich bin das Nesthäkchen von drei Geschwistern – meine beiden Brüder sind sieben bzw. zehn Jahre älter als ich. Meine Eltern haben mich nie geplant, ich war ein Unfall – was auch den großen Altersunterschied erklärt. Nach zwei Jungs wollten meine Eltern eigentlich ein Mädchen. Ich sollte Verena heißen – naja, hat ja auch irgendwie geklappt … fast.
Mein Vater hat mich lange nicht wirklich akzeptiert, weil er dachte, ich sei ein Kuckuckskind. Kaum wurde ich geboren, hat er auch wieder angefangen zu trinken.
Mit vier Jahren fing ich plötzlich an zu stottern. Vorher hatte ich wie ein Wasserfall geredet – und auf einmal kam kein Wort mehr heraus. Was das genau ausgelöst hat, weiß ich bis heute nicht, rückblickend betrachtet vermutlich das ADHS. Jedenfalls führte meine Sprachstörung, aber auch „Verhaltensauffälligkeiten“ wie Schüchternheit zu vielen Arztbesuchen und sogar zu Klinikaufenthalten. Während andere Kinder in der Kita waren, war ich Stammgast im Krankenhaus. Die ersten zwei Schuljahre verbrachte ich auf einer Sprachheilschule.
Ich war ein introvertiertes, aber körperlich aktives Kind. Ich war viel draußen, immer in Bewegung, aber gedanklich oft in meiner eigenen Welt. Still sitzen konnte ich in der Schule zwar – aber irgendwann wurde ich unruhig, gelangweilt und fing an, Dinge zu zerlegen, mit meinen Fingern zu spielen, auf Entdeckungsreise durchs Klassenzimmer zu gehen oder mich komplett aus der Situation rauszudenken.
Mein Vater hatte ein Alkoholproblem. Meistens war er nur verbal aggressiv, aber es war schlimm genug. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich bis heute kaum Alkohol trinke. Irgendwann schaffte er aber tatsächlich den Absprung – nach zwei Aufenthalten auf der Intensivstation. Danach hatte er nie wieder einen Tropfen angerührt.
Ich fühlte mich bereits vor Grundschule in der Jungenrolle fremd und unpassend - ohne genau zu wissen warum - ich fühlte mich als etwas "dazwischen". Ich wusste, ich bin kein Mädchen, mochte auch keine Puppen, aber das Verhalten der Jungen war mir auch völlig fremd... Ich wusste zu dem Zeitpunkt nur, das ich nie wie ein Junge sein würde und wolle. Im Gegenteil, deren Verhalten verstörte mich. Ich glaube das ist (neben dem ADHS) auch einer der Gründe für das Außenseitertum. Sport beschränkte sich auf eher geschlechtsneutrale Sportarten wie Radfahren, und war in einem Jodo- und Volleyballverein.
In der Grundschule schlich ich mich manchmal unter einem Vorwand aus dem Unterricht und zog die Klamotten und Schuhe der Mitschülerinnen an. Ich hatte panische Angst das man mich erwischt.
Auch ging es schon damals los das ich mich für meinen Körper schämte. Zum Sport hatte ich schon immer die Sportklamotten drunter, ich wollte mich nicht in der Umkleide umziehen müssen.
Je älter ich wurde, desto weniger Freunde hatte ich. Ich wurde immer introvertierter. Spätestens mit der Pubertät (der anderen) fing das Mobbing an. Es wurde jedes Jahr schlimmer. Ich war das perfekte Opfer, konnte mich nicht wehren. Ich war kleiner, schmächtiger und hatte ein bereits angeknackstes Selbstvertrauen. Irgendwann habe ich aufgegeben. Die Schule wurde zur Hölle. Psychischer und physischer Terror waren Alltag. Dieses Gefühl, täglich innerlich abschalten zu müssen um den Schulalltag irgendwie zu überleben, das werde ich nie vergessen. Ich rutschte das erste mal in starke Depressionen. Auch Masking, das ich schon früh im Elternhaus begann, half kaum, ich war einfach sonderlich.
Beim Sport blieb ich bei der Teambildung immer übrig. Beim Fußball stellte man mich ins Tor. Dort war ich nicht nur von den Spielern ausgesondert, sondern bekam auch die Wut der anderen Kinder zu spüren wenn ich mal einen Ball nicht hielt. Wie praktisch für die.
An vieles dieser Zeit kann und will ich mich nicht mehr erinnern. Es ist nur noch eine dunkle Wand voll Angst, Scham, Hoffnungslosigkeit und Schmerz übrig. Starke Depresionen kamen.
In der siebten bis neunten Klasse war das Mobbing am schlimmsten. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Lehrer so fertig war, dass er vor der Klasse weinte. Aber das war meinen Mitschülern egal. Mir tat er leid – aber ich konnte ihm nicht helfen, ich war ja selbst mitten im Mobbingstrudel gefangen.
Es wundert mich nicht, dass aus meiner Klasse später zwei Mörder hervorgingen. Ein ehemaliger Mitschüler hat mit 17 einen geistig behinderten Mann mit 17 Messerstichen erstochen und ausgeraubt – um seine Spielsucht zu finanzieren. Ich war damals zufällig ungefähr zu der Zeit in der Wohnung des Opfers gewesen und wurde deshalb von der Polizei verhört, mit allem was dazu gehört. Dann gab es noch eine, ebenfalls aus meiner Klasse und eine Nachbarin aus dem Nebenhaus. Sie wurde später als Giftmörderin deutschlandweit bekannt, weil sie zusammen mit ihrem Geliebten ihren Mann ermordet hat. Fast wären sie damit durchgekommen.
Ich kam erst sehr spät in die Pubertät (um die 15) und irgendwie auch nur halb, Bartwuchs z.b. fiel ganz aus. Das machte die Sache nicht leichter. Ich bekam auch über Jahre hinweg starke Akne, was das Mobbing verschlimmerte.
Das Mobbing bezog sich auch darauf das ich noch keine Freundin hatte. Ich war so schüchtern dass ich meine erste Freundin nur im Dunkeln Küssen mochte. Ich wollte nicht vor den anderen küssen. Ich schämte mich vor den anderen. Ich war hin und her gerissen. Eigentlich wollte ich, andererseits gar nicht, ich schämte mich für mich. Ich wollte, aber nicht so. Mehr als ein paar bussis im Dunkeln waren nicht drin. Ich konnte einfach nicht. Masking hin oder her, aber das war einfach zuviel für mich. Ich wusste sie würden mich dabei genau beobachten, hatte Angst etwas falsch zu machen oder gar aufzufliegen, das ich „nur eine Rolle“ spiele. Beweg dich wie ein Junge. Red wie ein Junge. Interessier dich für den Jungs-Blödsinn. Perform eine heterosexuelle Beziehung vor Zuschauern.“ Es war Zuviel für mich. Ich habe somit die Beziehung aufgegeben ehe sie richtig begann.
In der neunten Klasse habe ich so viel geschwänzt, dass ich aus Angst und Resignation nicht zur Abschlussprüfung hingegangen bin. Ich war komplett orientierungslos. Danach holte ich den Abschluss nach – kleinere Klasse, andere Schüler und gezielter Unterricht halfen enorm.
Nach dem nachgeholten Abschluss fing ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Autohaus an. Aber auch dort war das alte Problem wieder da: Ich konnte mich nicht konzentrieren und war für die anderen weird, weil nicht typisch Mann. Und so kam auch das Mobbing zurück – diesmal waren es die Mechaniker, die mich als Ventil für ihren Frust über unbezahlte Überstunden nutzten. Sie wurden auch körperlich aggressiv. Nach zwei Jahren hielt ich das nicht mehr aus und brach die Ausbildung ab. Mein Selbstvertrauen war auf einem Tiefpunkt und Depressionen kamen zurück.
1995 wurde ich zur Bundeswehr eingezogen. Dieses Jahr war die absolute Hölle. Von Tag 1 an war ich das Mobbingziel. Ich hatte ständig Suizidgedanken.
Ich fand mich weird, dachte mir, das kann doch kein Zufall sein, das ich überall, wo ich in Gruppen gesteckt werde, das Opfer bin. Auch wollte ich nicht mit den Jungs duschen, ich schämte mich für mich und versuchte alles irgendwie alleine mit mir aus zu machen und Zeiten fürs duschen zu nehmen, in denen keiner mehr ist.
Warum ich nicht verweigerte? Ich hatte keine Kraft mehr, und es war der letzte Versuch mich selbst „umzuerziehen“, was kläglich scheiterte. Noch wärend dieser schlimmen Zeit 1995 gab es für mich endlich die Möglichkeit mich schlau zu machen, ich war zu dem Zeitpunkt 20 jahre alt. Damals noch im „Gendernet“, das war noch zu Mailbox- und FIDO-Zeiten. Das Internet war da damals noch eher ein „Wölkchen“. Dann ging alles ganz schnell. Ich lernte gleichgesinnte kennen, traf sie, war auf Tagungen und machte Termine mit Gutachtern aus. Damals brauchte man ja noch 2 unabhängige Gutachten und einen Termin vor Gericht um den Vornamen ändern zu können. Weitere Gutachten für die OP und ein Gutachten für die Personenstandsänderung. Verbunden mit vielen Gesprächsterminen brauchte ich alleine für die Vornamensänderung viele Monate. Damals war u.a. mein Gutachter Prof. Pfäfflin, eine Koryphäe auf dem Gebiet.
Achja mein Mobbing lief erstaunlich unspektakulär. Meine Mutter hatte von Anfang an Verständnis und unterstützte mich. Sie dachte sich das eh schon, weil sie natürlich merkte, das ich „weicher“, kleiner, zierlicher als typische Jungs war. Das dachten sich auch meine Verwandten. Diese legten sogar Geld zusammen für eine Nasenkorrektur weil ich meine Nase als zu groß empfand. Das rührt mich bis heute. Nur mein Vater konnte sich sehr lange mit der Situation absolut nicht anfreunden, warf mir aber auch keine Steine in den Weg. Meine Brüder waren neugierig, aber auch sie akzeptierten mich problemlos.
Spätestens mit dem „Alltagstest“ (gibts den überhaupt noch?) 1996 hörte das Mobbing weitgehend auf. Man war ich nervös als ich das erste mal als „Sandra“ durch die Welt spazierte. Schon von der ersten Minute an merkte keiner was und ich machte mir umsonst Sorgen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Wärend der Begutachtung machte ich einen Bluttest beim Max-Plank-Institut in München. Da merkte man, das ich einen zu hohen Östrogenspiegel habe und man warf mir vor schon mit der HRT begonnen zu haben, was ich vehement bestritt. Wegen u.a. fehlendem Bartwuchs und einer erst bei der OP festgestellten missgebildeten Prostata (ich war ja vorher schon infertil) hegt man inzwischen die Vermutung das ich eine so genannte „milde Androgenresistenz“ (MAIS) in Verbindung mit aromatisierung habe. Damals in den 90ern war das Feld noch Neuland.
Vielleicht erklärt das meine Probleme mit der Geschlechtsidentität.
1997 zog ich aus meinem Elternhaus aus und mit meinem Freund zusammen. 1998 war endlich die OP bei der bekanntesten deutschen Ärztin auf dem Gebiet: Frau. Dr. Spehr.
2000 zog ich allerdings nach Hamburg, ich wollte einen Neuanfang. Ebenso in dieser Zeit fand ich meine Partnerin, mit der ich bis heute zusammen bin.
Apropos: Da wären wir nun bei einem meiner großen Probleme gelandet.
Das Leben als Transgender ist und war schon immer schwieriger als die der CIS-Frauen. Mein Leben ist auf Lügen aufgebaut und droht zusammenzubrechen. Meine Partnerin weiß bis heute nicht über meine Vergangenheit bescheid. Das ansich habe ich so für mich akzeptieren können, aber leider holt mich die Vergangenheit ein. Ich bräuchte dringend eine Nach-OP, die nach bald 30 Jahren einfach fällig ist weil ich medizinische Probleme bekomme. Ich habe so gar keine Ahnung was ich ihr da vorlügen soll - oder will. Ich habe bald keine Kraft mehr weiter zu lügen. Ich weiß nicht wie ich Ihr sagen soll das ich für 1-2 Wochen nach München muss um operiert zu werden. Natürlich würde sie fragen stellen, weshalb, wieso, warum - und ich habe keine Antwort. Jedenfalls keine die sie hören wollen würde.
Wenn ich ihr die ganze Wahrheit sage, mit wem sie die letzten 26 Jahre zusammenlebte, weiß ich nicht wie sie reagieren würde. Kurzfristig würde sie es vielleicht verdauen, mittel und langfristig wäre wohl die Beziehung zuende.
Und was ich noch loswerden wollte, weil es mich schon so lange begleitet:
Manchmal kommen mir Gedanken wie „wieso hast Du Dich nicht schon als Kind geoutet“. Dann denke ich aber daran, das ich ein Kind der 80er und frühen 90er bin.
Damals wurde versucht, das Verhalten des Transgenderkindes zu brechen. Einem biologischen Jungen, der Kleider tragen oder mit Puppen spielen wollte, wurde dieses Verhalten strengstens verboten. Therapeuten forderten Eltern auf, „männliches“ Verhalten zu belohnen (z. B. durch Lob oder Geschenke bei Sport und Raufen) und „weibliches“ Verhalten zu bestrafen oder komplett zu ignorieren. Und wenn ein Kind weiter darauf bestand, im falschen Körper zu stecken, wurde es nicht selten für Monate in die geschlossene Kinder- und Jugendpsychiatrie eingewiesen. Dort sollte der „Wahn“, wie es oft genannt wurde, therapiert werden.
Einen Vorgeschmack bekam ich ja schon mit 4-5 Jahren 1979-1980 in der Klinik als ich neben dem stottern wegen Verhaltensauffälligkeiten und ausgeprägtem Ausweichverhalten in Gruppen (bei dem ich mich isolierte und versteckte) "therapiert" wurde.
Ich wusste all das zwar nicht, ahnte es aber und ich wusste das mein Empfinden falsch sei. Ich wusste, es ist besser dies für mich zu behalten. Es gab kein Internet, keine Foren, ja noch nicht mal Zeitungsartikel über Transgenderkinder. Wenn überhaupt von erwachsenen Transgendern. Abgesehen davon das meine Mutter mit meinem Vater schon genug zu tun hatte.
Es macht mich unendlich traurig das ich nicht in diesen heutigen großartigen Zeiten groß geworden bin. Mein Leben wäre komplett anders verlaufen. Zumindest meine Kindheit und Jugend. Ich hatte glück das ich mit 20 diesen Weg ging, und nicht erst mit 30, 40, 50. Dennoch hat man mir meine Kindheit geraubt.
Ha, dabei erinnere ich mich, wie ich bereits im einstelligen Alter kleine Zettelchen schrieb wo drauf stand „ich bin ein Mädchen“, und dann in kleinste Ritzen von Tischen und Stühlen stopfte. Es war meine Art des Ventils, mein Leid nach Außen zu tragen…. Ich hatte ja niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.
Es gab Phasen, da habe ich funktioniert. Andere, da bin ich fast zerbrochen. Und dann gab es die kleinen Lichtblicke: Menschen, die mich so akzeptierten wie ich bin. Orte, an denen ich durchatmen konnte. Erkenntnisse, die mir das Gefühl gaben, nicht ganz verloren zu sein.
Die Zeit heilt Wunden, doch die Narben bleiben. Viele davon sitzen tief und tun oft weh. Aber ich lebe. Ich funktioniere – manchmal mehr, manchmal weniger. Ich habe gelernt, mit meinen Schwächen zu leben, und ich arbeite weiter daran, besser auf mich aufzupassen.
Transidentität und ADHS haben mir mit meinen Erlebnissen eine soziale Phobie und wiederkehrende Depressionen beschehrt. Aber mich auch stark gemacht - auf die eine oder andere Art.