u/EinsSechsEins

Hausbesetzung in Potsdam: „Wir wollen die Wohnkrise entschärfen“ – CDU fordert Räumung
▲ 132 r/Potsdam

Hausbesetzung in Potsdam: „Wir wollen die Wohnkrise entschärfen“ – CDU fordert Räumung

Hausbesetzung in Potsdam: „Wir wollen die Wohnkrise entschärfen“ – CDU fordert Räumung

Auf Hermannswerder wurde am Freitag eine kommunale Immobilie besetzt. Die Aktivisten wollen darin wohnen und fordern: „Die Häuser denen, die sie brauchen.“ CDU zeigt sich empört.

Eine Gruppe von etwa sieben bis acht Personen hat am Freitagnachmittag (15.5.) ein leerstehendes Gebäude auf der Insel Hermannswerder besetzt. Rund 50 Unterstützende stehen vor dem Gebäude, einige sitzen auf Picknickdecken. Jemand spielt Geige. Die Polizei ist mit drei Mannschaftswagen vor Ort.

„Die Häuser denen, die sie brauchen“, steht auf einem Transparent, das zwischen zwei Bäumen aufgehängt wurde, sowie über einer Presseerklärung. Die Gruppe nennt sich „Potsdamer Nachbar*innenschaft“.

Die Wohnraumkrise sei aus dem Ruder gelaufen, die Mieten seien für viele Menschen längst nicht mehr bezahlbar, heißt es darin. Gleichzeitig stünden in Potsdam seit Jahren Häuser leer.

Die in der Nähe des Fähranlegers besetzte Baracke steht wie zwei Nachbargebäude seit rund zwei Jahren leer. Zuletzt befand sich im besetzten Objekt eine Fahrradreparatur der Oberlin-Werkstätten. Die drei eingeschossigen Häuser sind umzäunt, Gras und Wildwuchs wachsen hoch. Die Gebäude gehören zum Bestand des Kommunalen Immobilienservices (Kis). Die Häuser mit den Adressen Tornow 33, 35/36, 38 und 40 stehen in einer Leerstandsliste des Kis und sind demnach für einen Verkauf vorgesehen.

„Die Stadt Potsdam will die Wohnraumkrise entschärfen. Wir wollen das auch“, sagt Andreas, der eigentlich anders heißt. Der Studierende sitzt mit zwei weiteren Besetzern auf dem Dach des Hauses. Man sehe die Stadt nicht als Gegenspieler. „Wir sind bunt, wir sind nicht vermummt, sind friedlich und wollen für Wohnraum sorgen.“ Sieben bis acht Leute würden ab sofort in dem Haus wohnen.

Das Gebäude sei dafür gut geeignet. Es gebe mehrere Räume, die von einem langen Flur abgehen. Der Strom funktioniert, auch Wasser fließt. Draußen fegen zwei Leute das Herbstlaub vor dem Gebäude.

Aktivisten empfehlen weitere Besetzungen

Sie seien durch ein geöffnetes Fenster in das Gebäude gelangt. Auch das Tor zum Grundstück sei nicht verschlossen gewesen, sagte Andreas. Die Solidarität ist groß. „Wir alle sind junge Menschen, die sehr schlechte Erfahrungen bei der Wohnungssuche gemacht haben“, sagt Lasse, der auch auf dem Dach sitzt und ebenso eigentlich anders heißt. „Wir empfehlen, dass Bürger*innen selbst handeln“, rät Lasse zu weiteren Besetzungen.

Potsdam hat eine lange Geschichte mit Hausbesetzungen. Das kann mal wieder losgehen“, sagt Andreas. Die Besetzung sei das letzte Mittel. Auf einem Transparent, das am Schornstein des Hauses angebracht wurde, stehen die Adressen leerer Häuser: Charlottenstraße 12, Zeppelinstraße 136 und 153, Dortustraße 16 und Berliner Straße 142 „und viele weitere“.

Vor dem Haus gibt es viel Unterstützung. „Es ist schon erstaunlich, dass es bei den hohen Mieten so viel Leerstand gibt“, sagte eine Frau. Viele Studierende könnten sich das Wohnen in Potsdam nicht mehr leisten, sagt eine andere.

Es sei zu befürchten, dass die leer stehenden Gebäude auf Hermannswerder als Spekulationsobjekte dienen sollen oder später einem Hotel weichen. „Wir brauchen nicht noch mehr Hotels oder Büros. Wir brauchen Wohnungen in Potsdam“, sagt Lasse. Der jahrelange Leerstand sei angesichts der Wohnkrise, die viele junge Menschen direkt treffe, nicht hinnehmbar.

Er erwarte eine Einigung mit der Stadt Potsdam, sagt Lasse. Die Stadt wurde um 17 Uhr über die Besetzung informiert. Die Zusammenarbeit mit dem „Besetzungsprojekt“ sei ein Schritt zur Bekämpfung der Wohnraumkrise, heißt es darin. Die Stadt werde gebeten, von einer Räumung abzusehen. Das löse die Krise nicht. „Wir sind uns sicher, dass ein kostspieliger und medial sowie politisch große Wellen schlagender Polizeieinsatz nicht in unser beider Interesse steht“, schreibt die „Potsdamer Nachbar*innenschaft“.

CDU spricht von Straftätern

Weniger als zwei Stunden nach Bekanntgabe der Besetzung erscheinen zwei Polizeibeamte mit einer Nachricht: Die Stadt Potsdam werde Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch stellen, aber von einem Strafantrag absehen, sagt ein Beamter. Es werde daher nicht zur Räumung kommen.

Die Besetzer und ihre Unterstützenden brechen in Jubel aus. Andreas und Lasse erhalten Glückwünsche. Ihnen ist die Erleichterung anzumerken. Dass es so schnell zu einer Duldung kommt, damit hätten sie nicht gerechnet, sagen sie. Die Polizei rückt daraufhin ab.

Potsdams CDU-Fraktion reagiert am Abend umgehend. Eine Besetzung sei eine Straftat und sei nicht zu dulden. „Mit Straftätern verhandelt man nicht“, sagte Maximilian Adams, Vorsitzender des Ordnungs­ausschusses der Stadtverordneten. Er sprach von „ziviler Ungehorsamkeit“ und Hausfriedensbruch. „Ich erwarte die sofortige Räumung“, so Adams.

Das Bündnis „Stadt für alle“ solidarisierte sich hingegen mit den Besetzern und verbreitete deren Presseerklärung.

Die „Potsdamer Nachbar*innenschaft“ kündigte am späteren Freitagabend an, sie wolle den Ort nun mit Kulturangeboten „wiederbeleben“. Besucherinnen und Besucher seien in der „alten Fahrradwerkstatt“ willkommen und zum Mitgestalten eingeladen.

tagesspiegel.de
u/EinsSechsEins — 7 days ago