u/FUKNUWE

36 Jahre alt und das Gefühl, mein Leben komplett verloren zu haben

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, warum ich das hier schreibe.

Ich bin eigentlich kein Reddit-Nutzer. Aber mir gehen langsam die Ideen aus und meine Hoffnung ist ziemlich erschöpft. Vielleicht schreibe ich das einfach, weil ich nicht mehr weiß, wohin mit mir selbst.

Ich bin 36, single, keine abgeschlossene Ausbildung, nur Abitur. Ich habe zwei Studiengänge angefangen und beide nicht beendet. Heute arbeite ich als Hilfsarbeiter in der Buchhaltung und kann froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Finanziell habe ich eigentlich nichts. Eher Schulden. Und oft habe ich das Gefühl, dass ich theoretisch genau dort gelandet sein müsste, wo Menschen komplett von Armut betroffen sind und jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Wenn ich ehrlich bin, glaube ich aber nicht mal, dass meine Probleme erst im Erwachsenenalter angefangen haben.

Ich war ein klassisches Schlüsselkind. Bis ungefähr zu meinem 10. Lebensjahr waren meine Eltern emotional eigentlich kaum existent. Ich bin hauptsächlich bei meiner Oma und meinem Opa aufgewachsen. Mein Opa war wahrscheinlich die wichtigste männliche Bezugsperson in meinem Leben.

Dann ist mein Opa gestorben.

Kurz danach kamen meine Eltern plötzlich viel stärker in mein Leben, gleichzeitig wechselte ich von der Grundschule aufs Gymnasium. Ich verlor meinen kompletten Freundeskreis aus meinem alten Dorf, war völlig überfordert mit der neuen Schule und gleichzeitig emotional komplett allein.

Dazu kam, dass wir damals teilweise wirklich in Armut gelebt haben. Die Firma meines Vaters stand kurz vor der Insolvenz. Das Haus sollte versteigert werden. Meine Mutter ging zusätzlich putzen, damit überhaupt genug Geld da war. Gleichzeitig ist mein Vater fremdgegangen und zuhause herrschte teilweise kompletter Ausnahmezustand.

Teilweise musste ich als Kind zwischen Erwachsenen stehen, die sich angeschrien oder körperlich bedroht haben. Meine Großeltern väterlicherseits gingen auf meine Mutter los, ein Familienfreund musste kommen, um sie zu schützen. Solche Dinge vergisst man nicht einfach.

Rückblickend war das wahrscheinlich der Punkt, an dem vieles angefangen hat zu kippen.

Meine schulischen Leistungen wurden immer schlechter. Nicht weil ich dumm war, sondern weil ich mich überhaupt nicht organisieren konnte und niemand da war, der wirklich hingeschaut hat. Statt Hilfe gab es eher Vorwürfe. Zuhause wurde ich als faul oder dumm dargestellt, weil ich schlechte Noten hatte.

Ich habe mich immer mehr zurückgezogen. Aus einem Jungen, der früher noch für sich eingestanden ist, wurde jemand, der fast nur noch im eigenen Kopf gelebt hat.

Ich hatte zwar vereinzelt Freunde und wurde nicht extrem gemobbt, aber ich wurde immer isolierter. Ich hörte irgendwann mit Fußball auf, hatte kaum noch soziale Kontakte und verlor immer mehr den Anschluss.

Mit 16 wog ich plötzlich 132 Kilo.

Damals wurde über die Rentenkasse eine Kur beantragt, weil selbst mein Umfeld gemerkt hat, dass etwas komplett aus dem Ruder läuft.

Und ehrlich gesagt hat diese Kur mein Leben zum ersten Mal verändert.

Ich habe dort Menschen kennengelernt, die ich bis heute nie vergessen habe. Vor allem zwei Betreuerinnen namens Eva und Yvonne. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass Menschen mich wirklich sehen und ernst nehmen.

Ich habe in fünf Wochen 12 Kilo abgenommen, mit dem Rauchen aufgehört und plötzlich angefangen, an mich selbst zu glauben. Zuhause war die Situation zwar immer noch schwierig und ich bekam kaum Unterstützung, aber ich habe trotzdem weitergemacht.

Danach begann gefühlt ein komplett anderes Leben.

Ich fing wieder mit Fußball an, war plötzlich sozial akzeptiert, wurde beliebt im Dorf und im Verein, hatte Erfolg bei Frauen und schrieb auf einem neuen Gymnasium sogar ein gutes Abitur, obwohl ich vorher fast abgeschrieben war.

Für andere klingt ein 2,6er-Abi vielleicht nicht besonders. Für mich war das damals wie ein Wunder.

Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, vielleicht doch kein kompletter Versager zu sein.

Was ich damals aber nicht verstanden habe: Dieses ganze Feiern, Saufen, Rumrennen und die Aufmerksamkeit haben ein riesiges Loch in mir überdeckt. Ich hatte keine Ahnung, wer ich eigentlich bin oder was ich vom Leben will.

Viele meiner Freunde wussten damals genau, wohin sie wollen. Ich wusste gar nichts.

Ich bekam sogar ein Ausbildungsangebot als Heizungsbauer bei einem Betrieb, bei dem ich gearbeitet habe. Ehrlich gesagt hätte ich das wahrscheinlich machen sollen. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, etwas Praktisches gefunden zu haben.

Aber meine Mutter wollte unbedingt, dass ich studiere. Also habe ich mich gegen mein Bauchgefühl für ein Studium entschieden.

Und rückblickend glaube ich, dass dort vieles angefangen hat auseinanderzufallen.

Danach begann meine Studienzeit. Und rückblickend glaube ich, dass ich damals eigentlich schon komplett orientierungslos war.

Ich fing zuerst ein Studium im Bereich erneuerbare Energien an, zumindest dachte ich das. In Wirklichkeit war es größtenteils einfach Maschinenbau mit ein paar Modulen zu erneuerbaren Energien. Eigentlich wollte ich an eine andere Hochschule, bekam aber den Platz nicht.

Ein Jahr später zog ich wegen einer Frau nach Aachen und begann an der RWTH Maschinenbau zu studieren. Ehrlich gesagt habe ich dort fast nichts mehr für die Uni gemacht. Ich saß meistens zuhause, fühlte mich schlecht, weil meine Eltern meine Miete zahlten, und fragte mich immer öfter, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen soll.

Irgendwann zog ich wieder zurück nach Kaiserslautern. Dort hatte ich nochmal eine längere Beziehung, in der ich extrem viel gegeben habe, während von der anderen Seite kaum etwas zurückkam. Kurz bevor ich endgültig durch eine wichtige Prüfung fiel, ging auch diese Beziehung kaputt.

Und ehrlich: Das Studium zu verlieren war tragisch, aber gleichzeitig auch logisch. Ich hatte nie wirklich dafür gebrannt. Ich habe kaum gelernt und wusste tief drinnen wahrscheinlich schon lange, dass das nicht mein Weg ist.

Mit Ende 20 stand ich plötzlich vor dem Nichts.

Keine Ausbildung, kein Abschluss, keine Ahnung, was ich tun soll.

Ich suchte nach Ausbildungsplätzen und Jobs, fand aber erstmal nichts. Also schrieb ich mich spontan für BWL ein. Gleichzeitig machte ich eine Berufskraftfahrer-Ausbildung, arbeitete für die Firma meines Vaters in der Buchhaltung und bekam zusätzlich noch einen Job an der Uni im Nachhaltigkeitsbüro, weil mich das Thema wirklich interessiert hat.

Von außen sah das wahrscheinlich sogar produktiv aus.

In Wirklichkeit war ich komplett überlastet.

Ich wohnte seit meinem 24. Lebensjahr alleine und hatte nie wirklich familiäre Unterstützung. Ich versuchte irgendwie gleichzeitig Studium, Arbeit, finanzielle Sorgen und mein eigenes Chaos im Kopf zu bewältigen.

Irgendwann fiel alles auseinander.

Dazu kamen Menschen in meinem Umfeld, die mich eher ausgenutzt als unterstützt haben. Ich war damals schon tief in einer Cannabis-Sucht drin und konnte schlecht Nein sagen. Selbst wenn ich sagte, dass ich lernen muss oder Ruhe brauche, wurde ich wieder zum Konsum verleitet.

Heute sehe ich, dass diese Leute keine echten Freunde waren. Damals habe ich das nicht verstanden.

Mit ungefähr 30 musste ich mir eingestehen, dass auch das zweite Studium scheitern würde.

Dabei liefen die ersten Semester sogar gut und ich hatte gute Noten. Aber irgendwann war ich mental komplett erschöpft und funktionierte einfach nicht mehr.

Am Ende stand ich wieder da: zweites abgebrochenes Studium, keine Ausbildung, keine Richtung.

Irgendwann bekam ich dann über Glück einen Job in einer größeren Organisation in der Region. Damit kann ich heute halbwegs überleben, obwohl ich eigentlich nur Abitur habe.

Aber ehrlich gesagt fühlt sich mein Leben seitdem oft an wie ein ewiger Loop aus Arbeiten, Funktionieren und innerer Leere.

Rückblickend merke ich, dass dieses Suchtverhalten wahrscheinlich schon sehr früh angefangen hat.

Als Jugendlicher waren es Alkohol, Zigaretten und stundenlanges World of Warcraft. Später wurde daraus Cannabis. Meine Eltern haben darauf nie wirklich reagiert oder verstanden, was eigentlich passiert.

Mit Mitte/Ende 20 begann ich immer stärker zu merken, dass mein Leben nicht in die Richtung läuft, die ich mir wünsche.

„Was mache ich hier eigentlich?“

„Was will ich überhaupt vom Leben?“

„Warum fühlt sich alles falsch an?“

Die Beziehung damals habe ich beendet, weil ich das Gefühl hatte, innerlich daran kaputtzugehen. Kurz danach scheiterte auch das Studium endgültig.

Irgendwann wurde aus Alkohol zunehmend Cannabis.

Seitdem fühlt sich mein Leben oft an, als hätte ich mich irgendwo in einem Labyrinth verlaufen und nie wieder den richtigen Weg gefunden.

Ich habe mich über die Jahre immer mehr isoliert. Teilweise bewusst, weil ich gemerkt habe, dass viele Menschen mir nicht guttun. Vielleicht lag manches auch am Cannabis oder an meiner Wahrnehmung. Aber bei vielen Menschen bin ich mir bis heute sicher, dass sie hauptsächlich genommen haben, ohne jemals wirklich für mich da zu sein.

Und das Verrückte ist: Ich war immer für andere da.

Wenn Freunde Krisen hatten, wenn jemand nachts Hilfe brauchte oder emotional am Boden war – ich war da. Egal wann. Egal wie schlecht es mir selbst ging.

Heute frage ich mich oft, ob ich das auch deshalb gemacht habe, weil ich gehofft habe, irgendwann würde jemand dasselbe für mich tun.

Mit ungefähr 27 kamen dann die Depressionen richtig dazu. Ich war zeitweise in Therapie und bin heute auch offiziell mit ADHS diagnostiziert. Rückblickend erklärt das wahrscheinlich vieles: das Chaos im Kopf, die fehlende Selbstorganisation, die Extreme, das Nicht-Durchziehen, die Suchtmuster.

Die letzten Jahre bestanden oft nur noch daraus, nach der Arbeit nach Hause zu kommen, zu kiffen, zu zocken und irgendwie dieses Gefühl zu verdrängen, mein Leben komplett gegen die Wand gefahren zu haben.

Heute bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich eigentlich kaum noch Menschen in meinem Leben habe.

Die meisten Freundschaften habe ich die letzten Jahre beendet oder nicht mehr gepflegt. Teilweise bewusst, weil ich gemerkt habe, dass mir viele Menschen einfach nicht guttun. Übrig geblieben sind vielleicht eine Handvoll Menschen, bei denen ich mich wirklich wohlfühle, und meine Tante mit ihrer Familie, bei der ich früher mit meiner Oma aufgewachsen bin.

Ehrlich gesagt sind das wahrscheinlich die letzten Gründe, warum ich überhaupt noch hier bin.

Vor allem nachdem ich letztes Jahr wieder rückfällig geworden bin, habe ich endgültig verstanden, wie kaputt manche Beziehungen in meinem Leben eigentlich waren.

Ich war über drei Monate clean und ein ehemaliger Freund lädt mich zum Geburtstag seiner Frau ein mit den Worten: „Wir nehmen Rücksicht auf dich. Es gibt keinen Alkohol – nur Cannabis.“

Das war für ihn wahrscheinlich ein Witz. Für mich war es der Moment, in dem ich verstanden habe, dass manche Menschen mich nie wirklich verstanden oder respektiert haben.

Ich bin an diesem Tag rückfällig geworden. Richtig rückfällig. Mehrere Wochen nicht mehr arbeiten gegangen. Danach bestand mein Leben eigentlich nur noch daraus, von der Arbeit heimzukommen, mich einzusperren, zu kiffen, zu zocken und zu hoffen, dass ich einfach irgendwann tot umfalle, weil ich nicht mal die Eier habe, den Sprung von der Brücke wirklich durchzuziehen. Und ja, genau so fühlt es sich an. Das möchte ich auch nicht beschönigen.

Anfang des Jahres war ich in einer Reha wegen Depressionen und Sucht. Für mich war das die reinste Katastrophe. Doppelzimmer, keine Privatsphäre, kaum psychologische Betreuung. In fünf Wochen hatte ich zwei Gespräche mit meiner Therapeutin, obwohl eigentlich wöchentliche Termine vorgesehen waren.

Ich habe versucht, Hilfe zu bekommen. Habe Gespräche mit der Leitung gesucht. Habe um einen Therapeutenwechsel gebeten. Nichts davon wurde genehmigt.

Also habe ich wieder abgebrochen.

Und ja, das ist wahrscheinlich eines der schlimmsten Gefühle überhaupt: Das Gefühl, dass man wirklich alles irgendwann abbricht oder verliert.

Seit Februar bis vor kurzem war ich wieder komplett rückfällig und habe eigentlich nur noch funktioniert, gearbeitet und mich danach betäubt.

Jetzt bin ich seit fast zwei Wochen wieder clean und versuche es nochmal. Im Juni beginne ich eine medikamentöse ADHS-Behandlung, weil die Diagnose vielleicht vieles erklärt.

Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, wie man Hoffnung entwickelt.

Ich habe kein Interesse mehr an Beziehungen, weil ich niemandem dieses Chaos antun will. Ich habe kaum noch Freude daran, Zeit mit Menschen zu verbringen, weil ich ständig das Gefühl habe, mein eigenes Leben komplett verpasst zu haben.

Und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich mich mein ganzes Leben hinter einer Maske versteckt habe.

Ich interessiere mich eigentlich für Dinge wie Nachhaltigkeit, Politik, Wirtschaft, gesellschaftliche Entwicklung und Zukunftsfragen. Aber in meinem Umfeld ging es meistens nur um Konsum, Saufen, oberflächliche Gespräche und Verdrängung.

Vielleicht bin ich trotz all dieser Gedanken einfach nur ein Idiot. Vielleicht bin ich trotz aller Reflexion einfach das Problem selbst.

Ich weiß es nicht mehr.

Ich weiß nur, dass ich seit Jahren suche: nach Antworten, nach Hilfe, nach irgendeinem Weg raus aus diesem Kopf.

Ich lese Bücher, schaue Videos, höre Podcasts, versuche neue Dinge anzufangen – und trotzdem fühlt es sich an, als würde mein Leben jedes Jahr kleiner werden.

Und bitte spart euch Floskeln wie „es ist nie zu spät“.

Ich kann diesen Scheiß einfach nicht mehr hören.

Wenn ich dumme Kalendersprüche lesen will, kaufe ich mir einen Motivationskalender.

Ich glaube, ich schreibe das hier einfach, weil ich wissen will, ob irgendjemand dieses Gefühl kennt: dieses Gefühl, dass man eigentlich nicht sterben will, aber auch nicht mehr weiß, wie man so weiterleben soll.

Und selbst wenn mir dieser Post am Ende nicht hilft, dann hilft er vielleicht wenigstens jemand anderem.

Vielleicht liest das hier irgendein jüngerer Mensch, der gerade anfängt, sich selbst zu verlieren. Jemand, der merkt, dass er nur noch verdrängt, konsumiert, funktioniert oder sich immer weiter von sich selbst entfernt.

Vielleicht erkennt jemand früher als ich, dass man gewisse Dinge ernst nehmen muss: Sucht, Depressionen, Isolation, falsche Menschen im Umfeld, dieses permanente Wegdrücken der eigenen Probleme.

Vielleicht schafft es dann wenigstens jemand anderes, früher die Reißleine zu ziehen, solange noch mehr Perspektive da ist und bevor sich alles über zehn oder fünfzehn Jahre immer weiter verhärtet.

Ich weiß nicht, ob ich selbst noch daran glaube, dass man aus so etwas komplett rauskommt.

Aber vielleicht hilft meine Geschichte wenigstens irgendwem dabei, nicht denselben Weg zu gehen.

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u/FUKNUWE — 27 days ago