u/Fraktalrest_e

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Warum erzählst du mir das?

Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.

Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.

Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.

Nicht der trockene Alkoholiker.

Nicht der nasse Alkoholiker.

Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.

Nicht der Partysäufer.

Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.

Nicht der Abstinenzler.

Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich.

Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.

Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.

Ich sage nur etwas über mich: “Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent.”

Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“

Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.

Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:

Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.

Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.

Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.

Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.

Meine Frage richtet sich an alle anderen:

Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“

„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“

„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“

„Ich trinke eigentlich fast nie.“

Und jedes Mal frage ich mich:

Warum erzählt ihr mir das?

Ich meine das wirklich als Frage.

Ich suche keine Bestätigung.

Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.

Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.

Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:

Warum?

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 15 hours ago
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Influencer-Communities und Werbung

Dieser Text entstand aus den weiterführenden Gedanken zu den Kommentaren zum Text Vapes - Déjà-vu eines Rauchers. Außerdem knüpft er an zwei ältere Texte von mir an: einen über parasoziale Beziehungen und einen sehr augenzwinkernden Text Holy.
Der Text arbeitet wieder mit einem generischen Femininum, gemeint sind alle Geschlechter. Englische Berufsbezeichnungen verwende ich in ihrer ursprünglichen Form.

Der Text über Holy endete mit der Ankündigung, dass sie mich irgendwann schon kriegen würden. Nun ja, es ist passiert. Ich habe Holy getrunken. Nicht einmal, weil ich es gekauft hätte. Ich half meinem Herrn Schmitt beim Umzug. Es war heiß. Er meinte, ich könne mir einfach ein Iso-Getränk machen. Ich nahm das Päckchen in die Hand, drehte es um und musste lachen. Holy! “Du hast Holy?”, fragte ich belustigt. "Ja. Ein Bekannter von mir hat eine Kooperation mit Holy.“ (Kleine Rezension am Rande: War völlig in Ordnung, trinkbar.)

Aber eigentlich geht es mir gar nicht um Holy. Es ist für mich nur ein Beispiel. Mich beschäftigt etwas anderes. Wie kann es sein, dass Unternehmen so viel Geld in Influencer investieren? Und zwar nicht nur in die ganz Großen, sondern auch in unzählige kleinere Creators mit vergleichsweise kleinen Communities.

Ich glaube, wir unterschätzen Communities. Nicht die Followerzahlen. Nicht die Klicks. Communities.

Als ich aufgewachsen bin, waren Stars Menschen, die durch Talent, Förderung, Produktionsfirmen oder klassische Medien groß geworden waren.

Thomas Gottschalk moderierte Wetten, dass…?

Boris Becker gewann Wimbledon.

Ralf Schumacher fuhr Formel 1.

Natürlich schauten wir zu. Natürlich machten wir Quote. Natürlich kauften manche später vielleicht sogar Produkte, für die sie warben. Aber ich denke die meisten hatten nicht das Gefühl, an ihrem Aufstieg wirklich beteiligt gewesen zu sein.

Bei vielen Content-Creators ist das anders. Eine Community erlebt den Weg mit, mehr als das, sie ebnet den Weg. Jeder Like, jeder Kommentar, jede Stunde Watchtime hilft in der ersten Phase. Dann die Zeitspanne, in der aus einem Hobby langsam ein Beruf wird, in dem man mit Spenden und Abos hilft. Dann kommt das erste Placement… Die Community benutzt Creator-Codes. Sie erzählt anderen davon.

Natürlich macht niemand einen Creator allein groß, aber gemeinsam entsteht etwas Merkwürdiges. Nicht nur der Creator wächst, auch die Community entwickelt eine gemeinsame Geschichte.

Deshalb funktionieren Begriffe wie OG (“Original Gangster”), Day One oder Gründerabzeichen auf Twitch und ähnlichen Plattformen überhaupt. Sie alle markieren Menschen, die von Anfang an dabei waren.

Sie bedeuten nicht einfach: “Ich war früh dabei.” Sie bedeuten:

“Wir haben das gemeinsam aufgebaut.”

Und genau dort beginnt meiner Meinung nach etwas, das klassische Prominenz so kaum kannte. Es entsteht eine gemeinsame Origin Story. Nicht die Geschichte eines Stars. Sondern die Geschichte einer Gemeinschaft.

Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil der Stärke von Influencer-Werbung und auch ihre Gefahren. Viele Menschen kaufen ein Produkt nicht nur, weil sie das Produkt möchten. Sie benutzen einen Creator-Code, weil sie jemanden unterstützen möchten, dessen Weg sie seit Jahren begleiten und fördern. Das ist oft nicht mal eine Täuschung. Oft ist das sogar völlig transparent. Dadurch verschwindet der Einfluss dieses Mechanismus allerdings nicht.

Ich glaube übrigens nicht, dass sich die Menschheit grundlegend verändert hat. Wir sind immer noch dieselbe Spezies. Viele Menschen suchen Gruppenzugehörigkeit. Die meisten erzählen sich gemeinsame Geschichten. Die meisten erinnern sich gern gemeinsam. Die Gruppe kann Teil der Identität werden.

Plattformen ermöglichen heute Gemeinschaften in einer Größenordnung und Intensität, die früher so kaum möglich gewesen wären. Die technischen Möglichkeiten passen erstaunlich gut zu sehr menschlichen Bedürfnissen.

Holy ist ein relativ harmloses, leicht überteuertes Produkt und gerade dabei aus der Social-Media-Blase herauszuwachsen. Es steht mittlerweile im Supermarkt. Es steht bei Freunden. Bei Geschwistern. Bei Bekannten. Menschen trinken Holy, obwohl sie vielleicht nie einen Stream gesehen haben.

Das ist übrigens weder gut noch schlecht. Denn dieselben Mechanismen können auch Produkte verbreiten, die deutlich problematischer sind.

Und wer lange genug im Internet unterwegs ist, kennt nicht nur Communities, die gemeinsam etwas aufbauen (und sei es etwas sinnfreies und möglicherweise kommerzielles), sondern auch solche, die sich über Ausgrenzung, Feindbilder oder Hass definieren. 4chan dürfte vielen als eines der bekanntesten Beispiele ein Begriff sein. Das ist für mich kein anderer Mechanismus. Es ist derselbe soziale Motor. Nur mit einem anderen Ergebnis.

Vielleicht hilft es mehr, Communities zu verstehen als einzelne Plattformen oder einzelne Influencer, um mit den Herausforderungen durch Social Media klar zu kommen. Was finden Menschen dort (leichter) als anderswo? Warum fehlt es ihnen an anderen Orten? Warum entstehen aus denselben Mechanismen manchmal Gemeinschaften, die Menschen auffangen, und manchmal Gemeinschaften, die sich über Feindbilder definieren?

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 3 days ago

Blitzlicht: Endlich Dangast

Blitzlicht: Endlich Dangast

Dieses Blitzlicht möchte ich der Betreiberin eines kleinen Second-Hand-Ladens in Wilhelmshaven widmen. Als ich noch ganz neu hier war, hat sie mich unglaublich freundlich empfangen und sich viel Zeit genommen, mir Tipps für die Umgebung zu geben. Einer dieser Tipps war Dangast. Mit einem Satz machte sie mich neugierig: “Fahr am Wochenende hin. Dann gibt es dort den besten Rhabarberkuchen der Welt.”

Von diesem Moment an wollte ich nach Dangast.

Wochenlang kam immer etwas dazwischen, erst mein eigener Umzug, dann der Besuch auf Wangerooge, dann der Kurztrip nach Hamburg, dann war das Wetter schlecht, dann wieder viel zu heiß, an einem Wochenende war ich bei meiner Familie in Franken, Ende Mai lernte ich dann den wunderbaren Herrn Schmitt kennen, der allerdings mitten im Umzug steckte. Zwischen Verliebtheit, Umzugswahnsinn und all den anderen Plänen rückte Dangast immer weiter nach hinten.

Am 21. Juni war es dann endlich so weit.

Dangast ist wirklich ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuser liegen teilweise zwischen den Bäumen, der Strand ist malerisch und von der Promenade aus blickt man über die Jadebucht bis nach Wilhelmshaven. Überall entdeckt man Kunstwerke, kleine Details und liebevoll gestaltete Ecken.

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Wegen der Einschränkung aufs Wochenende war allerdings auch viel los. Ein Kunsthandwerkermarkt lockt dann zusätzlich Besucher an. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, uns schon einmal verschiedene Hotels anzusehen. Meine Mutter überlegt nämlich, irgendwann einmal ein paar Tage dort zu verbringen. Einige der Unterkünfte machten tatsächlich einen guten Eindruck. Zwischendurch kehrten wir in der „Pricke“ ein. Dort gab es dann Kibbelinge und eine Rhabarberlimonade. Allein dafür hätte sich die Fahrt schon fast gelohnt.

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Aber natürlich wartete noch der eigentliche Höhepunkt.

TROMMELWIRBEL!

Im Kurhaus bestellten wir den berühmten Rhabarberkuchen. Und ich muss zugeben: Die Dame aus dem Second-Hand-Laden hatte nicht übertrieben. Es war tatsächlich der beste Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Unten ein angenehm luftiger Boden, darüber der wunderbar saure Rhabarber und als Krönung eine fluffig-knusprig-süße Baiserschicht. Jede einzelne Komponente passte perfekt zu den anderen. Einer dieser seltenen Momente, in denen man versteht, warum ein Kuchen regelrecht berühmt geworden ist.

So schön Dangast auch ist, eine Erkenntnis blieb trotzdem: Für mich persönlich ist dort an einem sonnigen Wochenende einfach zu viel los. Es war warm, aber durch die vielen Bäume angenehm schattig, also eigentlich ideale Bedingungen für einen Ausflug. Genau deshalb schien aber auch halb Norddeutschland dieselbe Idee gehabt zu haben. Das ist super für den Ort und die Läden dort, mir persönlich war die Menschenmenge jedoch etwas zu viel.

Was mir dieser Tag außerdem noch einmal gezeigt hat, war etwas ganz anderes.

Mit meinem Herrn Schmitt unterwegs zu sein fühlt sich einfach selbstverständlich an. Wir funktionieren als Team. Man kann sich aufeinander verlassen, ergänzt sich gut und selbst ein voller Ausflugstag macht gemeinsam Spaß. Das ist etwas sehr viel Besseres, als es sich anhört, denn eigentlich bin ich überhaupt kein Teamplayer.

Dangast wird mich wiedersehen. Der Rhabarberkuchen ist ein Bufffood, für das sich jeder Raid lohnt. Mein Teammate und ich meistern jeden Zerg. (Für Nicht-Gamer: Der Kuchen gibt Bonuspunkte für die Moral. Gemeinsam kommen wir auch durch die größte Menschenmenge.)

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 5 days ago
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Vapes - Déjà-vu eines Rauchers

Ich verwende ein generisches Femininum und meine damit alle Geschlechter.

Als ich heute wieder ein Video über Vapes gesehen habe, musste ich an eine Zeit zurückdenken, in der ich selbst begeistert gedampft habe. Bevor ich damals mit dem Dampfen angefangen habe, war ich ungefähr 30 Jahre lang Raucher.

Doch als die ersten E-Zigaretten aufkamen, war das eine völlig andere Welt als die heutigen Einweg-Vapes. Wir hatten Metall-Akkuträger und abschraubbare Verdampfer, haben selbst Wicklungen gebaut, Watte eingezogen, Liquids gemischt und über die Technik diskutiert. Das Ganze war fast schon ein Nerd-Hobby.

Quasi alle Dampferinnen, die ich damals kannte, waren vorher Raucherinnen und wollten meist von der Zigarette weg. Manche wegen ihrer Gesundheit, manche wegen ihrer Familie, manche wegen des Geldes, manche wegen des Geruchs und viele einfach, weil sie hofften, eine weniger schädliche Alternative gefunden zu haben, ohne auf Nikotin verzichten zu müssen.

Ich halte diesen Gedanken der Schadensminimierung bis heute für grundsätzlich richtig. Wenn jemand seit Jahrzehnten raucht und den Ausstieg nicht schafft, dann erscheint es mir vernünftig, auf eine Form des Nikotinkonsums umzusteigen, die nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich weniger schadet als das Verbrennen von Tabak. Weniger schädlich bedeutet nicht harmlos, aber es kann für langjährige Raucherinnen trotzdem ein sinnvoller Schritt sein.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Dampferwelt änderten sich, vieles wurde komplizierter und für mich verlor das Thema seinen Reiz. Ich bin leider damals zurück zur Zigarette und rauchte noch einige Jahre weiter. Erst deutlich später gelang mir der endgültige Ausstieg. Nicht in erster Linie aus Angst vor Krankheit, sondern weil ich irgendwann nicht mehr von einer Sucht bestimmt werden wollte.

Wenn ich heute auf das Thema schaue, beschäftigt mich allerdings etwas ganz anderes.

Ich bin 1982 geboren. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Zigaretten nicht einfach nur verkauft wurden. Sie wurden erzählt. Aus meiner Sicht wurden Zigaretten als Freiheit inszeniert, als Rebellion, als Feminismus, als Individualität, als Coolness, als Erwachsensein. Bei uns in der Clique rauchten viele Gauloises. Wir haben uns gegenseitig erzählt, das seien die Zigaretten der französischen Freiheitskämpfer. Ob das historisch nun völlig korrekt war oder nicht, spielte keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das dadurch entstand.

Man fängt nicht an zu rauchen, weil man nikotinabhängig ist. Man wird erst abhängig.

Man rauchte, weil andere rauchten. Oder weil andere gerade nicht rauchten. Man wollte dazugehören. Oder sich bewusst absetzen. Man wollte erwachsen wirken, rebellisch sein oder einfach Teil einer Gruppe sein.

Jugendliche sind nicht dumm. Aber sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Frage “Wie sehen mich andere?” eine enorme Bedeutung hat. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man probiert Identitäten aus, sucht seinen Platz und orientiert sich an Menschen, die man bewundert.

Genau deshalb ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Inhalten rund um Vapes ein ähnliches Gefühl bekomme wie früher bei der Zigarettenwerbung. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht nehme ich das auch nur deshalb so wahr, weil ich mit genau diesen Bildern groß geworden bin.

Aber dieses Gefühl werde ich nicht los, dass wir gerade erleben, wie sich dieselben Mechanismen in einer neuen Form wiederholen. Kann es sein, dass wieder ein potentiell suchterzeugendes Produkt als cool und hip präsentiert wird?

Ich finde, genau darüber sollten wir sprechen. Hinzu kommt, dass ich der Tabakindustrie grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegne. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungserzählungen, sondern wegen ihrer gut dokumentierten Geschichte. Über Jahrzehnte wurden Gesundheitsrisiken heruntergespielt, wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten oder verzögert anerkannt. Dieses historische Erbe verschwindet nicht einfach. Und genau diese Tabakindustrie ist am Geschäft mit den Vapes stark beteiligt.

Mich würde deshalb interessieren, wie Menschen unterschiedlicher Generationen das sehen.

Wer wie ich mit der klassischen Zigarettenwerbung groß geworden ist: Empfindet ihr es auch als Déjà-vu?

Und diejenigen, die deutlich jünger sind: Wirkt das auf euch ganz anders, als ich es wahrnehme?

Vielleicht denke ich aufgrund meiner eigenen Suchtgeschichte, dass junge Menschen möglichst wenig mit Stoffen in Berührung kommen sollten, die abhängig machen können. Gerade deshalb interessiert mich, ob andere Menschen das ähnlich oder völlig anders wahrnehmen.

Zu meiner Suchtgeschichte habe ich bereits viele Texte geschrieben: Open Source Texte auf der Dropbox Zur freien Verwendung und Weitergabe, bei Verwendung bitte “Jemand DrachenSchaf” als Autor angeben.

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 5 days ago
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Erfahrungsbericht zum Monat Abstinenz von US Big Tech und speziell Social Media ohne Algorithmen

Das ist mein Erfahrungsbericht über den Monat mit Europäischen Alternativen zu US Big Tech und speziell Social Media ohne Algorithmen.

Diese Ersatz-Plattformen fühlten sich für mich lauwarm an, schal, abgestanden… nach Kaffee ohne Koffein. Es ist grundsätzlich Social Media aber ist kein Wirkstoff drin.

Danach wusste ich auf jeden Fall: es sind die Algorithmen, nach denen ich süchtig bin.

Das ist eine gute Erkenntnis.

Die schlechte Erkenntnis ist diese Plattformen ohne Algorithmen würden es niemals schaffen, mir das zu ersetzen, was ich an Social Media mag und brauche.

Bei manchen ist es die Bubble auf der Plattform selbst. Besonders zu nennen ist hier Substack bei dem die Bubble quasi nur aus Bildungsbürgern und Autoren besteht. Das hört sich immer nach Leuten an, die so unglaublich offen sind. Sind sie auch, solange du nicht versuchst, einer von ihnen zu werden.

Im Prinzip sind ein Teil der Menschen gegen die ich schreibe. Und der einzige Teil der erwachsenen Menschen, für die ich NICHT schreibe.

Bei anderen ist es einfach das technische, wie bei Mastodon zum Beispiel. Suchtgefahr ist dort nicht gegeben. Spaß-Gefahr auch nicht, zumindest für mich.

Da das ganze ja kein Versuch mit Algorithmen allgemein war, sondern ein Versuch bezogen auf US amerikanische Plattformen, habe ich in dieser Zeit auch Lemmy bzw. feddit.de entdeckt. Diese Plattform hat gewisse Algorithmen und tatsächlich hat sie für mich auch einen Reiz. Auch wenn sie genauso ärgerlich wie Reddit sein kann.

Aber dieser Versuchsmonat ist ja doch schon ne Weile vorbei und trotzdem hatte ich diesen hier Text bis heute noch nicht geschrieben. Woran lag das?

Zum einen lag es an dem Rückfall. Ein Rückfall ist den meisten Süchtigen so ein bisschen peinlich, obwohl er das nicht hätte sein sollen, beweist er doch auch nur erneut die Sucht. Der Rückfall war mit der Plattform Threads. Von der ich vorher schon wusste, dass sie mein Kryptonit ist. Keine Plattform macht mir so viel Spaß. Bei keiner Plattform kommt das was ich schreibe so gut an (auf Reddit lesen und kommentieren es manchmal mehr Leute, aber meistens hassen sie es dort ja)

Zum Anderen war ja nun klar: Sucht ist gegeben.

Ich möchte nicht süchtig sein

Denn ich will selbst mein Verhalten bestimmen und keine Sucht bestimmen lassen.

Das Problem ist mein selbst gewählter Beruf ist Autor und Content Creator auf Social Media.

Das Problem ist Plattformen wie eben Substack laufen nicht ohne Verlinkungen.

Das Problem ist nur verlinken auf einer Plattform wie Threads widerspricht meinem eigenen Projekt und der Plattform Logik.

Noch dazu gibt man einem Alkoholiker nicht jeden Tag ein Glas Bier in die Hand und sagt: „Aber nicht trinken“ und das wäre die Entsprechung, wenn ich jeden oder jeden zweiten Tag einen Link zu einem Text auf Threads posten würde.

Es bleiben also verschiedene Lösungen:

- Weiter nutzen wie bisher in dem Wissen, dass es Sucht ist (das würde ich hassen, weil ich es hasse süchtig zu sein)

- Nur Threads aus dem Social Media Kosmos entfernen (das ist die Plattform die die meisten Leser fürs Projekt bringt)

- alle algorithmischen Plattformen aus dem Projekt entfernen (das würde dem Projekt enorm schaden)

- Komplett abstinent von Social Media werden (das würde das Projekt beenden)

Die Sucht in mir schreit nach Lösung 1...

Die selbst-ermächtigte Person in mir, die gerne Entscheidungsfreiheit hat, brüllt, dass das Knechtschaft wäre.

Die Sucht meckert, dass ein ganz kleines bisschen ja ginge und das doch gar nicht so arg schaden würde.

Die Sucht sagt: "Dann schalt doch die Benachrichtigungen aus, lösch die App, schau nur noch auf dem PC rein."

Der sucht-erfahrene Mensch in mir zieht die Augenbraue hoch: „Baby, das haben wir doch alles schon durch. Das wird hart. Das werden ein paar Monate Entzugserscheinungen und dann wird es leichter und irgendwann denkst du gar nicht mehr dran. Das kennen wir mit dem Alkohol und dann mit den Zigaretten. Das schaffen wir auch mit Threads.“

Am Ende höre ich auf die verhaltenstherapeutischen Einwände meines inneren sucht-erfahrenen Menschen und entscheide mich zunächst für die Lösung zwei.

Und weil es immer nur einen einzigen Moment gibt, um eine Sucht zu beenden (JETZT! ... falls sich jemand gefragt hat, welcher Moment), werde ich das jetzt tun: Freitag, 26.06.2026, 11:45 Uhr

Weil ich trotzdem Autor bin, werde ich das einmal posten auf Threads. Im Kommentar dort alle anderen Accounts schreiben und am 03.07.2026, 11:45 Uhr den Threads Account löschen.

Abstinenz ist der einzige Weg aus der Sucht, der bei mir funktioniert. Mal schauen ob es später sogar Lösung 3 - 4 sein muss.

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u/Fraktalrest_e — 10 days ago

Social Media: Eine Übersicht über die bisherigen Texte

Social Media (insbesondere in Kombination mit Algorithmen) ist in meinen Augen das, was Rauchen in den 1950ern war. Ein Gift, dass wir uns fast ungebremst zuführen. Und im Fall von Social Media auch Kindern in großem Rahmen Zugang gewähren. Wir wissen irgendwie, dass es schadet, aber noch nicht genau wie und schon gar nicht wie man es handhaben kann. Es hat anscheinend sucht-auslösende Wirkung, aber wir bremsen nicht. Wir geben Gas.

Da diese Texte zum Teil älter sind, kann man manche nicht mehr kommentieren. Macht dann bitte einfach einen neuen Thread zum Thema auf, ihr könnt den alten Text verlinken, oder einfach selbst über das Thema oder den Teilaspekt schreiben...

Die Texte sind schlicht chronologisch geordnet.
Social Media - die Predigt der Plattformen
Resonanz, Bühne, Dopamin: Meine Geschichte mit Social Media
Warum Social Media so gut funktioniert...
Die rote 1
Parasoziale Beziehungen
Der Algorithmus ist nicht dein Helfer. Er verkauft deine Aufmerksamkeit.
Europäische Alternativen zu US Big Tech
Erfahrungsbericht zum Monat Abstinenz von US Big Tech und speziell Social Media ohne Algorithmen

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u/Fraktalrest_e — 11 days ago
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Meine einzige echte Red Flag 🚩

Es wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind alle Geschlechter.

Ich höre immer darauf, wie Menschen über die reden, die nerven, die im Weg stehen, die unangenehm sind und ganz besonders über ihre ehemaligen Partnerinnen. Nicht, weil ich erwarte, dass jeder immer verständnisvoll und zenartig durch die Welt schwebt. Menschen sind genervt, verletzt, wütend und dann manchmal ungerecht. Das ist schlichtweg menschlich und Freundinnen/Partnerinnen sind auch dafür da sich mal den Frust vom Herzen zu reden.

Aber ich höre darauf, ob andere Menschen in diesen Geschichten noch Menschen bleiben.

Die beste Prüfung sind oft die Ex-Freundinnen. Wenn angeblich jede Ex eine Narzisstin, ein Arschloch oder eine manipulative Dämonin war, werde ich vorsichtig. Nicht, weil das unmöglich wäre. Sondern weil ich mich frage, warum in all diesen Geschichten kein eigener Anteil, kein Zweifel an der eigenen Sicht der Dinge und keine Grautöne vorkommen. Ein einfaches: "Naja, es hat halt nicht gepasst mit uns." ist da schon was wert.

Und der schnelle Alltagstest funktioniert genauso. Wie redet jemand über laute Jugendliche, über die Betrunkene an der Bushaltestelle oder über die Obdachlose, die gerade bettelt? Kommt irgendwann ein Satz wie: „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag.“ Oder: „Ist schon hart, auf der Straße zu leben.“ Muss kein Mitleid sein. Nur die Anerkennung, dass da ein Mensch steht.

Denn irgendwann nervt jede mal. Irgendwann enttäuscht jede jemanden. Und wenn Menschen für jemanden in dem Moment ihre Menschlichkeit verlieren, frage ich mich immer, was passiert, wenn ich eines Tages auf dieser Seite der Geschichte stehe.

Menschen dürfen urteilen. Menschen dürfen sagen, dass sie mit etwas nicht klarkommen, ob nun mit einem Verhalten, einer Altersgruppe, einem Lebensstil oder sogar einem bestimmten Geschlecht. Dafür gibt es tausend Gründe, und viele davon sind nachvollziehbar, auch wenn man sie selbst nicht teilt.

Der entscheidende Unterschied liegt für mich nicht darin, dass jemand etwas ablehnt, sondern wie diese Ablehnung sprachlich verortet wird.

„Ich komme mit X nicht klar“, "Ich mag nicht wenn jemand X ist." oder ähnliches bleibt im eigenen Erleben. Es beschreibt eine Grenze der eigenen Verträglichkeit, nicht eine Eigenschaft der Welt.

„Alle X sind Y“ verschiebt genau diese Grenze nach außen. Aus einem subjektiven Urteil wird eine vermeintliche Tatsache über ganze Gruppen.

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der relevante Unterschied. Jeder Mensch ist mal emotional oder auch unfair, aber worauf ich achte ist, ob jemand noch erkennt, dass es ihr Urteil ist und keine allgemeingültige Beschreibung von Menschen.

Wenn diese Korrektur fehlt, wenn aus einzelnen Erfahrungen stabile Feindbilder werden und Menschen nicht mehr als Individuen gedacht werden, sondern nur noch als Kategorien. Das ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werde.

Das ist für mich keine Vorliebe und kein No-Go.

Das ist meine klare Red Flag: Menschen die jedem nervigen Mitmenschen die Menschlichkeit absprechen, sollte man meiden. Sonst gerät man selbst eines Tages an diese Position.

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u/Fraktalrest_e — 14 days ago
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Blitzlichter vom Wochendende

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303 BLITZLICHT: Big Fish und Hoosebebberli

Hoosebebberli sind Klatschmohn. Das Wort für diese traumhaft schönen Blumen habe ich dieses Wochenende in meinem Heimatdialekt gelernt. Und das Levkojen die Blumen der Ostpreußen sind. Heimat durch Blumen 🌺… das ist so typisch meine Familie.

Mittlerweile bin ich in Aschaffenburg Richtung Frankfurt losgefahren, davor ich so lange zum Stoff sammeln gebraucht, für dieses Mini-Blitzlicht. Denn dieses Wochenende war überschäumend voll. Mit Essen, mit Lachen, mit peinlichen Momenten, mit Erinnerungen, mit Geschichten die weiter gingen, mit Ärger, mit Umarmungen…

Und die 1,5 h Busfahrt nach AB gingen drauf um das alles ein wenig zu ordnen. Diese BusLinie zwischen meinem Heimatdorf und meiner alten Wahlheimat bin ich so oft gefahren, dass ich gefühlt jeden Baum kenne. Ich wäre fast am Bahnhof Richtung meiner alten Wohnung losgelaufen.

Meine Familie ist anstrengend und beeindruckend. Für mich sind sie allesamt „Big Fish“, übergroße Figuren mit noch größeren Legenden.

Besonders meine älteren Geschwister sind Teil der „legendären Zeit“, die auch meine Mutter am liebsten erzählt. Also die 60er und 70er und naja, die 80er, bis ich zu der Zeit an die ich mich erinnere, also etwa ab ‘85.

Ich bin somit schon lange, bevor ich angefangen habe, meine Geschichten zu veröffentlichen, zum Chronisten dieser Geschichten geworden, die ich selbst überhaupt nicht erlebt habe.

Seit ich veröffentliche, mögen meine Geschwister nicht mal mehr meine Rolle, sie finden wohl peinlich was ich schreibe… dabei schreibe ich nur selten über sie.

Zum Glück mag meine Mutter den Chronisten immer noch. Sie hat mir auch, seit ich sehr klein war, immer wieder diese Familiengeschichten erzählt. Weshalb ich sage, ich war schon lange der Hüter der Familiennarrative.

Aber so kommt es, wenn ich bei meiner Familie auf einer Feier bin, dass ich einerseits stolz bin, ein Teil davon zu sein, andererseits mich sehr deplatziert fühle und dieses starke Gefühl von „du wirst an niemand von ihnen jemals heran reichen“.

Verbunden fühle ich mich mit meiner Familie schon, sie sind mein Ursprung, und sie sind Menschen, bei denen ich stolz bin, mit ihnen verwandt zu sein.

Mit meiner Mutter schreibe ich jetzt anhand der Bilder in den unzähligen Fotoalben die alten Familiengeschichten endlich mal auf. Insofern wird wenigstens meine Chronistenrolle mal gewürdigt.

Neben dieser sehr emotionalen Zeit mit meiner Familie bin ich auch momentan frisch verliebt. Leider konnte er nicht mit, weil es für ihn zu spontan war und es ja auch über 500 km sind.

Aber ausgerechnet den Menschen, der mir wieder Hoffnung gibt, doch vielleicht irgendwann für jemanden ein wirklich besonderer Mensch zu sein, lasse ich für die Arbeit an der Chronik warten.

Ich lebe für diese Geschichten, aber ich hoffe dass ich in diesem Moment nicht meine eigene Lebensgeschichte und einen für mich sehr besonderen Menschen zu arg zurück gestellt habe.

Trotzdem habe ich das Gefühl, das Wochenende hat sich gelohnt. Die noch anstehenden 11 Stunden Reise rechne ich als Grind (unangenehme andauernde Tätigkeit um in ComputerSpielen etwas zu erreichen), im RPG Real Life.

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304 Blitzlicht: zurück auf der Straße… mein Rücken schmerzt… mein Herz vibriert

Vorbei an Hügeln, Tälern, Flüssen, Wäldern, Fruchtbaren Feldern, Städten und Dörfern von Mittelalter bis Dekonstruktivismus… alles Leuchtet im Junigrün… je weiter weg ich von der alten Heimat komme desto weniger Streuobstwiesen schmücken die Hänge und desto flacher wird das Land…

… und was soll ich sagen? Ich liebe alles daran.

Unterwegs in Deutschland fühlt sich für mich wie innerhalb der Schönheit selbst unterwegs sein an.

Frankfurt am Main ist jetzt nicht so klassisch schön, es ist „dreggisch“ und pik-unhöflich.

Aber wahrhaft kosmopolit und vibriert förmlich vor Leben.

Dort eine Stunde auf den FlixBus zu warten ist aber trotz aufregender „Dreggischkeit“ dann doch ziemlich langweilig. Aber zwischendurch hat mein Nordseehimmel geschrieben. Er hat eine Art seine Gefühle einfach auszusprechen, die mich immer noch völlig von den Socken haut.

Können bitte alle Menschen so ehrlich sagen wenn ihnen was nicht passt oder wenn sie jemanden mögen? Nein, dafür sind sie zu kompliziert? Egal, ich hoffe mein Herr Schmitt hört nicht auf damit. Solange er das macht und ich das mache, habe ich nämlich das Gefühl wir können die ganzen üblichen Probleme schaffen.

Warum bin ich eigentlich so gern unterwegs? FlixBusSitze scheinen kaum für Menschen gedacht. Die Bahn ist so unpünktlich, dass man jeden 2. Umstieg verpasst. Mit dem Auto steht man im Stau. Oh da Kirche vor 3 Linden. Schau mal da die Brücke. Oh ein Steinbruch.

Warum bin ich losgefahren, weg von meiner Küste, von dem Nordseehimmel oben und dem Nordseehimmelmensch? Schau mal deine Bilder. Ah die Big Fish Menschen. Du bist mit denen verwandt, die da lachen und blödeln und sich ärgern.

Die schönsten Reisen sind zu Menschen hin und durch Landschaften hindurch.

Ich liebe Reisen! … ruf ich meinem Rücken zu! 

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305 BLITZLICHT: Ich liebe Deutschland… keine Pointe

Ich liebe Deutschland. Nicht die Nation, nicht die Flagge, nicht den Sport. Sondern das Land, das mich geformt hat wie meine Erziehung und der Zeitgeist. Die üppige grüne Landschaft, die überall sichtbare Landwirtschaft, die Städte, die Mentalitäten, die Leute, ich komme aus Rhein-Main, wo „die Leute“ auch aus aller Welt kommen, oder zumindest ihre Eltern oder Großeltern.

Das „kann nicht klagen“, wenn jemand grad im Glück badet hat mich geformt. Das Meckern übers Wetter, welches auch immer gerade herrscht. Das „kann man essen“, wenn das Essen Standing Ovations wert wäre. Das „tja“, wenn die Welt untergeht und auch ansonsten für jede Gelegenheit. „Gell“ und „fei“ in ihren vielfältigen Anwendungen.

Das ist meine Heimat. Sie hat auch mich gemacht wie bin. Ich liebe sie. Und ich stehe dazu.

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306 BLITZLICHT: Ich habe aufgehört zu suchen

Gestern hat mich Herr Schmitt süßerweise vom Bahnhof abgeholt, heute Morgen hat er mich um kurz nach vier vor meiner Wohnung abgesetzt. Er musste zur Arbeit, ich nach Hause. 13,5 Stunden Reise lagen hinter mir. Busse, Züge, Umstiege, Verspätungen, Rückenschmerzen. Und dann vier Stunden Schlaf.

Ich kam in die Wohnung, noch in der unbequemen Jeans. Die Reisetasche stand unberührt im Flur. Ich hatte noch nicht geduscht. Ich hatte noch nicht einmal Kaffee gemacht! Und doch setzte ich mich an den Rechner und fing an die Texte von gestern zu ordnen und zu veröffentlichen.

Nicht weil ich musste.

Nicht weil jemand darauf wartete.

Nicht weil ich Geld damit verdiene.

Sondern weil ich meine Texte ordentlich veröffentlichen wollte.

Was ich zu sagen hatte musste raus an die Leute und zwar genauso wie ich es haben will.

Die drei Blitzlichter von unterwegs waren schon online, aber noch nicht überall. Ich wollte Bilder ergänzen. Fehler korrigieren. Alles so haben, wie ich es haben wollte. Erst nach 5, als ich mir endlich nen Kaffee machte und verspätet auf die Nachricht meines Herrn Schmitts reagierte, fiel mir auf, wie absurd das eigentlich ist.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens nach dem einen Ding gesucht. Dem, was meine Geschwister scheinbar alle hatten. Etwas, für das ich brenne. Etwas, das ich nicht mache, weil ich muss, sondern weil ich gar nicht anders kann.

Ich hatte viele Jobs. Ich hab zweimal studiert. Ich hab unzählige Hobbys ausprobiert. Jede Kunstformen ausprobiert die mir irgendwie zugänglich war. Ich habe Erfüllung in Beziehungen gesucht. Ich habe jeden Menschen, der mich nur ein bisschen kennt gefragt, was er glaubt, was ich gut kann.

Und immer dachte ich, ich würde noch suchen oder mich langsam damit abfinden nie "mein Baby" zu finden, nie das Ding, was ich der Welt hinterlassen will und mich im Leben erfüllt.

Mein Werk.

Nicht nur die Texte.

Auch die Videos. Die Fotos. Die Gedanken. Die Streams. Die Essays. Die Blitzlichter. Dieses ganze seltsame, chaotische, öffentliche Performance-Projekt namens „Jemands Leben - nur viel davon“.

Das ist mein Werk.

Das ist das, was ich hinterlassen möchte.

Nicht weil ich glaube, wichtig zu sein, das würde dem "Jemand"-Gedanken und somit einem der Grundkonzepte des Werks, auch völlig widersprechen.

Sondern weil ich glaube, dass die Dinge, für die ich dort einstehe, die ich darin zeige, die ich dokumentiere, wichtig sind. Das ist genau das was von mir übrig bleiben soll, wofür ich in Erinnerung bleiben soll.

Und vielleicht war die größte Überraschung des Morgens gar nicht, dass mir das klar wurde.

Sondern dass ich offenbar schon vor Monaten aufgehört habe "mein Ding" zu suchen.

Ich hatte es nur noch nicht bemerkt.

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u/Fraktalrest_e — 21 days ago
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Männerrechte. Das ist euer Kampf.

Ich stoße immer wieder auf Diskussionen über Männerrechte und zwar nicht, weil ich aktiv danach suche, sondern weil ich mitbekomme, dass Männer in dieser Gesellschaft tatsächlich benachteiligt werden. Ich sehe diese Ungerechtigkeiten, und sie beschäftigen mich. Deshalb schreibe ich darüber: Nicht, um Männerrechte zu vertreten, sondern um zu zeigen, dass ich sie erkenne und zu erklären warum ich trotzdem nicht dafür eintreten werde.

Ich mag Männer. Ich habe männliche Freunde, die ich unglaublich schätze. Ich habe mehrere Brüder, die mich teilweise mit aufgezogen haben. Ich hatte einen Vater, vor dem ich zumindest in Teilen Respekt hatte. Und ich habe mehrere Männer in meinem Leben geliebt und bin auch gerade wieder frisch verliebt. Mein größtes Vorbild ist Viktor E. Frankl. Ich habe großen Respekt vor der Leistung dieser Männer in meinem Leben.

Interessanterweise sind diese von mir geschätzten Männer oft solche, die selbst stark unter dem Bild leiden, das die Gesellschaft von 'Männlichkeit' hat. Die Männer, die ich mag, haben oft etwas Weiches an sich, nicht nur im Charakter, sondern manchmal auch im Auftreten oder sogar in der Statur. Und genau diese Männer leiden oftmals am meisten:

- unter anderen Männern, die sie als 'nicht männlich genug' abwerten,

- unter Frauen, die sie nicht ernst nehmen,

- oder unter Systemen, die sie für ihre 'Schwäche' bestrafen.

Und das ist kein Zufall. Es gibt viele Statistiken, die zeigen, dass Männer in dieser Gesellschaft stark leiden:

- unter Depressionen,

- unter Selbstmorden,

- unter Gewalt.

Und sehr oft, nicht immer, sind diese Männer Opfer von anderen Männern. Nicht, weil Männer an sich ein böses Geschlecht wären, sondern möglicherweise auch weil Jungs in dieser Gesellschaft immer noch mit Sätzen wie 'Indianer kennen keinen Schmerz' oder 'Jungs weinen nicht' oder 'Sei doch kein Mädchen' großgezogen werden. Als ob alles, was als 'unmännlich' gilt, die Person abwertet. Und so wird die nächste toxische Generation herangezogen.

Im Prinzip rede ich also über die guten Männer, über diejenigen, die dieses System durchlaufen haben und trotzdem sehr gute Menschen geblieben sind. Die gibt es und die Männer, die ich mag, haben alle Schaden von diesem System genommen. Aber zum Glück nicht den, dass sie dadurch weniger gute Menschen geworden sind.

Trotzdem bin ich kein Männerrechtler. Ich bin Feminist, wenn auch nicht blind für Ungerechtigkeiten:

Ich sehe sie in der Wehrpflicht, die nur Männer in den Dienst zwingt. Ich sehe sie im Scheidungsrecht, das Männer benachteiligen kann. Ich sehe sie im Sorgerecht, das Väter oft als nachrangig behandelt. Ich sehe sie z.B. im Exhibitionismusparagrafen, der Männer und Frauen ungleich behandelt. Ich sehe sie darin, dass Bodyshaming gegen Männer gesellschaftlich akzeptierter ist, als wäre es weniger verletzend und niveaulos, einen Mann wegen seines Bauches zu verspotten als eine Frau. Das sind beispielhafte Punkte an denen Männer in meinen Augen tatsächlich benachteiligt werden.

Aber liebe Jungs und Männer, ihr erkennt das die Welt zu euch ungerecht ist und plötzlich wird Solidarität erwartet. "Frauen, kämpft für uns!" Aber warum sollten wir? Ihr habt uns jahrhundertelang ziemlich allein gelassen. Ihr habt uns gesagt, wir sollten uns nicht „so anstellen“. Ihr habt unsere Kämpfe in weiten Teilen ignoriert, kleingeredet und sogar sabotiert. Und jetzt, wo ihr betroffen seid, sollen wir springen? Nein.

Die Wehrpflicht z.B. ist ein Männerproblem. Nicht, weil sie nur Männer betrifft, sondern weil sie ein Symptom eines Systems ist, das Männer selbst geschaffen und jahrzehntelang verteidigt haben. Dass der Mann der starke Beschützer und die Frau das schwache Geschlecht seien, ist kein feministischer Gedanke.
Wenn du willst, dass Frauen genauso eingezogen werden oder die Wehrpflicht abgeschafft wird, dann starte Petitionen oder such nach laufenden, schau nach wo bereits Arbeit in diese Richtung geleistet wird, sieh wo du den politischen Druck erhöhen kannst, erhebe deine Stimme zu dem Thema wo immer es geht.

Vielleicht ist die Wehrpflicht sogar eine Chance, der Moment, in dem Männer endlich begreifen, dass man sich gegen Ungerechtigkeit wehren muss. Vielleicht verstehen sie jetzt, warum wir so lange gekämpft haben. Vielleicht lernen sie, dass Veränderung nur kommt, wenn man selbst handelt. Wenn das passiert, war der Schmerz nicht umsonst. Vielleicht kommt dadurch endlich die männliche Emanzipation.

Bis dahin gilt: Euer Kampf. Eure Verantwortung.

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u/Fraktalrest_e — 28 days ago
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Body Neutrality. Körper sind keine Ausstellungsstücke.

Teil 1: Der Körper als Spielfigur

Mein Zugang zu Body Neutrality ist nicht aus theoretischem Interesse heraus entstanden, sondern aus Leid. Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hatte ich nie. So mit 12 fingen die inneren (seltener äußeren) Abwertungen an. Bis 2009 war ich zwar objektiv betrachtet durchweg untergewichtig, sah mich selbst aber als unglaublich dick. Dann nahm ich aufgrund von Psychopharmaka sehr stark zu und in den Jahren seitdem hungerte ich oft runter und hatte es nachher wieder drauf.

In dieser Gemengelage entstand irgendwann ein Konzept, das für mich bis heute stabilisierend wirkt: der Körper als Spielfigur in meinem eigenen Rollenspiel, als Fleischroboter. Unterstützt wurde diese Einstellung durch den Gedanken der Body Neutrality, den ich irgendwo im Internet aufgabelte.

Dieses Bild ist nicht abwertend gemeint, sondern funktional. Der Körper ist das Gefährt, das mich durch die Welt trägt. Er ist Fortbewegungsmittel, ermöglicht sämtliche sensorischen Eindrücke und ist somit Grundlage jeder Erfahrung. Ich habe nur diesen einen Körper in diesem Leben. Wenn er beschädigt wird, ist diese Beschädigung möglicherweise nicht reversibel. Der Körper schuldet mir keine Schönheit, ich schulde ihm aber Fürsorge. Body Neutrality bedeutet für mich deshalb nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Wertschätzung.

Ich versuche, meinen Körper nicht mehr primär über Attraktivität zu bewerten. Die Frage „Bin ich schön?“ verliert an Bedeutung. Die Frage „Funktioniert dieser Körper?“ bleibt zentral. Funktioniert er mal nur eingeschränkt oder hat Bedürfnisse, die mein Empfinden von Ästhetik stören, dann nehme ich trotzdem Rücksicht darauf.

Bei Bodypositivity stört mich dieser Zwang den eigenen Körper als schön zu empfinden. Mein Verständnis von weiblicher Schönheit ist schon früh in meinem Leben durch mein Umfeld, die Medien, die allgemeinen Schönheitsideale und meinem Bedürfnis gefallen zu wollen, in eine ganz magere Ecke getrieben worden. Ich hab lange versucht, ihn zu optimieren, mit grausamer Selbstkasteiung, ich hab mich brutal abgewertet, ich habe versucht zu lernen diese Hülle um mich herum schön zu finden. Aber dann vor ein paar Jahren erst erkannt: Ich werde meinen eigenen, leicht übergewichtigen und wenig straffen Körper nie attraktiv finden. Aber mit Body Neutrality schaffe ich es, dass es mir weniger bedeutet, dass dies so ist.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt.

Teil 2: Gesellschaft als Bewertungsmaschine

Diese individuelle Perspektive ist für mich untrennbar mit einer gesellschaftlichen Entwicklung verbunden. Und hier zunächst ein Exkurs zu den Körperbildern und der Normalisierung ihrer Bewertung:

Wir leben in einer Kultur, in der Körperbewertung ein permanenter Grundmodus geworden ist. Das beginnt lange vor Social Media, ich werde hier aber nur über den Teil schreiben, den ich selbst miterlebt habe. In den 90er Jahren bereits war der öffentliche Raum stark geprägt von oft extremen Körperbildern. Werbung, Magazine, Fernsehen und Kino haben über Jahre hinweg eine sehr enge Vorstellung davon vermittelt, wie Körper auszusehen haben. Und sehr häufig waren diese Bilder bereits stark bearbeitet und mit allem fotografischen Können gemacht, um den dargestellten Körper optimal dazustellen.

Diese Entwicklung hat sich nicht abgeschwächt, sondern verschoben und verstärkt.

Mit dem Aufkommen von Social Media wurde aus einer relativ begrenzten Anzahl öffentlicher Körperbilder eine permanente, demokratisierte und beschleunigte Sichtbarkeit. Nicht mehr nur Stars wurden bewertet, sondern sehr viele Menschen gleichzeitig. Influencer-Kultur hat diese Dynamik weiter intensiviert, weil sie Nähe simuliert. Die gezeigten Körper wirken nicht mehr wie Ausnahmefiguren, sondern wie erreichbare Normen.

Hinzu kam danach noch eine zweite Verschiebung: sehr leicht verfügbare Filter.

Filter, Bildbearbeitung und Inszenierung sind nicht neu, aber ihre Verfügbarkeit hat sich radikal verändert. Was früher professionelle Produktion erforderte, ist heute ein Knopfdruck. Körper können in Echtzeit verändert, optimiert oder vollständig transformiert werden.

Mit KI erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe. Jetzt entstehen Körperbilder, die nicht nur technisch bearbeitet, sondern vollständig synthetisch erstellt wurden. Und sie sind oft so optimiert, dass sie in der physischen Welt nicht erreichbar sind. Nicht einmal mit maximalem Training, optimierter Ernährung, fachlicher Unterstützung oder chirurgischen Eingriffen.

Wir haben damals angefangen, unsere Körper mit professionellen Models und später mit stark bearbeiteten Körpern zu vergleichen, heute vergleichen wir uns nicht einmal mehr mit Menschen.

Und das war auch in den 90ern schon problematisch, denn mir geht es hier mehr um Selbstwahrnehmung als um Attraktivität und Schönheitsideale bei der Partnersuche. Ganz kurz und ganz einfach umrissen jetzt: Menschen "lernen" was schön ist aus dem, was in ihrer Umgebung als schön reproduziert wird. Vergleich ist hier völlig normal und menschlich. Je "unmenschlicher" aber das ist, was allgemein meist als schön gekennzeichnet ist, desto unrealistischer wird diese eigene Vorstellung von dem, was man als attraktiv empfindet.

Und mit diesem gelernten Schönheitsideal begegnen wir nun nicht nur dem eigenen Körper, sondern allen Körpern und heutzutage kann man noch dazu den eigenen Körper quasi direkt der ganzen Welt zur Bewertung stellen und andere mit einem Klick bewerten. Und wenn wir jetzt einen Körper einer realen Person kommentieren, egal ob positiv oder negativ, dann gießen wir Öl ins Feuer der Fixierung auf den Körper als öffentliches, bewertbares Ästhetikprojekt.
Hinzu kommt etwas, das oft vergessen wird: Habe ich überhaupt eine Berechtigung zu dieser Bewertung? Egal, ob eine Person in der Stadt, die mir gefällt oder missfällt oder eben auf Social Media. Ich weiß nicht, ob die betreffende Person mir gefallen möchte. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zur Zielgruppe ihrer Selbstdarstellung gehöre. Warum sollte meine Bewertung selbstverständlich relevant für sie sein? Warum sollte ich sie ungefragt äußern?
Besonders da auch positive Kommentare Teil dieser Struktur sind. Sätze wie „Du hast abgenommen“ oder „Du siehst gut aus“ sind nicht neutral. Diese gutgemeinten (oder als Anmache gemeinten) Sätze können bei der Person selbst Schaden anrichten (dazu vielleicht mal ein eigener Text), aber sie setzen auch implizite Vergleichswerte und ordnen Körper in Bewertungssysteme ein.

Entscheidend ist dabei nicht einzelne Bosheit oder guter Wille, sondern die Struktur. Körper werden kontinuierlich als kommentierbare Information behandelt. Das gilt besonders für den öffentlichen Raum. In privaten Beziehungen, in denen Einverständnis, Nähe und Gegenseitigkeit bestehen, ist Attraktivität eine normale und oft wichtige Form der Kommunikation. Dort kann sie Verbindung schaffen, manchmal auch schwierige Verbindung, aber sie ist Teil der Aushandlung im sozialen Nahbereich.

Das zentrale Problem liegt für mich deshalb nicht in der Existenz von Attraktivität oder Wahrnehmung. Menschen werden immer Schönheit sehen und darauf reagieren. Das ist nicht der Punkt. Das Problem ist die Dauerpräsenz dieser Bewertung als sozialer Hauptmodus. Wenn Körper permanent kommentiert, verglichen und eingeordnet werden, verschiebt sich der Fokus von Handlung, Können und Beziehung hin zu Oberfläche.

Diese Entwicklung ist nicht nur ein individuelles Problem. Viele nehmen sie wahr, viele Beklagen diese Oberflächlichkeit und doch behandeln wir Oberflächlichkeit oft wie ein Naturereignis, obwohl wir sie jeden Tag aktiv herstellen. Mein Eindruck ist, dass wir hier an einen Punkt kommen, an dem nicht Verbote oder einzelne Regeln helfen, sondern eine kulturelle Drosselung notwendig ist.

Es geht nicht darum Attraktivität, Komplimente oder Flirten zu verbieten. Man kann tausende Komplimente machen, die nichts mit dem Körper zu tun haben, sondern das Wissen, Können, den Stil usw. einer Person betreffen. Es geht nur darum nicht die Körper von Wildfremden zu kommentieren, die man nie treffen wird. Nicht als moralische Forderung im strengen Sinn, sondern als pragmatische Schadensreduktion.

Der Grundgedanke ist einfach: Erst einmal nicht schaden.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt. Und der von anderen genauso.

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u/Fraktalrest_e — 30 days ago
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Geld ist Existenz

Ich denke es ist ein recht deutsches Phänomen, dass man über Geld nicht spricht. Direkt über das Einkommen zu reden wirkt immer fast anrüchig. Das hat nicht nur negative Effekte, wie ich finde, denn so gibt es auch nicht den direkten Vergleich in Familien oder Freundesgruppen.

Ich glaube allerdings, dass genau durch diese kulturelle Eigenheit, viele Menschen unterschätzen, wie grundlegend Geld eigentlich ist. Das liegt glaube ich nicht mal daran, dass sie ignorant wären, sondern daran, dass zum Glück viele Menschen von mehr als dem Existenzminimum leben. Und auch im nahen Umfeld nur Leute haben, die nicht darunter fallen. Das reicht meist dass man nicht erlebt, dass eine kaputte Waschmaschine das Leben in den nächsten Monaten komplett umkrempelt.

Wenn man über längere Zeit wirklich wenig Geld hat, verändert sich der Blick auf die Welt. Das Problem ist dabei nicht einmal in erster Linie der Verzicht. Menschen können auf erstaunlich vieles verzichten. Man kann lernen, selten essen zu gehen. Man kann lernen keine Markenprodukte mehr zu essen und zu benutzen. Man kann lernen, mit alten Möbeln zu leben. Man kann lernen, Kleidung lange zu tragen. Man kann sogar lernen, Wünsche aufzuschieben. Das eigentliche Problem ist, dass man ständig Sicherheit gegen etwas anderes eintauscht.

Wer genug Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach eine Hose. Wer sehr wenig Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach ebenfalls eine Hose, aber gleichzeitig hat er einen Teil seiner Sicherheit ausgegeben. Das klingt zunächst merkwürdig, wird aber sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass diese dreißig Euro am Ende des Monats möglicherweise darüber entscheiden, ob eine Abbuchung funktioniert oder zurückgeht oder eben noch der verdammte Wasserkocher kaputtgehen darf. Dasselbe gilt dafür sich einen Restaurantbesuch, ein Computerspiel oder einen neuen Toaster zu leisten. Jeder Kauf ist gleichzeitig die Entscheidung, auf einen Teil des Puffers zu verzichten, der einen vor den Problemen des nächsten Monats schützt.

Spontankäufe spürt man also Ende des Monats, aber auch die Fehlertoleranz sinkt dramatisch. Damit meine ich, wenn dir dein Handy ins Klo fällt, wenn du auf deinen Wohnzimmertisch stolperst... dann wirst du eine Weile ohne leben oder wieder Sicherheit abgeben. Genauso wenn du nichts dafür kannst dass etwas kaputt geht. Der Puffer muss alles gleichzeitig abdecken. Ob etwas selbst verschuldet ist oder zufällig passiert, ob etwas aus Notwendigkeit oder aus Überschwang gekauft wurde spielt praktisch keine Rolle mehr, weil alles denselben Effekt hat: sofort weniger Spielraum.
Noch weniger Toleranz gibt es bei Behördenangelegenheiten. Fristen, Anträge, Bearbeitungszeiten, was muss beim Antrag mit dabei sein, auf was habe ich Anspruch, das muss man alles wissen oder jemand haben der es weiß, oder man muss mit Abstrichen vom Existenzminimum rechnen, zumindest mit Überbrückungszeiträumen.

Und wer soll beim Überbrücken helfen? Die Bank sicher nicht, Kredithaie sind ne schlechte Idee, bleiben Familie, enge Freunde oder der Partner (dazu kommen wir gleich noch ausführlicher). Wenn deine Armut schon länger andauert und wahrscheinlich auch nicht bald enden wird, dann ist das ein zutiefst bitteres Geschäft für alle Beteiligten. Jede Familie und jeder Freundeskreis regelt das anders, aber einen Fall von Armut im Kreis zu haben vergiftet alles doch zumindest ein bisschen. Eine Seite: "Wie oft wird sie*er noch Geld brauchen?", "Werde ich es zurückbekommen?", "Ist es ok ihm*ihr nichts geliehen zu haben, obwohl es ihm*ihr schlecht geht?", "Ich brauche das den Monat eigentlich zurück, kann ich das ansprechen?", "Wäre sie*er jetzt hier, wenn ich kein Geld geliehen hätte?"; andere Seite: "Denkt sie*er ich wäre nur hier weil ich Geld brauche?", "Bin ich insgeheim nur deshalb hier?", "Wenn ich sage ich kann mir Wandern auf Korsika nicht leisten, was wird passieren?" solche leisen, inneren Prozesse meine ich. Meist bauen sich Freundeskreise aber ja schon auf Grund der Aktivitätsmöglichkeiten ja dann doch auch ein wenig entlang der Einkommensgrenzen auf.

Menschen sagen dann oft, man solle eben kostenlose Dinge machen. An den Strand oder in den Wald gehen zum Beispiel. Das klingt vernünftig, blendet aber meist aus, dass auch kostenlose Dinge Voraussetzungen haben. Neben der Versorgung dort, die natürlich auch mit Leitungswasser und mitgebrachtem Essen funktioniert, ist die wichtigste Frage: Von wo starte ich? In vielen Fällen wohnen Menschen am Existenzminimum in Kleinstädten oder recht rauen Stadtgebieten. Hauptsache Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Von dort aus ist vieles zu erreichen, manches umständlich, manches gar nicht. Aber sagen wir ein schönes Waldgebiet oder ein See liegt in 30 Minuten ÖPNV-Reichweite. Was muss dafür gegeben sein? Ein Ticket. Ein Ticket ist eine Entscheidung, entweder in Einzelfällen (geht aber irgendwann ins Geld), oder noch ein Abo mehr auf dem ächzenden Konto.

Ja, dann die Liebe... das ist jetzt mal nur meine Position, weil meine Meinung hier sehr radikal ist. Ich war mein Leben lang arm und die meisten meiner PartnerInnen waren es nicht. In meiner ersten längeren Beziehungen hab ich noch finanzielle Hilfe angenommen, damals hab ich noch studiert und auf Besserung der Lage gehofft. Mir wurde das nie direkt vorgeworfen oder irgendwas gefordert, aber ich konnte das weder vor mir, noch vor ihm, noch vor seinem Umfeld rechtfertigen. Ich hatte auch danach Partner mit teils sehr viel höherem Einkommen, aber für mich gibt es da keinen "gemeinsamen Topf". Es ist manchmal hart, weil ich nicht alles mitmachen kann, was mein Gegenüber gern unternehmen möchte usw.. Aber so behalte ich meinen Stolz und mein Gegenüber das Wissen, dass ich zu 100% nicht aus finanziellen Gründen bei ihm bin.

Wenn ich also „Geld macht nicht glücklich“ höre, lache ich bitter auf, und ich kann mir nur selten verkneifen etwas zu sagen wie: "Nein, macht es nicht automatisch. Aber es ist die Grundlage zum Essen, Wohnen, Kleidung tragen... es ist die Grundlage zum Leben." In diesem Sinn glaube ich tatsächlich, dass Geld Existenz ist.

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u/Fraktalrest_e — 1 month ago

299 Freudige Ungewissheit

Diese Playlist entstand Ende Mai 2026.

Genauer gesagt entstand sie in einem dieser seltenen Momente, in denen man plötzlich merkt, dass etwas Schönes möglich sein könnte und jeder Schritt bis hierher den Weg bereits wert war.

Ich stand im silbrig-goldenen Licht, dass die Küste gepachtet zu haben scheint, hinter der Kaiser-Wilhelm-Brücke und schaute auf das wie so oft unverschämt blaue Hafenwasser meiner geliebten Schlicktown.

Und um diesen eh schon perfekten Moment noch unglaublicher zu machen hörte ich in diesem Augenblick zum ersten Mal Johnny Cashs Version von Leonhard Cohens “Bird on a Wire”. Der Song erzählt von Freiheit, von Fehlern und von den Menschen, die wir dabei verletzen oder verlieren können und dem Versuch, trotz allem seinen eigenen Weg zu gehen. Über einen Menschen, der zurückblickt, bereut, hadert und trotzdem weitergeht. Und Johnny Cash interpretiert das Werk dabei auf ganz eigene Weise, mit Cohnen ebenbürtiger schwindelerregender Tiefe. Zwei Giganten der Ehrlichkeit, die sich voreinander verneigen.

Derart überwältigt wartete ich auf mein Date, der mich zu diesem Zeitpunkt schon so sehr mit seiner Offenheit und Reflektiertheit vom Hocker gehauen hatte, dass ich wusste, jede Sekunde mit diesem Mann ist es wert. Was auch immer daraus wird.

Was zunächst aus dem musikalischen Moment wurde war eine Playlist, die ich daraufhin zusammenstellte um diesen Gefühlen von Wahrhaftigkeit und freudiger Ungewissheit Ausdruck zu verleihen. Nicht weil sie inhaltlich die letzten Tage zusammenfassen, sondern weil sie diese glitzernden Momente ausdrücken.

Freudige Ungewissheit - Spotify

Freudige Ungewissheit - YouTube

The Builders and The Butchers - Black Dresses

Johnny Cash - Help Me

The Kinks - Waterloo Sunset

Johnny Cash - Rusty Cage

The Kinks - Strangers

The Devil Makes Three - Graveyard

T. Rex - Hot Love - A Side

The Devil Makes Three - To the Hilt

The Kinks - You Really Got Me

The Devil Makes Three - Chained to the Couch

The Kinks - Sunny Afternoon

The Devil Makes Three - All Hail

The Kinks - A Well Respected Man

Johnny Cash - Four Strong Winds

Johnny Cash - Country Trash

The Kinks - Lola

The Easybeats - Friday On My Mind

The Animals - It’s My Life

Pete Bernhard - Straight Line

The Devil Makes Three - Chase the Feeling

T. Rex - Jeepster

The Haunted Windchimes - Out With the Crow

The Box Tops - The Letter

Johnny Cash - Bird On A Wire

u/Fraktalrest_e — 1 month ago
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Atheistischer Jesusfreak

Disclaimer und Grundlage

Dieser Text beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob die beschriebenen Ereignisse historisch genau so stattgefunden haben, ob Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist, ob er wirklich auferstanden ist oder ob Wunder real so passiert sind. Diese Fragen sind für diesen Text nicht entscheidend.

Grundlage ist eine verbreitete deutsche Bibelübersetzung, konkret die „Gute Nachricht“. Sie wird hier nicht als dogmatische oder theologische Autorität verwendet, sondern als allgemein zugängliche, verständliche Fassung dessen, was im Neuen Testament über Jesus erzählt wird. Ich habe persönlich ursprünglich mit der Lutherbibel gelernt, aber für diesen Text ist Verständlichkeit wichtiger als sprachliche Tradition.

Warum dieser Text?

Ich schreibe diesen Text nicht aus Ablehnung gegenüber Religion oder Kirche. Ich bin evangelisch geprägt, habe Konfirmandenunterricht erlebt und war als junger Mensch der Kirche durchaus positiv gegenüber eingestellt. Ich habe lange versucht, an das zu glauben, was dort vermittelt wird, weil mir vieles daran sympathisch ist. Ich kann es dennoch nicht glauben. Nicht aus ideologischer Entscheidung, sondern weil ich es innerlich nicht kann. Ich glaube nicht an Gott, nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Auferstehung.

Trotzdem hat mich das, was über Jesus im Neuen Testament überliefert ist, nachhaltig beeindruckt. Bei der Vorarbeit für diesen Text habe ich viel erneut gelesen und an einigen Stellen war ich auch irritiert, aber an anderen wieder hingerissen von der wunderschönen Klarheit dieser Worte. Aber es schockiert mich, wie manche offiziell den Lehren von Jesus Christus folgen und dennoch für Ausgrenzung von Menschen argumentieren. Vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden, weil ich nicht glaube, ihr dürft mich gern widerlegen oder noch lieber selbst in diesen Texten versinken. Schlagen wir also das “Buch der Bücher” endlich mal wieder auf.

Gewaltlosigkeit

Vom Vergelten (Matthäus 5,38-42)

“38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist 2. Mose 21,24: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.”

Von der Feindesliebe (Matthäus 5,43-45)

“43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« 3. Mose 19,18 und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.”

Diese Aussagen reden nicht davon dass man “nett” sein soll, oder nicht so dolle nachtragend. Sondern fordern radikal für Feinde zu beten, sie zu lieben und ihnen mehr als gefordert geben, sollten sie Forderungen stellen oder angreifen. Das ist in der Realität schwer umsetzbar. Allerdings sind es Ideen von Deeskalation und Unterbrechung von Gewaltspiralen von vor 2000 Jahren, nach Ideen von Gott (angeblich).

Zuwendung zu Ausgegrenzten

In den Erzählungen wird Jesus immer wieder im Kontakt mit Menschen gezeigt, die gesellschaftlich oder religiös am Rand stehen.

Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern (Matthäus 9,10-13)

“10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt Hos 6,6: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.”

Für Jesus ist es also quasi selbstverständlich mit den “Sündern” zu essen. Er geht nicht zum belehren hin, er isst mit ihnen zusammen.

Vom Weltgericht (Matthäus 25,34-40)

“34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

Manchmal reißen die Worte auch mich mit, obwohl ich an keinerlei Leben nach dem Tod glaube, denn dass ist was ich möchte, dass Menschen im Leben glauben. Das ist was ich versuche zu leben.

Radikale Vergebung

Vom verlorenen Sohn (Lukas 15,21-24)

“21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.”

Diese Geschichte wirkt fast ungerecht, der eine Sohn zieht mit dem Geld des Vaters aus und verprasst und sehr egoistisch gehandelt, der andere bleibt auf dem Hof und arbeitet mit dem Vater. Dennoch wird er euphorisch willkommen geheißen und ihm wird sofort vergeben.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,3-7)

“3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”

Hier geht es nicht mal um Vergebung, sondern um eine radikale Spiegelung, dass selbst die, die sich als gerecht erachten schon die eigenen Maßstäbe gebrochen haben.

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-14)

“9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Frömmigkeit wird hier also geringer geachtet als echte Reue. Das ist auch eine der Stellen, die mich selbst unglaublich berührt hat.

Kritik an Macht, Kommerz und Heuchelei

Jesus im Tempel (Markus 11,15-17)

“15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben Jes 56,7: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.”

Ein Schelm wer jetzt an Fernsehprediger und Christfluencer denkt…

Gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäus 23,1-12)

“1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. 5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.”

Hier wird ziemlich hart (in den folgenden Psalmen noch mehr), mit Doppelmoral und Selbstüberhöhung abgerechnet, Gott als oberste Instanz und Jesus als Lehrer für alle Gläubigen gesetzt. Damit auch die Lehren, die mich immer wieder aufs neue faszinieren.

Mein Fazit

Ich werde es nie schaffen an Gott und Auferstehung zu glauben, wenn allerdings nach solch erhebenden Zeilen, wie ich sie hier zitiert habe, bei uns in der Kirche: “Worte des lebendigen Gottes” gesagt wurde, hatte ich kurz ein Gefühl von: “Ja, das klingt göttlich.”. Manchmal habe ich von außen den Eindruck das Jesus von Leuten, die wirklich glauben, etwas wenig als der einzige Lehrer gesehen wird und dass ich dies sehr bedauere, dürfte nach meinem kleinen Bibelexkurs klar geworden sein.

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u/Fraktalrest_e — 1 month ago
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„Die Jugend heutzutage …“

... hält nichts mehr aus.
... sind alle oberflächlich.
... liest nicht mehr
... hört nur noch seichte Musik.

... und überhaupt sei irgendetwas Grundsätzliches verloren gegangen und die Menschheit dem Untergang geweiht, wegen der jungen Leute.

Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Kritik selbst. Natürlich kann man Entwicklungen kritisieren und vor allem auch davon überfordert sein. Natürlich gibt es Trends, die man unangenehm oder problematisch finden darf. Ich verstehe das Gefühl dahinter aus eigener Erfahrung. Und jede Generation schaut irgendwann auf Dinge, die sie nicht mehr selbstverständlich versteht.

Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.

Und ich frage mich zunehmend, warum ausgerechnet dort. Vielleicht gehört ein Teil davon tatsächlich zum Menschsein. Junge Menschen probieren meist anderes aus. Sie sprechen oft anders, hören andere Musik, benutzen andere technische Lösungen und bauen sich eine Welt, die nicht dieselbe sein soll wie die ihrer Eltern. Sie wollen sich unbedingt unterscheiden. Das wollte meine Generation, das wollten meine Eltern, deren Eltern usw..

Und vielleicht gehört auf der anderen Seite ebenso dazu, dass Ältere erst einmal die Stirn runzeln und kritisch hinterfragen was die Jungen da tun.

Nur etwas beschäftigt mich dabei. Sollten wir mit vierzig, fünfzig oder sechzig nicht langsam gelernt haben, vorsichtiger mit solchen Urteilen zu werden?

Meine Gedanken wandern dabei zum "Steppenwolf" von Hermann Hesse.

Harry Haller wertet die Zeit in der er lebt quasi permanent ab. Das kulturelle Leben erscheint ihm oberflächlich, laut und minderwertig und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm fremd bleiben. Und dabei wirkt er äußerst intelligent und gebildet. Gerade das macht ihn interessant. Er ist sensibel, politisch und ernsthaft suchend.

Nur liegt darin eine kleine Ironie, wenn man den Roman heute liest.

Denn Haller lebt mitten in den 1920er Jahren. Also nicht in einer kulturellen Wüste, sondern in einer Zeit, die von heute betrachtet fast wie ein Gewächshaus der Kreativität wirkt. Architektur, neue Formensprache, Malerei, Film, wissenschaftliche Durchbrüche, Technik, Fotografie, Literatur, Jazz und gesellschaftliche Experimente. Eine Zeit, die eher vor Ideen wucherte, als dass sie kulturell verarmte. Und trotzdem konnte ein intelligenter, kunstinteressierter Mensch mitten darin sitzen und den kulturellen Niedergang beklagen. Das finde ich weniger lächerlich als erstaunlich menschlich. Er verachtet nicht nur Teile seiner Gegenwart. Er verachtet große Teile von sich selbst gleich mit: das Bürgerliche, das Körperliche, das Alltägliche, die Triebhaftigkeit, die Anpassung, die Zerstreuung. Das sind alles Dinge, die er in sich feststellt und mit einer Wucht hasst, dass sie beim lesen wie Selbstverletzung wirken. Er lebt in einer permanenten inneren Zerreißprobe zwischen geistigem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Und SPOILER(!): Die eigentliche Aufgabe, die der Steppenwolf bekommt, ist über sich selbst lachen lernen.

Vielleicht verwechseln viele von uns manchmal Fremdheit mit Verfall, wir verachten manchmal das was andere leben und wir uns nicht trauen. Nicht weil wir böse oder dumm wären. Sondern möglicherweise weil wir dachten, unsere Zeit so gut gestaltet zu haben, dass es nichts mehr zu verändern gäbe.

Die Frage ist für mich weniger: "Braucht die Gesellschaft die Kritik an Trends und Neuerungen, damit die Demokratie funktioniert?" sondern "Bringt es dem einzelnen etwas an der jungen Generation zu verzweifeln und ihnen gar nichts mehr Gutes zuzutrauen?".

Und woran es auch liegen mag, vielleicht lohnt sich ein kleiner Moment der Vorsicht, bevor wir sagen:

„Die Jugend heutzutage …“

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u/Fraktalrest_e — 1 month ago

296 Blitzlicht: Neues Paradies und die allerschönste Ablenkung

Seit 6 Tagen frage ich mich, ob ich irgendwas unglaublich tolles gemacht habe um dieses Leuchten in meinem Leben zu verdienen, dass mehr und mehr Einzug erhält.

Ich bin verliebt, über beide Ohren, wie einen Teeny hat es mich erwischt. Und gleichzeitig bin ich auf meinem Level 44, mit all meinen Macken und Triggerpunkten und gelebtem Leben. Vorsichtig und mit vollem Risiko auf einmal, streckt sich mein innerer Romantiker wohlig im silber-goldenen Licht der Küste und eines Menschen, der das Wort “großzügig” auf eine wundervolle, völlig unkommerzielle Weise füllt.

... an dieser Stelle hab ich 3 Absätze verliebtes Schwärmen wieder gelöscht und grinse einfach weiter ein wenig durch die Welt, bis meine Hormone nicht mehr CanCan tanzen...

Und mit mir zum Beispiel an diesen unglaublich schönen Ort fährt, nach dem ich meine Leidenschaft für Blumen erwähnt hatte.

My Country Trash - Markertube

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u/Fraktalrest_e — 1 month ago

285 Achtsamkeit als Realitätscheck statt als Ideologie

Kathrin Fischer zerpflückt in ‚Achtsam geht die Welt zugrunde‘ eine Achtsamkeit, die als Allheilmittel verkauft wird und damit Teil des Problems ist. Ihre Kritik: Wenn Achtsamkeit nur bedeutet, dass wir uns besser anpassen an ausbeuterische Arbeitsbedingungen, Klimakrise oder soziale Ungerechtigkeit, dann ist sie keine Lösung, sondern eine Falle.

Diese Kritik halte ich nicht für aus der Luft gegriffen. Wenn Achtsamkeit bedeutet, Menschen beizubringen, immer besser mit schlechten Umständen zurechtzukommen, statt die Umstände selbst anzuschauen oder zu verändern, dann wird aus ihr schnell eine Privatisierung von Problemen. Dann wird nicht gefragt, warum jemand erschöpft ist, sondern nur noch, warum er seine Erschöpfung nicht besser regulieren kann.

Und trotzdem habe ich beim Lesen gemerkt, dass ich mit dem Begriff etwas komplett anderes verbinde, als das was hier kritisiert wird. Meine Erfahrung mit Achtsamkeit stammt aus der DBT, der Dialektisch-Behavioralen Therapie, die hauptsächlich bei Borderline angewendet wird. Dort wird nicht verborgen, dass diese Techniken buddhistische Wurzeln haben, insbesondere im Zen-Buddhismus. Auch die Entwicklerin der DBT, Marsha M. Linehan, spricht offen über die Anleihen daraus. Diese Achtsamkeit aus der DBT ist kein Wohlfühlprogramm und kein Allheilmittel. Sie ist ein therapeutisches Notfallwerkzeug für Menschen, die von ihren Emotionen überflutet werden. Sie sagt nicht: ‚Sei glücklich.‘ Sie sagt nicht einmal: ‚Sei gelassen.‘.

Die Achtsamkeit, die ich dort gelernt habe, sagt mir nicht, wie ich leben soll. Sie sagt mir nicht, ob ich handeln oder stillhalten soll. Sie sagt mir nicht, ob meine Gefühle richtig sind oder welche politische oder moralische Konsequenz ich daraus ziehen sollte.

Sie sagt nur: Schau hin.

Schau hin, wie dein Körper sich gerade anfühlt. Schau hin, welche Gedanken auftauchen. Schau hin, welche Emotionen da sind. Schau hin, wie sich deine Situation tatsächlich für dich anfühlt. Bewerte nicht, bleib im Augenblick.

Und dann: Schau weiter hin.

Als ich begann, Achtsamkeit ernsthaft zu üben, empfand ich sie oft als fast unerträglich. Im Alltag achtsam zu sein klingt harmlos, bis man es wirklich versucht. Beim Zähne putzen. Beim Warten. Während der Arbeit. In langweiligen Momenten. Nicht gedanklich fliehen, nicht sofort bewerten, nicht automatisch reagieren, sondern wahrnehmen, teilnehmen, beschreiben, wirkungsvoll handeln.

Ich habe Jahre gebraucht um sie in meinen normalen Alltag automatisch einzubauen, so groß war mein innerer Widerstand. Denn wenn man ständig hinschaut, wird einem vieles sichtbar, das man sonst übergeht, oder regelrecht wegdrückt.

Bsp.: Das Knie tut schon wieder weh. Diese Situation macht mich wütend. Ich lenke mich gerade ab. Ich sitze unbequem. Ich ärgere mich über etwas und merke es erst jetzt.

Denn wer regelmäßig hinschaut, merkt oft erst, wo überhaupt Probleme liegen. Nicht nur im eigenen Innenleben, sondern auch im Außen. Vielleicht stelle ich fest, dass ich erschöpft bin. Vielleicht merke ich, dass eine Beziehung unfair geworden ist. Vielleicht wird mir klar, dass mich bestimmte Arbeitsbedingungen krank machen oder dass irgendein Umstand in meinem Leben mir einfach nicht passt. Die Achtsamkeit selbst sagt mir nicht wie ich handeln soll. Aber sie bringt mich an den einzigen Ort, an dem ich überhaupt handeln kann: ins Hier und Jetzt.

Die Ziele-Karte aus der DBT

Ich war vorher zu einem normalen Leben nüchtern quasi unfähig (vor der DBT hab ich gesoffen um klar zu kommen). Mittlerweile kann ich einen fast normalen Alltag leben, mit Einkaufen, Öffis fahren, Zeit unter fremden Menschen verbringen ohne dauernd in Panik zu sein. Und ich traue mich meine Texte zu veröffentlichen, weil ich denke ich kann damit etwas bewegen. Ich habe noch in etwa genauso viel Angst wie früher, ich hasse mich immer noch für jeden Fehler und rechne ständig damit dass alle mit dem Finger auf mich zeigen und mich auslachen. Aber die DBT und besonders die Achtsamkeit haben mir geholfen trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Denn manchmal sind es Kleinigkeiten, die ich anpassen kann um eine Situation erträglicher machen, wie bequemer hinstellen, aber nur mit Achtsamkeit schaffe ich so was im Hochstress überhaupt wahrzunehmen, denn mein System ist dann ja schon bei Flucht oder Kampf, auch wenn es nur die Supermarktschlange ist.

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen den Achtsamkeits-Begriffen, über die wir sprechen. Die Kritik von Frau Fischer scheint mir berechtigt, wenn Achtsamkeit zur Selbstoptimierung wird oder Menschen helfen soll, immer besser in unhaltbaren Verhältnissen zu funktionieren. Aber meine Erfahrung mit DBT-Achtsamkeit war nie: „Halte mehr aus.“ Eher: „Schau hin. Bekomm’ mit, was ist. Und dann entscheide selbst.“

Interview mit Kathrin Fischer auf derStandart.de [17.05.2026 19:00 Uhr]

Mein kompletter DBT-Erfahrungsbericht Open Source

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 2 months ago

283 Über-emotional Teil 2

Ein Fallbeispiel

(Überemotional Teil 1, mit Links zum DBT-Erfahrungsbericht)

Oft sagen Leute zu mir ich wäre zu emotional und das stimmt sogar, denn ich habe Borderline. Ich kenne es also leider nur zu gut, wenn meine Aussagen von Wut, Verletztheit oder Angst beeinflusst sind.
Häufig sagen es aber Menschen zu mir, wenn sie selbst gerade sehr emotional auf etwas sachlich geäußertes reagiert haben.

Beispiel auf Threads aus den letzten Tagen, welches dies eindrucksvoll zeigt:

Es passierte am Vatertag auf Threads. Ich werde niemanden mit Namen nennen, weil das nur das Gegenteil dessen erreicht was ich möchte. Ich werde ihn auch weitestgehend nicht wörtlich zitieren.

Meine Posts werde ich wörtlich mit auch den Fehlern so lassen.

Worum es eigentlich ging

Jemand hatte drei verschiedene Aussagen von Frauen zum Vatertag rausgesucht und zu problematischen Beispielen des Männerhasses erklärt.

Und ich hatte da drauf geklickt, weil ich mir dachte: "Was ist denn so schlimm?"

Es gibt tatsächlich radikal-feministische Aussagen, die wirklich sehr, sehr weit gehen.

  • Die erste Aussage war, heute hätten die Puffs und Saunaclubs Hochkonjunktur.
  • Die zweite Aussage war, dass da heute viele mitliefen, die selbst keine Väter wären.
  • Die dritte Aussage war, es würde nur denen zum Vatertag gratuliert, die sich auch um ihr Kind kümmerten, in Bezug auf Unterhaltszahlungen.

Dass diese moderaten Aussagen speziell ausgewählt wurden, verwunderte mich und ich reagierte mit ein paar Fragen:

>"Ok. Ich hab mich tatsächlich gefragt, was für Threads du meinst.
>
>
>
>Das sind deine Beschwerdepunkte?
>
>Das ist dieser Männerhass?"

Ein wiederum anderer Thread-Teilnehmer reagierte darauf sehr persönlich betroffen auf meine Fragen.

Erst kam ein Muttertagsvergleich, den ich nicht mal wirklich zusammen bekommen würde, wenn ich ihn wörtlich zitieren würde. Es geht wohl darum, dass auch Müttern gratuliert würde, die ihr Kinder ins Heim gegeben hätten oder abgetrieben (?). Also es war sehr schräg auf jeden Fall.

Dann gäbe es ja Väter, denen verweigert wird, ihr Kind zu sehen. Dann wurde nach wissenschaftlichen Belegen dafür gefragt, dass am Vatertag mehr Männer in den Puff gehen.

An dieser Stelle schaltete er ein. Mein Modus von „innerem totstellen“.

Das ist dann keine Emotionslosigkeit im eigentlichen Sinne. Man hat noch Emotionen zum Beispiel Verwunderung oder Verzweiflung über die Menschheit und auch immer ein gewisses Maß an Mitleid. Mitleid ist kein nettes Gefühl, aber es ist unvermeidlich für mich in diesen Situationen.

Mit also schon wenig Interesse an diesen vielen Erklärungen, die man auf so was immer geben muss ohne auf Erkenntnis hoffen zu können, denn eine Diskussion folgt auf solche Identitätsabwehr meist nicht mehr.

Und so fing es dann auch an. Ich fragte wie immer nach, wenn ich erklären will, denn ich will so was kurz halten und da klopfe ich ab was bereits da ist:

>"also erstens: Wer gratuliert denn Nicht-müttern zum Muttertag? das hab ich noch nirgends mitbekommen.
>
>Nicht kümmern heißt für dich also aktiv davon abgehalten werden?
>
>Ich hab keine Ahnung ob Prostituierte heute Überstunden machen und hab es auch eindeutig nicht als Fakt in den Raum gestellt...
>
>Vorstellen könnte ich es mir, es liegt sehr nahe, aber das heißt nicht dass ich sage: SO ist das!
>
>Anscheinend fühlst du dich ganz schön davon angegriffen... alles ok bei dir?"

(Das letzte war fies, aber Mitleid ist fies.)

Er meinte eine Mutter gelte immer als Mutter, egal ob die Kinder bei ihr wären. Und erwähnte dann tatsächlich etwas persönliches, aber auch gleich dass er zum ersten Mal höre, dass heute besonders viele Männer in den Puff gingen.

Ich weiter erklärend:

>"Ich meinte das zu dem Take, dass viele nicht Väter heute da mit marschieren.
>
>Männer, die keine Kinder gezeugt haben.
>
>Ich werfe das nicht mal direkt Vätern vor. Ich werfe das überhaupt niemanden vor. Du hast gar nicht gelesen, was ich geschrieben hatte.
>
>Ich halte es für wahrscheinlich gerade, weil da viele sehr junge Männer dabei sind, die wahrscheinlich keine Väter sind.
>
>Wie vielen Frauen, die keine Kinder bekommen haben, wird denn zum Muttertag gratuliert?"

Dann meinte er es gäbe Leute die heute Frau oder Kinder mitgenommen hätten (ich wüsste gar nicht dass ich dem widersprochen hätte) und dann meinte er es ginge überhaupt nicht um meine Aussagen.

Der zweite Teil war etwas verwirrend, denn er hatte auf meine Antwort und nicht auf den Hauptthead geantwortet.

Ich bot mich als Männerhasserin an, dachte ein klares Feindbild könnte vielleicht helfen:

>"Ok. Wenn du meine Aussage nicht meinst, dann rate ich dir nicht auf meine Aussage zu reagieren …
>
>Ich bin kein offizieller Fürsprecher, ich fand nur die drei vom OP herausgepickten Aussagen wirklich harmlos.
>
>Aber wenn man so hineininterpretiert, kann echt aus Banalitäten Männerhass lesen.
>
>Wenn du mir Männerhass vorwirfst, dann bitte nicht wegen Kleinkram.
>
>'Männer sind noch nicht einsam genug.'
>
>Das kannst du gern so interpretieren und ist persönlich von mir, an alle Männer die rumjammern."

Er hätte sich verklickt, er werfe mir gar nichts vor und meinte die Grundaussagen und fragte was dieses geschlechtsspezifische Bashing denn bringen solle. Und er würde nie Frauen wegen Muttertag kritisieren...

Kennt ihr dieses innerliche „Uff“, wenn klar ist, das hier jedes Wort vergebens geäußert ist, weil jemand völlig in einer Wutschleife ist, die eigenen Widersprüche nicht mehr bemerkt und das nicht mal absichtliche Gaslighting startet, dieses Verdrehen von Tatsachen aus Identitätsverteidigung nur damit er vor sich selbst noch bestehen kann?

Also antwortet man nur noch für mögliches Publikum, denn das Gegenüber ist innerlich schon nicht mehr im selben Gespräch:

>"Ich hab echt keine Lust auf die Diskussion.
>
>Du hattest Muttertag als Vergleich angebracht. Den ich übrigens durchaus kritikwürdig sehe… Aber nicht wichtig.
>
>Was es bringen soll, ist eine Veränderung bei der breiten Masse der Männer.
>
>Ich denke Männer die dazu nicht bereit sind vereinsamen zu lassen könnte da ein probates Mittel sein.
>
>Denn das ist echtes Leid und ich weiß aus Erfahrung, wer genug leidet holt sich Hilfe oder ändert endlich was."

Er meinte er wäre gern allein und dann kam noch folgendes (ausnahmsweise wörtlich, damit diese Plattitüde ihre Wirkung entfalten kann):

>"Aber auch Männer haben negative Erfahrungen gemacht."

Ich antwortete für mögliches Publikum:

>"Alles Gut. Es zwingt dich hoffentlich niemand in eine Beziehung.
>
>Ich kann übrigens immer noch nicht für alle Frauen sprechen …
>
>Deinen Letzten Take würde ich zwecks Whataboutism überdenken.
>
>Findest du dass in Mitteleuropa in privaten Beziehungen eher Gleichberechtigung herrscht oder eher Ungleichbehandlung, Diskriminierung und teilweise Gewalt?
>
>Und dann die wichtigste Frage hier bei: wie ist das deiner Meinung nach meist gewichtet?"

Er fragte:

  • Wieso Whataboutism?
  • Ob ich ihm seine Erfahrungen abspräche?
  • Warum nur Mitteleuropa?

Ok, an der Stelle hab ich laut aufgelacht, was doof war, denn ich stand grad an einer Fußgängerampel und das wirkte etwas schräg, denke ich.

Aber:

Warum Whataboutism?
Dann eine Frage die klar macht, er weiß nicht was das ist, dann wieder Whataboutism...

Leute, kommt schon! Ihr hättet auch gelacht!

Ich gab auf:

>"Ernsthaft was hast du?
>
>ich hab dir Fragen gestellt und dir gesagt du solltest den Take überdenken…
>
>d.h. nicht, dass ich dir irgendwas abspreche, denn d.h. du sagst dieses Problem ist es nicht wert ist, dass man darüber redet weil es gibt ja auch dieses Problem.
>
>Warum Mitteleuropa?
>
>Weil ich da lebe und ich dachte du auch?
>
>Wir können ja nicht über Gegenden reden, die wir persönlich nur schwer beurteilen können.
>
>Warum erkläre ich das?
>
>Ich wünsche dir noch alles Gute."

Er hat dann gemeint, wenn mich es so abfucken würde...
(jetzt kommt der Wahnsinn in voller Güte Leute)

...wenn ein Mann sich mal Zeit nähme sachlich mit mir zu reden...

und dann irgendwelches Geschwafel ich hätte ihn zwingen wollen zu schreiben: "Nicht alle Männer, aber immer ein Mann."

Dann hab ich ihn stumm geschaltet.

Denkt ihr es gibt eine Chance solche Leute noch zu erreichen?

Ich meine der hält sich für den Guten, der hält sich für sachlich, der hält sich für unemotional in dieser Diskussion.

Wie soll man solche Menschen noch erreichen?

reddit.com
u/Fraktalrest_e — 2 months ago

6 13 22, Busrechnungen, Busdiskussionen

Zahlen sagen manchmal mehr als Worte

Diskussionen auf Reddit sind meist unerfreulich, aber dieses mal bekam ich eine echte Inspiration, durch einen Beitrag von u/MissingXpert, der sich eigentlich mehr auf den Platzverbrauch bezog, kam ich auf die Idee das ganze mal mit einfachsten Mitteln auf den CO2-Austoß zu beziehen. Das Umweltbundesamt und der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen rechnen mit Personenkilometern und verwenden dabei Angaben, die nicht mal genauer erklärt werden, ich finde man kann das viel anschaulicher darstellen.

Wie viele Passagiere müssen im Bus sitzen, damit es sich vom Verbrauch her lohnt?

Zunächst Dieselbus gegen Dieselauto

Branchenintern wird ein Omnibus meist mit 37,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

37,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 99.375 g CO2/100 km

993,8 g CO2 pro Kilometer pro Bus

Branchenintern wird ein Diesel-Pkw meist mit 6,5 l/100 km angenommen. bei 2,65 kg CO2/l Diesel kommen wir dann auf:

6,5 l/100 km × 2.650 g CO2/l = 17.225 g CO2/100 km

172,3 g CO₂ pro Kilometer pro PKW

Ab 6 Autos (6 × 172,25 g = 1033,8 g CO2 pro KM) überschreiten die Autos die 993,8 g CO2 des Busses.

Es ist klar, dass dies eine rein theoretische Rechnung ist, die auf Verbrauchsannahmen basiert, aber es war für mich äußerst erstaunlich, dass die Zahl derart klein ist. 6 Leute sind nichts in einem Bus.

Ich wollte aber noch verrückter werden.

Dieselbus gegen E-Auto

Strommix-DE-betriebene PKW gegen die Dieselgurke, die hoffentlich bald gegen einen Elektrobus oder mindestens Hybrid getauscht würde (hier sind die Daten vom Bundesumweltministerium aus dem Hintergrundpapier Klimabilanz Elektromobilität, Link unten).

Stromverbrauch: 17,3 kWh/100 km (VW e-Golf, ADAC Ecotest)

DE-Strommix 2020: ~450 g CO2/kWh (UBA, 42,1 % erneuerbar)

17,3 kWh/100 km × 450 g CO2/kWh = 7.785 g CO2/100 km

77,9 g CO2 pro Kilometer pro E-Auto (nur Betrieb, ohne Batterieproduktion)

Ab 13 Personen im Bus, ist die Dieselgurke besser von der CO2 Bilanz als wenn die 13 Personen in 13 E-Autos fahren würden.

Jap, 13 sind nicht immer und überall erreichbar, aber hier trat Diesel gegen E-Auto an.

Zum Selbstrechnen, der E-Bus betritt die Arena

Ein Elektro-Solobus braucht lt. dem Abschlussbericht der Begleituntersuchung E-Busse des Bundeswirtschaftsministeriums (Link unten) 1,5 kWh/km im Winter.

1,3 kWh/km × 450 g = 585 g CO2 pro Elektrobus pro Kilometer

Den Rest könnt ihr euch selbst ausrechnen.

Wie viele Leute müssten auf ÖPNV umsteigen, dass sich die Herstellung eines E-Busses lohnt?

1 Linienbus (12 m):
großzügige Schätzung E-Bus 150 Tonnen CO2äquivalent (Dieselbus grob 120 Tonnen) CO2äquivalent)
Quelle: Swedish Environmental Research Institute Gothenburg, Sweden (Link unten)

1 Diesel-Pkw (Kleinwagen):
Schätzung 7 Tonnen CO2äquivalent
Quelle: VDI Verein Deutscher Ingenieure Analyse der CO2äq-Emmisionen von Pkw mit verschiedenen Antriebssystemen (Link unten)

Von der Herstellung her müssten es wenn man großzügig schätzt 22 durchschnittliche Passagiere sein.. aber das ist mehr Schätzung, weil sich ein "Bus-Leben" und ein "Auto-Leben" unterschiedlich abspielen und man diese 22 Leute dazu bringen müsste KEIN Auto zu kaufen.

So, da wir nun geklärt haben, für wie unglaublich sinnvoll ich den ÖPNV halte, sollte ich mal meine Meinung zu den Fragen die dann immer kommen klären.

Wie bekommen wir genug Fahrer?

Das ist eigentlich keine große Frage. Das macht das Jobcenter und das Arbeitsamt nämlich ständig.

Es werden Ausbildungen, Umschulungen (verkürzt eventuell für Taxi- und LKW-Fahrer) stark gefördert oder einfach komplett bezahlt. Also dass es den Auszubildenden nichts kostet und den Betrieb eventuell auch nicht. Das wird ständig gemacht.

Das nächste wird auch ständig gemacht, nämlich Ausschreibungen. Auch für andere Dinge wie die Müllabfuhr. Aber auch für Buslinien. Ich glaube die minimalen Löhne und Gehälter festzusetzen ist leider nicht so häufig mit drin. Ich denke, das dürfte gesetzlich schon möglich sein und wenn nicht, dürfte die Verordnung auch so zu ändern sein, dass die Ausschreibenden, also die Gemeinden und Kreise, die Löhne/Gehälter festsetzen dürfen.

Natürlich die Buslinien, die von den Städten und Gemeinden und Landkreisen selbst betrieben werden, genauso gute Löhne zahlen.

Würden uns die Leute, die jetzt dann sich umschulen lassen zum Busfahrer oder die gleich Busfahrer uns anderswo fehlen? Na sicher würden die uns fehlen. Wenn man etwas großes wie die Verkehrswende umzusetzen will, wird das Einschränkungen verursachen. Damit kommen wir gleich zum nächsten Thema.

Warum sollten wir diese Einschränkungen in Kauf nehmen?

Ich höre das immer, wir in Deutschland verursachen nur ein Prozent oder so von den Treibhausgasen. Ja, das ist ja ganz gut, dass wir nur so wenig verursachen, obwohl wir so viel produzieren. Innerhalb Deutschlands, innerhalb der EU ist das alles schwierig und der weltweite Einfluss vielleicht nicht so gigantisch. Aber wenn ihr einen Weg wisst, wie man die USA, China, Russland und den Rest der Welt außerhalb Europas dazu bringt, dass die ihren Ausstoß reduzieren, also wirklich massiv reduzieren. Erzählt mir, wie ihr es schaffen wollt, ernst gemeint. Ich hätte auch ein paar Ansätze, aber ich bin ratlos, wie wir es in voller Gänze schaffen wollen.

ÖPNV wird nicht reichen.

Nein, wird es nicht. Da müssen wir sehr viel mehr tun. Vor allem in der Industrie ganz viel. Das ist der viel größere Produzent als der Verkehr. Trotzdem können wir nicht einen Teil weglassen. Aber die Industrie wird nicht nur sich weit einschränken müssen und weit umdenken müssen.

Wer soll das bezahlen?

Naja, zum einen, ehrlich gesagt, diejenigen, die unbedingt noch Autofahren wollen. Sie bezahlen ja jetzt schon, und es wird noch mehr werden, auch um die Autoanzahl zu reduzieren und die Passagiere im ÖPNV zu erhöhen. Aber es soll auch garantiert nicht nur der Kunde, nicht nur der einzelne Bürger in die Verantwortung gezogen werden, sondern vor allem die Verantwortlichen.
Wer ist verantwortlich? Die Ölkonzerne zum Beispiel, die Autoindustrie zum Beispiel, die Stahlindustrie und so weiter und so fort. Die sollten massiv dafür zahlen, dass sie massiv verursacht haben.

Und übrigens von den neuen Medien unbedingt KI. KI ist ein unglaublicher Stromverbraucher. Auch da massiv besteuern.

Dann sollten wir allgemein, abseits des Stromverbrauchs der Firmen, darauf achten, dass ausländische Firmen, die hier ihre Dienstleistungen und Services und Produkte anbieten, hier auch ganz normal ihre Steuern bezahlen. Und vielleicht auch drauf achten, dass unsere großen Firmen so auf dem Level Steuern bezahlen, wie sie kleine Selbstständige bezahlen.

DE-Strommix: https://www.bundesumweltministerium.de/themen/verkehr/elektromobilitaet/klima-und-energie

Verbrauch E-Bus: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Studien/abschlussbericht-begleituntersuchung-e-busse-oepnv.pdf?__blob=publicationFile&v=1

CO2äquivalente Pkw-Produktion: https://www.vdi.de/fileadmin/pages/vdi_de/redakteure/themen/Mobilitaet/Dateien/3718_Publikation_Factsheet_VDI-Analyse_der_CO2-Emissionen_Internet__1_.pdf

CO2äquivalente Bus-Produktion: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920919302792

u/Fraktalrest_e — 2 months ago