u/Fraktalrest_e
Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Raucher!
Und nun an euch, liebe Raucher.
Ich war selbst etwa 25 Jahre Raucher und wenn man mit mir über Schuld und Egoismus in dieser Hinsicht diskutieren wollte, hätte man nie auch nur einen Hauch erreicht.
Deshalb möchte ich euch etwas anderes fragen.
Hast du ein Problem mit deinem Rauchen?
Und damit meine ich nicht, dass andere Menschen dein Rauchen problematisch finden.
Vergiss für einen Moment, was andere über dein Rauchen denken.
Nicht: Findet mich jemand deshalb ekelhaft? Nicht: Riecht jemand, dass ich wieder geraucht habe? Nicht: Ist jemand enttäuscht von mir? Nicht: Was denkt meine Familie darüber?
Darum geht es hier gerade nicht.
SONDERN:
Ist es für dich selbst ein Problem?
Merkst du, dass du von den Zigaretten abhängig bist und stört dich das? Vielleicht kennst du diese Momente ...
Es ist nachts um drei. Du bist schon schlaffertig. Es ist kalt draußen. Du hast eigentlich überhaupt keinen Bock, noch einmal rauszugehen. Und trotzdem... die Kippen sind alle...
Vielleicht stört dich, dass deine Finger gelb werden. Vielleicht deine Zähne. Vielleicht stört dich, wie viel Geld jeden Monat dafür draufgeht. Vielleicht stört dich, dass du dir bei jeder Reise überlegen musst, wie viele Zigaretten du für unterwegs mitnehmen musst, ob es dort einen Automaten gibt, ob eine Tankstelle in der Nähe ist... Vielleicht hast du Angst vor Lungenkrebs oder einem Herzinfarkt. Vielleicht hast du bereits gesundheitliche Schäden und rauchst trotzdem weiter. Vielleicht stört dich, dass andere Menschen dich als stinkend wahrnehmen. Vielleicht stört es dich bei der Partnersuche. Vielleicht stört dich etwas ganz anderes.
Nicht nur ein bisschen. Nicht nur so, dass du ab und an denkst: „Boah, was für eine nervige Angewohnheit.“
Sondern so, dass du immer wieder denkst:
„Das bestimmt über mich. Ich will das gar nicht, aber ich mache es.“
Dann hast du ein Problem.
Also nur weiterlesen, wenn du diese erste Frage:
1. Hast du ein Problem?
mit JA beantwortet hast.
2. Leidest du darunter?
Macht es dir Sorgen, lässt dich das Problem schlecht schlafen, verschlechtert es deine zwischenmenschlichen Beziehungen, erzeugt es Selbsthass, macht es dir Angst... usw.
Nur weiterlesen, wenn du diese zweite Frage:
„Leidest du darunter?“
mit JA beantwortet hast.
3. Bleibt das Problem aller Wahrscheinlichkeit nach bestehen, wenn du alles so weitermachst wie bisher?
Nur weiterlesen, wenn du die dritte Frage mit JA beantwortet hast.
4. Wenn du dir vorstellst, unter dem Problem noch in einem Jahr zu leiden, findest du diese Vorstellung auszuhalten?
Wenn hier jetzt ein NEIN kommt, dann möchte ich dir nicht sagen:
„Du bist selbst schuld.“
Ich möchte dir sagen:
Dann fang an, etwas dagegen zu tun. Du musst nicht heute perfekt aufhören. Du musst nicht wissen, wie es geht. Du musst das nicht alleine schaffen. Mach den kleinsten Schritt, den du machen kannst. Google, welche Möglichkeiten zur Rauchentwöhnung es gibt. Schreib eine Pro-und-Contra-Liste. Sprich mit deinem Arzt. Such dir Unterstützung. Überleg dir, was dir die Zigarette gibt und was du stattdessen brauchen könntest. Such dir etwas, das deine Hände beschäftigt. Mach irgendetwas, das dich ein kleines Stück in Richtung Nichtrauchen bringt. Hilfe zu suchen ist Handeln. Sich Unterstützung zu holen ist Handeln.
Wenn du dein Problem lösen willst, musst du handeln. JETZT! Nicht weil du schuld bist. Nicht weil du schwach bist. Sondern weil es dein Leben ist und JETZT immer der einzige Zeitpunkt ist auf den du maximalen Einfluss hast. Höre für jetzt auf, für diese Stunde, für diesen Tag! Jeder Tag ohne ist ein Sieg.
Und genau deshalb würde ich dir auch nicht empfehlen, das Aufhören hauptsächlich an der Meinung anderer Menschen aufzuhängen. Wenn du aufhören willst, denk an dich. Denk an deinen Körper. Denk an deine Gesundheit. Denk an dein Geld. Denk an die gesunden Jahre, die du noch auf diesem Planeten verbringen möchtest. Und denk daran, was das Rauchen dir antut. Wenn dich deine gelben Finger nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Kosten nerven, dann ist das ein Grund. Wenn dich die Abhängigkeit nervt, dann ist das ein Grund. Wenn du Angst vor den gesundheitlichen Folgen hast, dann ist das ein Grund. Wenn du dich jedes Mal über dich selbst ärgerst, wenn du wieder anfängst, dann ist auch das ein Grund.
Du musst nicht für jemand anderen aufhören. Du musst auch nicht beweisen, dass du stark genug bist. Du musst nicht erst die perfekte Motivation finden.
Wenn du selbst dieses Problem nicht mehr haben willst, reicht das als Ausgangspunkt.
Und wenn du feststellst, dass diese Methode für dich überhaupt nicht funktioniert, weil du beim Aufhören ständig nur darüber nachdenkst, was andere Menschen von dir denken, dann vergiss meinetwegen diese vier Fragen. Dann brauchst du vielleicht eine andere Methode. Keine Ahnung, was alles funktioniert.
Aber wenn du etwas verändern willst, dann such dir eine Methode, mit der du tatsächlich etwas veränderst.
Und wenn du danach oder währenddessen noch Energie hast, dann setz dich meinetwegen politisch oder gesellschaftlich dafür ein, dass andere Menschen gar nicht erst in diese Sucht hineinrutschen. Setz dich dafür ein, dass Prävention besser funktioniert. Dass Entwöhnung leichter zugänglich wird. Dass Menschen bessere Unterstützung bekommen.
Tu alles, wofür du Energie hast.
Aber vergiss dabei dein eigenes Leben nicht.
Fang bei dir an. Nicht weil du schuld bist. Sondern weil es dein Leben ist.
Fang an. Jetzt.
Niemand gibt dir deine Lebenszeit zurück.
Der Text an die Nichtraucher:
Schuldfrage bei psychischen Problemen - Rauchen - Liebe Nichtraucher!
Liebe Nichtraucher,
erstens: Fangt niemals damit an! Das ist wahrscheinlich die einfachste und wirksamste Form einer Sucht zu entgehen. Ich hoffe, bis hierhin sind wir uns einig.
Aber was machen wir mit den Menschen, die bereits angefangen haben?
Da wird die Diskussion nämlich schnell interessant. Und leider auch schnell ziemlich sinnlos.
Dieser Text handelt deshalb zwar vom Rauchen, aber Rauchen ist für mich dabei auch ein Beispiel für eine größere Frage: Wie gehen wir mit Menschen um, die ein psychisches oder suchtbezogenes Problem haben und etwas daran verändern wollen?
Zweitens: Die Schuldfrage
Ja, natürlich hat ein Raucher die erste Zigarette meist ohne Zwang angesteckt.
Um ein Beispiel zu liefern: Mein 17-jähriges Ich hat eine ziemlich dumme Entscheidung getroffen. Es wusste, dass Rauchen schädlich ist und dass es süchtig macht. Es hat trotzdem angefangen.
Mea culpa!
Ob zu 100 % unbeeinflusst, lassen wir dahingestellt. Aber sagen wir zum Spaß, ich war beeinflusst, verführt und Teenager. Werbung, Gruppendruck, meine eigene Unsicherheit, der Zeitgeist, die Gesellschaft, die Medien, whatever... hat mich dazu gebracht.
Unschuldslamm!
Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem.
Menschen halt!
Nur, egal wer oder was Schuld war:
Was bringt diese Erkenntnis 25 Jahre später?
Für die Frage, wie dieser eine Mensch heute aufhören kann, ist das zunächst einmal ziemlich irrelevant. Wir sollten uns doch viel eher fragen: Warum hast du angefangen? Und noch viel wichtiger: Warum bleibst du dabei?
Was macht das Rauchen mit dir?
Was ersetzt es dir? Wobei hilft dir die Zigarette? Rauchst du, wenn du nervös bist? Rauchst du, um Wartezeiten zu überbrücken? Ist die Zigarette deine Pause? Ist sie ein Sozialverstärker? Rauchst du, wenn du dir etwas gönnen möchtest? Brauchst du Beschäftigung für deine Hände? Ist das Rauchen ein Ritual geworden? Oder geht es gerade um den Entzug und darum, einen unangenehmen Zustand wieder loszuwerden?
Natürlich spielt der Wirkstoff eine Rolle. Wer regelmäßig und täglich raucht, kann eine körperliche Nikotinabhängigkeit entwickeln und Entzugserscheinungen bekommen, wenn er es länger weglässt.
Aber die entscheidenden Fragen bei Sucht gehen für mich immer in die Richtung: Was macht die Zigarette für diesen Menschen darüber hinaus? Denn der Süchtige weiß im Allgemeinen, dass die Sucht auch etwas nimmt.
Sie nimmt dir Geld. Sie nimmt dir Gesundheit. Sie nimmt dir die Möglichkeit, gut zu riechen. Sie kann dir soziale Kontakte nehmen.
Sie nimmt dir etwas.
Und trotzdem wird weiter geraucht.
Dann ist die Frage doch:
Was bekommst du dafür?
Das sind Fragen, die für das Aufhören interessant sein können.
Ob du vor fast zwanzig Jahren ausschließlich selbst schuld warst oder ob da vieles mit rein spielte hilft dir heute nicht unbedingt dabei, deine Sucht zu beenden.
Und genau deshalb bringt dir die hundertste Schuldzuweisung nicht unbedingt was.
Drittens: Egoismus bei Rauchern
Der zweite große Vorwurf lautet gerne: Raucher sind egoistisch.
Naja,... JA.
Raucher können egoistisch sein. Nichtraucher können es übrigens auch. Egoismus ist für mich zunächst einmal eine menschliche Eigenschaft. Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie zu egoistischem Verhalten neigen. Das kann sich über das Leben verändern und vermutlich auch von Situation zu Situation und von Tagesform zu Tagesform.
Natürlich kann auch Suchtdruck dazu führen, dass ein Mensch sich stärker auf die Befriedigung seines eigenen Bedürfnisses konzentriert. Das will ich überhaupt nicht ausschließen.
Aber ich halte es für einen ziemlich großen Sprung, daraus zu machen, dass Nikotinabhängigkeit Menschen grundsätzlich egoistischer macht.
Ein egoistischer Mensch, der raucht, kann sich egoistisch verhalten. Ein rücksichtsvoller Mensch, der raucht, kann sich trotzdem bemühen, rücksichtsvoll zu bleiben.
Das Problem ist nur: Rauchen ist sichtbar und riechbar. Wenn jemand im Eingangsbereich eines Gebäudes raucht, wenn Rauch in meine Richtung zieht oder wenn ich irgendwo wegen Zigarettenrauch nicht sitzen möchte, bekomme ich dieses Verhalten unmittelbar mit und werde davon beeinträchtigt. Wenn jemand Kippenstummel auf den Boden schnippt, dann sieht man das Ergebnis.
Egoistisches Verhalten ohne Zigarette riecht dagegen nicht nach Rauch und steht auch nicht qualmend vor dem Bahnhof und wird häufig von weniger Menschen bemerkt.
Deshalb kann man selbstverständlich trotzdem darüber diskutieren, wie egoistisch unsere Gesellschaft ist. Man kann darüber diskutieren, ob Egoismus zunimmt oder abnimmt, welche gesellschaftlichen Faktoren dabei eine Rolle spielen, wie viel Rücksicht Menschen aufeinander nehmen sollten und wie wir uns eine Gesellschaft wünschen.
Das sind alles interessante Fragen.
Aber sie sind nicht die entscheidende Frage der Nikotinabhängigkeit.
Ich halte Egoismus und Tabaksucht nicht für besonders eng miteinander verknüpft. Und selbst wenn ein Raucher sich egoistisch verhält, beantwortet die Feststellung „Du bist egoistisch“ noch lange nicht die Frage:
Wie bekommen wir dich vom Rauchen weg?
Viertens: Was könnte gesellschaftlich helfen?
Wenn wir wirklich weniger Raucher haben wollen, dann sollten wir vielleicht über Maßnahmen sprechen, die genau dieses Ziel verfolgen.
Unsere Regierungen haben in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Maßnahmen zur Tabakprävention und zur Einschränkung des Tabakkonsums ergriffen. Manche davon waren wirksam. Ob jede einzelne Maßnahme optimal war, welche davon besonders wirksam waren und welche man verändern, verstärken oder vielleicht auch wieder zurücknehmen sollte, darüber kann man selbstverständlich diskutieren.
Genau diese Diskussion finde ich sinnvoll.
Der Erfolg lässt sich zumindest anhand einiger ziemlich konkreter Fragen betrachten:
Fangen weniger junge Menschen mit dem Rauchen an?
Das ist für mich der wichtigste Punkt. Wenn weniger junge Menschen anfangen, ist Prävention erfolgreich. Deshalb ja der Einstieg in diesen Text.
Die meisten Menschen beginnen relativ früh mit dem Rauchen. Natürlich fangen aber auch Erwachsene mit 30, 40 oder noch später an, der Hauptaugenmerk der Prävention sollte jedoch auf Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen, da Menschen in der Adoleszenz noch sehr beeinflussbar sind.
In Bezug auf Werbung und Influencer (bezogen auf Vapes und nicht auf Zigaretten) habe ich auch bereits geschrieben: Influencer-Communities und Werbung : r/WriteAndPost
Werden Menschen, die bereits rauchen und aufhören wollen, erfolgreicher beim Aufhören unterstützt?
Welche Entwöhnungsmaßnahmen funktionieren? Welche Angebote helfen? Was könnte besser funktionieren als „Du bist selbst schuld“, "Du bist egoistisch" oder „Du bist zu schwach“?
Reduzieren Menschen, die momentan noch weiter rauchen, ihren Konsum?
Auch das kann ein sinnvoller Ansatz sein. Nicht jeder Mensch hört sofort vollständig auf. Dann kann die Frage zumindest sein, wie sich der Konsum reduzieren lässt und welche Maßnahmen dabei helfen.
Sinkt insgesamt der Tabak- und Nikotinkonsum?
Denn am Ende geht es auch um die tatsächliche Menge des Konsums und damit um die gesundheitlichen Folgen. Und genau darüber können wir meinetwegen sehr ausführlich diskutieren.
Dazu gehört natürlich auch die Frage, wie andere Formen des Nikotinkonsums, etwa E-Zigaretten und Vapes, einzuordnen sind. Dazu habe ich einen eigenen Text geschrieben: Vapes - Déjà-vu eines Rauchers : r/WriteAndPost
Welche Maßnahmen funktionieren? Welche funktionieren nicht? Was könnte man besser machen? Welche Informationskampagnen bringen etwas? Was hilft Jugendlichen? Was hilft Erwachsenen? Was hilft Menschen, die aufhören wollen? Welche Erfahrungen haben andere gemacht?
Wer dazu Ideen, Erfahrungen oder Vorschläge hat, kann darüber gerne diskutieren. Genau dafür kann dieser Thread offen bleiben oder ihr dürft hier gern beliebig viele Threads zu diesem Themenbereich aufmachen. Auch andere Süchte betreffend gern.
Denn das ist für mich die interessante Debatte über Rauchen.
Nicht: Sind Raucher schlechte Menschen?
Nicht: Sind Raucher egoistisch?
Nicht: Wer war vor 25 Jahren schuld?
Denn am Ende steht eine ziemlich einfache Tatsache.
In Deutschland sterben jedes Jahr zigtausende Menschen an den Folgen des Tabakkonsums.
Einige dieser Menschen kannte ich. Einige dieser Menschen habe ich geliebt. Einige von ihnen haben bis zu ihrem letzten Tag geraucht. Trotz ihrer Erkrankungen. Trotz der Schäden. Trotz des Wissens darüber, was das Rauchen mit ihnen macht.
Und wenn man diesen Menschen im Nachhinein sagt: „Die waren einfach zu schwach. Die waren egoistisch. Die hätten ja einfach aufhören können. Selbst schuld.“
Dann sagt man das über Menschen, die ich geliebt habe.
Ich möchte, dass möglichst wenige Menschen rauchen. Nicht, weil ich Raucher für schlechte Menschen halte.
Sondern weil ich möchte, dass möglichst wenige Menschen daran sterben.
Der Text an die Raucher:
https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/83NGLsLWde
Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?
Ich habe hier einmal aufgeschrieben, was ich darunter verstehe und was für mich ausdrücklich noch kein Männerhass ist. Vieles davon kann unfair sein. Vieles kann dumm sein. Manches kann verletzend sein. Einiges davon sollte man sich vielleicht tatsächlich verkneifen. Aber wenn wir all das schon Männerhass nennen, was wollen wir damit erreichen?
Und vor allem: Was meint ihr eigentlich mit Männerhass und was soll durch die Bezeichnung erreicht werden?
Vielleicht sollten wir darüber tatsächlich einmal reden. Nicht darüber, ob jemand „auf der richtigen Seite“ steht, sondern darüber, was wir überhaupt meinen, wenn wir das Wort Hass benutzen. Weil wir alle zum Glück in Bezug auf den Begriff "Frauenhass" sensibilisierter sind, habe ich Beispiele mit Äußerungen über Frauen mit aufgeführt. Wo ist deine Grenze? Ab wann denkst du: „Das geht für mich jetzt zu weit“? Ich bin auf eure Einschätzungen gespannt:
1. Persönliche Präferenz
„Ich möchte keine Männer daten.“ „Ich möchte keine Frauen daten.“
→ Kein Hass. Das ist zunächst einmal eine persönliche Entscheidung.
2. Persönliche Erfahrung
„Ich habe schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.“ „Meine letzten Beziehungen mit Frauen waren katastrophal.“
→ Kein Hass. Die Erfahrung kann richtig, falsch, einseitig oder unvollständig durchdacht sein. Sie bleibt zunächst eine Erfahrung.
3. Vermeidung / persönliche Grenze
„Deshalb rede ich momentan nicht gerne mit Männern.“ „Ich möchte mit Frauen erst einmal nichts zu tun haben.“
→ Kein Hass. Man darf Menschen meiden. Die interessante Frage wäre höchstens, ob die Person selbst unter dieser Vermeidung leidet und etwas daran verändern möchte. Aber das ist ihr Problem, nicht automatisch ein moralisches Urteil über die Gruppe.
4. Angst und Misstrauen
„Ich habe Angst vor Männern.“ „Ich vertraue Frauen nicht.“
→ Ebenfalls kein Hass. Die Angst kann nachvollziehbare Gründe haben, unfaire Gründe, oder gar keinen für die betroffene Person bekannten Grund. Angst ist ein Gefühl, dass sich manchmal nicht logisch herleiten lässt und auch nicht lassen muss.
Aber etwas ist hier sehr wichtig:
Angst kann zu Hass werden. Aber Angst IST NICHT Hass.
Wenn man also Angst vor einer bestimmten Menschengruppe hat, könnte man an der Angstbewältigung arbeiten, das ist aber die Angelegenheit der betroffenen Person und kein Grund ihr Hass zuzuschreiben.
5. Flapsige Verallgemeinerung / Klischee
„Männer sind halt so.“ „Frauen sind halt so.“
„Männer sind unordentlicher.“ „Frauen sind pedantischer.“
→ Nicht automatisch Hass. Aber oft auch nicht besonders klug. Und genau hier kann ein kleiner Selbstcheck hinein:
Will ich aus meinem momentanen Ärger eine Aussage über Milliarden von Menschen machen?
Ich muss gestehen mir sind solche Sätze auch schon entfleucht, aber es ist gut wenn mich dann jemand an die geringe Aussagekraft einer solchen Plattitüde erinnerte, weshalb ich das auch immer bei anderen tue.
6. Polemische Zuspitzung / Provokation
„Männer sind noch nicht einsam genug.“
„Männer tun echt alles, um nicht in Therapie zu müssen.“
„Nicht alle Männer, aber immer ein Mann.“
→ Nicht automatisch Hass. Solche Aussagen sind oft bewusst übertrieben, pauschalisiert und provokant formuliert. Das macht sie nicht automatisch sachlich richtig oder besonders klug. Man kann und sollte sie kritisieren, solche Aussagen sollen ja eine innere Beschäftigung mit dem Thema verursachen. Genau deshalb habe ich ja den ersten Satz schon als Überschrift einer meiner Texte verwendet. (https://feddit.org/post/28706776) Von solcher Polemik bin ich mittlerweile wieder weg. Es ist meinem Kommunikationsziel nicht zuträglich. Das heißt nicht das ich solche provokanten Äußerungen grundsätzlich für schlecht befinde, aber sie erzeugen für mich persönlich zu häufig eher Identitätsabwehr als echtes Nachdenken über das Thema.
7. Pauschalisierende oder stereotype Abwertung
„Männer können sich eben nicht beherrschen.“ „Frauen agieren immer zu emotional.“
„Männer sind eben keine guten Elternteile.“ „Frauen daten nur körperlich und finanziell attraktive Männer.“
→ Hier wird es deutlich problematischer. Das sind pauschale Zuschreibungen mit starken sexistischen und/oder abwertenden Konnotationen. Aber auch hier würde ich noch nicht automatisch sagen: Hass. Aber schon wirklich diskussionswürdig.
Und dann kommt meine Grenze:
8. Gruppenhass
„Männer sind Tiere.“ „Frauen sind nicht zurechnungsfähig.“
„Alle Männer sind Triebtäter.“ „Frauen sind manipulative Schlampen und nutzen Männer nur aus.“
Hier wird nicht mehr gesagt: „Ich hatte schlechte Erfahrungen.“
Hier wird gesagt: „Diese Menschen sind aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Gruppe schlechter.“
Und dann die verschärfte Form:
9. Gruppenhass mit Legitimierung von Schaden
„Männer haben es verdient, geschlagen zu werden.“ „Frauen darf man schlagen, damit sie lernen.“
„Alle Männer gehören weggesperrt.“ „Frauen sollten keine Rechte haben.“
Da wird aus der Abwertung eine Rechtfertigung dafür, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit schlecht zu behandeln.
Das ist dann tatsächlich eine sehr klare Grenze.
Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Humor, Ironie und Satire.
Manche Aussagen, die wörtlich gelesen eindeutig pauschalisierend oder sogar menschenfeindlich wirken, werden ironisch oder satirisch verwendet. Sie können bewusst übertreiben, um ein Klischee sichtbar zu machen, es lächerlich zu machen oder einen Widerspruch aufzuzeigen. Deshalb reicht es auch hier nicht immer, einen einzelnen Satz aus dem Zusammenhang zu ziehen und ihn wörtlich zu lesen.
Das bedeutet nicht, dass hinter Satire niemals echter Hass stecken kann. Natürlich kann jemand auch seine tatsächliche Abneigung humoristisch verpacken. Aber auch hier gilt für mich: Der Satz allein erzählt uns nicht immer, was die Person tatsächlich sagen will.
Und dann noch etwas zu statistischen Erkenntnissen, weil er einen wichtigen Denkfehler verhindert:
Nicht jede Aussage, die sich auf eine Gruppe bezieht, ist eine Aussage über den Wert ihrer Mitglieder.
„Männer sind bei bestimmten Gewaltdelikten statistisch überrepräsentiert“ ist eine Aussage über eine statistische Verteilung.
→„Männer sind gewalttätig“ macht daraus eine Eigenschaft.
→„Männer sind schlechte Menschen“ macht daraus eine moralische Abwertung.
→„Männer verdienen Gewalt“ macht daraus eine Rechtfertigung von Gewalt.
Das sind vier verschiedene Aussagen.
Doch durch all diese Betrachtungen sollte auch die ursprüngliche Frage endlich wirklich beantwortbar sein:
Was meint ihr eigentlich mit Männerhass?
Und wichtigere Fragen ergeben sich: Wenn jemand einen klischeehaften oder unfairen Satz über Männer schreibt und ich antworte sofort mit „Männerhasserin“, habe ich dann tatsächlich etwas für Männer getan? Habe ich das Klischee widerlegt? Habe ich die Person zum Nachdenken gebracht? Habe ich die Verständigung zwischen den Geschlechtern verbessert? Oder habe ich nur eine neue Front eröffnet, an der jetzt über das Wort „Hass“ gestritten wird?
Und noch eine kleine Fiesheit: Jemand KANN Männer tatsächlich und erwiesenermaßen hassen und doch eine richtige Aussage über Männer treffen.
Bekämpft das Klischee. Nicht den Menschen.
Gegen Raucher zu sein ist keine unbeliebte Meinung
Rauchen dies, Rauchen das.
17-mal die Woche wird hier über Raucher hergezogen als seien es die schlimmsten Kriegsverbrecher.
Sorry, aber wenn so viele Leute die Zeit,Lust und Energie haben, sich konstant über Raucher auszulassen, dann ist diese Meinung wohl bei weitem nicht unbeliebt.
Es wird auch kein Raucher mit dem rauchen aufhören nur weil ihr euch auf Reddit mit den 5 selben bulletpoints darüber auslasst.
Stadtschönheitsdetektive
Heute sind es bemalte Wände aus Wilhelmshaven.
Morgen vielleicht ein Park in Hagen.
Eine Straßenecke in Bitterfeld.
Blumen in einem Park in München.
Oder der Fischmarkt in Hamburg bei Sonnenaufgang.
Dieses Reel ist keine Challenge.
Wenn ihr mögt, zeigt die Schönheit eurer eigenen Stadt. Ganz egal, ob sie als schön oder hässlich gilt.
Ob als Antwort auf dieses Reel. Oder mit einer Verlinkung. Oder einfach auf eurem eigenen Profil. Oder auf einer anderen Plattform. Ganz wie ihr möchtet.
Was wir davon haben? Mehr Schönheit gesehen.
Lange graue Haare. Ein Abschied.
Ich versuche es mit Humor zu nehmen. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Ich habe meine Haare mein Leben lang gehasst. Sie waren fusselig, dünn, schnell fettig, ständig verknotet und nie dort, wo sie sein sollten. Aus jedem Zopf arbeiteten sie sich wieder heraus, um anschließend im Gesicht herumzufliegen.
Und dann war da noch die Farbe. "Aschblond", nennen Friseure das. Ein erstaunlich freundlicher Begriff für das, was ich immer als mausgrau, schmutziggrau oder Straßenköterbraun empfunden habe.
2020 änderte sich etwas. Meine Haare waren damals gerade sehr kurz, naturfarben, und mir fielen die grauen Strähnen auf. Es waren nicht mehr nur einzelne Haare, sondern deutliche Silbersträhnen.
Zum ersten Mal hoffte ich darauf, meine Haare mögen zu können. Denn eine Frisur fand ich schon immer wunderschön: lange graue Haare. Bei Männern genauso wie bei Frauen. Sie lassen einen Menschen für mich würdevoll, charaktervoll, gleichzeitig cool und auf eine ganz eigene Art schön wirken. Das wollte ich für mich auch.
Also begann eine ungewöhnliche Quest. Der Ziergegenstand (Ziergegenstände haben in Rollenspielen meist nur optischen Wert) „Lange graue Haare“ lässt sich ohne Cheating (färben oder Haarverlängerung) weder kaufen noch herstellen. Man erhält ihn ausschließlich durch Geduld und zwar jahrelang. Eigentlich nicht gerade eine Stärke von mir.
Ich überstand die Phase, in der die Haare zu kurz waren, um hinter den Ohren zu halten, aber lang genug, um in die Augen zu fallen. Ich überstand die Schulterlänge, bei der meine Haare NOCH schneller unordentlich aussahen. Ich widerstand unzähligen Gelegenheiten, sie einfach wieder abschneiden zu lassen.
Im Laufe der Jahre war dann der ersehnte Ziergegenstand endlich freigeschaltet. Ich fand meine Haare zum ersten Mal schön. Ich genoss, dass mir (tatsächlich oder eingebildet) Lebenserfahrung und Wissen zugestanden wurde. Ich sonnte mich im Glanz meiner silbernen Pracht.
Dann zog ich an die Nordsee.
Nach zwei Tagen war klar: Hüte sind hier keine sinnvolle Ausrüstung. Das konnte ich, obwohl Hutliebhaber, erstaunlich gelassen hinnehmen.
Bei den langen Haaren kämpfte ich deutlich länger. Ich wohne nun seit gut drei Monaten hier und wollte nicht aufgeben, aber gegen den Nordseewind helfen weder Zopf noch Haarspange noch Haarklammer. Irgendwann hängen sie wieder im Mund, in den Augen oder kleben bei Wärme überall dort, wo sie gerade nicht sein sollen.
Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass ein Ziergegenstand zwar wunderschön sein kann, aber er ist es nicht wert, dass er jeden Tag stört.
Lange graue Haare!
ihr wart die erste Frisur meines Lebens, die ich wirklich an mir geliebt habe.
Es hat Jahre gedauert, euch zu bekommen.
Versteht mich nicht falsch, ihr seid für mich die schönste Frisur von allen.
Aber heute werde ich mich von euch verabschieden.
Mit schwerem Herzen.
Die Nordsee hat gewonnen.
Und gestern, am 30.07.2026 endete dann meine "lange graue Haare"-Phase. Ein bisschen ein weinendes Auge habe ich dabei. Die neue Frisur ist praktischer, aber weniger sinnlich in meinen Augen. Momentan ist es eine recht durchschnittliche "Alte-Frauen-Frisur", aber wer mich lange kennt, weiß, dass kurze Haare zu Veränderungen anregen. In 8 Wochen muss ich eh wieder zum Friseur. Ich bin schon gespannt, was mir einfällt bis dahin.
Wir sind die Guten
Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:
„Ich bin ein guter Mensch.“
Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.
Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.
Ein Ziel, kein Etikett
Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.
Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.
Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN)
Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch“ niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.
Woran messe ich Gutsein?
Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.
Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?
Warum gerade nach diesen?
Sind sie gerecht?
Halte ich mich überhaupt an sie?
Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?
Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.
Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.
Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.
Jeder Mensch folgt einer Moral
Je länger ich in meinem Leben über nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt eine andere.
Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten“ und „die Schlechten“ einteilen.
Gutsein geschieht zwischen Menschen
Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.
Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.
Warum denkt jemand so?
Warum hat er Angst?
Warum wird er wütend?
Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?
Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?
Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.
Selbstprüfung statt Selbstgewissheit
Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.
Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.
Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.
Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.
Mein Maßstab
Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:
War ich heute meinen Prinzipien gerecht?
Sind diese Prinzipien noch gerecht?
War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?
War ich heute fairer als gestern?
Mehr kann ich nicht tun.
Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern ein guter Mensch zu sein.
Wir sind die Guten
Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:
„Ich bin ein guter Mensch.“
Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.
Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.
Ein Ziel, kein Etikett
Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.
Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.
Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN)
Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch“ niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.
Woran messe ich Gutsein?
Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.
Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?
Warum gerade nach diesen?
Sind sie gerecht?
Halte ich mich überhaupt an sie?
Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?
Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.
Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.
Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.
Jeder Mensch folgt einer Moral
Je länger ich in meinem Leben darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt noch eine andere.
Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten“ und „die Schlechten“ einteilen.
Gutsein geschieht zwischen Menschen
Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.
Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.
Warum denkt jemand so?
Warum hat er Angst?
Warum wird er wütend?
Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?
Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?
Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.
Selbstprüfung statt Selbstgewissheit
Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.
Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.
Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.
Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.
Mein Maßstab
Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:
War ich heute meinen Prinzipien gerecht?
Sind diese Prinzipien noch gerecht?
War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?
War ich heute fairer als gestern?
Mehr kann ich nicht tun.
Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern, ein guter Mensch zu sein.
Hübsch hier, waren sie schon mal in Wilhelmshaven (Ende des HdrO-Projekts)
https://www.youtube.com/live/mENcA5qrxNM?si=X4XU8QsU9ftPOtfY
Die letzten Wochen waren wunderschön und super schräg. Ich werde euch in diesem Video davon berichten was mich vom Zocken abhielt und warum ich es so leicht hätte haben können.
Der Weg nach Belafas.
Blog mit den Blitzlichtern: https://drachenschaf.blogspot.com/
Die ersten Streams des Projektes: https://youtube.com/playlist?list=PLnVaEmiBIIYAhzS9L1jfSS58m3tq-jrNN&si=2kjYqGJQ6H0pfX1K
Dann während des US-Boykottmonats: https://makertube.net/w/p/pYXwVX7PMZmtCynYaDPBP5
Jeder Mensch ist ein Mensch
Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.
Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?
Oder Sauerkraut?
Oder Heavy Metal?
Oder Tattoos?
Oder Piercings?
Oder grüne Haare?
Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.
"Wie kann man nur ... mögen?"
Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also...
Wie kann man nun Tattoos schön finden?
Keine Ahnung!
Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.
Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.
Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich "die Motorradfahrerin", "die Borderlinerin", "die Christin", "die Linke", "der Gamer", "die Rentnerin"... Nein!
Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.
Jeder Mensch ist ein Mensch.
Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.
Ich lese dann oft:
"Das ist kein Mensch."
"Das ist ein Monster."
"Das ist kein richtiger Mann."
Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.
Denn wenn das ein Monster war...
...dann war es kein Mensch.
Wenn das kein richtiger Mann war...
...dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.
Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.
Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.
Denn wenn ich zum Beispiel sage: "Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann." und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: "In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren." Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von "uns" entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.
Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: "Ich bin gut." Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: "Die sind doch alle..." Oder: "So einer eben." Oder: "Das ist ein Monster." Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.
Warum erzählt ihr mir das? Teil 3: Gedankenexperimente
Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet.
Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker.“?
Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken.
Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen.
Ich sage:
„Ich bin trockener Alkoholiker.“
Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so:
„Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe.“
Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen.
Gedankenexperiment 1: Zöliakie
Stell dir vor, jemand sagt:
„Ich habe Zöliakie.“
Würdest du antworten:
„Ich esse übrigens auch nur selten Brot.“
Oder würdest du eher sagen:
„Gut zu wissen. Dann achte ich darauf.“
Ich vermute Letzteres.
Gedankenexperiment 2: Eine Allergie
Jemand sagt:
„Ich habe eine schwere Erdnussallergie.“
Würdest du erzählen, wie gerne du Erdnüsse isst?
Oder würdest du einfach darauf achten, dass keine Erdnüsse im Essen sind?
Auch hier dürfte die Antwort für die meisten ziemlich eindeutig sein.
Gedankenexperiment 3: Typ-2-Diabetes
Dieses Gedankenexperiment beschäftigt mich am meisten.
Stell dir vor, jemand sagt:
„Ich habe Typ-2-Diabetes.“
Würdest du antworten:
„Ich vertrage Zucker hervorragend.“
Wahrscheinlich nicht.
Du würdest vermutlich eher fragen:
„Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?“
Oder einfach denken:
„Das tut mir leid.“
Dabei darf ein Mensch mit Typ-2-Diabetes durchaus stolz darauf sein, wie gut er heute mit seiner Krankheit umgeht. Das bedeutet aber nicht, dass er froh darüber ist, sie bekommen zu haben. Genau so empfinde ich meine Trockenheit. Ich bin stolz darauf, seit zwölf Jahren trocken zu sein. Aber hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört.
Ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden.
Gedankenexperiment 4: Veganismus
Hier wurde es für mich plötzlich komplizierter. Denn hier habe ich mich selbst ertappt. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu erzählen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse.
Warum? Vielleicht, weil ich Gemeinsamkeit herstellen möchte. Vielleicht, weil ich sympathisch wirken möchte. Vielleicht sogar ein kleines bisschen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und mich rechtfertigen will. Das war für mich eine der spannendsten Erkenntnisse aus den Diskussionen.
Ich benutze selbst manchmal genau das Gesprächsmuster, das mich beim Thema Alkohol seit Jahren beschäftigt. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Verzicht aus ethischen oder ökologischen Gründen ist eine freiwillige Entscheidung. Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung empfinde ich anders.
Für mich hat ein trockener Alkoholiker mehr gemeinsam mit einem Menschen, der gelernt hat, mit einer chronischen Krankheit zu leben, als mit jemandem, der Alkohol einfach nicht mag oder freiwillig auf ihn verzichtet.
Eine neue Vermutung
Während der Diskussion ist mir noch eine weitere Frage gekommen.
Haben wir Alkoholismus gesellschaftlich wirklich als Krankheit verinnerlicht?
Oder verstehen wir ihn unbewusst doch eher als eine Frage der Willenskraft?
Vielleicht sehen wir Trockenheit deshalb eher als Tugend denn als Therapie.
Vielleicht erklärt genau das, warum manche Menschen Trockenheit eher wie Veganismus wahrnehmen als wie den Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Ich weiß es nicht. Aber ich finde diese Frage inzwischen fast spannender als meine ursprüngliche.
Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen.
Welches Gedankenexperiment würdet ihr wählen, um Alkoholismus besser verständlich zu machen?
Und noch eine letzte Frage:
Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was die Trockenheit eines Alkoholikers von freiwilliger Abstinenz unterscheidet?
Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken dalassen, bei dem mir erst durch eure Antworten klar geworden ist, dass er für viele offenbar gar nicht so naheliegend ist:
Trockenheit ist für mich weder ein Zeichen besonderer Willenskraft noch moralischer Überlegenheit. Sie ist der Therapieerfolg einer chronischen Suchterkrankung. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er diese Therapie niemals brauchen wird.
Warum erzählt ihr mir das? Teil 2
Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt:
Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz “Ich bin trockener Alkoholiker.” ihren eigenen Alkoholkonsum?
Den ersten Text (auf Reddit) verlinke ich hier:
https://www.reddit.com/r/WriteAndPost/s/TVPptmrPz9
Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: “Ja, das mache ich selbst und deshalb.”, wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet.
Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen.
1. Selbstbezogene Motive
Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.
Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen:
Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen.
Mit dem Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ sage ich gar nichts über euch. Wenn wir uns gar nicht kennen, interessiert mich euer Alkoholkonsum ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und wenn wir uns kennen, schätze ich euch als selbstständige Menschen zu sehr, um ungefragt über euren Alkoholkonsum zu urteilen.
Mit meinem Satz wollte ich eigentlich nur sagen:
„Ich bin trockener Alkoholiker.“ und ohne es auszusprechen vor allem: Bitte biete mir keinen Alkohol an.
2. Beziehungsbezogene Motive
Andere vermuteten, dass Menschen Gemeinsamkeit herstellen oder Mitgefühl ausdrücken möchten. Das finde ich einen interessanten Gedanken.
Tatsächlich ist mir durch die Kommentare aufgefallen, dass ich selbst etwas Ähnliches schon gemacht habe. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu sagen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse. Teilweise vielleicht, weil ich mich rechtfertigen möchte. Aber hauptsächlich, weil ich sympathisch wirken und zeigen möchte:
“Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich.”
Ich bin also selbst ein Beweis, dass so etwas vorkommen kann. Trotzdem glaube ich, dass sich diese Ziele viel klarer ausdrücken lassen. Wenn ihr Mitgefühl ausdrücken möchtet:
“Hut ab. Das stelle ich mir schwer vor.”
“Wie lange bist du schon trocken?”
“Wie schaffst du das im Alltag?”
Wenn ihr Gemeinsamkeit ausdrücken möchtet:
“Ich freue mich immer, wenn noch jemand nüchtern auf einer Party bleibt.”
Oder wenn ihr eher Richtung Flirting/Kontaktaufbau möchtet:
“Mit mir kannst du problemlos etwas ohne Alkohol unternehmen.”
Oder ganz einfach:
“Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
- Situationsbezogene Motive
Vielleicht wissen manche Menschen auch einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist völlig in Ordnung. Dann sagt etwas Banales;
“Werde ich mir merken.”
“Danke, dass du mir das gesagt hast.”
“Okay, ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
Mehr braucht es gar nicht in der Situation.
Warum mich das überhaupt beschäftigt
Mir war vorher durch eine sehr ehrliche Antwort eines vertrauten Menschen schon klar, dass diese Aussage, nicht immer nur rechtfertigend oder abwertend gemeint ist. Aber bei mir kommt häufig etwas ganz anderes an.
Wenn ich sage:
“Ich bin trockener Alkoholiker.”
und als erste Reaktion höre:
“Ich trinke übrigens nur zwei Bier in der Woche.”
Dann hört sich das an als würde der andere zu mir sagen:
“Du bist an etwas gescheitert, was für mich gar kein Problem ist.”
Ich glaube nicht mehr, dass das in den meisten Fällen so gemeint ist.
Gerade wenn ihr das nicht so meint, hilft dieser Gedanke dem einen oder der anderen, beim nächsten Mal einen kurzen Moment innezuhalten. Nicht, um nichts mehr zu sagen. Sondern um sich zu fragen:
“Was möchte ich eigentlich gerade ausdrücken?”
Denn Mitgefühl, Interesse, Gemeinsamkeit oder Rücksicht lassen sich oft viel klarer ausdrücken, ohne den eigenen Alkoholkonsum überhaupt erwähnen zu müssen.
Und falls ihr euch fragt, welche Antwort mich persönlich am meisten freuen würde:
“Danke, dass du so offen bist. Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”
Wenn mehr Menschen auf Outings von trockenen Alkoholikern so reagieren würden, hätte meine kleine Selbstoffenbarung genau das erreicht, wofür sie gedacht war.
P.S.: Im ersten Text hatte ich es erwähnt, aber weil es wichtig ist, hier noch mal… wenn ihr selbst Angst habt problematisch zu trinken und das Gefühl habt mit dem Menschen vor euch reden zu können… dann redet drauf los, fragt drauf los, ob der andere nun Gold oder Müll antwortet, ist zweitrangig. Entscheidend ist, es überhaupt einmal vor einem anderen Menschen laut auszusprechen.
Warum erzählst du mir das?
Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.
Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.
Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.
Nicht der trockene Alkoholiker.
Nicht der nasse Alkoholiker.
Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.
Nicht der Partysäufer.
Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.
Nicht der Abstinenzler.
Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich.
Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.
Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.
Ich sage nur etwas über mich: “Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent.”
Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“
Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.
Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:
Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.
Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.
Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.
Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.
Meine Frage richtet sich an alle anderen:
Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:
„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“
„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“
„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“
„Ich trinke eigentlich fast nie.“
Und jedes Mal frage ich mich:
Warum erzählt ihr mir das?
Ich meine das wirklich als Frage.
Ich suche keine Bestätigung.
Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.
Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.
Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:
Warum?
Influencer-Communities und Werbung
Dieser Text entstand aus den weiterführenden Gedanken zu den Kommentaren zum Text Vapes - Déjà-vu eines Rauchers. Außerdem knüpft er an zwei ältere Texte von mir an: einen über parasoziale Beziehungen und einen sehr augenzwinkernden Text Holy.
Der Text arbeitet wieder mit einem generischen Femininum, gemeint sind alle Geschlechter. Englische Berufsbezeichnungen verwende ich in ihrer ursprünglichen Form.
Der Text über Holy endete mit der Ankündigung, dass sie mich irgendwann schon kriegen würden. Nun ja, es ist passiert. Ich habe Holy getrunken. Nicht einmal, weil ich es gekauft hätte. Ich half meinem Herrn Schmitt beim Umzug. Es war heiß. Er meinte, ich könne mir einfach ein Iso-Getränk machen. Ich nahm das Päckchen in die Hand, drehte es um und musste lachen. Holy! “Du hast Holy?”, fragte ich belustigt. "Ja. Ein Bekannter von mir hat eine Kooperation mit Holy.“ (Kleine Rezension am Rande: War völlig in Ordnung, trinkbar.)
Aber eigentlich geht es mir gar nicht um Holy. Es ist für mich nur ein Beispiel. Mich beschäftigt etwas anderes. Wie kann es sein, dass Unternehmen so viel Geld in Influencer investieren? Und zwar nicht nur in die ganz Großen, sondern auch in unzählige kleinere Creators mit vergleichsweise kleinen Communities.
Ich glaube, wir unterschätzen Communities. Nicht die Followerzahlen. Nicht die Klicks. Communities.
Als ich aufgewachsen bin, waren Stars Menschen, die durch Talent, Förderung, Produktionsfirmen oder klassische Medien groß geworden waren.
Thomas Gottschalk moderierte Wetten, dass…?
Boris Becker gewann Wimbledon.
Ralf Schumacher fuhr Formel 1.
Natürlich schauten wir zu. Natürlich machten wir Quote. Natürlich kauften manche später vielleicht sogar Produkte, für die sie warben. Aber ich denke die meisten hatten nicht das Gefühl, an ihrem Aufstieg wirklich beteiligt gewesen zu sein.
Bei vielen Content-Creators ist das anders. Eine Community erlebt den Weg mit, mehr als das, sie ebnet den Weg. Jeder Like, jeder Kommentar, jede Stunde Watchtime hilft in der ersten Phase. Dann die Zeitspanne, in der aus einem Hobby langsam ein Beruf wird, in dem man mit Spenden und Abos hilft. Dann kommt das erste Placement… Die Community benutzt Creator-Codes. Sie erzählt anderen davon.
Natürlich macht niemand einen Creator allein groß, aber gemeinsam entsteht etwas Merkwürdiges. Nicht nur der Creator wächst, auch die Community entwickelt eine gemeinsame Geschichte.
Deshalb funktionieren Begriffe wie OG (“Original Gangster”), Day One oder Gründerabzeichen auf Twitch und ähnlichen Plattformen überhaupt. Sie alle markieren Menschen, die von Anfang an dabei waren.
Sie bedeuten nicht einfach: “Ich war früh dabei.” Sie bedeuten:
“Wir haben das gemeinsam aufgebaut.”
Und genau dort beginnt meiner Meinung nach etwas, das klassische Prominenz so kaum kannte. Es entsteht eine gemeinsame Origin Story. Nicht die Geschichte eines Stars. Sondern die Geschichte einer Gemeinschaft.
Vielleicht liegt genau darin auch ein Teil der Stärke von Influencer-Werbung und auch ihre Gefahren. Viele Menschen kaufen ein Produkt nicht nur, weil sie das Produkt möchten. Sie benutzen einen Creator-Code, weil sie jemanden unterstützen möchten, dessen Weg sie seit Jahren begleiten und fördern. Das ist oft nicht mal eine Täuschung. Oft ist das sogar völlig transparent. Dadurch verschwindet der Einfluss dieses Mechanismus allerdings nicht.
Ich glaube übrigens nicht, dass sich die Menschheit grundlegend verändert hat. Wir sind immer noch dieselbe Spezies. Viele Menschen suchen Gruppenzugehörigkeit. Die meisten erzählen sich gemeinsame Geschichten. Die meisten erinnern sich gern gemeinsam. Die Gruppe kann Teil der Identität werden.
Plattformen ermöglichen heute Gemeinschaften in einer Größenordnung und Intensität, die früher so kaum möglich gewesen wären. Die technischen Möglichkeiten passen erstaunlich gut zu sehr menschlichen Bedürfnissen.
Holy ist ein relativ harmloses, leicht überteuertes Produkt und gerade dabei aus der Social-Media-Blase herauszuwachsen. Es steht mittlerweile im Supermarkt. Es steht bei Freunden. Bei Geschwistern. Bei Bekannten. Menschen trinken Holy, obwohl sie vielleicht nie einen Stream gesehen haben.
Das ist übrigens weder gut noch schlecht. Denn dieselben Mechanismen können auch Produkte verbreiten, die deutlich problematischer sind.
Und wer lange genug im Internet unterwegs ist, kennt nicht nur Communities, die gemeinsam etwas aufbauen (und sei es etwas sinnfreies und möglicherweise kommerzielles), sondern auch solche, die sich über Ausgrenzung, Feindbilder oder Hass definieren. 4chan dürfte vielen als eines der bekanntesten Beispiele ein Begriff sein. Das ist für mich kein anderer Mechanismus. Es ist derselbe soziale Motor. Nur mit einem anderen Ergebnis.
Vielleicht hilft es mehr, Communities zu verstehen als einzelne Plattformen oder einzelne Influencer, um mit den Herausforderungen durch Social Media klar zu kommen. Was finden Menschen dort (leichter) als anderswo? Warum fehlt es ihnen an anderen Orten? Warum entstehen aus denselben Mechanismen manchmal Gemeinschaften, die Menschen auffangen, und manchmal Gemeinschaften, die sich über Feindbilder definieren?
Blitzlicht: Endlich Dangast
Blitzlicht: Endlich Dangast
Dieses Blitzlicht möchte ich der Betreiberin eines kleinen Second-Hand-Ladens in Wilhelmshaven widmen. Als ich noch ganz neu hier war, hat sie mich unglaublich freundlich empfangen und sich viel Zeit genommen, mir Tipps für die Umgebung zu geben. Einer dieser Tipps war Dangast. Mit einem Satz machte sie mich neugierig: “Fahr am Wochenende hin. Dann gibt es dort den besten Rhabarberkuchen der Welt.”
Von diesem Moment an wollte ich nach Dangast.
Wochenlang kam immer etwas dazwischen, erst mein eigener Umzug, dann der Besuch auf Wangerooge, dann der Kurztrip nach Hamburg, dann war das Wetter schlecht, dann wieder viel zu heiß, an einem Wochenende war ich bei meiner Familie in Franken, Ende Mai lernte ich dann den wunderbaren Herrn Schmitt kennen, der allerdings mitten im Umzug steckte. Zwischen Verliebtheit, Umzugswahnsinn und all den anderen Plänen rückte Dangast immer weiter nach hinten.
Am 21. Juni war es dann endlich so weit.
Dangast ist wirklich ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuser liegen teilweise zwischen den Bäumen, der Strand ist malerisch und von der Promenade aus blickt man über die Jadebucht bis nach Wilhelmshaven. Überall entdeckt man Kunstwerke, kleine Details und liebevoll gestaltete Ecken.
Wegen der Einschränkung aufs Wochenende war allerdings auch viel los. Ein Kunsthandwerkermarkt lockt dann zusätzlich Besucher an. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, uns schon einmal verschiedene Hotels anzusehen. Meine Mutter überlegt nämlich, irgendwann einmal ein paar Tage dort zu verbringen. Einige der Unterkünfte machten tatsächlich einen guten Eindruck. Zwischendurch kehrten wir in der „Pricke“ ein. Dort gab es dann Kibbelinge und eine Rhabarberlimonade. Allein dafür hätte sich die Fahrt schon fast gelohnt.
Aber natürlich wartete noch der eigentliche Höhepunkt.
TROMMELWIRBEL!
Im Kurhaus bestellten wir den berühmten Rhabarberkuchen. Und ich muss zugeben: Die Dame aus dem Second-Hand-Laden hatte nicht übertrieben. Es war tatsächlich der beste Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Unten ein angenehm luftiger Boden, darüber der wunderbar saure Rhabarber und als Krönung eine fluffig-knusprig-süße Baiserschicht. Jede einzelne Komponente passte perfekt zu den anderen. Einer dieser seltenen Momente, in denen man versteht, warum ein Kuchen regelrecht berühmt geworden ist.
So schön Dangast auch ist, eine Erkenntnis blieb trotzdem: Für mich persönlich ist dort an einem sonnigen Wochenende einfach zu viel los. Es war warm, aber durch die vielen Bäume angenehm schattig, also eigentlich ideale Bedingungen für einen Ausflug. Genau deshalb schien aber auch halb Norddeutschland dieselbe Idee gehabt zu haben. Das ist super für den Ort und die Läden dort, mir persönlich war die Menschenmenge jedoch etwas zu viel.
Was mir dieser Tag außerdem noch einmal gezeigt hat, war etwas ganz anderes.
Mit meinem Herrn Schmitt unterwegs zu sein fühlt sich einfach selbstverständlich an. Wir funktionieren als Team. Man kann sich aufeinander verlassen, ergänzt sich gut und selbst ein voller Ausflugstag macht gemeinsam Spaß. Das ist etwas sehr viel Besseres, als es sich anhört, denn eigentlich bin ich überhaupt kein Teamplayer.
Dangast wird mich wiedersehen. Der Rhabarberkuchen ist ein Bufffood, für das sich jeder Raid lohnt. Mein Teammate und ich meistern jeden Zerg. (Für Nicht-Gamer: Der Kuchen gibt Bonuspunkte für die Moral. Gemeinsam kommen wir auch durch die größte Menschenmenge.)