


Ibrahim Rugova - Der Architekt der Unabhängigkeit
Für viele Kosovaren gilt Ibrahim Rugova (1944–2006) als der politische Architekt der Unabhängigkeit des Kosovo. Er wurde am 2. Dezember 1944 in Cerrcë bei Istog geboren – in einer Zeit des Umbruchs am Ende des Zweiten Weltkriegs. Noch als Säugling verlor er seinen Vater, Ukë Rugova, der kurz nach Kriegsende von den neuen jugoslawischen kommunistischen Behörden hingerichtet wurde. Auch sein Großvater kam in dieser Zeit ums Leben. Diese Erfahrungen prägten sein späteres politisches Denken nachhaltig.
Rugova studierte albanische Sprache und Literatur an der Universität Prishtina und setzte seine akademische Laufbahn in Paris fort. Er arbeitete als Literaturwissenschaftler, veröffentlichte zahlreiche Essays und wissenschaftliche Arbeiten über Literatur und Kultur und leitete später den Schriftstellerverband des Kosovo. Lange bevor er Politiker wurde, war er einer der bekanntesten Intellektuellen des Kosovo.
1989 gründete er die Demokratische Liga des Kosovo (LDK), die erste unabhängige politische Partei im Kosovo nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems. Als das Milošević-Regime die Autonomie des Kosovo aufhob und die überwiegend albanische Bevölkerung aus staatlichen Institutionen verdrängte, setzte Rugova auf konsequenten gewaltlosen Widerstand.
Unter seiner Führung entstand ein Parallelstaat. Obwohl über 90 % der Bevölkerung des Kosovo Albaner waren, kontrollierten serbische Behörden Polizei, Justiz und Verwaltung. Viele Albaner verloren ihre Arbeitsplätze, Schulen und Universitäten wurden geschlossen oder unter serbische Kontrolle gestellt. Daraufhin organisierten Kosovo-Albaner ein eigenes Bildungs-, Gesundheits- und Verwaltungssystem. Finanziert wurde dieses zu einem großen Teil von der albanischen Diaspora über den sogenannten 3-%-Fonds, in den viele Auslandsalbaner freiwillig drei Prozent ihres Einkommens einzahlten, um Schulen, Lehrer, Ärzte und die Parallelstrukturen zu finanzieren.
1992 fanden innerhalb dieses Parallelstaates freie Wahlen statt, bei denen Rugova zum Präsidenten der selbstproklamierten Republik Kosovo gewählt wurde.
Politisch brach Rugova bewusst mit dem kommunistischen Erbe Jugoslawiens und orientierte den Kosovo an Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einer engen Partnerschaft mit den USA und Westeuropa. Sein langfristiges Ziel war die Integration in westliche Institutionen wie die NATO und die Europäische Union.
Obwohl Rugova öffentlich den gewaltlosen Widerstand vertrat, wurden während der Parallelstaat-Phase auch albanisch-kosovarische Offiziere in Albanien militärisch ausgebildet, um auf eine mögliche bewaffnete Eskalation vorbereitet zu sein.
Nach dem Kosovokrieg gewann seine Partei, die LDK, die ersten freien Wahlen mit großem Abstand. Bis zu seinem Tod im Jahr 2006 blieb Rugova die prägende zivile und politische Figur des Kosovo. Sein Vermächtnis beruht vor allem auf seiner langfristigen Strategie des friedlichen Widerstands, dem Aufbau demokratischer Institutionen und seiner konsequenten Westorientierung, die den Weg zur späteren Unabhängigkeit (17.02.2008) des Kosovo maßgeblich mitprägten.