die deutsche Physiotherapie
Repost, weil ich denke, dass es hier gut reinpasst. Kommt euch meine Situation vielleicht sogar bekannt vor? Oder wir sind die Arbeitsbedingungen bei euch? Seid ihr zufrieden mit eurem Arbeitgeber?
Ich bin Physiotherapeutin und arbeite in einer kleinen Praxis mit 5 Angestellten Physiotherapeuten. Davon bin ich die einzige Vollzeit-Kraft, die anderen arbeiten zwischen 6 und 30 Stunden pro Woche.
Laut Vertrag bin ich für 38,5h/Woche angestellt. Geplant bin ich allerdings mit 41h/Woche, die auch meist voll ausgebucht werden. Wir arbeiten in einem 20 min Rythmus. Ich habe mein Staatsexamen im letzten Jahr abgeschlossen, die MLD-Fortbildung (manuelle Lymphdrainage) gemacht und verdiene nun 20€/Stunde. An drei Tagen der Woche bin ich, nach Feierabend der anderen, meist für 3-4h allein in der Praxis, dann ist auch keine Anmeldungskraft mehr da.
Der Beginn ist morgens um 8:00. Die erste Behandlung beginnt dann um 8:00, die Praxis muss allerdings vorher noch aufgeschlossen, die Programme gestartet, der Patient empfangen und noch ein paar andere Dinge erledigt werden. Wir werden darum gebeten, für diese Aufgaben etwas früher zu erscheinen, da es sich ja nur um Banalitäten handelt, die man ja ich „nebenbei“ erledigen kann.
Ich behandle am Tag, im Schnitt, etwa 4 MLD-Patienten, die meisten davon MLD2 (40 min). Es gibt allerdings auch Tage, an denen ich, von 8h Arbeit, 7h 40min nur lymphe. Ich habe mit dem Chef bereits mehrfach darüber gesprochen, dass mir diese Arbeit auf Dauer zu eintönig wird und ich gerne mehr Abwechslung hätte. Daraufhin hatte ich für eine Woche mal mehr Massagen (danke für die Abwechslung), danach war alles wieder wie vorher. Ich solle mir in meiner Freizeit ein Konzept überlegen, was geändert werden könne. Er verstehe den Frust, aber möchte sich nicht kümmern. Der Großteil der Patienten (\~75%) sind Dauerpatienten, die teils schon 20 Jahre lang bei uns in Behandlung sind. Warum weiß ich bei den meisten nicht. Für viele stellt der (teils dreifache) Besuch in der Woche wohl eine Art „Wellness“ dar. Denn die meisten von Ihnen erwarten immer das gleiche Programm, das meist nur aus Massage (oder Lymphdrainage) besteht.
Versucht man Ihnen die Notwendigkeit von Bewegung im Alltag oder eine Veränderung des Lifestyles näher zu bringen, stößt man auf Ablehnung und teils sogar Entrüstung. Es kam auch schon vor, dass sich Patienten beim Chef beschwert haben, weil ich mich „geweigert hätte, sie zu massieren“.
Mein Tag ist also sehr eintönig.
Hinzu kommen übergriffige Patienten, die beleidigend werden, weil sie ihren Willen nicht bekommen, mich anfassen, oder mit mir reden, als wäre ich ihr Haussklave. Mein Chef möchte allerdings gut dastehen, nimmt das Team nicht in Schutz, sondern agiert immer so, dass die Patienten zufrieden sind und am Ende meist ihren Willen bekommen.
(Teils wird Patienten sogar eine Behandlung geschenkt, wenn sie unzufrieden mit dem Therapeuten waren, weil Aktivität gefordert wurde)
Kaum einer der Patienten hat ein wirkliches Interesse daran gesund zu werden oder selbst etwas dafür zu tuen.
Es wird von mir erwartet, dass ich sie „heile“.
Mein Highlight des Tages ist der Sport, den ich mittlerweile vor der Arbeit machen muss. Mittlerweile habe ich nämlich an 3/5 Tagen der Woche so starke Migräne, dass ich direkt nach der Arbeit ins Bett muss und bis zum nächsten Morgen durchschlafe, um am nächsten Tag die selben Konversationen wieder zu führen.
Hinzukommt, dass ich nicht einkaufen oder anderswo gehen kann, ohne nicht zumindest einen der Patienten zu treffen. Die mir natürlich auch dann wieder von ihren Problemen erzählen wollen.
Es gibt natürlich auch ein paar tolle Patienten, die nichts von all dem erfüllen. Aber das ist leider der kleinste Teil.
Morgen werde ich um eine Reduktion der Stunden bitten und die Kündigung für Dezember einreichen.
Noch ohne eine Aussicht auf etwas folgendes. Da mich der Gedanke an diesen eigentlich tollen Job mittlerweile nur noch krank macht und ich nicht mehr kann.
Danke fürs Lesen :)