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"Kleine" feministische Kämpfe im Alltag

Hallo liebe Weibsvolk Gemeinschaft,

ich muss seit Wochen an eine Begegnung denken, die mich total bewegt hat.

In einer Jugendherberge habe ich im April eine Frau kennengelernt: Anja. Sie ist 41, hat ihre Tochter mit 20 bekommen, später dann geheiratet und noch einen Sohn bekommen und sie ist – wie so viele Frauen* – die absolute „Managerin“ der Familie. Haushalt, Arzttermine, Mental Load, das volle Programm.

Anfang des Jahres hat sie wohl gemerkt, dass sich ihr Leben seit 20 Jahren nur noch um die Bedürfnisse anderer dreht. Also hat sie ihrer Familie gesagt, sie will eine Woche alleine wandern gehen. Ich glaube, für sie war das eine recht radikale Entscheidung. Ihr Mann und ihr Sohn waren auch eher wenig begeistert, aber sie ist hart geblieben.

Als ich sie getroffen habe, hatte sie diese Wander-Woche gerade hinter sich. Sie hat so berührend davon erzählt, wie intensiv das war. Dass sie das erste Mal die absolute Freiheit hatte, jeden Tag nur das zu tun, worauf sie Lust hat - aber auch die ungewohnte Erfahrung, für alles komplett selbst verantwortlich zu sein. Zum Abschluss wollte sie ganz alleine in die Oper gehen - dafür hatte sie im Wanderrucksack die ganze Zeit ein schwarzes Glitzerkleid dabei. Sie hat's wahnsinnig genossen und war bei unserem Abschied fest entschlossen, solche Freiheiten jetzt öfter einzufordern.

Ich bin selbst viel jünger als sie (Mitte 20), aber denke seitdem viel darüber nach, weil es mich daran erinnert, dass Freiräume als Frau konstanter Struggle sind und ich aufpassen will, mir eine Woche Wandern nicht so hart erkämpfen zu müssen. Und auf der anderen Seite ist es einfach so cool und ein krasses Gefühl von Schwesternschaft, wie Frauen* in ganz unterschiedlichen Generationen und Lebenslagen ihre eigenen, feministischen Kämpfe führen, die von außen vielleicht klein wirken, aber im Kontext der jeweiligen Geschichte dann doch klar wird, wie groß sie sind. Ich denke da auch an meine Oma, die sich in einer eher konservativen Ehe Stück für Stück ihre Handlungsspielräume erkämpft hat (obwohl sie sich selbst nie als Feministin bezeichnet hätte). Oder bei mir ganz aktuell und wirklich winzig: Meine zwei Mitbewohner, die konsequent im Stehen pinkeln und ich nach einem Monat Mund halten und jeden Tag putzen endlich gesagt habe, sie sollen bitte damit aufhören oder selbst putzen.

Anyways, weil ich Anjas Geschichte so inspirierend und bewegend finde, wollte ich mehr davon hören und fragen: Wo habt ihr euch im Alltag mal solche Freiräume erkämpft? Oder kennt ihr solche Geschichten von euren Müttern oder Großmüttern, deren Kämpfe vielleicht noch ganz anders aussehen/aussahen?

Ich würde mich riesig über eure Geschichten und Gedanken freuen! ❤️

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u/Nearby-Entrance4433 — 4 days ago