u/Ok-Blackberry471

Revisionismus als Totschlagargument

Reicht die Einordnung "revisionistisch" als Etikett zur Ablehnung des Inhaltes aus, oder nicht?

Es ist schon erstaunlich, wie schnell manche Diskussionen auf diesem Forum beendet werden, sobald ein bestimmtes Wort bzw. eine Etikettierung erfolgt.

> "X ist revisionistisch."

Und damit ist der Fall offenbar erledigt. Warum revisionistisch? Welche theoretische Position ist falsch? Wo weicht der Autor von Marx, Engels oder Lenin ab? Welche Konsequenz ergibt sich daraus? Nichts dergleichen wird erörtert.

Es reicht vollkommen aus dieses Adjektiv an bestimmte Autoren oder Aussagen zu hängen, schon scheint es so zu sein, als ob alles zu diesem Thema gesagt worden zu sein.

Das Problem daran ist nicht bloß, dass damit keine Diskussion entsteht. Das Problem ist, dass hier eine politische Behauptung an die Stelle einer klaren Argumentation und Beweisführung gestellt wird, die ja auch im wissenschaftlichen Sozialismus die Grundlage einer jeden politischen und theoretischen Auseinandersetzung darstellt. Auf solche wissenschaftlichen Prinzipien berufen wir uns aus gutem Grund: Denn wenn ich einen Autor oder einen Artikel als revisionistisch bezeichne, habe ich damit zunächst einmal gar nichts bewiesen. Ich habe lediglich eine entwertende Beurteilung des Autors oder der Position aufgestellt und ein potentiell produktives Gespräch damit von vornherein erstickt.

Man könnte natürlich begründen, warum man diesen Autor oder diese Position für revisionistisch hält. Man könnte nun also aufzeigen welche dieser Aussagen im Widerspruch zu bestimmten marxistischen Grundsätzen stehen, welche theoretischen Voraussetzungen dahinterstehen und zu welchen politischen Konsequenzen diese Position führt. Dann hätte man etwas, worüber wir als Kommunist:innen auf Reddit diskutieren könnten.

Es reicht einfach nicht aus, jede Position, mit der wir nicht d'accord gehen, als revisionistisch zu verunglimpfen, es muss auch eine Begründung für diese Behauptung erbracht werden.

Rant Ende.

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u/Ok-Blackberry471 — 3 days ago

Thesen zu Klimawandel und Klassenkampf

"Die Umweltkrise ist keine Krise der Umwelt selbst. Sie ist weder allein aus den Gesetzmäßigkeiten der Natur zu erklären noch beschränkt sie sich in ihrer Dynamik und ihren Auswirkungen auf die Natur abseits des Menschen. Sie ist der Ausdruck einer allgemeineren Krise des Verhältnisses von Gesellschaft und Natur, die sich in Temperaturerhöhungen, ökologischen Zerstörungsprozessen usw. niederschlägt."

Klick

u/Ok-Blackberry471 — 11 days ago

Der bürgerliche Staat

Ich habe die letzten Wochen vermehrt mit verschiedenen Personen aus der kommunistischen Bewegung gesprochen/geschrieben und diesen Text hier verfasst als mögliche Antwort auf die in der Unterhaltung/Debatte sich daraus ergebenden Fragen.

Bei Kritik und Zuspruch nutzt gerne die Kommentarfunktion. Nutzen wir diesen Beitrag als Anstoß zu einer konstruktiven Diskussion.

Dies ist der Versuch einer materialistischen Klärung.

Meist wird die Frage "Was ist der bürgerliche Staat" so behandelt, als müsste sich "das Werkzeug-Argument" und die Behauptung über das "Eigeninteresse des bürgerlichen Staates" ausschließen. Entweder erscheint der bürgerliche Staat als eine vollständige Marionette ökonomischer Interessen oder als weitgehend selbstständiges politisches Subjekt.

Bereits diese Gegenüberstellung verfehlt, meines Eindrucks nach, jedoch den eigentlichen Gegenstand.

Wenn wir den bürgerlichen Staat konkret betrachten, scheint zunächst beides unzutreffend oder zumindest eine ungenaue Bestimmung zu sein. Einerseits tritt er den Kapitalisten regelmäßig als eigenständige Gewalt entgegen. Er erhebt Steuern, beschränkt und garantiert Eigentumsrechte, reguliert und öffnet Märkte, zerschlägt bestimmte Kartelle, enteignet bestimmte Betriebe oder unterwirft in Kriegszeiten sogar weite Teile der Produktion seiner staatlichen Planung.

Würde der bürgerliche Staat lediglich den unmittelbaren Interessen einzelner Kapitalisten folgen, wäre ein solches Handeln kaum erklärbar und ist einer materialistischen Betrachtung nicht würdig.

Andererseits verschwindet durch diese vermeintliche Eigenständigkeit sein bürgerlicher Charakter offensichtlich nicht. Die rechtlichen und auch politischen Bedingungen kapitalistischer Produktion bleiben immer noch bestehen. Denn das Privateigentum, die Lohnarbeit, die Konkurrenz und die kapitalistische Warenproduktion werden nicht aufgehoben, sondern gerade dadurch abgesichert.

Die Alternative "Werkzeug-Argument" oder "Eigeninteresse des bürgerlichen Staates" erzeugt somit einen Gegensatz, der sich am Gegenstand, dem bürgerlichen Staat, selbst nicht findet.

Damit verschiebt sich, so wie ich dies aus einer materialistischen Perspektive betrachten würde, die eigentliche Frage.

Nicht ob der bürgerliche Staat unabhängig oder abhängig ist, sondern wodurch beide Erscheinungen überhaupt gemeinsam hervorgebracht werden.

Schauen wir uns den bürgerlichen Staat nach seiner historischen Entstehung an, zeigt sich zunächst, dass der moderne bürgerliche Staat nicht einfach neben dem Kapitalismus existiert, sondern sich mit ihm und aus der kapitalistischen Produktionsweise selbst entwickelt hat.

Die Durchsetzung allgemeiner Rechtsgleichheit, die Garantie privaten Eigentums, die Vereinheitlichung des Rechts sowie die Herausbildung formal freier, zugleich aber von ihren Produktionsmitteln getrennter Personen waren deshalb keine zufälligen Reformen.

Sie bildeten die allgemeinen Voraussetzungen einer Produktionsweise, die auf dem Verkauf der eigenen Arbeitskraft fußt.

Weiterhin möchte ich klarstellen, dass das nicht bedeutet, dass die historischen Akteure bewusst den Kapitalismus "erschaffen" haben.

Menschen handeln stets aus konkreten Interessen ihrer gesellschaftliche Verhältnisse heraus. Entscheidend ist jedoch nicht ihre subjektive Absicht, sondern welche objektive gesellschaftliche Funktion sich aus ihrem Handeln entwickelt. Der bürgerliche Staat entsteht daher nicht als Erfindung einzelner Kapitalisten, sondern als politische Form einer sich durchsetzenden kapitalistischen Gesellschaft innerhalb der noch damals aktiv bestehenden feudalen Ordnung.

Mit dieser Analyse erklärt sich auch seine spätere Funktion.

Der bürgerliche Staat reproduziert nicht deshalb kapitalistische Verhältnisse, weil einzelne Kapitalisten ihn dazu anweisen. Der bürgerliche Staat reproduziert jene gesellschaftlichen Verhältnisse, innerhalb derer seine Institutionen ihre gesellschaftliche Funktion erfüllen. Er schützt Eigentumsverhältnisse, garantiert Vertragsrecht, organisiert die gesamte Infrastruktur, sichert sein Gewaltmonopol und verwaltet die allgemeinen Bedingungen gesellschaftlicher Reproduktion.

Gerade deshalb kann er kurzfristig gegen einzelne Kapitalisten handeln, ohne seinen Klassencharakter zu verlieren.

Spricht man von einem "staatlichen Eigeninteresse", sollte dies die objektive Reproduktionslogik seiner Institutionen beschreiben. Die innerhalb des Staatsapparates handelnden Personen übernehmen Funktionen, deren gesellschaftlicher Zweck bereits durch die Stellung dieser Institutionen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft bestimmt ist.

Dass Politiker, Beamte oder Militärs häufig aus ideologischer Überzeugung handeln, widerspricht dieser Darstellung nicht - im Gegenteil.

In den Gesprächen die ich dazu führte wurde immer wieder auf die Ideologie verschiedener Art verwiesen um das Handeln des Staates zu erklären und um daraus das sogenannte "Eigeninteresse des Staates" zu verdeutlichen. Meiner Ansicht nach verschiebt die Erklärung diese ganze Analyse nur um eine weitere Ebene. Warum ist es gerade diese Ideologie die das Handeln des Staates oder der Personen beeinflusst? Weshalb setzen sich unter bestimmten historischen Bedingungen Nationalismus, Antikommunismus oder allgemein rassistische Weltbilder durch und nicht andere? Ideologie erklärt gesellschaftliche Verhältnisse daher nicht; sie ist selbst Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse und muss materialistisch erklärt werden.

Eine weitere Ebene ist der Krieg, das letzte Mittel der Konkurrenz zwischen Staaten.

Es wäre verkürzt, Kriege ausschließlich aus den unmittelbaren Profitinteressen einzelner Unternehmen abzuleiten. Ebenso verkürzt wäre es jedoch, sie allein aus geopolitischen Ambitionen oder einem vermeintlichen Eigenwillen staatlicher Apparate zu erklären.Staaten konkurrieren nicht unabhängig von den materiellen Bedingungen ihrer Gesellschaften. Geopolitik, militärische Strategie, seiner Ideologie und ökonomische Konkurrenz bilden unterschiedliche Erscheinungsformen derselben gesellschaftlichen Totalität.Die wirtschaftliche Konkurrenz unter Staaten, die gesamte vom Staat vertretene Ideologie sowie die Interessen die durch diese verlautbart werden sind damit nur verschiedene Erscheinungsformen ein und derselben gesellschaftlichen Struktur.

Gerade deshalb kann der bürgerliche Staat in Kriegszeiten die unmittelbaren Interessen einzelner Unternehmen zurückstellen, Produktionskapazitäten zentral organisieren und erhebliche Eingriffe in Eigentumsrechte vornehmen, ohne seinen Charakter als bürgerlicher Staat aufzugeben. Die zeitweilige Unterordnung einzelner Kapitalinteressen dient der langfristigen Sicherung jener gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen kapitalistische Produktion insgesamt fortbestehen kann.

Die Frage, ob der bürgerliche Staat "Werkzeug der Bourgeoisie" sei oder ein "Eigeninteresse" habe, verliert damit ihren scheinbaren Gegensatz. Versteht man unter einem Werkzeug die unmittelbare Steuerbarkeit durch einzelne Kapitalisten, ist der Begriff unzutreffend. Versteht man darunter hingegen die objektive gesellschaftliche Funktion des Staates innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, beschreibt er einen realen Zusammenhang.Das "Werkzeug-Argument" besitzt, meiner bisherigen Auffassung nach, durchaus einen materialistischen Anfangsbestand. Er soll ausdrücken, dass der bürgerliche Staat nicht über den Klassen steht, sondern objektiv die Herrschaftsverhältnisse einer kapitalistischen Gesellschaft reproduziert. Problematisch wird der Begriff erst dann, wenn aus dieser objektiven Funktion eine unmittelbare Steuerbarkeit des Staates durch einzelne Kapitalisten oder Kapitalfraktionen abgeleitet wird. Damit wird aus einer Bestimmung gesellschaftlicher Verhältnisse eine Vorstellung persönlicher Einflussnahme, die den tatsächlichen Vermittlungszusammenhang zwischen Staat und Kapital verkürzt. Weiterhin sollte diese Funktion ebenso wenig in einen eigenständigen Staatswillen umgedeutet werden.

Eine materialistische Bestimmung des bürgerlichen Staats darf den bürgerlichen Staat weder auf eine bloße Marionette einzelner Kapitalisten reduzieren noch ihn zu einem von den gesellschaftlichen Klassenverhältnissen unabhängigen Subjekt erklären. Seine relative Eigenständigkeit und sein Klassencharakter stehen nicht im Widerspruch zueinander. Vielmehr bildet gerade diese relative Eigenständigkeit die Weise, in der die politischen Institutionen die allgemeinen Bedingungen kapitalistischer Klassenherrschaft reproduzieren und ideologisch verschleiern.

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u/Ok-Blackberry471 — 1 month ago

Bertolt Brecht - Rapport von Deutschland

Wir erfahren, daß in Deutschland

In den Tagen der braunen Pest

Auf dem Dach einer Maschinenfabrik plötzlich

Im Wind des Novembers eine rote Fahne flatterte

Die verfemte Fahne der Freiheit!

Mitten im grauen November, vom Himmel

Kam ein Gemisch Regen und Schnee

Aber das war der Siebente Tag: Tag der Revolution!

Und sieh, die rote Fahne!

Auf den Höfen stehen die Arbeiter

Halten die Hand über die Augen und sehen

Gegen das Eisregengestöber zum Dach hin.

Da rollen die Lastwägen an mit den Sturmtruppen

Und treiben an die Mauern, was da ein Arbeitskleid trägt

Und binden mit Stricken die Fäuste, die da schwielig sind

Und aus den Baracken von Verhör

Stolpern die Blutiggeprügelten

Von denen keiner den Mann genannt hat

Der auf dem Dach war.

So treiben sie weg alle, die da schwiegen

Und die andern haben schon genug.

Aber am nächsten Tag weht wieder

Die rote Fahne des Proletariats

Auf dem Dach der Maschinenfabrik. Wieder

Dröhnt durch die totstille Stadt

Der Tritt der Sturmtruppen. Auf den Höfen

Sind keine Männer mehr zu sehen. Nur Frauen

Stehen mit steinernen Gesichtern; die Hand über den Augen

Schauen sie gegen das Eisregengestöber zum Dach hin.

Und das Prügeln beginnt wieder. Im Verhör

Sagen die Frauen aus: Diese Fahne

Ist ein Bettlaken, auf dem

Trugen wir einen weg, der gestern gestorben ist.

Wir sind nicht schuld an dieser Farbe, die es hat.

Die ist rot von dem Blut des Ermordeten, wißt ihr.

Bertolt Brecht - Gesammelte Gedichte 1933-1938

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u/Ok-Blackberry471 — 1 month ago

Bertolt Brecht - Das Loch im Stiefel Iljitschs

Ihr, die ihr Iljitschs Standbild macht

Zwanzig Meter hoch, auf dem Palast der Gewerkschaften

Vergeßt auch nicht in seinem Stiefel

Das von vielen bezeugte Loch, das Zeichen der Armut.

Ich höre nämlich, er zeigt

Nach Westen, wo viele Leben, die an diesem Loch im Stiefel

Iljitsch erkennen werden als

Einen der ihren.

Bertolt Brecht, Gesammelte Gedichte 1933-1938

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u/Ok-Blackberry471 — 1 month ago

Bertolt Brecht - An den Genossen Dimitroff

Adresse an den Genossen Dimitroff, als er in Leipzig vor dem faschistischen Gerichtshof kämpfte

Genosse Dimitroff!

Seit Du vor dem faschistischen Gerichtshof kämpfst

Spricht, umstellt von den Haufen der SA-Banditen und

Würger

Durch das Sausen der Stahlruten und Gummiknüppel

Laut und deutlich die Stimme des Kommunismus

Mitten in Deutschland.

Hörbar in allen Ländern Europas, die

Über die Grenzen hinweg in das Dunkel Hineinhorchen,

selber im Dunkel

Aber auch hörbar

Allen Ausgeplünderten und Niedergeknüppelten und

Unabbringbar Kämpfenden

In Deutschland.

Voller Geiz benutzt du, Genosse Dimitroff, jede Minute

Die Dir gegeben ist, und den kleinen Platz, der noch

Öffentlich ist, benutzt Du

Für uns alle.

Kaum mächtig der fremden Sprache

Immer aufs neue niedergeschrieen

Mehrmals abgeschleppt

Geschwächt durch Fesselung

Stellst Du immer aufs neue Deine gefürchteten Fragen

Beschuldigst die Schuldigen und

Bringst sie zum Schreien und daß sie Dich abschleppen und so

Eingestehen, daß sie nicht recht und nur Gewalt haben

Du aber nur zu erschlagen und nicht zu besiegen bist.

Denn so wie Du widerstehen doch

Wenn auch nicht sichtbar wie Du

Tausend Kämpfer, noch die

Blutiggeschlagenen in ihren Kellern

Dieser Gewalt

Wohl zu töten, aber

Nicht zu besiegen.

Wie Du verdächtigt, gegen den Hunger zu kämpfen

Beschuldigt des Aufruhrs gegen die Ausbeuter

Angeklagt des Kampfes gegen die Unterdrückung

Überführt der

Gerechtesten Sache

_____________________________________________________

Gesammelte Gedichte Band 2

Gedichte 1926-1933

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u/Ok-Blackberry471 — 2 months ago

Bertolt Brecht -Lob der Partei

​

Habe hier ein wunderbares Gedicht von Bertolt Brecht Teil in den gesammelten Gedichten gefunden und wollte euch das nicht vorenthalten.

"Lob der Partei

Der Einzelne hat zwei Augen

Die Partei hat tausend Augen.

Die Partei sieht sieben Staaten

Der Einzelne sieht eine Stadt.

Der Einzelne hat seine Stunde

Aber die Partei hat viele Stunden.

Der Einzelne kann vernichtet werden

Aber die Partei kann nicht vernichtet werden.

Denn sie ist der Vortrupp der Massen

Und führt ihren Kampf

Mit den Methoden der Klassiker, welche geschöpft sind

Aus der Kenntnis der Wirklichkeit."

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u/Ok-Blackberry471 — 2 months ago

Buchvorstellung "Der Bandera Komplex"

Der Ukrainische Faschismus - Geschichte, Funktion, Netzwerke

Auszug aus dem Vorwort

Ein infernaler Pakt

Bundeskanzler Olaf Scholz stößt bei Staatstreffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij den Ruf»Slawa Ukrajini!« (Ruhm der Ukraine) aus. Erstmals tat er das bei einer Pressekonferenz anlässlich eines Besuchs in Kiew im Sommer 2022. Im Juni 2024 stellte ein Redakteur der Nachdenkseiten auf der Bundespressekonferenz die längst überfällige Frage: Warum macht sich ein deutscher Kanzler ein Ritual der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten, von Hitlerkollaborateuren, zu eigen, die »Slawa Ukrajini!« 1941 bei ihrer zweiten großen Versammlung unter der Leitung ihres Führers Stepan Bandera als offizielle Grußformel angenommen hatte? Regierungssprecher Steffen Hebestreit konterte mit der Behauptung, dieser Ausruf richte sich heute »an eine freie, demokratische und auch europäische Ukraine«.

Fakt hingegen ist, dass er von faschistischen Organisationen wie dem »Rechten Sektor« seit dem »Euromaidan« 2014 unter Hochdruck verbreitet wurde (bis der damalige Präsident, Petro Poroschenko, ihn schließlich 2018 als offiziellen Gruß der ukrainischen Streitkräfte einführte). Vollständig blamiert wurde Scholz' Regierungssprecher aber, als der ehemalige Leiter des dem Ministerkabinett unterstehenden Ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung und »Gedächtniszar« des Landes, Wolodimir Wiatrowitsch, sich rund einen Monat nach Hebestreits Verlautbarung zu Wort meldete und erklärte: »Slawa Ukrajini!« müsse bis heute als »Bandera-Gruß<« verstanden werden, wie auch das Brauchtum der ukrainischen Armee zweifellos in der Tradition des Bandera-Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (0UN-B) und dessen bewaffneten Arms Ukrainische Aufständische Armee (UPA) stehe.

Besonders aufmerken lässt Hebestreits Rechtfertigung für das geschichtsvergessene Verhalten des Bundeskanzlers: »lch weiß, dass es die alte historische Konnotation auch gegeben hat, aber da hat sich der Kontext doch massiv gewandelt.< Die einfältige Sorglosigkeit, mit der weltgeschichtliche Tatsachen gefälliger Uminterpretierbarkeit ausgeliefert werden, indiziert nicht nur eine fortschreitende Verwahrlosung der viel gepriesenen Aufarbeitung deutscher Vergangenheit - sie vermittelt auch den Eindruck einer Bereitschaft zur Geschichtsklitterung

u/Ok-Blackberry471 — 2 months ago

Der politische Indifferentismus - Karl Marx 1873

>"Die Arbeiterklasse darf sich nicht als politische Partei konstituieren, sie darf unter keinem Vorwand eine politische Aktion unternehmen, weil der Kampf gegen den Staat die Anerkennung des Staats ist, und das steht im Widerspruch zu den ewigen Prinzipien! Die Arbeiter dürfen keine Streiks führen, denn Kräfte vergeuden, um die Erhöhung des Arbeitslohnes zu erreichen oder seine Kürzung zu verhindern, heißt das System der Lohnarbeit anerkennen, und das steht im Widerspruch zu den ewigen Prinzipien der Befreiung der Arbeiterklasse!

>Wenn sich die Arbeiter in ihrem politischen Kampf gegen den bürgerlichen Staat vereinigen, nur um Konzessionen zu erreichen, dann schließen sie Kompromisse, und das steht im Widerspruch zu den ewigen Prinzipien! Man muß daher jede friedliche Bewegung verdammen, wie sie die englischen und amerikanischen Arbeiter aus schlechter Gewohnheit unternehmen. Die Arbeiter sollen nicht ihre Kräfte vergeuden, um eine legale Grenze des Arbeitstages zu erreichen, denn das heißt, Kompromisse mit den Unternehmern schließen, die dann die Arbeiter nur noch 10 oder 12 Stunden statt 14 oder 16 ausbeuten könnten. Desgleichen sollen sie sich nicht bemühen, das gesetzliche Verbot der Fabrikarbeit von Mädchen unter zehn Jahren zu erreichen, denn durch dieses Mittel wird noch nicht die Ausbeutung der Knaben unter zehn Jahren aufgehoben; sie gehen dadurch einen neuen Kompromiß ein, und das verstößt gegen die Reinheit der ewigen Prinzipien!

>Noch weniger dürfen die Arbeiter verlangen, daß, wie es in der amerikanischen Republik geschieht, der Staat, dessen Budget auf Kosten der Arbeiterklasse aufgestellt wird, verpflichtet werden soll, den Kindern der Arbeiter Grundschulbildung zu gewähren, denn Grundschulbildung ist noch nicht Universalbildung. Es ist besser, wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen können, als daß sie den Unterricht von einem Lehrer einer staatlichen Schule bekommen. Es ist bedeutend besser, wenn Unwissenheit und eine tägliche Arbeit von 16 Stunden die Arbeiterklasse abstumpfen, als daß die ewigen Prinzipien verletzt werden!

>Wenn der politische Kampf der Arbeiterklasse gewaltsame Formen annimmt, wenn die Arbeiter an Stelle der Diktatur der Bourgeoisie ihre revolutionäre Diktatur setzen, dann begehen sie das schreckliche Verbrechen der Prinzipienverletzung, weil sie um der Befriedigung ihrer kläglichen profanen Tagesbedürfnisse willen, um der Brechung des Widerstandes der Bourgeoisie willen, dem Staate eine revolutionäre und vorübergehende Form geben, statt die Waffen niederzulegen und den Staat abzuschaffen. Die Arbeiter dürfen keine einzelnen Gewerksgenossenschaften für jeden Beruf bilden, weil sie damit die gesellschaftliche Arbeitsteilung, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft existiert, verewigen; diese Arbeitsteilung, die die Arbeiter trennt, ist doch die wirkliche Grundlage ihrer Sklaverei.

>Mit einem Wort, die Arbeiter sollen die Hände verschränken und ihre Zeit nicht für politische und ökonomische Bewegungen verschwenden. All diese Bewegungen können ihnen nichts als unmittelbare Resultate bringen. Als wirklich religiöse Leute müssen sie, die Tagesbedürfnisse verachtend, voller Glauben ausrufen: ‚Gekreuziget werde unsere Klasse, untergehen möge unsere Rasse, doch die ewigen Prinzipien müssen makellos bleiben!‘ Wie fromme Christen müssen sie den Worten des Priesters glauben, die Güter dieser Erde verachten und nur danach trachten, das Paradies zu gewinnen. Lesen sie statt Paradies die soziale Liquidation, die an einem schönen Tag in irgendeinem Krähwinkel der Welt vor sich gehen wird, niemand weiß, wie und von wem verwirklicht, und die Mystifikation ist voll und ganz dieselbe.

>In Erwartung dieser famosen sozialen Liquidation muß sich also die Arbeiterklasse wie eine Herde wohlgenährter Schafe anständig benehmen, die Regierung in Ruhe lassen, die Polizei fürchten, die Gesetze achten und ohne Murren das Kanonenfutter liefern.

>In ihrem alltäglichen praktischen Leben müssen die Arbeiter die gehorsamsten Diener des Staats sein, in ihrem Innern aber müssen sie auf das energischste gegen seine Existenz protestieren und ihm ihre tiefe theoretische Verachtung durch Kaufen und Lesen von literarischen Traktaten über die Abschaffung des Staats bekunden; sie müssen sich aber hüten, der kapitalistischen Ordnung einen anderen Widerstand entgegenzusetzen als Deklamationen über die Gesellschaft der Zukunft, in der die Existenz dieser verhaßten Ordnung aufhören wird!"

Niemand wird bestreiten, daß die Apostel des politischen Indifferentismus, hätten sie sich so klar ausgesprochen, von der Arbeiterklasse längst zum Teufel gejagt worden wären; die Arbeiterklasse hätte das als Beleidigung doktrinärer Bourgeois und verkommener Edelleute aufgefaßt, die so dumm oder so naiv sind, ihr jedes reale Kampfmittel zu verweigern, weil man all diese Kampfmittel der heutigen Gesellschaft entnehmen muß und weil die fatalen Bedingungen dieses Kampfes das Unglück haben, sich nicht den idealistischen Phantasien anzupassen, die diese Doktoren der Sozialwissenschaft unter den Namen Freiheit, Autonomie, Anarchie zur Gottheit erhoben haben. Doch ist jetzt die Bewegung der Arbeiterklasse so stark, daß diese philanthropischen Sektierer nicht mehr den Mut haben, über den ökonomischen Kampf dieselben großen Wahrheiten zu wiederholen, die sie unaufhörlich über den politischen Kampf proklamierten. Sie sind zu feige, um diese Wahrheiten auch auf die Streiks, Koalitionen, Gewerksgenossenschaften, auf die Gesetze über Frauen- und Kinderarbeit, über die Beschränkung des Arbeitstages etc. etc. anzuwenden.

Sehen wir nun zu, inwieweit sie sich auf die guten Traditionen, auf die Scham, auf die Ehrlichkeit, auf die ewigen Prinzipien berufen können!

Die ersten Sozialisten (Fourier, Owen, Saint-Simon etc.) mußten sich – da die sozialen Verhältnisse noch nicht genug entwickelt waren, um der Arbeiterklasse die Konstituierung als politische Partei zu ermöglichen – auf Träume von der Mustergesellschaft der Zukunft beschränken und alle Versuche, wie Streiks, Koalitionen, politische Aktionen, verurteilen, die von Arbeitern unternommen worden waren, um ihre Lage etwas zu verbessern. Wenn wir aber kein Recht haben, diese Patriarchen des Sozialismus zu verleugnen, ebensowenig wie die modernen Chemiker das Recht haben, ihre Väter, die Alchimisten, zu verleugnen, müssen wir uns doch hüten, in ihre Fehler zurückzufallen, die, würden sie von uns begangen, unverzeihlich wären.

Dennoch veröffentlichte viel später, im Jahre 1839, als der politische und ökonomische Kampf der Arbeiterklasse in England einen schon stark ausgeprägten Charakter annahm, Bray, einer der Schüler Owens und einer derjenigen, die schon lange vor Proudhon den Mutualismus entdeckten, ein Buch: Labour’s wrongs and labour’s remedy (Der Arbeit Übel und der Arbeit Heilmittel).

In einem der Kapitel über die Unwirksamkeit aller Heilmittel, die man durch den Gegenwartskampf erreichen will, gibt er eine bittere Kritik sowohl aller ökonomischen wie der politischen Bewegungen der englischen Arbeiter; er verurteilt die politische Bewegung, die Streiks, die Verkürzung der Arbeitszeit, die Regulierung der Fabrikarbeit der Frauen und Kinder, weil uns alles das, seiner Meinung nach, statt aus dem heutigen Zustand der Gesellschaft hinauszuführen, nur an diesen kettet und die Gegensätze nur noch weiter verschärft.

Und jetzt kommen wir zu dem Orakel jener Doktoren der Sozialwissenschaft, zu Proudhon. Während der große Meister den Mut aufbrachte, sich energisch gegen alle ökonomischen Bewegungen (Koalitionen, Streiks etc.) auszusprechen, die zu den erlösenden Theorien seines Mutualismus im Widerspruch standen, aber dennoch durch seine Schriften und seine persönliche Teilnahme den politischen Kampf der Arbeiterklasse förderte, wagen es seine Schüler nicht, gegen die Bewegung offen aufzutreten. Bereits 1847, zu einer Zeit, als das große Werk des Meisters, das „System der ökonomischen Widersprüche“ erschien, habe ich alle seine Sophismen gegen die Arbeiterbewegung widerlegt. [1] Aber im Jahre 1864, nach Annahme der Lex Ollivier, eines Gesetzes, das, wenn auch in sehr beschränktem Maße, den französischen Arbeitern das Koalitionsrecht gewährte, kehrte Proudhon in seinem Buche Die politischen Fähigkeiten der Arbeiterklassen, das einige Tage nach seinem Tode veröffentlicht wurde, wieder zum selben Thema zurück.

Die Angriffe des Meisters waren so sehr nach dem Geschmack der Bourgeois, daß die Times anläßlich des großen Streiks der Londoner Schneider im Jahre 1866 Proudhon die Ehre erwies, ihn zu übersetzen und die Streikenden mit seinen eigenen Worten zu verurteilen. Hier einige Beispiele dafür.

Die Bergarbeiter von Rive-de-Gier waren in einen Streik getreten; um sie zur Vernunft zu bringen, eilten Soldaten herbei.

>"Die Behörde“, ruft Proudhon aus, „welche die Bergarbeiter von Rive-de-Gier niederschießen ließ, befand sich in einer unglücklichen Situation. Aber sie handelte wie der alte Brutus, als er sich für seine väterliche Liebe oder für seine Pflicht als Konsul zu entscheiden hatte; er mußte seine Kinder opfern, um die Republik zu retten. Brutus zögerte nicht, und die Nachwelt hat nicht gewagt, ihn deswegen zu verdammen.

Kein Arbeiter wird sich erinnern, daß ein Bourgeois jemals gezögert hätte, seine Arbeiter zu opfern, um seine Interessen zu retten. Was für Brutusse sind doch die Bourgeois!

>Nein, es gibt ebensowenig ein Recht auf Koalition, wie es ein Recht auf Betrug und Diebstahl gibt, ebensowenig wie es ein Recht auf Blutschande oder Ehebruch gibt.

Man muß jedoch sagen, daß es gewiß ein Recht auf Dummheit gibt. Was sind das nun für ewige Prinzipien, in deren Namen der Meister seine Abrakadabra-Bannflüche schleudert? Erstes ewiges Prinzip:

>Die Höhe des Arbeitslohnes bestimmt den Preis der Waren.

Sogar diejenigen, die keine Ahnung von der politischen Ökonomie haben und nicht wissen, daß der große bürgerliche Ökonom Ricardo in seinem 1817 erschienenen Buche Prinzipien der politischen Ökonomie diesen traditionellen Irrtum ein für allemal widerlegt hat, kennen die bemerkenswerte Tatsache, daß die englische Industrie ihre Waren zu einem niedrigeren Preis als irgendein anderes Land verkaufen kann, während die Arbeitslöhne in England relativ höher sind als in irgendeinem anderen Land Europas,

Zweites ewiges Prinzip:

>Das Gesetz, das die Koalitionen zuläßt, ist in höchstem Maße antijuristisch, antiökonomisch und widerspricht jeder Gesellschaft und jeder Ordnung.

Mit einem Worte, „es widerspricht dem ökonomischen Recht der freien Konkurrenz“.

Wäre der Meister etwas weniger chauvin |Nationalist| gewesen, so hätte er sich gefragt, wie es zu erklären sei, daß in England vor vierzig Jahren ein Gesetz erlassen wurde, das so dem ökonomischen Recht der freien Konkurrenz widerspricht, und wie es kommt, daß dieses Gesetz, das so jeder Gesellschaft und jeder Ordnung widerspricht, in dem Maße, wie sich die Industrie entwickelt und zugleich mit ihr die freie Konkurrenz, sich gerade den bürgerlichen Staaten als eine Notwendigkeit aufdrängt. Er hätte vielleicht entdeckt, daß dieses Recht (mit einem großen R) nur in den ökonomischen Lehrbüchern existiert, die von den unwissenden Brüdern der bürgerlichen politischen Ökonomie verfaßt sind, in denselben Lehrbüchern, die auch Perlen wie folgende enthalten: „Das Eigentum ist die Frucht der Arbeit“ – anderer, vergessen sie hinzuzufügen.

Drittes ewiges Prinzip:

>So wird man unter dem Vorwand, die Arbeiterklasse aus #einer sogenannten sozialen Erniedrigung herausführen, damit beginnen müssen, eine ganze Klasse von Bürgern zu verleumden: die Klasse der Herren, der Unternehmer, der Fabrikbesitzer und Bourgeois; man wird die werktätige Demokratie zur Geringschätzung und zum Haß gegen diese unwürdigen Bundesgenossen der Mittelklasse aufrufen; man wird der gesetzlichen Unterdrückung den Kampf in Handel und Industrie, der Staatspolizei den Klassenantagonismus vorziehen.

Um der Arbeiterklasse den Ausweg aus ihrer sogenannten sozialen Erniedrigung zu versperren, verdammt der Meister die Koalitionen, die die Arbeiterklasse zu einer Klasse konstituieren, welche der respektablen Kategorie der Fabrikherren, Unternehmer, Bourgeois feindlich gegenübersteht, jener Kategorie, die gewiß, wie Proudhon, die Staatspolizei dem Klassenantagonismus vorzieht. Um diese respektable Klasse vor jeder Unannehmlichkeit zu bewahren, empfiehlt der gute Proudhon den Arbeitern bis zum Aufkommen der mutualistischen Gesellschaft die „Freiheit oder Konkurrenz“, die „trotz ihrer großen Übelstände“ doch „unsere einzige Garantie“ bildet.[5]

Der Meister predigte den Indifferentismus auf ökonomischem Gebiet, um die Freiheit oder bürgerliche Konkurrenz, unsere einzige Garantie, zu beschützen; die Schüler predigen den Indifferentismus auf politischem Gebiet, um die bürgerliche Freiheit, ihre einzige Garantie, zu beschützen. Wenn die ersten Christen, die ebenfalls den politischen Indifferentismus predigten, der starken Hand eines Kaisers bedurften, um sich aus Unterdrückten in Unterdrücker zu verwandeln, so glauben die modernen Apostel des politischen Indifferentismus gar nicht daran, daß ihre ewigen Prinzipien ihnen die Enthaltung von weltlichen Genüssen und vergänglichen Privilegien der bürgerlichen Gesellschaft auferlegen. Wir müssen nichtsdestoweniger anerkennen, daß sie die 14 oder 16 Arbeitsstunden, die auf den Fabrikarbeitern lasten, mit einem Stoizismus ertragen, der der christlichen Märtyrer würdig ist.

Karl Marx im Jahre 1873 in London

Quelle

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u/Ok-Blackberry471 — 2 months ago

Buchvorstellung: Ein Krieg wie kein anderer

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Ein Krieg wie kein anderer

Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Eine Revision | Das neue Standardwerk zum Zweiten Weltkrieg auf sowjetischem Boden

Übersetzt von: Karin Hielscher

Der deutsch-amerikanische Historiker Jochen Hellbeck nimmt eine Neubewertung des Zweiten Weltkriegs vor und verändert unseren Blick auf die Entstehung des Holocaust.

Er zeigt, dass der deutsche Vernichtungskrieg in der Sowjetunion aus der Verknüpfung eines unerbittlichen Antisemitismus mit einem obsessiven Antibolschewismus entsprang. Eine intensive Propaganda schuf Feindbilder, nach denen die Juden hinter der kommunistischen Revolution standen. Gleichzeitig wurden sowjetische Menschen mit antisemitischen Merkmalen dargestellt.

Als das Unternehmen Barbarossa, der Angriff auf die Sowjetunion, am 22. Juni 1941 begann, befahlen deutsche Kommandeure (u.a. im »Kommissarbefehl«), alle Juden und Kommunisten auf sowjetischem Boden zu ermorden. Das Massaker von Babyn Jar steht für die massenhafte Ermordung der jüdischen Bevölkerungen in den besetzten Gebieten im Osten, die kurz darauf zur Blaupause für die Ermordung der Juden im restlichen besetzten Europa wurde.

Die Sowjetunion (insbesondere Russland, die Ukraine, das Baltikum und Weißrussland) war das Zentrum von Deutschlands Vernichtungspolitik und zahlte den höchsten Blutzoll im Zweiten Weltkrieg. Auf Basis von weitgehend unbekannten Zeugnissen schildert Jochen Hellbeck, wie die Menschen dort, Juden wie Nichtjuden, die deutsche Besatzung erlebten. Wir erfahren, wie sie die Deutschen sahen, lesen von Trauer und Unverständnis, Hass und Rachehandlungen, aber auch vom Willen, anders zu sein als die »faschistischen« Deutschen.

Eindrücklich beschreibt Jochen Hellbeck schließlich auch die sowjetische Gegenoffensive, die die gesamte Gesellschaft einbezog und ein entscheidender Faktor für den Sieg über Deutschland am 8. Mai 1945 war.

u/Ok-Blackberry471 — 2 months ago