Rosenow vor den 27 EU Energieministern: "Europa steht am Scheideweg". Und in Deutschland warten wir auf MiSpeL. Warum tun wir uns so schwer?
Hab letzten Monat zufällig mitbekommen, dass Jan Rosenow (Oxford, Environmental Change Institute) am 20.10. vor dem EU Energierat in Luxemburg gesprochen hat. Eingeladen von der dänischen Präsidentschaft, vor allen 27 Energieministern. Sowas passiert eigentlich nie, dass ein Akademiker da direkt reinkommt.
Hab mir dann seinen Medium Artikel dazu durchgelesen und das Video gesucht. Was er sagt ist nicht radikal neu, aber die Zuspitzung hat es in sich. Vier Punkte, die er den Ministern vor die Füße gelegt hat:
- Strompreis Strukturen, die saubere Energie systematisch teurer machen als Gas
- Netzanschluss Zeiten von 18 bis 36 Monaten für industrielle Anlagen
- Investitionszyklen, die mit jeder neuen Gasanlage die Elektrifizierung um eine Dekade verschieben
- Fehlende Fachkräfte
Sein Vergleich war: während wir uns hier mit Pipelineverträgen und LNG Terminals beschäftigen, baut China gerade den ersten Elektrostaat der Welt. Heißt massive Investitionen in Netze, Speicher, E Mobilität, elektrifizierte Industrieprozesse. Wenn wir nicht in den nächsten paar Jahren aufholen, sind wir industriepolitisch raus.
Was mich umtreibt: diese Botschaft kommt nicht von Greenpeace oder irgendwelchen Klima Aktivisten. Das ist ein Oxford Professor, der von der EU eingeladen wird und dem die Energieminister zuhören. Und seine Forderungen sind ja eigentlich nüchtern. Steuerreform, schnellere Netzanschlüsse, Förderung industrieller Speicher. Nichts davon ist ideologisch.
Genau beim letzten Punkt, Speicher, wird es interessant. Rosenow hat den Ministern explizit gesagt "support for industrial storage" als eine der vier Sofortmaßnahmen. Parallel dazu ist in Deutschland gerade die MiSpeL Festlegung der BNetzA in der Konsultation. Die löst genau ein Problem, das den Industriespeicher Markt seit Jahren ausbremst. Bisher durftest du keinen Graustrom in einen geförderten Speicher laden, sonst fiel die Marktprämie weg. Damit war für die Industrie Schluss mit Arbitrage und Multi Use.
Mit MiSpeL und der sogenannten Abgrenzungsoption wird das nach mathematisch eindeutigen Formeln getrennt. Heißt Industriespeicher können künftig wirtschaftlich tragfähig betrieben werden. Eigenverbrauchsoptimierung plus Lastspitzenkappung plus Stromhandel im selben System.
Was mich verwundert: in Deutschland sind aktuell 1,4 GWh Industriespeicher installiert. Zum Vergleich, 20,8 GWh Heimspeicher. Das ist das industriestärkste Land Europas und wir haben weniger Industriespeicher als deutsche Privathaushalte zusammen. Bis 2030 brauchen wir laut Fraunhofer ISE über 100 GWh über alle Segmente hinweg.
Und gleichzeitig liegt der Industriestrompreis bei 27,5 ct/kWh, dreimal so hoch wie in den USA. Die Wirtschaftlichkeit für Industriespeicher ist da. Amortisationszeiten von drei bis vier Jahren sind realistisch (eigene Beobachtung aus Projekten, die ich aus der Branche mitbekomme). Trotzdem zögert die Industrie.
Frage in die Runde: warum eigentlich? Liegt es wirklich nur an MiSpeL und den unsicheren Netzentgelten? Oder ist es eher ein Kapital oder Risiko Thema? Wer hier hat konkrete Erfahrung mit Industriespeicher Projekten, also keine Heimspeicher, sondern 500 kWh aufwärts? Vor allem die Netzanschluss Zeiten würden mich interessieren. Stimmen die 18 bis 36 Monate? Oder ist das je nach Netzbetreiber sehr unterschiedlich? Ich höre von Projekten in NRW ganz andere Zahlen als in BaWü.
Falls jemand das Originalvideo vom EU Rat sucht, ist auf der Consilium Website verfügbar. Sein Medium Artikel heißt "My case to the 27 EU energy ministers".