Der aktuelle Arbeitsmarkt. Gar nicht mal so schön.
Ich komme aus dem Contentbereich (Text, Konzept, Werbung, UX Writing, etc.) Was vor ein paar Jahren noch eine solide und auch einigermaßen gut bezahlte Fachtätigkeit war, ist heute im Prinzip nichts mehr wert. Eigentlich gibt es den Job so nicht mehr. Ich bin quasi der Pferdekutscher oder Schriftsetzer von heute. Es wurden natürlich immer wieder Jobs durch andere ersetzt, aber nie in dieser atemberaubenden Geschwindigkeit. Nun gut.
Gedanken zum aktuellen Arbeitsmarkt.
KI hat in meinem und den artverwandten Jobs (Grafik, IT, Foto/Video, eigentlich alles, was man mit Rechnern machen kann) vor rund 2-3 Jahren wie eine Bombe eingeschlagen. Und ich bin nicht mal gegen neue Technologie, nutze das für bestimmte Aufgaben selber und habe mich auch in dem Bereich weitergebildet. Außerdem gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass man um die 50 (wie in meinem Fall) nicht mehr eingestellt wird bei einem Großteil der Unternehmen, aber das ist nochmal eine ganz eigene, wilde Thematik.
Ich habe viele Jahre frei für ein Unternehmen gearbeitet, der Texter aus allen möglichen Ländern an Unternehmen vermittelt hat, die Content auch z. B. für den deutschen Markt benötigt haben. Ich erinnere mich noch an mein Gespräch mit dem Geschäftsführer vor ein paar Jahren, als das Thema KI so langsam bei den Leuten ankam. Er sagte, dass das Fachkräfte wie Copywriter nicht beträfe, das sei eher ein Thema bei Übersetzern und allen anderen, die keinen eigenen Content erzeugen. Ich hab das damals schon nicht so richtig geglaubt, er wahrscheinlich auch nicht. Kurze Zeit später gab es nach Jahren plötzlich keinen einzigen freien Job mehr und mittlerweile wurde das Wort "AI" bei der Plattform ganz dick auf die Startseite gesetzt, was ja aus deren Perspektive auch nachvollziehbar ist. Achja, ein Jobangebot trudelte vor kurzem dann doch wieder rein. Es ging darum, KI-generierte Texte zu "humanisieren".
Als Sahnehäubchen kommt noch die anhaltend schlechte wirtschaftliche Situation hinzu, die dafür sorgt, dass zunehmend Leute ihren Job verlieren und Arbeitgeber generell weniger ausgeben bzw. Projekte wegsparen. Bei meinem letzten Arbeitgeber, einem großen deutschen IT-Dienstleister, mussten schon ordentlich Klinken geputzt werden, um weitere Beauftragungen für Projekte zu erhalten – in vielen Fällen ohne Erfolg. Hier ist der großflächige Personalabbau bei den Devs eigentlich nur noch eine Frage der Zeit. Also, bis es richtig losgeht.
Arbeitgeber, die aktuell Jobangebote veröffentlichen, die es wirklich gibt (auch keine Selbstverständlichkeit mehr) können sich gerade erlauben, was sie wollen. So werden in aktuellen Stellenanzeigen gerne auch mal mehrere komplett unterschiedliche Rollen zu einem Job zusammengefasst bei ordentlich gedrücktem Gehalt, versteht sich. Bewerbungsprozesse werden künstlich aufgeblasen und ziehen sich über Monate hin, obwohl man jeden neu eingestellten Arbeitnehmenden in wenigen Wochen wieder rauskicken kann und Bewerber Schlange stehen.
Das Ganze wird auch umgekehrt mittlerweile zu einem Problem. Ich kenne zwei Leute, um die herum alles weggekündigt wurde. Irgendwann haben sie selber das Handtuch geschmissen, weil sie alles auf dem Tisch hatten, was sonst keiner mehr übernehmen konnte. Da hilft KI dann auch nicht mehr weiter.
Ich gehe davon aus, dass es für mich keinen Weg mehr zurück in einen Beruf gibt, den ich 20 Jahre lang im Großen und Ganzen gerne und immer mit Herzblut gemacht habe. Zu schnell haben wir uns daran gewöhnt, dass KI-Content für alles ausreicht, wenn er nur schnell und günstig produziert werden kann. Damit kann ich leben, irgendwas wird sich schon noch ergeben, ich bin da grundsätzlich flexibel. Mir tut es um die vielen Jüngeren leid, die in so einem Arbeitsmarkt starten und da noch viele Jahrzehnte zubringen wollen und müssen.
"Gut" ist auf jeden Fall, dass über all diese Dinge mittlerweile ehrlich gesprochen wird, denn es kann halt auch jeden treffen. Sogar auf der Fakeplattform LinkedIn häufen sich mittlerweile Beiträge von teilweise hochqualifizierten Leuten, die mit offenem Visier darüber berichten, wie das so ist, wenn man aktuell eine neue Stelle sucht.
Und ja, das wird bestimmt alles irgendwann wieder besser werden. Hoffe ich. Aber erstmal wohl leider nicht. Augen zu und durch ist wahrscheinlich im Moment nicht die richtige Taktik. Aber vielleicht: Augen auf und gucken, was noch geht? Irgendwie so...