Komplexe Zahlen und physikalisches Verständnis
Das Thema "komplexe Zahlen" beschäftigt mich seit meiner Studentenzeit. Unbestreitbar sind sie in Analysis und Algebra kaum wegzudenken und aus Sicht der Mathematik habe ich damit höchstens ein ästhetisches Problem - dazu komme ich gleich. Doch als Physiker ist es mir nicht egal. Dort, wo es in der Natur positive und negative Werte gibt, herrscht in der Regel Symmetrie zwischen diesen Vorzeichen.
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Kurzer Exkurs in die Mathematik:
Imaginäre Zahlen entstehen durch die Wahl der Zahl +1 als neutrales Element der Multiplikation. Dadurch ist -1*+1=-1 und die Wurzel aus -1 existiert innerhalb der realen Zahlen nicht. Das kann man mathematisch so machen, bricht aber in gewisser Weise eine Symmetrie zwischen den Vorzeichen. Damit stellt sich für mich die Frage, inwieweit mathematische Modelle, die auf diesem Axiom basieren, ein Verständnis (nicht die mathematische Beschreibung!) der Realität erlauben.
Alternativlösung: Da man vorzeichenbehaftete Zahlen (Z oder R) auch als eindimensionale Vektoren betrachten könnte, böte sich eine vorzeichenlose 1 (also die 1 aus den natürlichen Zahlen N) als neutrales Element an - es wäre dann aber keine Menge mehr von Z. Dies wäre analog zur Vektorrechnung, wo es auch kein neutrales Element der Multiplikation gibt (siehe Kreuzprodukt).
Die Mathematik hat sich an dieser Stelle entschieden, die +1 zu verwenden und auf eine vorzeichenlose (wirklich skalare) 1 zu verzichten. Das war sehr pragmatisch, denn daraus ergeben sich viele Vorteile. Ein Preis ist zum Beispiel die Notwendigkeit, mit dem konjugiert komplexen Wert statt mit derselben Zahl zu quadrieren.
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Eigentlich kann mir das als Physiker völlig egal sein. Doch komplexe Zahlen werden in der Quantenmechanik benötigt, um Quantenobjekte zu beschreiben. Dies ist ein entscheidender Grund dafür, warum sie so schwer zu fassen ist. Schließlich ist imaginär nicht real.
Die Benutzung komplexer Zahlen ist so selbstverständlich geworden, dass - so ist mein Eindruck - gar nicht mehr darüber nachgedacht wird. Natürlich gibt es isomorphe Darstellungen der komplexen Zahlen. Aber auch sie lösen nur das Problem der mathematischen Beschreibung und nicht des Verständnisses.
Tatsächlich glaube ich, dass es sich in der Physik lohnt, dieser Frage nachzugehen - vorausgesetzt man sucht nach Erkenntnissen und nicht nur nach korrekten Rechenergebnissen.
Ist mein Eindruck falsch? Bin ich der Einzige, der dies so sieht? Habe ich irgendwo einen Gedankenfehler?