Gehaltsanpassung von nur 1 % trotz hoher Verantwortung
Hi zusammen,
ich würde gerne mal eine neutrale Einschätzung zu meiner aktuellen beruflichen Situation bekommen, weil ich nicht weiß, ob ich gerade zu emotional reagiere oder ob meine Einschätzung berechtigt ist.
Ich bin Mitte 20 und seit rund 6 Jahren bei meinem aktuellen Arbeitgeber. Davon war ich ca. 4 Jahre dualer Student und bin jetzt seit etwa 2 Jahren in einer Vollzeitrolle. Ich arbeite in einem internationalen Software-/IT-Umfeld.
Mein aktuelles Gehalt liegt bei ca. 50k brutto jährlich. Es gibt keinen Bonus, keine Provision und auch keine größeren zusätzlichen Benefits wie z. B. einen Firmenwagen.
Meine Rolle hatte ursprünglich einen klaren Fokus auf Partnermanagement. Inzwischen hat sie sich aber deutlich weiterentwickelt: Ich übernehme heute Verantwortung in mehreren Bereichen, unter anderem Presales, Partner Management, Business Development sowie Projekt- und Kundenkoordination. Dazu kommt eine starke externe Repräsentation des Unternehmens gegenüber Kunden, Partnern und teilweise auch auf internationalen Terminen/Events. Ich habe keine Mitarbeiterverantwortung, aber fachlich und operativ inzwischen deutlich mehr Verantwortung als zu Beginn der Rolle.
Meine Aufgaben sind aus meiner Sicht inzwischen klar über ein klassisches Junior-Profil hinausgewachsen. Ich arbeite international, bin in Kundenterminen und Partnergesprächen involviert, unterstütze bei strategischen Themen, reise geschäftlich viel und habe relativ viel Eigenverantwortung. Gleichzeitig mag ich meinen Job grundsätzlich sehr: Ich lerne viel, bekomme spannende Themen, die Arbeitsbedingungen sind gut und ich sehe auch weiterhin Wachstumspotenzial im Unternehmen.
Jetzt zum Problem:
In der aktuellen Gehaltsrunde hat meine Führungskraft mir mitgeteilt, dass sie vom Vorstand insgesamt nur 5 % Spielraum bekommen hat, den sie zwischen mir und einem Kollegen aufteilen kann. Ich bekomme davon nur 1 %.
Mein Kollege macht direkten Sales für den DACH-Raum. Die Begründung für die Verteilung war im Wesentlichen, dass mein deutlich älterer Kollege in den letzten Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen hat, zwei Kinder hat und kürzlich ein Haus gebaut hat. Menschlich kann ich das nachvollziehen, aber als Begründung für meine eigene Gehaltsentwicklung fühlt es sich für mich schwierig an. Ich gönne meinem Kollegen seine Anpassung, aber ich habe das Gefühl, dass meine eigene Vergütung dadurch nicht anhand meiner Rolle, Verantwortung, Leistung und meines Marktwerts bewertet wird.
Hinzu kommt, dass es dem Unternehmen wirtschaftlich sehr gut geh... sowohl uns als aktueller Tochtergesellschaft als auch der Muttergesellschaft. Wir haben nicht mit Entlassungen oder größeren wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Im Gegenteil: Unsere Profitabilitätsziele wurden meines Wissens sogar übererreicht. Deshalb fällt es mir noch schwerer, eine Anpassung von nur 1 % nachzuvollziehen.
Außerdem werde ich mittlerweile regelmäßig von anderen Firmen angesprochen und habe mir in den letzten Monaten mehrere Angebote bzw. konkrete Gehaltsindikationen eingeholt. Diese lagen beim Base-Gehalt ohne Provision ungefähr bei:
- 55k
- 67k
- 70k
- 75k
Teilweise waren das Rollen im Sales-/Business-Development-Umfeld mit aus meiner Sicht weniger Verantwortung als meine aktuelle Position. Unter den Firmen waren auch größere, namhafte Unternehmen.
Intern gibt es zudem Vergleichspunkte, die mich zweifeln lassen: Ein Kollege mit ähnlicher Erfahrung und gleichem Abschluss verdient in einer Junior-Consultant-Rolle mit weniger Verantwortung bereits ca. 55k plus Bonus.
Ein möglicher zusätzlicher Faktor ist, dass unsere Abteilung bald in die Muttergesellschaft integriert werden soll. Dadurch sind zukünftige Titel, Gehaltsbänder und Rollenbewertungen aktuell wohl schwer abzuschätzen. Allerdings ist komplett unklar, ob dieser Prozess in 3 Monaten oder erst in über einem Jahr abgeschlossen ist. Ich habe daher Sorge, dass ich mit dem Hinweis auf diese Umstrukturierung auf unbestimmte Zeit vertröstet werde.
Ich will aktuell eigentlich nicht wechseln. Ich schätze meine Lernkurve, die Internationalität, die Reisetätigkeit und das Umfeld. Gleichzeitig fühlt sich eine Gehaltsanpassung von 1 % bei meiner aktuellen Verantwortung, der guten wirtschaftlichen Lage und den externen Marktindikationen fast wie ein schlechtes Signal an.
Mein aktueller Plan wäre, ein Gegenangebot zu machen: kurzfristige Anpassung von 50k auf 57k und nach Abschluss des Merges bzw. der neuen Rollen-/Gehaltsstruktur eine weitere Anpassung auf 62k. Mir ist bewusst, dass man mich vermutlich noch herunterhandeln wird.
Meine konkreten Fragen an euch:
Sehe nur ich die 1 % Gehaltsanpassung in dieser Situation als ziemlich frech bzw. unangemessen?
Ist mein geplantes Gegenangebot mit 57k jetzt und 62k nach dem Merge sinnvoll, gerade mit dem Wissen, dass wahrscheinlich noch gedrückt/verhandelt wird?
Übersehe ich etwas Wichtiges in meiner Bewertung der Situation?
Mir geht es nicht darum, maximal zu pokern oder mit Kündigung zu drohen. Ich möchte eigentlich gerne bleiben, aber ich möchte auch nicht langfristig deutlich unter Marktwert bezahlt werden, nur weil ich intern aus einer dualen Studentenrolle herausgewachsen bin.
Danke für eure Einschätzungen.