Ist die nachträgliche Aberkennung einer Ehrung moralisch problematisch?
Ich habe eben eine Nachrichtenberichterstattung über den Epstein-Fall gesehen. Unter anderem ging es um Prince Andrew und darum, dass ihm im Zusammenhang mit dem Fall nachträglich militärische Anerkennungen aberkannt wurden.
An sich hat mich das nicht besonders überrascht. Es hat mich aber über den konkreten Fall hinaus zum Nachdenken gebracht:
Ist es moralisch bzw. logisch gerechtfertigt, einer Person aufgrund späterer Verfehlungen nachträglich die Anerkennung für frühere Leistungen zu entziehen?
Nehmen wir zwei Szenarien:
Szenario A: Eine beliebige Person dient 30 Jahre lang ehrenhaft und erhält dafür verschiedene Auszeichnungen. Danach verändert sich ihr Verhalten und sie begeht moralisch schwerwiegende Straftaten.
Szenario B: Dieselbe Person begeht die entsprechenden Straftaten bereits während dieser 30 Jahre, tut aber gleichzeitig vieles, was tatsächlich ehrenhaft und für andere Menschen wertvoll ist.
Eine nachträgliche Neubewertung erscheint zunächst vollkommen plausibel. Statt zu fragen:
„Hat diese Person damals etwas geleistet?“
könnte man fragen:
„Ist diese Person heute noch jemand, den wir guten Gewissens mit dieser Ehrung als Vorbild bzw. Repräsentanten verbinden wollen?“
Ich sehe darin zunächst keinen Widerspruch. Eine Ehrung hat schließlich nicht nur eine historische, sondern auch eine gegenwärtige gesellschaftliche Bedeutung.
Schwieriger finde ich allerdings den nächsten Schritt: Was passiert mit dem Wert der ursprünglichen Leistung?
Wenn jemand beispielsweise 30 Jahre lang hervorragende Arbeit geleistet hat und anschließend schwere Verbrechen begeht, scheint mir daraus zunächst nicht zu folgen, dass die früheren Leistungen dadurch wertlos oder moralisch irrelevant werden.
Die Aussage
„Diese Person hat damals etwas Ehrenhaftes geleistet“
scheint mir logisch unabhängig von der Aussage
„Diese Person hat später etwas moralisch Verwerfliches getan“.
Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein.
Trotzdem scheint die gesellschaftliche Praxis häufig zu einer Art Gesamtbewertung der Person zu tendieren: Die moralisch schwerwiegendste Eigenschaft oder Handlung wird zum dominierenden Kriterium dafür, wie wir die gesamte Person betrachten.
Genau das finde ich philosophisch interessant. Beurteilen wir hier eigentlich die Person, ihre einzelnen Handlungen oder die gegenwärtige Bedeutung eines Symbols?
Denn eine Person kann meines Erachtens gleichzeitig Träger und Täter moralisch relevanter Handlungen sein. Wenn jemand etwas Gutes getan hat, wird diese Handlung nicht dadurch ungeschehen, dass dieselbe Person später etwas Schlechtes tut. Umgekehrt wird eine schwere Straftat natürlich auch nicht dadurch ungeschehen, dass die Person zuvor viel Gutes getan hat.
Daraus ergibt sich für mich eine Unterscheidung:
Kann eine spätere Handlung den moralischen Wert einer früheren Handlung verändern oder kann sie nur unsere heutige Bewertung der Person verändern, die beide Handlungen begangen hat?
Bei einer Aberkennung einer Ehrung scheint mir zumindest die zweite Position durchaus plausibel: Man kann sagen, „Wir wollen diese Person heute nicht mehr mit diesem Symbol ehren“, ohne gleichzeitig sagen zu müssen, „Die frühere Leistung war wertlos“.
Aber ist es moralisch oder logisch überhaupt gerechtfertigt, diese beiden Dinge voneinander zu trennen? Oder gibt es gute Gründe dafür, dass schweres späteres Fehlverhalten auch die moralische Bedeutung früherer Leistungen verändert? Muss moralische Bewertung zwingend kompensatorisch sein?
Mich interessiert dabei weniger eine bestimmte moralische Theorie als die logischen Konsequenzen der jeweiligen Position, ob eben diese Neubewertung eine weitere moralische Zweischneidigkeit eröffnet. Denn, etwas strenger interpretiert, sehe ich hier Anzeichen von (hier: funktioneller und nicht moralischer) Entmenschlichung.
Weiterführend: Ist die aktuelle Bewertung einer kürzlichen guten Handlung automatisch positiver bewertet als es nüchtern gerechtfertigt wäre? Im Sinne nachträglicher Aberkennung des Vorschusses.