
u/bake_fish

Ja ich weiß, das Thema kam hier in letzter Zeit schon, ich muss es aber nun trotzdem rauslassen, weil es mich schon seit geraumer Zeit beschäftigt.
Ich habe beruflich recht viel mit jungen Menschen zu tun und oft teilen sie auch ihre Sorgen und Gedanken mit mir. Und wenn ich mir diese Sorgen anhöre, dann kann ich ihren Frust auch voll verstehen.
Mein Studi-Lifestyle war damals schon nicht gerade von Saus und Braus geprägt, aber es ist absurd, wie viel Glück und gute Beziehungen man heutzutage braucht, um einfach nur ein bezahlbares WG-Zimmer zu finden. Ich habs schon oft gehört, dass junge Menschen, wenn sie Ausbildung oder Studium anfangen, gleich bei ihren Eltern wohnen bleiben oder in Nachbarstädte ziehen, welche teilweise 100 Kilometer vom Studien/Ausbildungsort entfernt sind, weil alles andere nicht mehr stemmbar ist. Aber es ist ja nicht nur die Miete. Grundlegendste Sachen werden immer teurer, während die Stundenlöhne für Studijobs einfach nur respektlos niedrig sind und auch kaum erhöht werden.
Aber mal angenommen, das läuft alles irgendwie. Dann machst du die Ausbildung oder das Studium, büffelst jahrelang und schlägst dich durch - alles mit der Gewissheit, dass deine Arbeit vielleicht auch bald von einer KI wegrationalisiert oder dass deine Stelle weggekürzt wird, weil das Budget fehlt und gespart werden muss. Und wenn man davon verschont bleibt, gibts am Ende trotzdem keine Rente. Wie fühlt sich das an, wenn man gerade ins Berufsleben einsteigt und schon gleich gesagt bekommt, dass man wahrscheinlich noch bis 70 arbeiten darf und trotzdem jetzt schon so viel wie möglich auf die Seite legen muss, damit man als alter Sack noch ein würdiges Leben haben kann? Vor allem, wenn man eine Arbeit hat, die knapp überm Mindestlohn liegt?
Und vom Klimawandel will ich gar nicht erst anfangen. Wir wissen, was in 20, 30 Jahren auf uns zukommt. Ältere Menschen werden das nicht mehr erleben, aber die jetzt jungen Menschen kriegen es dann in voller Breitseite ab.
All diese Dinge machen sich im Gemüt der jungen Generationen zusehends bemerkbar. Dass Depressionen und die Menge an psychotherapeutischen Behandlungen immer weiter zunehmen, ist allseits bekannt. Wenn ich mich mit jungen Menschen unterhalte, sieht fast niemand von ihnen noch positiv in die Zukunft, manche haben richtige Angst vor ihr. Viele haben eine betäubende Ignoranz entwickelt und denken einfach gar nicht darüber nach, weil sie sonst schlechte Laune bekommen.
Aber ein simpler Blick auf die Demografie erklärt so viele Dinge. Bei der letzten Bundestagswahl lag der Anteil der 18- bis 29-Jährigen bei gerade mal 14.5 Prozent. Der Anteil der 50-Jährigen und älter bei fast 60 Prozent. In den nächsten Jahren wird sich das Verhältnis noch weiter verschieben. Junge Menschen sind zu einer unbedeutenden Bevölkerungsgruppe geworden. Ihre Sorgen verhallen ungehört, weil man von ihnen nicht mehr viele Stimmen bekommt. Ihr Schicksal wird immer mehr von alten Menschen entschieden, wie bei einer Gerontokratie.
Wen wundert es dann noch, dass sie auf den ganzen Scheiß pfeifen? Warum sollte man bitte noch 40 Stunden in der Woche plus zahllose Überstunden schuften, wenn das zusätzliche Gehalt eh gleich von Steuern weggefressen wird und es am Ende immer noch nicht für eine gute Rente reicht? Wofür sollte man noch sparen oder anlegen, wenn der Besitz eines Eigenheims sowieso völlig unrealistisch geworden ist?
Aber nun kommt die Krux. Denn anstatt Verständnis zu zeigen, zu versuchen, mehr für die junge/jüngste Generation zu tun, wird auf dieser noch herumgehackt. Sollen sie diesen Lifestyle mal sein lassen und gefälligst mehr und länger und härter arbeiten, sollen sie wieder mehr Kinder bekommen, sollen sie mal ein bisschen mehr Solidarität mit allen zeigen. Während nach wie vor keine Kitaplätze da sind und Schulen immer weiter vergammeln, Versicherungsleistungen immer weiter zurückgehen, die Beiträge dafür trotzdem immer mehr steigen, überall Arbeitsplätze abgebaut werden und man nun noch die Wehrpflicht wiedereinführen will. Geil!
Was mich vor allem ankotzt: Man weiß bei so vielen dieser Probleme schon seit Jahrzehnten, dass sie existieren. Dass unser Renten- und Pflegemodell nicht funktionieren, wenn die Geburtenraten immer weiter zurückgehen, ist seit den 60ern bekannt. Dass der Klimawandel existiert, tatsächlich auch schon seit dieser Zeit. Dass mit Landflucht und immer größerem Städtewachstum Wohnungsnot entstehen könnte, ist auch schon lange Gewissheit. Doch was wurde getan? Nichts. Alle Probleme wurden immer schön weiter in die Zukunft geschoben. Findet sich ja bestimmt noch ne Lösung für, macht die Technologie alles oder so. Aber es hat sich keine Lösung gefunden. Und nun stehen diejenigen, welche über Jahrzehnte mit ihren Entscheidungen all diese Probleme aus purer Bequemlichkeit mit verursacht haben, zeigen mit dem Finger auf diejenigen, welche für besagte Probleme nichts können und heulen rum, dass sie nicht einsehen, sich ohne Dank oder Effekt kaputtzumachen.
Junge Menschen tun mir nur noch leid. Was hat das alles noch mit Generationengerechtigkeit zu tun? Was hat das noch mit dem Versprechen zu tun, dass unsere Nachkommen es einmal besser haben sollen als wir, wenn ihnen ständig Steine in den Weg gelegt werden? Wenn mit der buchstäblichen Zukunft unserer Welt so kurzsichtig umgegangen wird, leiden am Ende auch alle anderen darunter. Aber leider ist nirgends ersichtlich, dass sich hieran auf absehbare Zeit etwas ändern wird. RIP unsere Kinder. Sie sind die Generation der Vergessenen.
Rant Ende. Ich geh jetzt raus. Trotz düsterem Thema einen schönen Feiertag euch allen noch und genießt die Sonne und das lange WE!