Seit wann sind Bahngleise eigentlich ein verdammter öffentlicher Gehweg?
Ich muss mir das jetzt einfach mal von der Seele schreiben, weil ich langsam wirklich nicht mehr verstehe, was in manchen Köpfen vorgeht.
Ich bin Lokführer. Und gefühlt wird es immer selbstverständlicher, dass Menschen Bahngleise behandeln, als wären sie ein etwas unbequemer Wanderweg.
Da wird über Gleise gelatscht, weil der Weg außenrum drei Minuten länger dauert. Am Bahnübergang wird noch schnell vor dem Zug rübergerannt. Man steht im Gleis, läuft daneben entlang oder spaziert irgendwo im Bahnhofsbereich über die Schienen, als wäre verkaufsoffener Sonntag und man schlendert gerade ganz gemütlich durch die Fußgängerzone.
Das ist ein Bahngleis! Da fahren Züge!
Und nein, der Lokführer kann nicht mal eben ausweichen. Ich kann auch nicht einfach auf die Bremse treten und 20 Meter später stehen. Wenn ich euch sehe, bleibt mir im Zweifel nur noch Notbremsung, Signalhorn und hoffen, dass ihr euren Arsch rechtzeitig aus meinem Fahrweg bewegt.
Und das Absurde daran ist, vielen von denen wirken dabei nicht einmal so, als würden sie bewusst ein Risiko eingehen. Die laufen da vollkommen entspannt herum. Kopfhörer drin, Blick aufs Handy oder gemütlich nebeneinander spazierend.
Dabei braucht es für eine richtig beschissene Situation exakt einen einzigen Fehler. Ein Stolpern. Ein falscher Schritt. Ein Zug aus der anderen Richtung, den man nicht gesehen hat. Die Geschwindigkeit falsch eingeschätzt. „Ach, der ist doch noch weit weg.“ Und vorne sitzt dann ein Mensch, der das Ganze kommen sieht. Der absolut nichts machen kann, um diese Situation zu verhindern.
Das scheint bei dieser ganzen Nummer nämlich gern vergessen zu werden. Im Führerstand sitzt kein NPC, der nach einem Vorfall einfach respawnt, zwei Knöpfe drückt und anschließend fröhlich die nächste Runde fährt.
Ich hatte selbst erst vor Kurzem einen Personenunfall.Ich werde hier bewusst keine Einzelheiten dazu erzählen. Seitdem sehe ich dieses vollkommen sorglose Herumlaufen im und am Gleis noch einmal mit ganz anderen Augen.
Weil man auf einmal sehr genau weiß, wie schnell aus „wird schon gutgehen“ eine Situation werden kann, die niemand von den Beteiligten jemals haben wollte.
Und trotzdem sehe ich weiterhin täglich Menschen, die noch schnell vor einem Zug über die Gleise laufen oder irgendwo völlig selbstverständlich im Gleisbereich herumspazieren.
Da fragt man sich irgendwann wirklich, was eigentlich noch passieren muss, damit manche begreifen, dass das keine Kulisse ist.Natürlich gibt es Menschen, die beruflich im Gleis arbeiten und entsprechend gesichert sind. Darum geht es hier ausdrücklich nicht.
Ich rede von Leuten, die dort schlicht nichts verloren haben und trotzdem so selbstverständlich durchs Gleis spazieren, als gäbe es einen Zebrastreifen.
Ihr würdet doch auch nicht gemütlich über die Autobahn spazieren und anschließend überrascht sein, dass dort Fahrzeuge mit hoher Geschwindigkeit kommen. Warum zur Hölle glauben dann so viele Menschen, Bahngleise wären ein geeigneter Ort für einen Spaziergang, ein Foto oder eine Abkürzung?
Ein Zug gewinnt diese Begegnung immer. Und glaubt mir, dieser Mensch vorne im Führerstand möchte diesen „Sieg“ ganz sicher nicht.
TL;DR: Bahngleise sind weder Wanderweg noch Abkürzung noch Fotokulisse. Ich bin Lokführer und hatte selbst vor Kurzem einen Personenunfall. Ein Zug kann nicht ausweichen und braucht verdammt viel Strecke zum Anhalten. Wenn ihr unbefugt im Gleis herumlauft, gefährdet ihr nicht nur euch selbst. Ihr zwingt im schlimmsten Fall auch einen völlig fremden Menschen im Führerstand dazu, dabei zuzusehen, wie sich eine Situation entwickelt, die er nicht mehr verhindern kann.