u/jvdbeutelratte

Brodem

Wie sehr er ihren Duft vermisste. Sie roch nach Mandelholz und Jasmin. Er griff gerne in ihr Haar, spürte die Lockenpracht in seinen Händen. Es duftete nach Moschus und Talg. Jetzt war da eine Leerstelle. Das Kissen roch nach ihm, der Duft war verloren. Er erkannte ihren Geruch nicht. Jeder andere Mensch dünstete anders. Nur ihren Duft trug niemand. Er suchte sie, folgte dem Jasmin, der vermischte sich mit Kokos. Ihre üppigen Hüften waren ihm zuerst an ihr aufgefallen. Der Duft ihrer Brust - warm und mild. Ihre Lippen schmeckten nach Freiheit. Ihre Augen glitzerten in der Sonne. Ihre Nase hatte einen hübschen Bogen. Sie trug Pelz, der roch nicht nur nach ihr, er schmiegte sich gerne an ihre Brust. Das weiche Fell erregte seine Sinne. Sie lachte ihn aus, weil er mit ihr kuscheln wollte. Der erste Bruch im Glas. Der erste Splitter im Fragment der Erinnerung. Sie war alles und nichts. Ihre Sommersprossen fand sie abscheulich. Ihre Brust war ihr nicht groß genug. Ihre Lippen nicht voll genug. Das Haar spröde. Er sah darüber hinweg. Fand sie bildschön. Sie konnte seine Schmeicheleien nicht ertragen. Er fand das nicht schlimm. Sie hasste es. Draußen stand er im Regen. Sie wärmte sich in der Sonne. Er griff nach ihr. Ihre Hüfte nah an seiner. Doch sie empfand nichts. Er glühte, sie blieb kalt. Das Glas bekam Risse. Er erinnerte sich an den Streit. Sie hatte ihn mit ihrer Anwesenheit völlig losgelöst. Das ärgerte sie. Sie knieten. Der Champus kalt. Dann boxte sie ihn. Er lächelte. Sie schlug zu. Er lächelte. Tränen liefen. Sie schüttete den Champus aus und lief weg. Er folgte ihr. Sie schloss sich im Bad ein. Er klopfte. Sie schrie. Er sollte sie in Ruhe lassen. Das Glas zerschmetterte. Scherben schnitten sich in seine Hand. Er blutete. Kein Mandelholz und kein Jasmin. Das Telefon blieb stumm. Ihre Nummer führte ins Nichts. Sie hatte den Anschluss gewechselt. Ihr Duft hielt nicht. Er verflüchtigte sich. Auch jetzt versuchte er zu ergründen, was dazu führte, dass sie ihn verließ. Eine Antwort blieb sie ihm schuldig. Erinnerungen brachen weg. Sie lag auf der Couch. Nippte am Champus. Er beugte sich über sie. Sie wehrte sich. Schlug ihn weg. Kälte breitete sich aus. Nicht zwischen ihnen – in ihr. Der Mann im Park. Seine Hand auf ihrem Bauch. Am nächsten Morgen: Stille. Sie würgte. Er hatte nichts anderes verdient. Ihre Liebe bekam Risse. Sie streifte den Pelz über und ging. Zurück blieb ihr Geruch. Er kroch in jede Ecke, legte sich auf alles. Er bewahrte ihn auf. Die Zigarette. Der Lippenstift. Kirsche. Mandelmilch. Eine Locke. Jasmin. Ein Beutel. Immer wenn er an sie dachte, öffnete er ihn. Atmete ein. Doch der Duft hielt nicht. Er wurde schwächer. Dünner. Fremd. Er kaufte Mandelmilch. Rieb sich damit ein. Sprühte Jasmin aufs Kissen und schlief ein. Sie ertrank, nicht im Wasser, in ihm.

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u/jvdbeutelratte — 12 days ago

Tiger im Glas - Ein Fragment über den modernen Intellektuellen (Kritik & Analyse erwünscht)

Manchmal frage ich mich, ob Menschen wirklich leben oder ihr Leben bloß verwalten. Und irgendwann sitzt man abends in der Küche und merkt, dass man sich selbst verloren hat. Man ist einfach langsam zwischen Terminen, Beziehungen auf Zeit und Medikamenten verschwunden. Ich schreibe über solche Figuren. Menschen, die längst aufgegeben haben und trotzdem weiter funktionieren. Vielleicht weil sie müssen. Mich interessiert diese Grenze zwischen Realität, Isolation und Wahn. Der Moment in dem man merkt, dass man im wahren Leben nur noch Zuschauer ist.

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Ein Tiger auf der Veranda. Er streifte durch den Vorgarten. Sprang auf den Sims. Durchs Fenster. Lief den Flur entlang. Affen hockten auf der Couch und schauten sich hirnrissige Gameshows an. Sie brüllten. Bemerkten den Tiger nicht, der hinter ihnen vorbei schlich. Er interessierte sich nicht für den TV. Er las Bücher. Bildete sich weiter. Studierte Germanistik. Heute hatte er frei. Deswegen spazierte er durch die Vorgärten. Auf seinem Weg begegnete er einer Amsel. Sie hatte ein wunderschönes Federkleid an. Ihr Blick verzauberte ihn. Er grüßte sie. Sie flog davon. Der Tiger schlich weiter. Über Gestein. Über Rasen. Über glatte Flächen. Die Affen hockten noch immer in ihren Häusern und schauten sich hirnrissige Telenovelas an. Er schlief draußen. Der Lärm von drinnen wurde lauter. Er hatte drei Jahre an der Universität verbracht. Las wie verrückt. Bis die Seiten leer wurden. Sie lachten über ihn. Er verschwand für einen Monat. Tauchte nicht mehr auf. Die Giraffe lächelte als er wiederkam. Sie legte den Arm um ihn. Grüßte. Er lächelte nicht. Schwieg. Die Giraffe senkte ihren Hals. Sie ertrug seine Stimmung nicht. Auf den Fluren Blicke von anderen. Sie näherte sich. Stupste ihn an. Ob er noch schreibe. Er schwieg. Tatsächlich schrieb er unbeirrt weiter. Sie hatte alles von ihm gelesen. Jeder Text glich dem anderen. Er zerriss, schrieb neu. Schmiss fort. Setzte neu, strich wieder. Jetzt schlich er durch die Vorgärten und beobachtete das Leben der Affen. Die keifend vor dem TV hockten und sich Chips reinstopften. Die Häuser polterten. Zuwider war ihm das Stechen in seiner Brust. Er schrieb über sie. Sie prusteten. Sie spuckten. Er ertrank im Alkohol. Das Glas sein letzter Freund. Als junger Tiger zogen ihn die Nächte an. Immer eine Braut an seiner Seite. Die Zeiten änderten sich. Jetzt schlief er auswärts. Drehte seine Runden. Schaute in die Häuser. Der Lärm kroch in ihn. Er schaute ins Glas und sprang hinein. Der Schmerz wanderte in seine Brust. Die Giraffe saß neben ihm. Das Glas spiegelte nur noch ihn wieder. Es richtete sich gegen ihn. Er trank es aus. Wieder ein Tag voller Trauer. Der Tiger rostete. Erinnerungen erwachten. Er träumte. Ihre Anerkennung blieb aus. Seine Worte beschränkt. Wie der Rand des Glases, in dem er sich spiegeln konnte. Manchmal schlief er in ihrem Vorgarten. Sie bewarfen ihn mit Tomaten. Er schrieb weiter. Das Glas zerschmetterte. Splitter. Der Tiger blieb auch im Wohnzimmer draußen. Die Affenköpfe starrten ihn neugierig an. Zappten weiter. Interessierten sich nicht für Tiger. Am Schluss hoffte er auf den Ruhm im Nachleben. Der blieb aus. Die Giraffe erinnerte sich nicht mehr. Die Bögen stapelten sich. Entzündeten sich. Er legte sich auf den Rasen. Schlief ein und wachte nicht mehr auf.

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u/jvdbeutelratte — 13 days ago