Kritik zu meiner Kurzgeschichte
Das ist die erste Szene meiner Kurzgeschichte.
Es ist eine an Hänsel und Gretel angelehnte Scify Geschichte welche auf dem Mars spielt.
Zucker im Staub
Gretel schob den Löffel unter den letzten Rest Brei und strich ihn auf Hänsels Teller ab. Das gelang am besten mit der abgebrochenen Kante. Einen neuen Löffel hätte sie längst drucken lassen können; den alten hielt sie inzwischen so, dass sie sich kaum noch daran schnitt.
Über dem Klapptisch zeigte die Wohnanzeige 18:10, Sol 191, Erdjahr 2638. Dahinter war die Wand der Marskolonie K-6 feucht. Gretel würde den Tropfen noch abfangen müssen, bevor er in die geflickte Lichtleiste fiel. Links vom Eingang lag ihre gemeinsame Koje, rechts die Waschrinne. Zwischen Tisch und Tür musste Hänsel seitlich gehen. Er war vor sechs Jahren hier eingezogen und hatte damals behauptet, so wenig Platz spare Wege.
Heute schob er ihr den Teller zurück.
»Du hast die Frühschicht gemacht.«
»Du warst draußen.«
»Dann teilen wir.«
Sie zog mit dem Löffel eine Rinne durch den Brei. Im Gang stritt jemand mit der Essensausgabe. Seit dem Ausfall der Nährkulturen wurden die Rationen kleiner; zusätzliche Arbeit brachte Reparaturguthaben, aber keine zusätzlichen Portionen. Gretel hatte den Antrag zweimal gestellt. Auf ihrem Pad stand noch immer: NOTKONTINGENT ERSCHÖPFT.
Hänsel aß seine Hälfte. An seinen Händen saß roter Staub in den eingerissenen Hautstellen. Er hatte draußen alte Leitungen stillgelegt. Mit dreißig war er zwei Jahre älter als sie und konnte bereits an der Art, wie ein Vorarbeiter »vorübergehend« sagte, erkennen, dass eine Anlage nie wieder laufen würde.
»Im Bergungsverzeichnis steht das Ostdepot«, sagte Gretel. »Drei Komma zwei Kilometer. Trockenlager, bei der Aufgabe nicht vollständig geräumt.«
»Das Verzeichnis ist siebzehn Jahre alt.«
»Die Verpackungen sind für länger gemacht.«
»Falls noch welche da sind.«
Sie vergrößerte den Eintrag. Zwischen den stillgelegten Solarfeldern gab es Wartungsrücken, die ein Außenmonteur gehen konnte. Hänsel beugte sich neben sie. Seine Schulter berührte ihre. Solche Berührungen waren in der Wohnzelle ständig nötig und längst auch dort vertraut, wo sie Platz gehabt hätten.
»Hin und zurück«, sagte er. »Ohne lange Suche.«
Gretel nickte. Im leeren Topf klebte ein heller Streifen. Sie wollte ihn ausspülen und konnte sich nicht dazu bringen, die Waschrinne aufzudrehen.
Sie holten zwei Anzüge aus dem Leihschrank des Arbeitsrings. Die Knie waren stärker geflickt als bei ihren eigenen Arbeitsanzügen, und für einen der Atemkreisläufe gab es nur noch eine angefangene Absorberpatrone. Gretel prüfte Dichtungen und Ladung; Hänsel befestigte die Werkzeugrolle. Atemgas war genug vorhanden. Die Kohlendioxidfilter würden ihre Zeit draußen begrenzen.
»Ich markiere den Weg«, sagte er und zeigte ihr eine Handvoll reflektierender Folienplättchen aus der Leitungsarbeit. »Dann suchen wir uns wenigstens beim Zurückgehen nicht tot.«
Zurück in der Zelle steckte Gretel ihren abgebrochenen Löffel in die Waschrinne. Hänsel legte neben die Werkzeugrolle ein kleines Transferpad. Auf dem geöffneten Bildschirm war für einen Augenblick das Zeichen einer Frachterlinie zu sehen. Er schloss die Seite.
»Fahren wir neuerdings zum Depot?«
»Alte Unterlagen.«
»Für was?«
Er brauchte zu lange, um das Pad einzustecken.
»Falls sich etwas ergibt.«
Sie kannte diesen Satz. Seit vier Jahren lebten sie zusammen; meistens erzählte er ihr von einer Möglichkeit erst, wenn er schon wusste, wie sie sich verwirklichen ließ. Gretel sah zur feuchten Wand. Sie dachte an die Leute oben, die weiterhin auf ihre reparierten Kreisläufe angewiesen waren.
»Nachher«, sagte sie. »Wir reden nachher darüber.«
Er half ihr in den Druckanzug. Der Kragen scheuerte an der alten Narbe in ihrem Nacken. Sie zupfte ihr kurzes dunkles Haar darunter hervor und prüfte seinen Verschluss. Um 18:35 standen sie in der Außenschleuse. Hinter der Innentür verschwand das Stimmengewirr des Wohnblocks.
Als der Druck sank, legte Hänsel seine behandschuhte Hand auf ihre. Gretel drückte zurück. Dann öffnete sich die Tür ins Außenfeld.