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Kapitel 1
Zum Leben erwacht
Die kleine Confisérie lag in der Rue d’Osseaux, genau zwischen dem Metzger und dem Hutladen. Ihre Geschichte hatte vor Kurzem eine traurige Wendung genommen. Waren ihr Schaufenster und der kleine Raum vor der Theke einst reich angefüllt gewesen, das eine mit Süßspeisen und der andere mit Scharen von Menschen, so wirkte der Laden inzwischen leer, farblos und rissig, wie ein brachliegendes Feld. Männer, Frauen und Kinder passierten die Confisérie und wagten nicht, hinzusehen. In ihren abgewandten Blicken fand sich ein Verlangen, welches nicht mehr gestillt zu werden vermochte, aber auch eine tiefe Trauer darüber, dass der Mann, der ihnen so viele Laster mit seinen süßen Speisen abgenommen und sie unzählige Male von ihrer Armut und ihrem Hunger abgelenkt hatte, seine eigenen Laster wohl nicht hatte tragen können. Monsieur Chapoix hatte sich das Leben genommen, und nun stand die Confisérie wie ein verwitternder Grabstein in der Rue d’Osseaux.
Zunächst gab es noch eine schwache Hoffnung, dass Monsieur Chapoixs Sohn Hugo, ein einzelgängerischer Sonderling, den die Leute fast nie zu sehen bekamen, das Ge-schäft seines Vaters fortführen würde; doch sie war bald abgeklungen, als die Türen der Confisérie auch nach längerer Zeit weiterhin fest verschlossen blieben. Chapoixs Sohn war nach dem Tod seines Vaters noch ab und zu aufgetaucht, man hatte ihn tagsüber bei Besorgungen in der Stadt gesehen oder am späten Abend in einer Schenke, wo er mit tiefliegenden roten Augen ein Bier nach dem anderen in sich hineingeschüttet hatte. Doch keiner aus der Stadt war mutig genug gewesen, ihn anzusprechen. Weder um ihm im Verlust seines Vaters beizustehen noch um ihn auf das Fortführen der Confisérie hinzudrängen. Ohnehin gab es niemanden, der Hugo tatsächlich zugetraut hätte, den Laden auf dem hohen Niveau zu betreiben, das sein Vater so penibel gehalten hatte, daher schien jede Anregung dazu von vornherein vergebens.
Die Confisérie verblasste also weiter und weiter und die Rue d’Osseaux wurde zu einem traurigen Ort, so wie alle anderen Straßen in der Stadt. Doch bald zeigte sich, dass etwas Seltsames dort vor sich ging, das mit der allgemeinen Trauer nichts zu tun hatte: Viele Leute berichteten, im Vorbeigehen aus dem Inneren der Confisérie merkwürdige Ge-räusche vernommen zu haben. Ein Zischen hier, ein Knarren dort, ein außerweltliches Dröhnen, das das Kopfsteinpflaster der Straße zum Beben brachte.
Madame Fernière, die das Kinderheim in der Rue de la Tourbe führte, hielt die Berichte erst für Hirngespinste. Es war nahezu unmöglich, einen Menschen wie sie zu erschüttern, der jeden Tag ganz und gar in der Realität verwurzelt sein musste, um zurechtzukommen. Doch an einem Nachmittag, als sie wie üblich auf dem Rückweg vom Marktplatz die Rue d’Osseaux durchquerte, begann der Boden unter ihren Füßen zu zittern. Fast hätte sie die Kartoffeln und Rüben fallengelassen, die sie in einem Leinensack mit sich trug. Da hörte sie mit eigenen Ohren, was ihr bisher nur berichtet wurde: ein blechernes Dröh-nen, das ihr durch Mark und Bein ging. Sie war keineswegs abergläubisch und befasste sich im Allgemeinen nicht mit Dingen, die vom echten Leben abwichen, doch das Dröh-nen erinnerte sie an ein großes Tier oder irgendeine schreckliche Naturgewalt, die hier eigentlich keinen Platz hatte und die sie sich beim besten Willen nicht erklären konnte. Plötzlich hatte die verfallene Fassade der Confisérie etwas Gespenstisches in ihren Au-gen.
Von nun an nahm sie einen Umweg zum Marktplatz, nur um der Rue d’Osseaux auszu-weichen. In Madame Fernières Leben gab es im Übrigen andere Dinge, die ihrer Auf-merksamkeit bedurften: Etliche hungrige Kindermäuler mussten gefüllt werden, ihr Heim platzte aus allen Nähten, und dass in den letzten Monaten keins der Kinder gestorben war, hatte sie nur ihrem eisenharten Verhandlungsgeschick und ihren gut gepflegten Beziehungen zu verdanken. Den vergangenen Winter hatten dafür einige ihrer Schützlin-ge nicht überlebt, und die, die es geschafft hatten, waren nur noch magere Abbilder ihres einstigen Selbst gewesen, bis sie sie allmählich wieder aufgepäppelt hatte.