Angst
Ich habe vor etwa einem Jahr ein (Buch)-Projekt angefangen und mittlerweile so 4-5 Kapitel geschrieben. Gerne würde ich das erste Kapitel vorstellen und freue mich auf euer Feedback:
„Faszinierend“ – das ist das erste Wort, das mir einfällt.
Es ist mitten in der Nacht. Ich sitze auf einem Sessel in meinem Pensionszimmer. Ich bin müde und zugleich hellwach.
Mein Blick wandert durch den Raum. In der Mitte des kleinen Zimmers steht ein Bett. „Komfortabel übernachten“ verspricht das verwitterte Schild draußen an der Landstraße. Allerdings kann ich nicht erkennen, was daran komfortabel sein soll. Mit Mühe und Not fänden zwei Erwachsene darin Platz. Da auf dem Bett nur ein einziges winziges Kissen liegt, vermute ich, dass sich ohnehin selten jemand hierher verirrt, der nicht allein reist. Wer hier hält, ist müde und will nur ein paar Stunden Schlaf, bevor es weitergeht. Generell würde es mich sehr wundern, wenn jemand länger als eine Nacht bliebe.
Mein Blick schweift über die dunkle Holzvertäfelung, über eine vergilbte Tapete mit verblasstem Blumenmuster, und bleibt schließlich an meinen Händen kleben. Ich betrachte die Innenseite, aus Reflex neigt sich mein Kopf leicht nach links. Als ob ich mich gerade auf einer Vernissage befände und mich kritisch dem Gemälde eines Kunstausstellers widmete. Diese zarten Linien. Am unteren Zeigefinger sind es drei Stück, und am Rand der Hand werden sie zu einer. Sie werden von einer Kerbe durchkreuzt, die von der unteren Handfläche nach oben zieht. Wie ein Kunstwerk, in dem ungleichmäßige Linien von einer einzigen „gestört“ werden. Merkwürdig, dass mir diese Analogie durch den Kopf schießt. Ich bin bei Weitem nicht kunstinteressiert. Gemälde verwirren mich. Diese unklaren Strukturen. Diese vielen Farben. Meine Vermutung ist, dass Kunstschaffende auf Drogen sein müssen, um ihre Werke zu schaffen. Aber sie haben es mit ihren Händen gemalt. Gemacht mit ihren eigenen Händen. So wie ich. Ich habe es mit meinen eigenen Händen gemacht. Allein bei diesem Gedanken stellen sich die kleinen Härchen an meinen Armen auf. Ich bekomme Gänsehaut, und ein leichter Schauer jagt durch meinen Körper. Ich schließe die Augen, um den Moment zu genießen. Ich atme tief ein.
Einige Leute sagen, dass es für sie ein unangenehmes Gefühl wäre, wenn sie Gänsehaut bekommen. Sie beschreiben es wie ein Frösteln, das sie durchfährt. Wenn man sie dann fragt, wie sie dieses Gefühl beschreiben würden, fällt ihnen sofort ein Wort ein: Angst.
So aber nicht bei mir. Ich empfinde das beschriebene Frösteln eher wie das Überkommen von Wärme.
Ich mag das Gefühl … Das Gefühl von Angst … in mir.
Erneut schießt Adrenalin durch meinen Körper. Ein starkes Ziehen durchfährt meinen Bauch. Es zieht sich von meinem Bauch über meine Brust bis in meine Gliedmaßen. Im Gegensatz zu anderen spüre ich keine Angst. Ich spüre Macht.
Ich möchte dieses Gefühl immer und immer wieder erleben. Ein tiefer Atemzug lässt das Gefühl allerdings wieder abflachen. Die Luft in meinem Zimmer ist stickig, nach dem Adrenalinschock schnappt mein Körper reflexartig nach Luft. Es riecht nach Schimmel. Wahrscheinlich ist es feucht hinter dem Holz. Ich stellte mir schon beim Beziehen des Zimmers die Frage, ob er echt sei. Der Schimmelgeruch bestätigt mir, dass er echt ist. Mein Blick fällt erneut auf meine Hand. Dieses Mal betrachte ich die Oberseite, ich fahre jeden Finger entlang. Bis ich etwas Schmutz an meinem Fingernagel entdecke, am linken Zeigefinger. Ich halte den Finger besser ins Licht. Da entdecke ich es. Ganz leicht schimmert es durch. Ein kleiner roter Fleck. Wenn man genau hinschaut, erkennt man es. Das Blut, das unter meinen Fingernägeln klebt.