Der Tunnel - Pt. 1
Ich habe eine Noir-inspirierte Horrorgeschichte im Südtirol der 1960er Jahre geschrieben. Lasst mich gerne wissen, wie ihr Spannung, Setting und Erzählerstimme findet, oder auch gerne einfach allgemeine Eindrücke.
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Man muss alles rauslassen.
In der Psychologie – oder zumindest dem, was das Spießbürgertum, der Peter und die Irma, die am Frühstückstisch sitzen und in der Zeitung blättern, unter Psychologie versteht – herrscht oft diese Auffassung vor. Dass all das, was tief und heimlich irgendwo ruht, ans Tageslicht gezerrt werden muss. Was man versteht, kann man beherrschen.
Ich glaube nicht, dass das stimmt, weder im wortwörtlichen noch im übertragenen Sinn. Denn wenn man auf etwas stößt, das man an der Oberfläche nicht haben will… Etwas, von dem man gar nicht wissen konnte, dass es dort war, vergraben, schlummernd…. Diesen Geist kann man unmöglich zurück in die Flasche zwingen.
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Ich war das erste Mal im Gadertal, als ich 22 Jahre alt war. Skiurlaub. Die Leute waren nett, das Essen vorzüglich. Schnee wie Schlagobers. Ich fühlte mich wohl wie der Topfen in der Golatsche.
Das zweite Mal war ich dort, als ich 35 Jahre alt war. Ich war eigentlich im Nebental, sollte recherchieren für eine Reportage über die Tradition des Herz-Jesu-Feuers. Paar Äste, Benzin, alles brennt lichterloh, heil Jesus! Keine Ahnung, was man da groß schreiben soll. Dann kam das Telegramm vom fetten Drachsler, der bequem in seinem vergilbten Kellerbüro saß, wahrscheinlich mit Tschick im Mund und Schnaps im Kaffee.
VERGISS REPORTAGE STOP
GADERTAL TUNNELBAU STOP
DREI VERMISSTE STOP
TERRORVERDACHT STOP
POLITISCH BRISANT STOP
DRACHSLER
Dieser alte Trottel.
Im Hotel halfen sie mir, Schneeketten an meine Reifen zu montieren, und so fuhr ich an einem vernebelten Novembermorgen mit meinem klapprigen Fiat 124 los. Ich bekam ein ungutes Gefühl, als ich auf den schmalen Schotterstraßen, die in engen Serpentinen zum Tal hochführten, zweimal in einer Ausbuchtung halten musste, um italienische Militärfahrzeuge vorbeizulassen.
Hätte ich mal auf mein Gefühl gehört.
Ich fuhr schließlich über eine Kuppe und der Talkessel breitete sich vor mir aus wie ein halbherzig zusammengeknülltes Taschentuch, das Braun der Hänge unterbrochen vom verdreckten Weiß des ersten Schneefalls, der mittlerweile einige Tage zurücklag. Ich steuerte die Sammlung von schwerem Industriegerät und heruntergekommenen Holzbaracken an, die zweifelsohne den Tunneleingang markierten. Einige Polizeiautos standen lose verstreut um das improvisierte Dorf herum.
Ich stellte meinen Fiat ein paar hundert Meter entfernt ab und ging zu Fuß hin. Es stank nach Diesel und Ammoniak. Ich spendierte einem Carabiniere, der in seiner Pause lustlos Steine in den dreckigen, träge dahinplätschernden Gebirgsbach warf, eine meiner Pall Mall und erfuhr, dass es gestern im Tunnel zu einer Explosion gekommen war. Zu einer außerplanmäßigen. Zwei Arbeiter tot, fünf weitere vermisst. Es konnte noch nicht festgestellt werden, ob es sich um einen Unfall handelte, oder um einen Anschlag des Befreiungsausschusses Südtirol, der dem langen Arm des italienischen Staates ein paar Finger brechen wollte.
Die Carabinieri hatten den Vorarbeiter festgesetzt, bis die Polizia del Stato eintreffen würde. Ich steckte einem der Männer 2000 Lire zu, damit ich kurz mit ihm sprechen konnte.
„Du bisch epper koan Walscher, ha?“, begrüßte mich der Mann.
„Nein.“
„Polizist?“
„Nein.“
„Journalist?“
„Leider.“
Der Mann grinste. Ich versuchte, beiläufig zu klingen.
„Ich wollte nur kurz wissen, wer als letztes im Tunnel war.“
„Wieso?“
„Ich will mich mit den Arbeitern unterhalten.“
Der Vorarbeiter lachte. „De wearsch eher nit verstian.“
„Ich spreche Italienisch.“
„Schian für di!“ Der Vorarbeiter lachte noch lauter. „De reden des ober nit!“
Die jugoslawischen Gastarbeiter, die beim Einsturz im Tunnel gearbeitet hatten, waren allesamt komplett verängstigt. Einer versuchte mir mit Händen und Füßen und ein paar Fetzen Deutsch zu erklären, was geschehen war. Ich verstand nichts.
Dann passierte etwas. Ich bin nicht sicher, was. Aber wir konnten es alle spüren. Die Carabinieri, die Arbeiter, die Polizeihunde. Irgendetwas ging vom Tunneleingang aus, und drang direkt in unsere Köpfe. Dort zog und juckte es wie eine alte Kriegswunde vor einem Wetterumsturz. Trotzdem konnte sich keiner von uns abwenden. Langsam, einer nach dem anderen, gingen wir auf den Tunnel zu.
Der Eingang wurde vom weißen Licht der Industriescheinwerfer erhellt. Wir stiegen über das Geröll, das auf dem Weg nach draußen bei der Evakuierung an Ort und Stelle gelassen wurde, während die Stimme des Berges von innen auf unsere Trommelfelder drückte. Ein Schritt, dann noch ein Schritt, dann noch einer. Weiter und weiter hinein.
Plötzlich ertönte ein gewaltiger Knall.
Alles wurde dunkel.
Ich wachte im Krankenhaus auf. Man sagte mir, dass eine zweite Explosion ausgelöst worden war, während wir uns im Tunnel befanden. Außer einer leichten Gehirnerschütterung und einer Raucherlunge fehlte mir nichts. Doch die Baustelle hatten sie dichtgemacht. Die lokale Bevölkerung war unruhig, und das machte die Behörden in Rom unruhig. Ergo: Rumsitzen und Nichtstun. Und das war’s.
Für eine Weile.
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Als ich zum dritten Mal ins Gadertal kam, war ich 42 Jahre alt.