u/gansim

Der Tunnel - Pt. 1

Ich habe eine Noir-inspirierte Horrorgeschichte im Südtirol der 1960er Jahre geschrieben. Lasst mich gerne wissen, wie ihr Spannung, Setting und Erzählerstimme findet, oder auch gerne einfach allgemeine Eindrücke.

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Man muss alles rauslassen.

In der Psychologie – oder zumindest dem, was das Spießbürgertum, der Peter und die Irma, die am Frühstückstisch sitzen und in der Zeitung blättern, unter Psychologie versteht – herrscht oft diese Auffassung vor. Dass all das, was tief und heimlich irgendwo ruht, ans Tageslicht gezerrt werden muss. Was man versteht, kann man beherrschen.

Ich glaube nicht, dass das stimmt, weder im wortwörtlichen noch im übertragenen Sinn. Denn wenn man auf etwas stößt, das man an der Oberfläche nicht haben will… Etwas, von dem man gar nicht wissen konnte, dass es dort war, vergraben, schlummernd…. Diesen Geist kann man unmöglich zurück in die Flasche zwingen.

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Ich war das erste Mal im Gadertal, als ich 22 Jahre alt war. Skiurlaub. Die Leute waren nett, das Essen vorzüglich. Schnee wie Schlagobers. Ich fühlte mich wohl wie der Topfen in der Golatsche.

Das zweite Mal war ich dort, als ich 35 Jahre alt war. Ich war eigentlich im Nebental, sollte recherchieren für eine Reportage über die Tradition des Herz-Jesu-Feuers. Paar Äste, Benzin, alles brennt lichterloh, heil Jesus! Keine Ahnung, was man da groß schreiben soll. Dann kam das Telegramm vom fetten Drachsler, der bequem in seinem vergilbten Kellerbüro saß, wahrscheinlich mit Tschick im Mund und Schnaps im Kaffee.

VERGISS REPORTAGE STOP

GADERTAL TUNNELBAU STOP

DREI VERMISSTE STOP

TERRORVERDACHT STOP

POLITISCH BRISANT STOP

DRACHSLER

Dieser alte Trottel.

Im Hotel halfen sie mir, Schneeketten an meine Reifen zu montieren, und so fuhr ich an einem vernebelten Novembermorgen mit meinem klapprigen Fiat 124 los. Ich bekam ein ungutes Gefühl, als ich auf den schmalen Schotterstraßen, die in engen Serpentinen zum Tal hochführten, zweimal in einer Ausbuchtung halten musste, um italienische Militärfahrzeuge vorbeizulassen.

Hätte ich mal auf mein Gefühl gehört.

Ich fuhr schließlich über eine Kuppe und der Talkessel breitete sich vor mir aus wie ein halbherzig zusammengeknülltes Taschentuch, das Braun der Hänge unterbrochen vom verdreckten Weiß des ersten Schneefalls, der mittlerweile einige Tage zurücklag. Ich steuerte die Sammlung von schwerem Industriegerät und heruntergekommenen Holzbaracken an, die zweifelsohne den Tunneleingang markierten. Einige Polizeiautos standen lose verstreut um das improvisierte Dorf herum.

Ich stellte meinen Fiat ein paar hundert Meter entfernt ab und ging zu Fuß hin. Es stank nach Diesel und Ammoniak. Ich spendierte einem Carabiniere, der in seiner Pause lustlos Steine in den dreckigen, träge dahinplätschernden Gebirgsbach warf, eine meiner Pall Mall und erfuhr, dass es gestern im Tunnel zu einer Explosion gekommen war. Zu einer außerplanmäßigen. Zwei Arbeiter tot, fünf weitere vermisst. Es konnte noch nicht festgestellt werden, ob es sich um einen Unfall handelte, oder um einen Anschlag des Befreiungsausschusses Südtirol, der dem langen Arm des italienischen Staates ein paar Finger brechen wollte.

 Die Carabinieri hatten den Vorarbeiter festgesetzt, bis die Polizia del Stato eintreffen würde. Ich steckte einem der Männer 2000 Lire zu, damit ich kurz mit ihm sprechen konnte.

„Du bisch epper koan Walscher, ha?“, begrüßte mich der Mann.

„Nein.“

„Polizist?“

„Nein.“

„Journalist?“

„Leider.“

Der Mann grinste. Ich versuchte, beiläufig zu klingen.

„Ich wollte nur kurz wissen, wer als letztes im Tunnel war.“

„Wieso?“

„Ich will mich mit den Arbeitern unterhalten.“

Der Vorarbeiter lachte. „De wearsch eher nit verstian.“

„Ich spreche Italienisch.“

„Schian für di!“ Der Vorarbeiter lachte noch lauter. „De reden des ober nit!“

Die jugoslawischen Gastarbeiter, die beim Einsturz im Tunnel gearbeitet hatten, waren allesamt komplett verängstigt. Einer versuchte mir mit Händen und Füßen und ein paar Fetzen Deutsch zu erklären, was geschehen war. Ich verstand nichts.

Dann passierte etwas. Ich bin nicht sicher, was. Aber wir konnten es alle spüren. Die Carabinieri, die Arbeiter, die Polizeihunde. Irgendetwas ging vom Tunneleingang aus, und drang direkt in unsere Köpfe. Dort zog und juckte es wie eine alte Kriegswunde vor einem Wetterumsturz. Trotzdem konnte sich keiner von uns abwenden. Langsam, einer nach dem anderen, gingen wir auf den Tunnel zu.

Der Eingang wurde vom weißen Licht der Industriescheinwerfer erhellt. Wir stiegen über das Geröll, das auf dem Weg nach draußen bei der Evakuierung an Ort und Stelle gelassen wurde, während die Stimme des Berges von innen auf unsere Trommelfelder drückte. Ein Schritt, dann noch ein Schritt, dann noch einer. Weiter und weiter hinein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Knall.

Alles wurde dunkel.

Ich wachte im Krankenhaus auf. Man sagte mir, dass eine zweite Explosion ausgelöst worden war, während wir uns im Tunnel befanden. Außer einer leichten Gehirnerschütterung und einer Raucherlunge fehlte mir nichts. Doch die Baustelle hatten sie dichtgemacht. Die lokale Bevölkerung war unruhig, und das machte die Behörden in Rom unruhig. Ergo: Rumsitzen und Nichtstun. Und das war’s.

Für eine Weile.

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Als ich zum dritten Mal ins Gadertal kam, war ich 42 Jahre alt.

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u/gansim — 1 day ago

Der Tunnel - Pt. 1

Ich habe eine Noir-inspirierte Horrorgeschichte im Südtirol der 1960er Jahre geschrieben. Lasst mich gerne wissen, wie ihr Spannung, Setting und Erzählerstimme findet, oder auch gerne einfach allgemeine Eindrücke. Das ist Teil 1 von 2, wobei der zweite Teil vermutlich ein wenig länger sein wird als der erste.

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Man muss alles rauslassen.

In der Psychologie – oder zumindest dem, was das Spießbürgertum, der Peter und die Irma, die am Frühstückstisch sitzen und in der Zeitung blättern, unter Psychologie versteht – herrscht oft diese Auffassung vor. Dass all das, was tief und heimlich irgendwo ruht, ans Tageslicht gezerrt werden muss. Was man versteht, kann man beherrschen.

Ich glaube nicht, dass das stimmt, weder im wortwörtlichen noch im übertragenen Sinn. Denn wenn man auf etwas stößt, das man an der Oberfläche nicht haben will… Etwas, von dem man gar nicht wissen konnte, dass es dort war, vergraben, schlummernd…. Diesen Geist kann man unmöglich zurück in die Flasche zwingen.

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Ich war das erste Mal im Gadertal, als ich 22 Jahre alt war. Skiurlaub. Die Leute waren nett, das Essen vorzüglich. Schnee wie Schlagobers. Ich fühlte mich wohl wie der Topfen in der Golatsche.

Das zweite Mal war ich dort, als ich 35 Jahre alt war. Ich war eigentlich im Nebental, sollte recherchieren für eine Reportage über die Tradition des Herz-Jesu-Feuers. Paar Äste, Benzin, alles brennt lichterloh, heil Jesus! Keine Ahnung, was man da groß schreiben soll. Dann kam das Telegramm vom fetten Drachsler, der bequem in seinem vergilbten Kellerbüro saß, wahrscheinlich mit Tschick im Mund und Schnaps im Kaffee.

VERGISS REPORTAGE STOP

GADERTAL TUNNELBAU STOP

DREI VERMISSTE STOP

TERRORVERDACHT STOP

POLITISCH BRISANT STOP

DRACHSLER

Dieser alte Trottel.

Im Hotel halfen sie mir, Schneeketten an meine Reifen zu montieren, und so fuhr ich an einem vernebelten Novembermorgen mit meinem klapprigen Fiat 124 los. Ich bekam ein ungutes Gefühl, als ich auf den schmalen Schotterstraßen, die in engen Serpentinen zum Tal hochführten, zweimal in einer Ausbuchtung halten musste, um italienische Militärfahrzeuge vorbeizulassen.

Hätte ich mal auf mein Gefühl gehört.

Ich fuhr schließlich über eine Kuppe und der Talkessel breitete sich vor mir aus wie ein halbherzig zusammengeknülltes Taschentuch, das Braun der Hänge unterbrochen vom verdreckten Weiß des ersten Schneefalls, der mittlerweile einige Tage zurücklag. Ich steuerte die Sammlung von schwerem Industriegerät und heruntergekommenen Holzbaracken an, die zweifelsohne den Tunneleingang markierten. Einige Polizeiautos standen lose verstreut um das improvisierte Dorf herum.

Ich stellte meinen Fiat ein paar hundert Meter entfernt ab und ging zu Fuß hin. Es stank nach Diesel und Ammoniak. Ich spendierte einem Carabiniere, der in seiner Pause lustlos Steine in den dreckigen, träge dahinplätschernden Gebirgsbach warf, eine meiner Pall Mall und erfuhr, dass es gestern im Tunnel zu einer Explosion gekommen war. Zu einer außerplanmäßigen. Zwei Arbeiter tot, fünf weitere vermisst. Es konnte noch nicht festgestellt werden, ob es sich um einen Unfall handelte, oder um einen Anschlag des Befreiungsausschusses Südtirol, der dem langen Arm des italienischen Staates ein paar Finger brechen wollte.

 Die Carabinieri hatten den Vorarbeiter festgesetzt, bis die Polizia del Stato eintreffen würde. Ich steckte einem der Männer 2000 Lire zu, damit ich kurz mit ihm sprechen konnte.

„Du bisch epper koan Walscher, ha?“, begrüßte mich der Mann.

„Nein.“

„Polizist?“

„Nein.“

„Journalist?“

„Leider.“

Der Mann grinste. Ich versuchte, beiläufig zu klingen.

„Ich wollte nur kurz wissen, wer als letztes im Tunnel war.“

„Wieso?“

„Ich will mich mit den Arbeitern unterhalten.“

Der Vorarbeiter lachte. „De wearsch eher nit verstian.“

„Ich spreche Italienisch.“

„Schian für di!“ Der Vorarbeiter lachte noch lauter. „De reden des ober nit!“

Die jugoslawischen Gastarbeiter, die beim Einsturz im Tunnel gearbeitet hatten, waren allesamt komplett verängstigt. Einer versuchte mir mit Händen und Füßen und ein paar Fetzen Deutsch zu erklären, was geschehen war. Ich verstand nichts.

Dann passierte etwas. Ich bin nicht sicher, was. Aber wir konnten es alle spüren. Die Carabinieri, die Arbeiter, die Polizeihunde. Irgendetwas ging vom Tunneleingang aus, und drang direkt in unsere Köpfe. Dort zog und juckte es wie eine alte Kriegswunde vor einem Wetterumsturz. Trotzdem konnte sich keiner von uns abwenden. Langsam, einer nach dem anderen, gingen wir auf den Tunnel zu.

Der Eingang wurde vom weißen Licht der Industriescheinwerfer erhellt. Wir stiegen über das Geröll, das auf dem Weg nach draußen bei der Evakuierung an Ort und Stelle gelassen wurde, während die Stimme des Berges von innen auf unsere Trommelfelder drückte. Ein Schritt, dann noch ein Schritt, dann noch einer. Weiter und weiter hinein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Knall.

Alles wurde dunkel.

Ich wachte im Krankenhaus auf. Man sagte mir, dass eine zweite Explosion ausgelöst worden war, während wir uns im Tunnel befanden. Außer einer leichten Gehirnerschütterung und einer Raucherlunge fehlte mir nichts. Doch die Baustelle hatten sie dichtgemacht. Die lokale Bevölkerung war unruhig, und das machte die Behörden in Rom unruhig. Ergo: Rumsitzen und Nichtstun. Und das war’s.

Für eine Weile.

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Als ich zum dritten Mal ins Gadertal kam, war ich 42 Jahre alt.

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u/gansim — 1 day ago

Die Schar - Pt. 3

Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelalterlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist der dritte und letzte Teilabschnitt.

Part 1 findet ihr hier

Part 2 findet ihr hier

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Martinus sprang auf. „Es reicht! Schluss jetzt mit euren Geistergeschichten!“ Er kroch in Richtung des Ausgangs. „Hört doch, das Wetter hat nachgelassen. Wir… wir müssen weiter.“

„Keine Chance.“ Anselms Stimme klang dumpf und ausdruckslos. „Es ist viel zu weit bis ins Tal. Der Sturm kann genauso schnell wieder schlimmer werden.“

Martinus zog die verzierte Schatulle, die sie aus der Kapelle im Bergdorf genommen hatten, heraus. „Wisst ihr überhaupt, was das hier ist?“ Er öffnete die Schatulle und zog zwei dünne Knochen, die mit einer Silberkette zusammengebunden waren, heraus. „Das… das sind index und medius sinister der heiligen Anna. Der heiligen Anna! Versteht ihr nicht?“ Er atmete flach und gehetzt. „Damit kann kein Sturm dieser Erde mir etwas anhaben! Versteckt euch weiter in diesem Erdloch, ihr Feiglinge, mir ist es gleich. Der Herr ist mein Hirte.“

Mit einem Grunzen öffnete er die Abdeckung. Dann hob er die zwei Fingerknochen wie ein Kruzifix vor sich und trat hinaus.

Eberhard wollte ihm folgen, doch Anselm legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Lass ihn. Er ist verloren.“

Eisige Luft und Regenwasser strömten von draußen in den Keller. Der dampfende Atem von Eberhard und Veit vermischte sich mit dem Nebel, während sie versuchten, die Abdeckung wieder an ihren Platz zu rücken.

Dann brach ein furchtbarer Lärm los. Ohrenbetäubende Schläge ließen die Erde erzittern und hallten tausendfach von den Berghängen wider.

Die Männer sprangen zurück und kauerten sich zu Boden. Das fahle Licht in der Vorratskammer wurde immer wieder von vorbeidonnernden Formen verdunkelt.

Keiner der Männer konnte sagen, ob sie nur Momente oder ganze Stunden zusammengerollt auf dem Boden verbrachten. Als das Krachen schließlich aufhörte, setzte das Heulen des Windes wieder ein. Erneut machten sich Veit und Eberhard daran, die Abdeckung an ihren Platz rücken. Dann tauchte eine Gestalt auf.

Es war Martinus.

Er hatte seinen Mantel nicht mehr und blutete aus einem Schnitt auf seiner Stirn.

Mit glasigen Augen schob er sich langsam durch den Eingang.

Veit grunzte. Nervosität schwang in seiner Stimme mit. „Was ist passiert, Pfaffe?“

Martinus hob zitternd seine rechte Hand. Er hatte sie zur Faust geballt. Dann öffnete er sie und ließ eine zerrissene Silberkette auf den Boden fallen.

Hagelkörner schlugen wieder auf die Erde ein, jetzt beinahe faustgroß. Sturzbäche aus Eiswasser rauschten jetzt den Berghang herab und rissen auf ihrem Weg alles mit in die Tiefe. In ihrem kleinen, modrigen Versteck erfüllte das entsetzte Schweigen der Männer den Raum.

„Es tut mir leid, Martinus“, sagte Anselm schließlich. „Ich kann es jetzt sehen, klar und deutlich. Du bist gezeichnet, so wie wir alle.“

Marinus umschlang seine Knie mit seinen Armen. „Es ist wahr.“ Seine Stimme war tonlos. „Es ist alles wahr.“ Die anderen hatten den Blick auf ihn gerichtet, aber sie sagten nichts.

„Es war in meinem zweiten Lenz im Kloster. Ich sollte Wasser vom Fluss holen, also ging ich mit dem Kübel hin und beugte mich hinab. Und so wie meine zwei Augen in den Strom blickten, blickten zwei Augen aus dem Strom zurück.“

Eberhard nickte wissend. „Eine Salige.“

Martinus beachtete ihn nicht. „Sie sprach mit der Stimme raschelnden Laubs und nannte mich beim Namen. Sie zog mich in ihren Bann. Meine Glieder wurden schwer wie Blei, während ihre Augen mich tiefer und tiefer zu ihr hinzogen. Dann, als mein Gesicht nur noch eine handbreit von der Wasseroberfläche entfernt war, zeigte sie mir es.

Mein Gesicht. Nicht wie es war, nein. Wie es sein würde. Tiefe Furchen. Stumpfe Augen in tiefen Höhlen. Ein gebrochener Mann. Und ich sah mich marschieren. Durch Täler. Über Berge. Unermüdlich. Ohne Rast. Ohne Ziel.

Meine Hände waren mit Seilen zusammengebunden, und sie schnitten so tief in mein Fleisch, dass meine Finger verfaulten. Hinter und vor und neben mir marschierten die anderen. Gotteslästerer. Huren. Meineidige. Diebe. Verräter. Mörder. Vergewaltiger.

Und tausend vernarbte Füße schabten über den Fels, und tausend vertrocknete Münder greinten ohne Unterlass. Und die Schar ritt voraus und zog uns hinter sich nach. Die Kette der Verdammten.“

„Genug!“, schrie Veit. Eberhard hatte die Hände über die Augen gelegt. Anselm saß unbewegt da.

Der Wind war zu einem klagenden Kreischen angeschwollen. Geröll und Äste schabten über den Berghang wie Eisenketten.

Ein Schlag ertönte. Dann noch einer. Dann wurde die Abdeckung weggerissen.

Der Sturm brach über sie herein. Sein Heulen durchdrang ihre Kleidung, ihr Fleisch, ihre Knochen. Hagelkörner trommelten auf dem Boden wie galoppierende Hufe. Donner rollte über die Berge wie das Blasen uralter Hörner.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

Martinus richtete sich auf und ging zum Ausgang. Kurz stand er regungslos da und starrte hinaus in das tobende Weiß. Feine Wirbel aus Eiskristallen wanden sich um ihn wie die Finger eines verwitterten Skeletts.

Er drehte sich zu den Anderen um. Sein Gesicht war jetzt vollkommen entspannt. Sein Blick war leer.

Dann ging er hinaus.

Zum zweiten Mal.

Zum letzten Mal.

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u/gansim — 4 days ago

Das Frühstücksgambit

Vor vielen Jahren waren mein Freund Manuel und ich nach Reykjavik gefahren, um uns die dort jährlich stattfindende epische Konfrontation von Schachgroßmeistern aus nächster Nähe anzusehen. Und wie die wahren Connaisseure wissen, finden diese nicht am Schachbrett statt, sondern am Frühstücksbuffet im Hotel, sodass wir uns gleich am Sonntagmorgen in aller Frühe die besten Plätze im Speisesaal sicherten.

Zu unserer großen Freude fand bereits am ersten Tag der Kampf der Giganten statt. Es war der Schlagabtausch der Kolosse, der den Höhepunkt einer jahrelangen Storyline darstellte, deren Fundament aus in der Asche schmorenden Konflikten, verletzter Ehre und einer leicht sexuell aufgeladenen on-off-Rivalität bestand. Diese einzelnen Glieder formten eine Kette, die die beiden Kontrahenten unweigerlich und unvermeidbar zu diesem schicksalshaften Wendepunkt gezerrt hatte.

Derschowitz kam als erster an. Er setzte sich hin und begann, sein Besteck akribisch zurechtzurücken, während er seinen Kontrahenten erwartete. Campo kam wie immer leicht zu spät, eine subtile Art der psychologischen Machtausübung, die er gerne benutzte, um seine Gegner zu verunsichern. Derschowitz war diese Kapriolen natürlich schon gewohnt, und machte mit scheinbar unerschütterlicher Ruhe seinen ersten Zug. Beinahe beiläufig spazierte er zur Kaffeemaschine und füllte seine Tasse mit einem Espresso. „Italienisches Spiel also“, flüsterte ich Manuel zu. „Schwarz, kein Zucker“, ergänzte dieser zustimmend, „ein absoluter Klassiker, und aus gutem Grund. Damit bleiben alle Möglichkeiten offen.“

Zunächst wirkte es so, als würde Campo mit der weitgeläufigen französischen Verteidigung antworten, da er in Richtung der Croissants schritt. Damit wäre ein langes Frühstück mit einem Kampf zwischen dem savoir-vivre und der dolce vita mit all seinen subtilen Noten an kulinarischem Chauvinismus so gut wie garantiert. Doch dann schockierte Campo den Raum, indem er in das Münchner Gambit, Frühschoppen-Weißbier Variante transponierte. Riskant, unvorhersehbar, kühn. Manuel und ich wären fast von unseren Stühlen aufgesprungen.

Die nächsten Züge waren genau so subtil wie brillant. Derschowitz brachte seine Serviette mittels Fianchetto ins Spiel. Campo besetzte das Zentrum des Tisches mit einem weichgekochten Ei. Derschowitz schützte seine Marmelade mit einer gerade noch rechtzeitigen Rochade, als Campo sie sich en passant am Weg zum Buffet schnappen wollte. Die Teller leerten sich langsam, als mehr und mehr Material abgetauscht wurde.

„Sie spielen für drei Ergebnisse. Eines davon ist der Herzinfarkt,“ raunte ich mehr zu mir selbst als zu Manuel.

Campo war jetzt zwei Wurstscheiben im Nachteil, hatte sein weichgekochtes Ei jedoch fest im Zentrum verankert können und genoss damit ausreichende positionelle Kompensation. Gerade in dem Moment, in dem es so wirkte, als hätten sich die zwei Widersacher endgültig ineinander verbissen, sodass keiner der beiden frühstückstechnische Fortschritte machen konnte, passierte das Undenkbare: Derschowitz fand eine Gabel, mit der er gedachte Campos Ei Herr zu werden, doch Campo konterte mit einem Spieß. Hähnchen-Ananas, mit Honig glasiert, um genau zu sein.

„Ein beinahe amateurhaft anmutender Fehler“, seufzte Manuel, „Aber letztlich sind Großmeister auch nur Menschen.“ Ich nickte wissend. „Schade, dass so eine Partie so zu Ende geht. Aber es ist trotzdem eine für die Geschichtsbücher.“

Derschowitz schüttelte Campos Hand, stand auf und ging. Er gewann das Schachturnier mit 10/11 Punkten – die beste Performance seiner Karriere – doch auch bei der Siegerehrung konnte ich eine tiefgründige Traurigkeit in seinen Augen erkennen. Niemand kann es mit Sicherheit sagen, doch ich bin davon überzeugt, dass es diese Niederlage am Frühstückstisch war, die ihn zwei Wochen später seinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben bekanntgeben ließ. Er sagte sich vom Schachspiel los, bereiste die Welt und ließ sich schließlich im pazifischen Nordwesten der Vereinigten Staaten nieder. Dort betrieb er ein bescheidenes, aber erfolgreiches Bed-and-Breakfast bis er im Alter von 79 Jahren friedlich und im Kreise seiner Liebsten einschlief, um nicht mehr aufzuwachen.

Als ich davon in der Zeitung las, erkannte ich sofort das Brettspiel-Lebenskrisen System, glückseliges-Exil Variante wieder. Campos Antwort dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

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u/gansim — 7 days ago

Die Schar - Pt.1

Erster Teil einer alpinen, folkhorror inspirierten, mittelalterlichen Kurzgeschichte. Lasst mich wissen, wie ihr Stimmung und Spannung findet!

Pt.2

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Grollen.

Grollen in der Ferne.

Die vier Männer gingen in einer Reihe und kämpften sich so schnell wie möglich auf dem schmalen Gebirgspfad voran. Von den Gipfeln rissen eisige Böen feine, schneidende Schneeflocken herab, die ihnen die Sicht und das Atmen schwer machten. Doch die Erinnerung an die leeren, hungrigen Augen der Dorfbewohner ließ sie weitermarschieren.

Dann hörten sie es.

„Zu gefährlich! Brauchen Scherm! Das Gewitter aushalten!“ Anselms Brüllen wurde beinahe von der Wut des Windes übertönt.

Martinus drehte sich halb zu ihm um. Eine Böe riss ihm die Kapuze aus dem Gesicht.

„Nein! Weiter jetzt!“

Das Grollen rollte erneut heran, lauter und näher.

Eine Weile stolperten sie mühselig über Steine und Wurzeln. Die verkümmerten Bäume schwankten und taumelten, als würden Reiter zwischen ihnen hindurchbrechen. Plötzlich erblickten sie ein paar dutzend Meter weiter unten einen halb zerfallenen Stadel, der aus dem Hang ragte wie ein fauliger Zahn. Anselm drehte sich zu Eberhard und Veit um. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen, dennoch war sein Blick vielsagend.

Keine andere Wahl.

Sie packten Martinus an den Armen und zogen ihn mit sich.

Zuckenden Gliedmaßen. Verzweifeltes Röcheln. Weiter.

Dann waren sie unten. Sie hatten Glück: Unter dem Stadel lag eine notdürftig gezimmerte Abdeckung, die mit mehreren Steinen beschwert war. Darunter: Eine kleine, in die Erde gegrabene Vorratskammer.

Anselm stieß Martinus hinein.

Die anderen befestigten die Abdeckung so gut es ging, und folgten.

Einen Moment lang stand die Zeit still. Keuchen. Spucken. Atmen. Brennende Hände. Brennende Füße.

„Ich habe gesagt wir gehen weiter!“, brachte Martinus schließlich heraus.

„Wir wären umgekommen“, entgegnete Anselm ruhig.

Martinus wurde lauter. „Ihr seid hier für die Messerarbeit. Die Entscheidungen treffe ich.“

Die Luft war feucht und stickig. Durch die Bretter drang kaum Licht nach unten.

Veit spuckte aus. „Sag, muss man ein Narr sein, um ein Pfaffe zu werden, oder kommt das dann von selber?“

„Du wagst es, mich einen Narren zu nennen? Wegen euch könnten wir jeden Moment von einer Horde tobender Telderer eingeholt werden.“

Anselm streckte die Beine aus und legte den Kopf nach hinten. „Sie werden uns nicht folgen, auch wenn wir ihren Schatz gestohlen haben. Nicht in diesem Sturm.“

„Wir haben nichts gestohlen! Die Reliquie gehört von Rechts wegen Rom!“, kreischte Martinus. Dann, ruhiger: „Ich muss mich vor einer Bande von Halsabschneidern nicht rechtfertigen. Die Luft hier oben ist… ist falsch. Vernebelt meinen Geist.“

Ein dumpfes Heulen drang von draußen herein. Tief. Langgezogen. Als würde der Wind einen Totengesang anstimmen.

Eberhard lachte leise. „Sie kommen.“

Martinus‘ Augen weiteten sich. „Aber er hat doch gerade gesagt…“

„Nicht die Bauern.“

Er sprach nicht weiter. Das musste er nicht.

Martinus schnaubte verächtlich. „Verschont mich mit eurem Aberglauben. Es ist ein Unwetter. Nichts… nichts weiter.“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern gewesen.

„Wer lang genug durch die Berge zieht, begegnet ihnen. Früher oder später. Wer sich nicht hütet, wird mitgenommen… Früher oder später.“

Veit fixierte Eberhard mit seinem Blick. „Du bist ihnen schon begegnet, oder?“

„Oh ja.“

Eine Weile lang saßen sie stumm da, und das Rütteln des Sturms an den Brettern der notdürftigen Abdeckung war das einzige Geräusch, das zu hören war.

Dann fuhr Eberhard fort.

„Es war während des Pofl vor sechs Jahren im hinteren Klammtal. Die Höfe hatten öfter Besuch von Wegelagerern bekommen. Deswegen war ich dort. Hand auf dem Messer, böses Gesicht machen, ihr wisst schon. An einem Abend braute sich etwas zusammen.“

Eberhard hielt kurz inne. Die anderen Männer warteten stumm, bis er schließlich mit gedrungener, melodischer Stimme weitersprach.

„Ich blickte hoch zu den Gipfeln des inneren Tals, und eine mächtige Wolkenfront baute sich auf. Schwarz und schwer wie Pech und Schwefel. 

Und dort oben, auf der Hohen Wand, sammelte sich die Schar. Und sie streckten ihre Lanzen in die Höhe und bliesen in ihre Hörner und machten sich bereit. Und mehr und mehr Reiter stießen dazu und sie spannten ihre Bögen und die Jagdhunde zogen und rissen an den Riemen.

Dann ritten sie herab.

Über Fels und Gand.

Sie ritten herab.

Durch Wald und Feld.

Sie ritten herab.

Durch Straße und Hof.

Sie ritten herab.

Sie ritten herab.

Als ich mich aus meinem Versteck befreite, dachte ich, sie hätten mich fortgetragen: Ich erkannte nichts an der Landschaft wieder. Doch als ich die umgebenden Gipfel anschaute, wurde es mir klar.

Nicht ich wurde fortgetragen.

Sondern alles andere.

Ich folgte der Schneise talauswärts.

Fels und Gand und Wald und Feld und Straße und Hof hatten sie mitgezogen. Ein Stück weit. Und dann zur Seite geworfen.

Aber nicht die Leute. Die hatten sie mitgenommen. Jede einzelne Seele.“

Hagelkörner trommelten jetzt unablässig gegen die modrigen Bretter der Abdeckung. Kurz wurde das Erdloch wurde vom gleißenden Licht eines Blitzes erhellt.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

 

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u/gansim — 7 days ago

Die Schar - Pt. 2

Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelatlerlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist vermutlich ca. das zweite Drittel der gesamten Geschichte.

Part 1 findet ihr hier

Part 3 findet ihr hier

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Stille breitete sich zwischen den vier Männern aus. Eberhards Worte lagen auf ihnen wie Raureif.

Dann fing Martinus an zu lachen. Zuerst leise krächzend, dann lauter. „Fein gesprochen, wirklich! Du solltest Spielmann werden.“

„Jedes Wort ist wahr“, entgegnete Eberhard ruhig.

„Einzig und allein der Herrgott nimmt die Seelen zu sich. Sogar ein Schinder wie du sollte das wissen.“

Veit lehnte sich nach vorne. „Sogar ein Pfaffe wie du sollte wissen, dass es Dinge gibt, die sich nicht euren Bibelversen und nicht euren Predigten beugen.“

Martinus‘ Gesicht verzerrte sich vor Wut, doch er sagte nichts. Anselm hatte die Augen geschlossen. Veit sprach weiter.

„Auch meiner Wenigkeit hat die Schar einmal die Aufwartung gemacht.“

„Das wundert mich nicht. Man sieht es dir an. So wie du es mir angesehen hast.“ Eberhard wickelte seinen Mantel enger um sich. „Lass uns deine Geschichte hören, Veit.“

Veit sah zuerst Eberhard an, dann Anselm, dann Martinus.

„Na gut. Wir teilen uns dieses Scheißloch, und wir teilen unser Schicksal“, sagte er schließlich, „Warum nicht auch unsere Geschichten.“

„Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, war im hinteren Gilfental. Es war mein zwölfter Sommer. Die letzten paar Winter waren hart gewesen und wir brauchten jedes Paar Hände, das mitanpacken konnte. Da rief Adelbert den Heerbann aus. Es war der dritte.“ Veit sah Martinus an, ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen. „Der Bischof selbst hat es abgesegnet. Gebote gelten nur für den Pöbel, gell?

Die Männer im Dorf berieten sich. Sie wollten nicht mehr mit ihrem Blut für Adelberts Silber bezahlen. Genug war genug.

Also rasierten sie sich die Bärte und trugen auf den Feldern und beim Viech Kopftuch und Schürze. Es war schon ein recht komischer Anblick, den eigenen Tatte so zu sehen. Aber besser, als ihn gar nicht mehr zu sehen.

Als Adelberts Boten kamen, versteckten sie sich in den Scheunen und den Kellern. Und wir sagten den Boten, dass unsere Männer schon aufgebrochen und wohl schon längst beim Heerbann waren. Und bis zum Wintereinbruch hatten wir unsere Ruhe.

Dann kam jene Nacht.“

Veit erzitterte und räusperte sich. Dann sprach er weiter.

„Ich sehe es vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Am Abend stieg vom Bach ein feuchter, fauliger Dunst auf, und umschlang unsere Häuser und Scheunen. Die Hunde fingen an zu winseln und versteckten sich unter den Wagen. Da ahnten wir es. Als das Heulen der Hörner von den Gipfeln herunterbrach, wussten wir es.

Sie kamen ins Dorf. Langsam. Gemächlich. Aber unerbittlich. Sie rissen die Fenster auf. Sie rissen die Türen auf. Sie fanden die Männer und rissen ihnen die Tücher und Schürzen vom Leib. Sie rissen sie aus den Betten und aus den Häusern.

Kurz war alles ruhig. Die Schatten der Schar ragten am Rande des Dorfes aus dem Nebel hervor. Kurz warteten sie. Dann brach die Hölle los. Die Jagdhunde der Schar koolten und das Lachen und Lärmen der Reiter ertönte und sie galoppierten los. Sie trieben die Männer vor sich her.

Das war das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben.“

Veit lachte leise und schüttelte den Kopf.

„Wer weiß. Vielleicht sehe ich heute meinen Tatte wieder.“

Wieder saßen sie schweigend da. Das Trommeln des Hagels war mittlerweile vom weißen Rauschen des Regens abgelöst worden. Das Heulen des Windes war abgeflacht und Luftstöße zischten nur noch vereinzelt und flüsternd in ihr Versteck, während Nebelschwaden von oben in die Kammer sickerten wie bleiche Finger.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

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u/gansim — 7 days ago
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Die Schar - Pt.1

Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelatlerlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist vermutlich ca. das erste Drittel der gesamten Geschichte.

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Grollen.

Grollen in der Ferne.

Die vier Männer gingen in einer Reihe und kämpften sich so schnell wie möglich auf dem schmalen Gebirgspfad voran. Von den Gipfeln rissen eisige Böen feine, schneidende Schneeflocken herab, die ihnen die Sicht und das Atmen schwer machten. Doch die Erinnerung an die leeren, hungrigen Augen der Dorfbewohner ließ sie weitermarschieren.

Dann hörten sie es.

„Zu gefährlich! Brauchen Scherm! Das Gewitter aushalten!“ Anselms Brüllen wurde beinahe von der Wut des Windes übertönt.

Martinus drehte sich halb zu ihm um. Eine Böe riss ihm die Kapuze aus dem Gesicht.

„Nein! Weiter jetzt!“

Das Grollen rollte erneut heran, lauter und näher.

Eine Weile stolperten sie mühselig über Steine und Wurzeln. Die verkümmerten Bäume schwankten und taumelten, als würden Reiter zwischen ihnen hindurchbrechen. Plötzlich erblickten sie ein paar dutzend Meter weiter unten einen halb zerfallenen Stadel, der aus dem Hang ragte wie ein fauliger Zahn. Anselm drehte sich zu Eberhard und Veit um. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen, dennoch war sein Blick vielsagend.

Keine andere Wahl.

Sie packten Martinus an den Armen und zogen ihn mit sich.

Zuckenden Gliedmaßen. Verzweifeltes Röcheln. Weiter.

Dann waren sie unten. Sie hatten Glück: Unter dem Stadel lag eine notdürftig gezimmerte Abdeckung, die mit mehreren Steinen beschwert war. Darunter: Eine kleine, in die Erde gegrabene Vorratskammer.

Anselm stieß Martinus hinein.

Die anderen befestigten die Abdeckung so gut es ging, und folgten.

Einen Moment lang stand die Zeit still. Keuchen. Spucken. Atmen. Brennende Hände. Brennende Füße.

„Ich habe gesagt wir gehen weiter!“, brachte Martinus schließlich heraus.

„Wir wären umgekommen“, entgegnete Anselm ruhig.

Martinus wurde lauter. „Ihr seid hier für die Messerarbeit. Die Entscheidungen treffe ich.“

Die Luft war feucht und stickig. Durch die Bretter drang kaum Licht nach unten.

Veit spuckte aus. „Sag, muss man ein Narr sein, um ein Pfaffe zu werden, oder kommt das dann von selber?“

„Du wagst es, mich einen Narren zu nennen? Wegen euch könnten wir jeden Moment von einer Horde tobender Telderer eingeholt werden.“

Anselm streckte die Beine aus und legte den Kopf nach hinten. „Sie werden uns nicht folgen, auch wenn wir ihren Schatz gestohlen haben. Nicht in diesem Sturm.“

„Wir haben nichts gestohlen! Die Reliquie gehört von Rechts wegen Rom!“, kreischte Martinus. Dann, ruhiger: „Ich muss mich vor einer Bande von Halsabschneidern nicht rechtfertigen. Die Luft hier oben ist… ist falsch. Vernebelt meinen Geist.“

Ein dumpfes Heulen drang von draußen herein. Tief. Langgezogen. Als würde der Wind einen Totengesang anstimmen.

Eberhard lachte leise. „Sie kommen.“

Martinus‘ Augen weiteten sich. „Aber er hat doch gerade gesagt…“

„Nicht die Bauern.“

Er sprach nicht weiter. Das musste er nicht.

Martinus schnaubte verächtlich. „Verschont mich mit eurem Aberglauben. Es ist ein Unwetter. Nichts… nichts weiter.“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern gewesen.

„Wer lang genug durch die Berge zieht, begegnet ihnen. Früher oder später. Wer sich nicht hütet, wird mitgenommen… Früher oder später.“

Veit fixierte Eberhard mit seinem Blick. „Du bist ihnen schon begegnet, oder?“

„Oh ja.“

Eine Weile lang saßen sie stumm da, und das Rütteln des Sturms an den Brettern der notdürftigen Abdeckung war das einzige Geräusch, das zu hören war.

Dann fuhr Eberhard fort.

„Es war während des Pofl vor sechs Jahren im hinteren Klammtal. Die Höfe hatten öfter Besuch von Wegelagerern bekommen. Deswegen war ich dort. Hand auf dem Messer, böses Gesicht machen, ihr wisst schon. An einem Abend braute sich etwas zusammen.“

Eberhard hielt kurz inne. Die anderen Männer warteten stumm, bis er schließlich mit gedrungener, melodischer Stimme weitersprach.

„Ich blickte hoch zu den Gipfeln des inneren Tals, und eine mächtige Wolkenfront baute sich auf. Schwarz und schwer wie Pech und Schwefel. 

Und dort oben, auf der Hohen Wand, sammelte sich die Schar. Und sie streckten ihre Lanzen in die Höhe und bliesen in ihre Hörner und machten sich bereit. Und mehr und mehr Reiter stießen dazu und sie spannten ihre Bögen und die Jagdhunde zogen und rissen an den Riemen.

Dann ritten sie herab.

Über Fels und Gand.

Sie ritten herab.

Durch Wald und Feld.

Sie ritten herab.

Durch Straße und Hof.

Sie ritten herab.

Sie ritten herab.

Als ich mich aus meinem Versteck befreite, dachte ich, sie hätten mich fortgetragen: Ich erkannte nichts an der Landschaft wieder. Doch als ich die umgebenden Gipfel anschaute, wurde es mir klar.

Nicht ich wurde fortgetragen.

Sondern alles andere.

Ich folgte der Schneise talauswärts.

Fels und Gand und Wald und Feld und Straße und Hof hatten sie mitgezogen. Ein Stück weit. Und dann zur Seite geworfen.

Aber nicht die Leute. Die hatten sie mitgenommen. Jede einzelne Seele.“

Hagelkörner trommelten jetzt unablässig gegen die modrigen Bretter der Abdeckung. Kurz wurde das Erdloch wurde vom gleißenden Licht eines Blitzes erhellt.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

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u/gansim — 4 days ago
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Der letzte B2B-Broker

Auch wenn es lange her ist und die Details - die Meetings, die Feedbackschleifen, die Freigaben – durch den Nebel der Routine in meinem Kopf nur noch verschwommen und undeutlich vorhanden sind, ist dieser Moment in meinem Kopf eingebrannt wie Stärke aus dem Nudelwasser auf einem Ceranfeld:

Wir haben uns im großen Meetingraum versammelt, die Hauptverantwortlichen sitzen mit angespannten Mienen in der ersten Reihe, der Rest ungeordnet und leise schwatzend dahinter. Endlich gibt der CEO das Signal, ein kaum sichtbares Nicken, und betätigt den Knopf. Hinter dem Konferenztisch öffnet sich eine Luke im Boden, und ein monotones, mechanisches Surren ertönt. Langsam erhebt sich ein eine Cryoschlafzelle aus dem Boden, ein abscheuliches Ding zwischen Brutkasten und Sarkophag aus der fernen Zukunft, und bringt sich wie von unsichtbarer Hand in eine aufrechte Position.

Einen Moment lang steht die Zeit still. Ich erinnere mich nur noch an das Rauschen des Blutes in den Ohren. Ein Herzschlag. Zwei. Ein Dutzend. Dann unterbricht ein dumpfes Geräusch das ehrfürchtige Schweigen, und der Verschluss der Kapsel öffnet sich. Die kalte Luft, die daraus hervorstößt, kondensiert zischend zu einer Dampfwolke, die sogleich von der Belüftungsanlage zu einem diffusen Schleier zerstreut wird.

Der bionische Agent tritt hervor und schreitet, ohne auch nur einen Moment zu zögern, mit starrem Blick und unbeugsamen Willen hinfort. Schreitet hinfort, um B2B Sales abzuschließen. Schreitet hinfort, um nie mehr wiederzukommen.

Lange Zeit wusste niemand, was mit dem bionischen B2B-Broker passiert ist. Erst viele Monate später erfuhren wir über einen LinkedIn Post, dass er wohl auf ein Schneeballsystem hereingefallen war und jetzt verzweifelt versuchte, Tupperware-Behälter an den Mann und an die Frau zu bringen, damit er seine Mission fortführen konnte. Unsere Finanzabteilung entschied sich dagegen, ihm die Tupperware abzunehmen, da wir so die Forschungs- und Entwicklungskosten, die in den Agenten geflossen waren, von der Steuer abschreiben konnten.

Manchmal, an nebligen Tagen oder im letzten Licht der Abenddämmerung, bilde ich mir ein, ihn zu sehen: Die Silhouette einer Gestalt, die gerade am Rande meines Sichtfeldes mit mechanischer Präzision voranmarschiert.

Auf einer rationalen Ebene weiß ich natürlich, dass er es nicht sein kann. Aber trotzdem beruhigt mich die Vorstellung. Die Vorstellung, dass er immer noch da draußen ist und Sales abschließt. Unerschütterlich. Unermüdlich.

Denn letztendlich sind wir alle der bionische Mann, unfreiwillig geboren in eine gleichgültige Welt mit einem Zweck, den wir weder verstehen noch erfüllen können. Und solange es noch Hoffnung für ihn gibt – der Rückschläge, des Verrats und den unzähligen Tupperware-Behältern zum Trotz – dann, ja dann gibt es auch noch Hoffnung für uns.

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u/gansim — 14 days ago
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„Hast du dich schonmal gefragt, was den Menschen vom Tier unterscheidet?“

Mein Freund Bastian und ich waren wie so oft an einem Donnerstagabend in einer Kneipe versumpft. An seinem Tonfall konnte ich erkennen, dass die Zeit für die obligatorischen ontologischen Offenbarungen gekommen war.

Ich dachte kurz nach. „Die Fähigkeit zum logischen Denken vielleicht?“

„Blödsinn! Du kennst doch diese Videos von Krähen, in denen sie so Puzzles lösen? Die können das besser als ich, soviel ist sicher!“

„Na gut, was ist es dann?“

„Das Fahrradfahren!“

„Fahrradfahren?“ Ich sah ihn skeptisch an.

„Hast du schonmal eine Krähe Fahrrad fahren sehen?“

„Nein“, gab ich kleinlaut krächzend zu. Umso bemühter versuchte ich jetzt, konstruktiv zum Gespräch beizutragen. „Aber was ist mit den Oktopussen? Bei denen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass sie sich eine Art Fahrrad aus Kokosnussschalen bauen und damit herumfahren könnten. Sie hätten sowohl den nötigen Grips als auch die Agilität.“

Bastian tastete sich nachdenklich mit der Hand über den Kiefer.  „Möglich, in ein paar Millionen Jahren. Aber evolutionär gesehen haben Oktopusse das Problem, dass sie Einzelgänger sind. Sie würden niemals ein Peloton formen. Die bis zu 40% Energieersparnis im Windschatten sind schlussendlich das, was es dem Menschen erlaubt hat, eine Kultur zu entwickeln.“

„Falls es dir um Kultur geht, die findest du im Joghurt genauso“, fuhr ich Bastian an.

Er zog ein säuerliches Gesicht „Erzähl mir nichts von Joghurtkultur, ich habe ein Auslandssemester unter Milchsäurebakterien verbracht. Aber wenn du des Pudels Kefir suchst, findest du ihn in der Kultur der Hefe. Die Hefe ist die wahre Herrscherin dieser Welt. Sie ist überall um uns herum: Die Kraft, die alles treibt und aufgehen lässt“

Ich knetete die Tischkante, Begeisterung gärte in mir auf. „Auch im Katholizismus finden wir Hinweise: Unser täglich Brot gib uns heute. Und Jesus musste drei Tage an einem dunklen, kühlen und feuchten Ort ruhen, bis er aufgefahren ist – wie guter Pizzateig. Interessanterweise ist zugleich der Leib Christi – der LAIB CHRISTI – bei der Eucharistie hefelos. Und ungesalzen. Ganz ehrlich, zumindest ein bisschen Butter drauf würde schon Welten Unterschied machen.“

Bastian nickte wissend „Das ist die Krume an der Sache, die Teigdizee. Das ist ein Thema, an dem Theologen und Bäckermeister gleichermaßen noch für Generationen zu knabbern haben werden.“

Wir waren in der Zwischenzeit rausgeschmissen worden und hatten uns auf dem Trottoir liegend weiterunterhalten. Unsere Ausführungen hatten einen natürlichen Höhepunkt gefunden, daher tranken wir unser Hefeweizen aus, schwangen uns auf die Fahrräder und fuhren heim. Ich konnte die kalten Knopfaugen der Krähen und ihre bohrenden Blicke förmlich spüren, nur darauf wartend, dass einer von uns stürzte. Damit sie endlich selbst den Versuch wagen konnten.

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u/gansim — 21 days ago

Es ist keine einfache Übung, aber du musst sie lernen.

Du musst schlicht und ergreifend alles ablegen.

Fang ganz oben an.

Zuerst deine Wut, die an der Rückseite deines Kopfes brennt. Die Frustration, geboren aus dem Gefühl der Machtlosigkeit, dem Gefühl der Wertlosigkeit. All die erfahrenen und eingebildeten Ungerechtigkeiten, die sich als Brandflecken in dein Gehirn fressen. Leg sie ab.

Als nächstes deine Hoffnungen und Wünsche, die dir wie Sterne vor den Augen tanzen. Die Tagträume von besseren Zeiten, die Bedürfnisse, die du nicht einmal in deinem Kopf in Worte zu fassen wagst, weil es dir peinlich ist, wie unglaublich banal und klein sie letztendlich sind.

Jetzt deine Trauer. Der Kloß in deinem Hals, der das Atmen schwer macht. Die Sehnsucht nach Dingen, die niemals wiederkehren werden. Der Schmerz von Worten, die nie gesagt wurden.

Kommen wir zu deinem Stolz, deinen Schultern, hochgezogen im Glauben, über allem zu stehen. Du meinst ihn zu brauchen, um dich zu schützen, aber für diesen Moment musst du deinen Panzer ablegen.

In deiner Magengrube wohnt deine Angst. Dort ist die bodenlose Tiefe, in die du alles verbannst, was du nicht wahrhaben willst. Die Unsicherheiten, die in stillen Momenten an dir nagen, die Zweifel an den eigenen Taten, den eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Charakter, die dich nachts wachhalten.

Du weißt wahrscheinlich schon, was als letztes, in deinem Brustkorb, kommt. Das einzig wirklich wertvolle, was du besitzt. Du willst nicht loslassen, niemand will das, aber du musst. Nimm dein Herz – es schmerzt, ich weiß – und leg es zum Rest.

Schau dich an, das bist du, hier, ausgebreitet und aufgelöst auf dem Küchenboden. Wie fühlst du dich?

Gut.

Sei vorsichtig. Verliere dich nicht in dieser friedvollen Leere. Es ist eine Wüste, ohne Sonne am Himmel, und ohne Sterne am Firmament. Verlierst du einmal die Orientierung, kannst du nie mehr zurückkehren. Verweile also nicht zu lange.

Es wird Zeit, dich wieder zusammenzusetzen.

Du wirst merken, dass es nicht mehr alles ganz zusammenpasst. Das war nie zu vermeiden. Mit jedem Augenblick, der vergeht, veränderst du dich.

Das muss reichen, mehr bleibt nicht übrig.

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u/gansim — 25 days ago
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Letztes Wochenende wurde ich von meinen Nachbarn zu einer Grillparty in ihrem Garten eingeladen, und da ich es versäumt hatte, mir eine gute Ausrede zurechtzulegen, musste ich zähneknirschend zusagen.

Der konsumtive Konvent am Samstagnachmittag begann zunächst friedlich. Grillwaren aller Art brutzelten fröhlich vor sich hin. Die Sonne trieb in Zusammenarbeit mit den Unmengen an verzehrten Protein-Fettbatzen langsam, aber sicher Miniaturversionen des Great Salt Lakes auf die Stirnen der Teilnehmenden. Ich unterhielt mich mit einigen vage bekannt wirkenden Gesichtern über das Wetter und den Verkehr, und das Rindersteak war wie die Gesamtsituation in Butter. Dann, allerdings, begannen die Getränke zu Neige zu gehen, und die schwindenden Biervorräte bedeuteten, dass der Alkoholpegel und der Ressourcenkonflikt zugleich ihren Höhepunkt erreichten.

„Herbeert!“ rief ein glatzköpfiger Fleischliebhaber namens Detlef dem Mann zu, der sich gerade die letzten zwei Flaschen Bier schnappte, und stellte sich o-beinig vor ihm hin. „Du hast schon mehr gesoffen als wir alle zusammen! Lass uns die Bier!“

„Nein, das stimmt gar nicht“, jammerte Herbert besoffen.

Detlef wurde etwas lauter „Erzähl mir nichts, du sitzt schon seit 10:00 hier und lässt dich volllaufen.“

„Der frühe Vogel fängt den Wurm. Nicht mein Problem, wenn du zu spät kommst“

Die Sintflut brach über die Seenlandschaft auf Detlefs kahlem Haupt herein. „Daran ist eines wahr: Du bist ein Vogel!“

Herberts Gesicht verzerrte sich in Schock und Rage „Und du bist ein Wurm!“

Die Gastgeber sahen sich unsicher an, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Harmonie und der Sehnsucht nach einem dritten Gesprächsthema für das nächste Dutzend Grillparties.

Herbert begann, lallend dahinzuschwadronieren, dabei schwankte er in unregelmäßigen Oszillationen von links nach rechts. „Wenn du nur einmal rational denken würdest… Denken Detlef! Dann hättest du dich informiert, wann‘s los geht und deinen Bieranteil maximiert.“

Detlef machte zwei Schritte auf ihn zu. „So funktioniert das nicht! So funktioniert die Welt nicht! Du… du dodo oeconomicus!“

Erschrockenes Keuchen von einigen Wirtschaftstheoretikern und/oder engagierten Hobbyökonomen.

 „Siehst du das?“, fragte Herbert mit ausladender Geste, während die hervortretenden Adern auf seiner Stirn den Dow Jones mimten. Verständnislos starrte Detlef in die Leere, in die Herbert gestikulierte. „Das ist die unsichtbare Hand, die dir gerade den Mittelfinger zeigt!“ Er stürzte sich eines der Biere in den Hals. Aufgewühlte Schreie und klagendes Greinen ertönten aus dem Hintergrund.

Eine kleine Menge Bier lief schäumend am Flaschenhals herab, tropfte herunter und versickerte im Erdboden. „Uh, der Trickle-Down-Effekt in Aktion!“, rief ich aufgeregt und unbeachtet.

Detlef plusterte sich jetzt zu einem karmesinroten Fleischball auf. Seine Stimme klang ruhig „Sag Herbert, bist du vertraut mit der Umkehrung der unsichtbaren Hand?“ Herberts Kopf schlenkerte lose hin und her, ob als Antwort oder aus Trunkenheit war unergründlich. „Es ist die sichtbare Rückhand!“, schrie Detlef und holte zu einer Watsche aus. Herbert konnte torkelnd nur knapp ausweichen.

„Dein Modell ist ungeeignet“, spöttelte er.

„Dein Modell ist unter realen Bedingungen instabil“, schleuderte Detlef seinem taumelnden Kontrahenten entgegen.

Einige Kinder waren in Tränen ausgebrochen. Die Erwachsenen schüttelten beschämt den Kopf, während sie die zwei Widersacher weiterhin erwartungsvoll anstarrten. Ich tauschte mein leeres Bier unauffällig gegen eines der vollen, die ich mir am Anfang der Party zur Seite geschafft hatte.

Herbert war noch nicht fertig. „War das schon dein ganzer Output?“

„Die Nachfrage provoziert das Angebot“, blökte Detlef, „Vielleicht stabilisiert dich dieses Stimuluspaket.“ Er nahm das rohe Fleisch, das neben dem Grill lag, und warf es Herbert an den Kopf. Dem nassen Klatschen von Schweinekoteletts auf Menschenkoteletten folgte Herberts panisches Kreischen.

An dieser Stelle betraten zwei Polizisten, offenbar von den Nachbarn gerufen, die Party und brachten die Streitenden auseinander. „Nana, was ist denn los mit den zwei Marktschreiern?“, fragten sie genervt.

„Er hat eine fiskalpolitische Maßnahme auf meinen Kopf angewendet“, rief Herbert mit wehklagender Stimme und zeigte auf Detlef. Dessen Antwort erfolgte im selben, mitleidheischenden Ton: „Nur weil er ein Monopol auf das Bier wollte!“

Kopfschüttelnd erteilten die Polizisten eine Verwarnung für Ruhestörung und Marktmanipulation und gingen wieder.

In der Zwischenzeit hatte jemand eine Kiste Bier im nächstgelegenen Supermarkt gekauft, und die Liquiditätsspritze ließ den Konflikt im Nichts verpuffen. Das Leben ist schlicht einfacher im Bullenmarkt.

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u/gansim — 28 days ago

Letzte Woche kam mein Kollege Franz bestürzt auf mich zugestürzt.
„Es ist vorbei“, rief er verzweifelt und ließ sich in den leeren Bürostuhl neben mir fallen.
„Aus und vorbei. Fix und fertig. Over and done with. Acabó. Fini.“ 

Ich hatte gehofft, dass er irgendwann wieder gehen würde, wenn ich ihn weiterhin ignorierte, aber nach fünf weiteren Ausrufen ähnlicher Art gab ich auf.
„Was ist vorbei?“, fragte ich interessiert.
„Alles, einfach alles“, jammerte er, „die KI kann alles besser als ich.“ 

„Na na“, warf ich tröstend ein, „das will doch nichts heißen.“
„Angefangen hat es mit DeepL und Übersetzungen“, fuhr Franz förmlich fieberhaft fort. „Weiter ging es mit Excel-Formeln von ChatGPT und mit Grafiken von DALL-E – es war einfach effizienter, schneller, schöner.“ 

„Aber es braucht immer noch den Menschen dahinter, der die Formeln und die Grafiken an den richtigen Stellen einsetzt.“

„Das dachte ich auch“, schluchzte Franz, „doch ich habe die KI gebeten, genau das zu tun, und sie hat es besser gemacht, als ich es jemals könnte. Datenanalyse, Aufbereitung, Interpretation, was auch immer es ist: mein Silizium-Simulakrum kann es besser.“ 

„Die Präsentation…“ fing ich an, bevor mich Franz mit greinendem Wehklagen unterbrach.
„DIE PRÄSENTATION! Die Präsentation der Ergebnisse übernimmt die KI mittels Text-to-Speech und einem 3D-Avatar. Oh, du hättest es erleben sollen! Die Kohärenz, die Selbstsicherheit, der Charme. Und das KI-Publikum war aufmerksamer als ich es je war, und die Fragen waren klug und zielführend. Nichts ist mir geblieben, nichts und wieder nichts.“ 

Wasser und Rotz liefen ihm zu ungefähr gleichen Teilen über das Gesicht. Mit einer Prise Sarkasmus wagte ich mich an den letzten Rettungsversuch der Situation:
„Kopf hoch, immerhin wird es die KI niemals schaffen, so zu jammern und zu klagen wie du!“ 

Die Antwort des mittlerweile katatonisch in Fötusstellung auf dem Bürostuhl zusammengerollten Franz war kaum mehr als ein Flüstern:
„Was glaubst du, wer diese Tirade verfasst hat? Regieanweisung und alles inklusive…“ 

Mit leerem Blick stand ich auf und ging. Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte; ich hatte das Nachrichtenlimit meines Chatbots erreicht.

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u/gansim — 1 month ago