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Die Schar - Pt.1

Ich wollte mich an einer alpinen, folk horror inspirierten, mittelatlerlichen Kurzgeschichte probieren. Lasst mich gerne wissen, wie ihr es findet! Das hier ist vermutlich ca. das erste Drittel der gesamten Geschichte.

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Grollen.

Grollen in der Ferne.

Die vier Männer gingen in einer Reihe und kämpften sich so schnell wie möglich auf dem schmalen Gebirgspfad voran. Von den Gipfeln rissen eisige Böen feine, schneidende Schneeflocken herab, die ihnen die Sicht und das Atmen schwer machten. Doch die Erinnerung an die leeren, hungrigen Augen der Dorfbewohner ließ sie weitermarschieren.

Dann hörten sie es.

„Zu gefährlich! Brauchen Scherm! Das Gewitter aushalten!“ Anselms Brüllen wurde beinahe von der Wut des Windes übertönt.

Martinus drehte sich halb zu ihm um. Eine Böe riss ihm die Kapuze aus dem Gesicht.

„Nein! Weiter jetzt!“

Das Grollen rollte erneut heran, lauter und näher.

Eine Weile stolperten sie mühselig über Steine und Wurzeln. Die verkümmerten Bäume schwankten und taumelten, als würden Reiter zwischen ihnen hindurchbrechen. Plötzlich erblickten sie ein paar dutzend Meter weiter unten einen halb zerfallenen Stadel, der aus dem Hang ragte wie ein fauliger Zahn. Anselm drehte sich zu Eberhard und Veit um. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen, dennoch war sein Blick vielsagend.

Keine andere Wahl.

Sie packten Martinus an den Armen und zogen ihn mit sich.

Zuckenden Gliedmaßen. Verzweifeltes Röcheln. Weiter.

Dann waren sie unten. Sie hatten Glück: Unter dem Stadel lag eine notdürftig gezimmerte Abdeckung, die mit mehreren Steinen beschwert war. Darunter: Eine kleine, in die Erde gegrabene Vorratskammer.

Anselm stieß Martinus hinein.

Die anderen befestigten die Abdeckung so gut es ging, und folgten.

Einen Moment lang stand die Zeit still. Keuchen. Spucken. Atmen. Brennende Hände. Brennende Füße.

„Ich habe gesagt wir gehen weiter!“, brachte Martinus schließlich heraus.

„Wir wären umgekommen“, entgegnete Anselm ruhig.

Martinus wurde lauter. „Ihr seid hier für die Messerarbeit. Die Entscheidungen treffe ich.“

Die Luft war feucht und stickig. Durch die Bretter drang kaum Licht nach unten.

Veit spuckte aus. „Sag, muss man ein Narr sein, um ein Pfaffe zu werden, oder kommt das dann von selber?“

„Du wagst es, mich einen Narren zu nennen? Wegen euch könnten wir jeden Moment von einer Horde tobender Telderer eingeholt werden.“

Anselm streckte die Beine aus und legte den Kopf nach hinten. „Sie werden uns nicht folgen, auch wenn wir ihren Schatz gestohlen haben. Nicht in diesem Sturm.“

„Wir haben nichts gestohlen! Die Reliquie gehört von Rechts wegen Rom!“, kreischte Martinus. Dann, ruhiger: „Ich muss mich vor einer Bande von Halsabschneidern nicht rechtfertigen. Die Luft hier oben ist… ist falsch. Vernebelt meinen Geist.“

Ein dumpfes Heulen drang von draußen herein. Tief. Langgezogen. Als würde der Wind einen Totengesang anstimmen.

Eberhard lachte leise. „Sie kommen.“

Martinus‘ Augen weiteten sich. „Aber er hat doch gerade gesagt…“

„Nicht die Bauern.“

Er sprach nicht weiter. Das musste er nicht.

Martinus schnaubte verächtlich. „Verschont mich mit eurem Aberglauben. Es ist ein Unwetter. Nichts… nichts weiter.“ Die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern gewesen.

„Wer lang genug durch die Berge zieht, begegnet ihnen. Früher oder später. Wer sich nicht hütet, wird mitgenommen… Früher oder später.“

Veit fixierte Eberhard mit seinem Blick. „Du bist ihnen schon begegnet, oder?“

„Oh ja.“

Eine Weile lang saßen sie stumm da, und das Rütteln des Sturms an den Brettern der notdürftigen Abdeckung war das einzige Geräusch, das zu hören war.

Dann fuhr Eberhard fort.

„Es war während des Pofl vor sechs Jahren im hinteren Klammtal. Die Höfe hatten öfter Besuch von Wegelagerern bekommen. Deswegen war ich dort. Hand auf dem Messer, böses Gesicht machen, ihr wisst schon. An einem Abend braute sich etwas zusammen.“

Eberhard hielt kurz inne. Die anderen Männer warteten stumm, bis er schließlich mit gedrungener, melodischer Stimme weitersprach.

„Ich blickte hoch zu den Gipfeln des inneren Tals, und eine mächtige Wolkenfront baute sich auf. Schwarz und schwer wie Pech und Schwefel. 

Und dort oben, auf der Hohen Wand, sammelte sich die Schar. Und sie streckten ihre Lanzen in die Höhe und bliesen in ihre Hörner und machten sich bereit. Und mehr und mehr Reiter stießen dazu und sie spannten ihre Bögen und die Jagdhunde zogen und rissen an den Riemen.

Dann ritten sie herab.

Über Fels und Gand.

Sie ritten herab.

Durch Wald und Feld.

Sie ritten herab.

Durch Straße und Hof.

Sie ritten herab.

Sie ritten herab.

Als ich mich aus meinem Versteck befreite, dachte ich, sie hätten mich fortgetragen: Ich erkannte nichts an der Landschaft wieder. Doch als ich die umgebenden Gipfel anschaute, wurde es mir klar.

Nicht ich wurde fortgetragen.

Sondern alles andere.

Ich folgte der Schneise talauswärts.

Fels und Gand und Wald und Feld und Straße und Hof hatten sie mitgezogen. Ein Stück weit. Und dann zur Seite geworfen.

Aber nicht die Leute. Die hatten sie mitgenommen. Jede einzelne Seele.“

Hagelkörner trommelten jetzt unablässig gegen die modrigen Bretter der Abdeckung. Kurz wurde das Erdloch wurde vom gleißenden Licht eines Blitzes erhellt.

Grollen.

Grollen in der Ferne.

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u/gansim — 4 days ago

Ein Sinn

Ein Sinn

„Ich mach das. Ich brauche einen Sinn.“ sagte ich dramatisch, hyperbolisch, schmunzelnd. Tim hatte sich gerade angezogen um zum Spätdienst zu gehen und bemerkt, dass er seine Äpfel noch nicht geschnitten hatte. Er schneidet sich seit einiger Zeit immer Äpfel für die Arbeit, die er in einer Tupperdose aus elastischem Material, die sich klein falten lässt wenn sie leer ist, mitnimmt.

Ich lag auf dem Sofa. Mein Körper summte, meine Knochen sanken wie Blei in den weichen Stoff. Kurz hatte ich überlegt, es nicht zu sagen. Denn wie sollte ich je aufstehen? Aber dann kam die Stimme der Vernunft, die mir stets sagt: ‚wenn du nicht mal das schaffst, was schaffst du dann? Wozu bist du überhaupt gut?’ Und es stimmte. Tim geht arbeiten, während ich an meinen freien Tagen faul herumliege und am Abend dann stolz erzähle, dass ich Yoga gemacht, oder staubgesaugt habe oder spazieren war. Berichte, ob ich wieder Migräne hatte und wie sehr es wehtat, obwohl sein Tag deutlich schwerer war, als meiner. Gestern hatte ich erst geschrieben „Ich habs nicht geschafft abzuwaschen. Mache das morgen früh. Tut mir leid.“

Also nahm ich meinen Bleikörper und richtete ihn auf. Spürte dabei jeden müden Muskel, der durch Triptane und Sport am Vortag so ermüdet und versteift war, dass ich mich fragte, ob die Lösung nun mehr oder weniger Sport ist. Ich dachte nach und wurde wütend auf mich, weil ich nicht auf meinen Körper gehört hatte. Die gleiche Wut, die gestern aufgekommen war, weil ich nicht gut genug trainiert hatte. Ich wollte ChatGPT gleich nach einem möglichen Zusammenhang fragen, recherchieren, was ich besser machen kann und gleichzeitig war ich überzeugt, dass jemand anderes in meiner Situation es einfach durchziehen würde. Während die Gedankenspirale wie eine gut geölte Maschine fleißig weiter lief, schnitt ich Tims Äpfel. Ich hatte Angst, die Stücke zu groß zu schneiden. Einmal hatte ich gesehen, dass er die Stücke sehr dünn schnitt. Aber neulich meinte er „nein, so ist es gut, danke.“, als sie etwas breiter waren, was mich sehr verunsichert hatte. Ich wurde wütend auf mich, weil ich so unsicher war. Meine Augen wurden etwas feucht, aber es machte keinen Sinn, schon wieder zu weinen. Ich schloss die high Tech Tupperdose und legte sie in seinen Rucksack. „Ich liege heute wieder nur im Bett. Aber das ist ja auch nicht schlimm. Ich habe frei und bin nun mal chronisch krank. Ich muss das einfach akzeptieren und nicht so hart zu mir sein.“ Sagte ich lächelnd, als Tim die Schuhe anzog. Ich spürte, dass er auch etwas froh war, zur Arbeit zu gehen. „Ja du hast recht. Mach dir einen entspannten Tag. Du hast es verdient.“ Er küsste mich und ging durch die Tür. „Ich mach zu.“ Man muss, wenn man die Tür der Wohnung von außen schließen will, immer einen Schlüssel benutzen. Richtig nervig. Ich habe das Gefühl, wenn ich ihm das abnehme, hat er weniger Last durch mich. Und er sieht mich, wenn er geht nicht liegend im Bett, sondern in einer verantwortungsvollen Position. Ich schließe die Tür für ihn.

Als sie ins Schloss fiel hörte ich noch Tims Schritte im Flur, begleitet von einem leisen Summen, das, je nach Situation, niedlich oder gruselig wirkte. Ich widmete mich weiter meiner Spirale, die nun darüber zerdachte, ob Tim auch wirklich der Richtige für mich ist. Klar, ich will niemand anderen und klar, er gibt mir sehr viel und ich liebe es, dasselbe für ihn zu tun. Aber ist das wirklich gesund? Unser Altersunterschied ist so groß, dass Leute mich schon oft dafür verurteilt hatten. Wäre meine Beziehung eine Hose, dann wäre sie bereits auf Vinted. Aber leider ist das nicht so leicht, da ich doch schon des öfteren gegen den Strom schwimme, wenn Dinge mir wirklich wichtig sind. Ich bin ein schlechter people pleaser. Vielleicht sollte ich mich einfach noch viel mehr anpassen und nicht nur so tun, als wollte ich, dass mich jeder mag, dann aber zickig und genervt und meinungsstark sein. ‚Du bist überhaupt kein people pleaser, es geht doch immer nur um dich und deine Bedürfnisse. Wenn überhaupt, dann bist du eine versteckte Narzisstin, die ihre Unsicherheit nur als Waffe nutzt, um andere zu manipulierten’. Danke, Vernunft. 

Ich sollte mir heute etwas Gutes tun, dachte ich. Vielleicht nach draußen gehen. Ich schaute mich in der Wohnung um, aber wusste nicht ganz, was ich nun suchte. Die Äpfel waren geschnitten. Ich hatte keinen Si-

Doomscroll, dann die gesündere Variante, ein Hörbuch. Ein guter Trick um rauszugehen, wenn man körperlich, psychisch oder insgesamt erledigt ist, ist sich einfach anzuziehen und nicht darüber nachzudenken, was ‚draußen‘ ist. Meine Gesichtshaut spannte. Ich sehe alt und hässlich aus, meine Hose, die ich gerade neu geholt hatte, weil ich unzufrieden mit meinem Aussehen war, gefiel mir nicht mehr. Ich glaub, ich hab wieder zugenommen. Jetzt werde ich immer weiter zunehmen und nie wieder so aussehen wie vorher. ‚Du bemitleidest dich zu sehr. Das will doch niemand hören‘, sagte die Vernunft. Ich fragte mich, wer von den 5 Frauen die Mörderin in meinem Hörbuch war, trat aus der Wohnung, schloss die Tür mit meinem Schlüssel und ging aus dem Haus.

Es nieselte ganz leicht und die Luft war milder als gedacht. Ich lief Richtung Rhein und bog an der Brücke ab. Auf dem Weg kamen mir zwei Menschen entgegen. Ich sah sie von Weitem und überquerte sofort die Straße, um wieder alleine zu sein. Als die beiden näher kamen erkannte ich, dass es zwei Männer waren, die Hände hielten. Dachten sie nun, ich sei homophob? Aber ich sehe nicht so aus. Das haben sie sicher nicht gedacht. Ich war sauer auf mich, dass ich sofort die Straßenseite gewechselt hatte, nur, weil mir Menschen entgegen kamen. ‚Wie traurig. Wie armselig. Du kannst nicht mal damit umgehen, wenn jemand an dir vorbei läuft’. Die Vernunft brachte mich dazu, mein Hörbuch lauter zu stellen und weiter zu gehen, statt mich ins Café Jakob zu setzen und zu lesen. Das wäre jetzt zu viel. Einige Tropfen waren auf meiner Brille, mein Pulli juckte etwas, ich hatte Angst davor wie mein Hintern aussah. Alles war jetzt irgendwie zu viel. Wenigstens waren nicht viele Menschen unterwegs. 

Mitten auf dem Gehweg sah ich eine kleine grüne Raupe. Sie bewegte sich Richtung Straße. Ihr Köper krümmte sich und machte sich lang, sodass sie circa dreißig Zentimeter pro Minute schaffte. Ich überlegte, ob ich ein Blatt nehmen sollte um sie auf den richtigen Weg zurück zur Wiese zu führen. Dann drehte sie sich plötzlich um. So plötzlich, wie es in ihrem Tempo eben ging. Sie kroch wieder auf die andere Seite des Gehweges und sollte so ungefähr in fünf Minuten am Gras angekommen sein und das tun, was eine Raupe tut. Sie wusste, wohin es geht. Ich wusste auch, dass eine Raupe nicht auf die Straße gehört. Jeder wusste das und es stimmte, egal was irgendwer ihr einreden wollte. Die Raupe hatte ihren Platz in der Welt. Sie hatte ihren Sinn.

Ich kam an dem Haus an, das ich immer das Hexenhaus nenne und ging die Stufen zum Rhein hinunter. Von Weitem sah ich, dass jemand an der Seite des Weges auf einer Bank saß. Ich war genervt, weil es fast keine Menschen auf der Straße gab und ausgerechnet hier, wo ich lang musste jemand saß, der mich sehen, mich wahrnehmen würde. Aber es führte kein Weg daran vorbei und außerdem wusste ich ja, dass es auch nicht so schlimm war. Nur flüchtige Gedanken in der fortlaufenden Spirale, die nunmal immer läuft.

Als ich näher kam merkte ich, dass es eine Frau war, die weinte. Es flossen nicht nur Tränen. Sie weinte so, dass ich es bereits zehn Meter entfernt hören konnte. Ich pausierte mein Hörbuch, überlegte schnell und ging zunächst wortlos an ihr vorbei. Als ich zum Rhein abgebogen war, suchte ich in meinem Beutel nach einem Taschentuch. Ich kramte zwischen Triptanen, Mundspray und Desinfektionsmittel bis ich letztendlich eine Packung Tempo mit einem letzten Taschentuch fand. Dann kehrte ich um und ging zu ihr. „Hi. Brauchst du ein Taschentuch?“ Ihr Gesicht war rot, ihre Wangen nass. Sie war vielleicht ein paar Jahre älter als ich, hatte eine sehr angenehme Ausstrahlung. Neben ihr stand ihr Fahrrad. Mit Kindersitz auf dem Hinterrad aber ohne Kind darauf. „Vielen Dank.“ Sie lächelte und nahm das Taschentuch. „Kann ich irgendwas für dich tun?“. Ich spürte, dass sie etwas brauchte, was ich als Fremde nicht geben konnte. „Nein, das ist sehr süß von dir.“ „Okay. Aber dann wünsche ich dir einen schönen Sonntag.“ „Danke, dir auch.“ Sie lächelte und wischte mit dem Taschentuch über  ihre Wange.

Am Rhein war der Wind stärker, die Luft etwas kühler. Oh Gott. Wie peinlich. Einen schönen Sonntag? Als ob ihr Sonntag schön ist. Und ich habe meine Augenbrauen zu bemitleidend zusammen nach oben gezogen. Das wirkte sicher total fake. Und überhaupt. Ist das nicht vollkommen übergriffig? ‚Gott, du bist so selbstzentriert. Entspann dich mal. Du machst immer so ein Ding aus allem ’, sagte mir die Vernunft, noch grausamer als zuvor. Und dennoch. Mein Herz schlug schneller und ich brauchte eine Rettung. Ich nahm eine Sprachnachricht an Tabea auf, in der ich ihr von der Situation berichtete. Mehrmals drehte ich mich dabei um, falls die Frau auf ihrem Fahrrad hinter mir fuhr. Das wäre ja noch schlimmer gewesen. Für solche Fettnäpfchen habe ich ein Talent. Als ich sprach hatte ich Angst, dass man mich durch den Wind nicht gut hört und war wütend auf mich, weil ich eigentlich wusste, dass Tabea nicht gerne undeutliche Nachrichten anhört. Beim Reden merkte ich, wie sehr es sich danach anhörte, als hätte ich Bestätigung gebraucht. Also sagte ich „Ich weiß, dass ich nichts schlimmes gemacht habe. Ich hatte eben das Gefühl, aber jetzt, wo ich es ausspreche merke ich, dass es nicht schlimm war. Ich brauche keine Bestätigung oder so. Wollte nur davon erzählen.“ Ich blieb kurz am Wasser stehen. Der Himmel war grau, also reflektierte die Sonne nicht so sehr, aber trotzdem hatte es etwas Beruhigendes, dem Wasser beim Fließen zuzuschauen. Und ich kenne mich mit Beruhigung ja bestens aus.

Es beschäftigte mich nicht wirklich, warum die Frau geweint hatte. Aus was für einem Grund auch immer; wenn man so weint, dann stimmt etwas nicht und man hat es verdient, ernst genommen zu werden. Selbst wenn der wahre Grund für ihre Emotion ein kleiner Ast auf dem Weg gewesen wäre, den sie mit dem Rad überfahren hatte. Leid ist Leid. Das Hörbuch lief weiter. 

Mein Weg führte mich die Promenade entlang. Auf der anderen Seite der Brücke waren zwei Bänke. Ich setzte mich, pausierte mein Hörbuch und widmete mich meiner Gedankenspirale. Vielleicht war das der Tag, an dem ich irgendeine Erkenntnis bekomme. Dann hätte er einen Sinn. Ich zerdachte. Tim ist sich so sicher in der Beziehung und ich zweifle immer. Das ist unglaublich unfair. ‚Du manipulierst ihn, gibst ihm absichtlich das Gefühl, dass er nicht sicher ist um ihn zu kontrollieren‘. Ich fragte die Vernunft ‚Ist es Manipulation, wenn ich selber nicht von den Gedanken loskomme und ihm meistens gar nichts davon erzähle?‘ Die Antwort: ‚Ja.‘. Vielleicht würde ich später ChatGPT fragen.

Ich starrte auf das andere Ufer und sah ganz kleine Menschen mit einem noch winzigeren Hund spazieren. Ich lasse das mit der Erkenntnis lieber, dachte ich mir. Den Tag mit Grübeln und Zweifeln zu verbringen gibt mir auch nicht mehr Sinn. Noch weniger als ein Apfel oder eine Tür. Und die Spirale zerstört nicht die Spirale. Und selbst diese Einsicht stoppt sie nicht.
Kurz nahm ich mein Buch in die Hand und las eine Seite, es kamen aber zu viele Nieseltropfen auf das dünne Papier, sodass ich wieder alleine mit meinen Gedanken war. Mein Körper war noch immer schwer wie Blei. Ich fühlte mich erschöpft. Etwas Stolz kroch hervor. Ich bin schon seit einer Stunde unterwegs. ‚und andere Leute können mehr als vier Tage am Stück arbeiten.‘
Eine ältere Dame mit Walking Stöcken setzte sich auf die Bank neben meiner. Sie lächelte mich an, nickte. Ich nickte und lächelte zurück. Sie trug so eine rosafarbene Stoffmütze, dezent  bestickt mit Blumen, die ältere Damen manchmal tragen. Ihr Gesicht war klein und freundlich. Eine sehr schöne Frau, dachte ich mir. Es fühlte sich unhöflich an, meine Kopfhörer zu tragen. Ich spürte, dass ich sie abnehmen sollte. 

Ich hörte den Rhein und schloss kurz meine Augen. „Ob die Brücke irgendwann mal fertig wird?“, fragte mich die Dame. „Das frage ich mich auch. Vielleicht in zehn Jahren.“. Wir lachten beide für eine Sekunde. „Die haben daran vorher auch nie etwas gemacht. Seit Adenauer.“. Ich fühlte mich dumm, aber nicht auf die Art, die offensichtlich pathologisch ist, sondern auf die normale ‚ich bin sechsundzwanzig und habe keine Ahnung von der Geschichte der Stadt in der ich lebe‘ Art. Ich versuchte, darüber zu stehen und erklärte ehrlich, dass ich mich nicht so gut auskannte. „Ich lebe seit `64 hier und die Brücke gab es da schon.“ „Und seitdem wurde da nichts gemacht?“ Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass Dinge, die früher stabil und logisch waren, und das waren für mich nie allzu viele, eine Illusion sind. Zum Beispiel, dass eine Brücke natürlich immer auf dem neusten Stand und sicher ist. Oder, dass man wenn man krank war gesund wird. Ich rutschte etwas weiter in Richtung ihrer Bank, aber nicht zu weit um nicht unangenehm zu wirken. Je länger wir redeten desto mehr Angst hatte ich, dass sie denkt ich sei an dem was sie erzählt nicht interessiert. Denn ich hatte Spaß, mit ihr zu reden. „Meine Beine tun so weh. Das linke ist schon operiert. Ich hoffe sehr, dass das rechte nicht auch noch dran muss. Ich war immer die fitteste und jetzt kann ich kaum fünfhundert Meter ohne eine Pause laufen. Schaufensterkrankheit.“ Ich nickte. Die Krankenpflegerinnenkarte muss man gewählt einsetzen. Ich wollte nicht direkt bei der ersten Kleinigkeit über meinen Beruf sprechen. Das ist zu selbstbezogen. Aber es blieb nicht bei der Kleinigkeit. „Ich lebe alleine und habe schon zweimal den RTW rufen müssen, weil es mir nicht gut ging. Die haben mich nicht mitgenommen. Die Werte seien zu gut.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich rufe aber nicht bei jeder Kleinigkeit den Notarzt.“, warf sie schnell hinterher. „Die Werte sind nicht das einzige. Wenn man merkt, dass es einem nicht gut geht, dann ist es erstmal richtig, darauf zu hören. Und dann übertreibt man auch nicht.“ „Danke. Seit die Chemotherapie angefangen hat, habe ich keine Energie mehr, durch die Medikamente habe ich Vorhofflimmern, durch den Krebs habe ich Schmerzen. Ich war immer die fitteste. Jetzt habe ich nicht einmal Haare.“ Sie zeigte auf die schöne Stoffmütze. „Nächsten Monat habe ich eine große Untersuchung. Hoffentlich ist es dann besser. Vor Kurzem ist eine Freundin von mir gestorben. In meinem Alter kennt man das. Aber sich selbst damit auseinanderzusetzen-“ Sie sprach nicht weiter. Einen Moment lang hörten wir nur das Rauschen vom Rhein. Dann wünschte ich ihr viel Erfolg bei der Untersuchung. Wir regten uns noch einige Minuten über das Gesundheitssystem auf, bis sie lachend sagte: „Jetzt habe ich Sie vollgequasselt.“ Ich versuchte, mit möglichst ehrlichem Gesicht zu sagen, dass ich das Gespräch genossen hatte, denn das hatte ich auch. Sie nahm ihre Walking Stöcke und ging langsam Richtung Brücke. Ich blieb noch etwas sitzen, um es nicht unangenehm zu machen und machte mich auf den Weg. 

Im Café Jakob war ein Platz am Fenster frei. Ich bestellte einen Cappuccino und las auf der Seite weiter, die vom Niesel ein etwas gewellt war. Wenn jemand hinein kam fühlte ich mich beobachtet. Ich war wütend auf mich, weil ich mich nicht richtig auf das Buch konzentrieren konnte. Die Vernunft lachte:‚Was denkst du, wer du bist? Dass dich jeder anschaut? So besonders bist du nicht.’ Die Spirale lief ebenfalls weiter. Ich hätte mich schminken sollen. Hat der mich angeschaut? Ich sitze hier bestimmt schon viel zu lange für einen Cappuccino. Dann tat mir irgendetwas leid.
Mit viel Mühe gelang es mir, das Buch in den Fokus zu setzen. Das Café war gemütlich, die Geschichte spannend. Nach dem Cappuccino begann mein Herz erneut schneller zu schlagen und ich fühlte mich zitterig. ‚Selber schuld‘. Da stimmte ich der Vernunft zu.

Auf dem Heimweg dachte ich darüber nach, wie streng die Dame mit sich umging. Ich wünschte ich hätte ihr gesagt, dass sie stolz darauf sein kann, trotz ihrer Hürden die Wohnung verlassen zu haben.

Mein Körper war etwas leichter, als ich die Wohnung betrat. Aber dann schaute ich in den Spiegel. Meine Haare sahen fettig aus. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich etwas komisch an und ich hoffte, dass ich durch den Kaffee keine Migräne bekommen würde. Wenn doch, würde das meine Schuld sein.  
Ich überlegte, was ich Tim sagen würde, wenn er am Abend nach Hause kommt. „Ich war etwas spazieren, habe gelesen, mich mit einer netten Frau unterhalten“. ‚Und darauf bist du jetzt stolz?‘ fragte die Vernunft. Enttäuscht von mir, dass ich es schon wieder geschafft hatte mich schlecht zu fühlen und zugleich wütend, dass ich so streng zu mir war legte ich meinen Bleikörper wieder auf das weiche Sofa. Kein schmunzeln, kein Drama. Ich ballte meine Faust. Ganz allein fragte ich mich: wo keine Kraft ist, ist da ein Sinn?

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u/sonntagnachmittags — 4 days ago

Dokumentation

Mein Verleger will etwas Neues.
Das Problem ist, dass mir einfach nichts einfällt. Ich habe das Gefühl, alles, was ich mir ausdenken könnte, ist austauschbar und schon tausendmal dagewesen.

„Ihr letztes Buch liegt nun schon eine ganze Weile zurück. Sie brauchen etwas Neues.“

Der hat doch keine Ahnung, wie es ist, wenn man sich mit künstlerischen Ergüssen über Wasser hält. Egal, denke ich mir, knalle die Tür meines Dacia Logan zu und gehe auf die Eingangstür meines kleinen Hauses zu. Es ist fast so heruntergekommen wie ich. Wenn noch mehr Ziegel vom Dach stürzen, stürze ich mich irgendwann hinterher.

„Verdammt, wo ist das scheiß Teil“, fluche ich vor mich hin, während ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel wühle. Ich grabe mich vorbei an einer Schachtel Pal Mal Blau, einem kleinen schwarzen Feuerzeug, Rechnungen vom Mittagessen aus der Backabteilung des Großmarktes gegenüber und ein paar Taschentuchresten, weil ich sie mal wieder vor dem Waschen nicht herausgenommen habe.

Schließlich finde ich den kleinen goldenen Schlüssel, dessen Lack sich bereits ablöst, auf dem Grund meiner persönlichen Fundgrube und stecke ihn ins Schloss. Die Tür müsste dringend geölt werden.

Ich werfe meine Sachen in die Ecke und setze mich an meinen Arbeitstisch, der gleichzeitig als Esstisch dient. Der Laptop ist seit ein paar Wochen kaputt, also wird es ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber, ein Werbegeschenk von irgendeinem Stand. Ich klicke den Stift rein und raus und hoffe, dass mir eine Idee kommt.

Na gut. Bestimmt kommt mir eine Idee beim Schreiben. Ich fange einfach an.

Der Mann kommt nach Hause. Er setzt sich in seinen Sessel und macht den Fernseher an. Er ist ein gelangweilter Mensch. Seinen Sinn hat er irgendwo zwischen der ersten Scheidung und dem letzten Bier verloren. Man könnte fast glauben, dass er beim nächsten Gang in den Baumarkt ein Seil mit einer Mindestlänge von 2,65 Metern kaufen will. Aber gerade sitzt er in seinem Sessel, also machen Sie sich keine Sorgen. So schnell steht er nicht wieder auf. Höchstens, wenn sich die kleine Blase im unteren Bauchraum über seiner Prostata mit genug Flüssigkeit gefüllt hat, deren Ethanolgehalt höher ist als der des Biers in der Mittagspause, sodass selbst für ihn das Sitzen nicht mehr entspannt möglich ist.

Das Programm ermüdet ihn. Mal sehen, was der gute Mann so schaut.

Oh. Wer hätte damit gerechnet.
Eine Dokumentation.

Ein Sprecher mit monotoner, aber dennoch beruhigender Stimme redet parallel zu Bildern einer Wüste.

„Wir sind mit unserem Team nun seit einigen Tagen in der Sahara. Der Mann ist bereits seit längerer Zeit unterwegs.“

Man sieht einen Mann, der durch die Wüste läuft.

„Die ersten Konsequenzen der direkten Sonneneinstrahlung machen sich bemerkbar. Durch die Bewegung produziert er mehr Wärme, als er an seine Umgebung abgeben kann. Das zeigt, dass der Körper die gleißende Hitze noch aushält, aber er ist bereits an seinem Limit. Von außen betrachtet scheint es, als würde er stärker schwitzen, doch auch das wird bald aufhören. Seine Körpertemperatur dürfte inzwischen bei über vierzig Grad liegen. Um weiter schwitzen zu können, bräuchte er Wasser. Dieses fehlt ihm jedoch, weshalb die Schweißproduktion bereits zum Erliegen gekommen ist.“

Der Mann bleibt stehen. Er dreht sich um. Er läuft einfach wieder zurück.

Der Sprecher fährt ebenso monoton fort:

„Aufgrund der aktuellen Bilder können wir davon ausgehen, dass er sich nun in einer zerebralen Hyperthermie befindet. Das bedeutet, sein Gehirn beginnt zu versagen. Die Folge sind Fehlurteile oder Halluzinationen. Vielleicht sieht er seine kleine Tochter. Oder seine tote Frau.“

Was ist das eigentlich für eine Sendung?

„Nun können wir beobachten, wie seine Organe langsam versagen. Zunächst die Nieren, später das Herz. Der Körper verliert seine innere Ordnung. Sollte er sich jetzt verletzen, würde sein Blut nur verzögert gerinnen, während Eiweiße im Inneren unkontrolliert gerinnen. Auch das größte Organ meldet sich nun: die Haut. Sie ist gerötet und geschwollen, da Flüssigkeit aus dem Gewebe austritt. Der Mann hat jetzt die stärksten Schmerzen, doch bald wird nur noch Taubheit bleiben. Es bilden sich Blasen, gefüllt mit Flüssigkeit, die aus ihm heraus will. Der Mann kocht von innen.“

Der Sprecher macht eine kurze Pause.

„Das Gute für ihn: Er spürt es nicht mehr so stark, wie wir es sehen können. Seine Nerven sind bereits zu sehr beschädigt.“

Der Mann in der Wüste setzt sich auf den kochenden Sand. Sein Kopf hängt regungslos nach unten.

„Wer an der Hitze stirbt, kämpft nicht“, sagt der Sprecher. „Man gibt irgendwann einfach auf, weil man nicht mehr kann.“

Das ist ein Gleichnis, nicht wahr, liebe Leser?

Plötzlich ändert sich der Tonfall.

„Haha! Leute, ihr wollt doch nicht so sterben? Dann kommt zu Solprodfun! Hier gibt es alles rund um Sonne und Spaß! Die neueste Sonnencreme, unglaubliche Sonnenbrillen und Urlaubsreisen für die ganze Familie. Also kommen Sie zu Solprodfun, denn hier hört die Sonne nie auf zu scheinen. Jetzt neu: unser Solarium für den Sonnenkick ohne Urlaub!“

Der Mann im Sessel ist aufgestanden und stapft mit müden Beinen Richtung Toilette.

Wir verbleiben noch kurz im Wohnzimmer, wo bereits die nächste Werbung läuft.

Was für eine Scheiße habe ich da bitte verfasst.
Wenn ich das meinem Verlag schicke, bringen die mich um, bevor ich es selbst mache.

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u/loosert_loose_3403 — 7 days ago

Ich arbeite Vollzeit und versuche nachts etwas Eigenes aufzubauen

Ich arbeite Vollzeit, mache nebenbei meinen Techniker und versuche nachts etwas Eigenes aufzubauen.

Keine perfekte Firma.

Keine Investoren.

Keine Ahnung, ob es funktioniert.

Nur Geschichten, Ideen und die Hoffnung, irgendwann sagen zu können:

„Ich habe wenigstens versucht, etwas Eigenes zu erschaffen.“

Deshalb habe ich angefangen zu schreiben

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u/BlessedFamily777 — 9 days ago