u/loosert_loose_3403

Fleisch

Hallo.
Herzlich willkommen zur späten Stunde.
Wir haben Steak, Würste, Spieße, Schnitzel und andere Gaben der Natur.
Man stellte uns das Fleisch bereit. Wir mussten gar nichts machen.
Was da Leckeres im Schmaus wohnt.
Spiralen, die mein Hirn zerfressen.
Ich bin nur ein Zwischenwirt.
Nicht mal dafür bin ich brauchbar.

FRISS

Ich liege in meinem Bett.
Fiebrig drückst du meinen Körper zusammen.
Ich liebe es, wie du mein Fleisch nimmst, wie ich das von anderen nahm.

„Der Parasit sitzt in ihrem präfrontalen Kortex. Da können wir nichts machen. Zu gefährlich.“
„Frisst mich aber. Er und entscheidet für mich!“
„Er entscheidet sich, zum Arzt zu gehen?“
„Er zwingt mich zu Dingen. Schlimme Dinge!“

Ich laufe über den Gehweg, der aus kalten, großen Platten aus Beton gebaut ist. Links steht er, und rechts von mir ist ein anderer.

DORT

Ich gehe dorthin. Ich trete in eine Gasse, bei der die Wände mir näher sind als meine eigene Kleidung.

NIMM

In der Gasse liegt ein Mann.
Er hat unter sich zwei große Zeitungen ausgebreitet. Neben ihm steht ein Einkaufswagen, in dem Bier liegt.

NIMM

Ich gehe auf ihn zu und nehme ihn mir.
Er zwingt mich zu schrecklichen Sachen.
Ungekochtes Fleisch schmeckt wie eine saftige Eisenstange.

„Haben Sie nicht irgendwelche Medikamente? Oder reißen Sie mir das Ding einfach aus meinem Schädel heraus.“
„Nein.“

DU SCHMECKST SO GUT

Er drückt mich fiebrig in mein Bett. Er wird mich fressen, bis mein letzter Gedanke aus meinem Kopf entweicht.

Ich war die Spitze der Nahrungskette. Nun bin ich das brechende Glied.
Was wohl passiert, wenn die Spiralen in meinem Kopf nichts mehr in meinem Kopf haben.

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u/loosert_loose_3403 — 1 day ago

Dokumentation

Mein Verleger will etwas Neues.
Das Problem ist, dass mir einfach nichts einfällt. Ich habe das Gefühl, alles, was ich mir ausdenken könnte, ist austauschbar und schon tausendmal dagewesen.

„Ihr letztes Buch liegt nun schon eine ganze Weile zurück. Sie brauchen etwas Neues.“

Der hat doch keine Ahnung, wie es ist, wenn man sich mit künstlerischen Ergüssen über Wasser hält. Egal, denke ich mir, knalle die Tür meines Dacia Logan zu und gehe auf die Eingangstür meines kleinen Hauses zu. Es ist fast so heruntergekommen wie ich. Wenn noch mehr Ziegel vom Dach stürzen, stürze ich mich irgendwann hinterher.

„Verdammt, wo ist das scheiß Teil“, fluche ich vor mich hin, während ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel wühle. Ich grabe mich vorbei an einer Schachtel Pal Mal Blau, einem kleinen schwarzen Feuerzeug, Rechnungen vom Mittagessen aus der Backabteilung des Großmarktes gegenüber und ein paar Taschentuchresten, weil ich sie mal wieder vor dem Waschen nicht herausgenommen habe.

Schließlich finde ich den kleinen goldenen Schlüssel, dessen Lack sich bereits ablöst, auf dem Grund meiner persönlichen Fundgrube und stecke ihn ins Schloss. Die Tür müsste dringend geölt werden.

Ich werfe meine Sachen in die Ecke und setze mich an meinen Arbeitstisch, der gleichzeitig als Esstisch dient. Der Laptop ist seit ein paar Wochen kaputt, also wird es ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber, ein Werbegeschenk von irgendeinem Stand. Ich klicke den Stift rein und raus und hoffe, dass mir eine Idee kommt.

Na gut. Bestimmt kommt mir eine Idee beim Schreiben. Ich fange einfach an.

Der Mann kommt nach Hause. Er setzt sich in seinen Sessel und macht den Fernseher an. Er ist ein gelangweilter Mensch. Seinen Sinn hat er irgendwo zwischen der ersten Scheidung und dem letzten Bier verloren. Man könnte fast glauben, dass er beim nächsten Gang in den Baumarkt ein Seil mit einer Mindestlänge von 2,65 Metern kaufen will. Aber gerade sitzt er in seinem Sessel, also machen Sie sich keine Sorgen. So schnell steht er nicht wieder auf. Höchstens, wenn sich die kleine Blase im unteren Bauchraum über seiner Prostata mit genug Flüssigkeit gefüllt hat, deren Ethanolgehalt höher ist als der des Biers in der Mittagspause, sodass selbst für ihn das Sitzen nicht mehr entspannt möglich ist.

Das Programm ermüdet ihn. Mal sehen, was der gute Mann so schaut.

Oh. Wer hätte damit gerechnet.
Eine Dokumentation.

Ein Sprecher mit monotoner, aber dennoch beruhigender Stimme redet parallel zu Bildern einer Wüste.

„Wir sind mit unserem Team nun seit einigen Tagen in der Sahara. Der Mann ist bereits seit längerer Zeit unterwegs.“

Man sieht einen Mann, der durch die Wüste läuft.

„Die ersten Konsequenzen der direkten Sonneneinstrahlung machen sich bemerkbar. Durch die Bewegung produziert er mehr Wärme, als er an seine Umgebung abgeben kann. Das zeigt, dass der Körper die gleißende Hitze noch aushält, aber er ist bereits an seinem Limit. Von außen betrachtet scheint es, als würde er stärker schwitzen, doch auch das wird bald aufhören. Seine Körpertemperatur dürfte inzwischen bei über vierzig Grad liegen. Um weiter schwitzen zu können, bräuchte er Wasser. Dieses fehlt ihm jedoch, weshalb die Schweißproduktion bereits zum Erliegen gekommen ist.“

Der Mann bleibt stehen. Er dreht sich um. Er läuft einfach wieder zurück.

Der Sprecher fährt ebenso monoton fort:

„Aufgrund der aktuellen Bilder können wir davon ausgehen, dass er sich nun in einer zerebralen Hyperthermie befindet. Das bedeutet, sein Gehirn beginnt zu versagen. Die Folge sind Fehlurteile oder Halluzinationen. Vielleicht sieht er seine kleine Tochter. Oder seine tote Frau.“

Was ist das eigentlich für eine Sendung?

„Nun können wir beobachten, wie seine Organe langsam versagen. Zunächst die Nieren, später das Herz. Der Körper verliert seine innere Ordnung. Sollte er sich jetzt verletzen, würde sein Blut nur verzögert gerinnen, während Eiweiße im Inneren unkontrolliert gerinnen. Auch das größte Organ meldet sich nun: die Haut. Sie ist gerötet und geschwollen, da Flüssigkeit aus dem Gewebe austritt. Der Mann hat jetzt die stärksten Schmerzen, doch bald wird nur noch Taubheit bleiben. Es bilden sich Blasen, gefüllt mit Flüssigkeit, die aus ihm heraus will. Der Mann kocht von innen.“

Der Sprecher macht eine kurze Pause.

„Das Gute für ihn: Er spürt es nicht mehr so stark, wie wir es sehen können. Seine Nerven sind bereits zu sehr beschädigt.“

Der Mann in der Wüste setzt sich auf den kochenden Sand. Sein Kopf hängt regungslos nach unten.

„Wer an der Hitze stirbt, kämpft nicht“, sagt der Sprecher. „Man gibt irgendwann einfach auf, weil man nicht mehr kann.“

Das ist ein Gleichnis, nicht wahr, liebe Leser?

Plötzlich ändert sich der Tonfall.

„Haha! Leute, ihr wollt doch nicht so sterben? Dann kommt zu Solprodfun! Hier gibt es alles rund um Sonne und Spaß! Die neueste Sonnencreme, unglaubliche Sonnenbrillen und Urlaubsreisen für die ganze Familie. Also kommen Sie zu Solprodfun, denn hier hört die Sonne nie auf zu scheinen. Jetzt neu: unser Solarium für den Sonnenkick ohne Urlaub!“

Der Mann im Sessel ist aufgestanden und stapft mit müden Beinen Richtung Toilette.

Wir verbleiben noch kurz im Wohnzimmer, wo bereits die nächste Werbung läuft.

Was für eine Scheiße habe ich da bitte verfasst.
Wenn ich das meinem Verlag schicke, bringen die mich um, bevor ich es selbst mache.

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u/loosert_loose_3403 — 8 days ago

Der Mann im 13. Stock

„Ich springe, ich werde es tun!“ oder „Es ist alles vorbei!“ So etwas hätte der Mann, der da im 13. Stock in der Nachmittagssonne stand, sagen können. Doch er stand nur still da.
Ich überlegte kurz. Wann hatte ich ihn das erste Mal gesehen? Ich glaube, es war Dienstag – oder doch Mittwoch? Quatsch! Mittwochs ging ich früher von der Arbeit, weil ich einen Termin beim Arzt hatte. Wozu, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, es war irgendwas wegen Kopfschmerzen oder Schlafmangel. Verdammt, mein Gedächtnis!
Ich tippte bedeutungslose Symbole in einen bedeutungslosen Computer, und wie sich die Morgensonne über den Häuserkomplex schob und sich im Bildschirm dieses bedeutungslosen Computers spiegelte, so reflektierte sich auch die Gestalt des Mannes auf dem Dach.
Ich schaute ihn an, wie er da stand. Er sah aus wie ein recht normaler Mann. Er hatte normale Klamotten an, und sein Gesicht war vergessenswert normal. Ich schätzte seine Größe auf 1,81 Meter, aber wegen der Entfernung ließ sich das schwer sagen. Er bewegte sich nicht. Nicht vor und nicht zurück. Er sprang nicht, und er ging nicht wieder runter. Er stand da.
Ich fragte mich, was er wohl dachte. Vielleicht daran, wie er springt. Zumindest dachte ich daran. Er stand schon seit Wochen da oben, und jeden Tag aufs Neue konnte ich ihn durch meine bodentiefe Fensterfront sehen. Mittlerweile beachtete ich ihn nicht mehr so stark, aber ich sah trotzdem immer nach, ob er sich nicht doch bewegte.
Heute! Heute beschloss ich bei meinem rituellen Morgenkaffee – den ich auf jeden Fall brauchte, um es bis zum nächsten Kaffee nach dem Mittag zu schaffen –, dass ich zu dem Mann gehen würde.
In meiner Mittagspause ging ich also über die Straße, die wie immer voller war als sonst, und trat in das Gebäude ein. Die klimatisierte Luft strömte mir entgegen, und ich erkannte sofort, dass die Klimaanlage von einer anderen Marke war als unsere. Ich ging zum Fahrstuhl, der wie in unserem Gebäude nicht funktionstüchtig war. Ich brauchte ohnehin etwas Bewegung, also war der Gang durch das Treppenhaus auch nicht schlecht.
Als ich nach schier endlosen Stufen oben ankam, mit Schweißperlen auf der Stirn, hatte ich ein Gefühl im Bauch wie damals, wenn ich mit einer schlechten Note nach Hause kam. Mit schwitziger Handfläche drückte ich den Türgriff nach unten.

Das Erste, was ich erblicke, ist der grelle Schein der Sonne, der mich beinahe erblinden lässt.
Als sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, schaue ich mich auf dem Dach um, aber an dem Fleck, an dem der Mann gestanden hat, ist er nicht. Genau genommen steht er auch nicht an einem anderen Fleck. Er ist verschwunden.
Ich blinzle verwundert und trete nach vorne an den Rand des Daches. Ich blicke auf die Straße, die so voll ist wie immer. Mein Blick schweift weiter über den Asphalt, bis ich beim Würstchenstand an der Kreuzung angelangt bin. Mein Blick gleitet nun wieder zurück, und bei den ganzen Menschen, die dort unten wie Ameisen über den Fußweg rennen, wird mir mit einem Mal ganz heiß.
Stünde ich jetzt nicht hier, wäre ich einer von ihnen. Immer strebend, immer jagend, doch ich stehe hier. Manchmal muss ich einfach die Perspektive wechseln, um mich selbst zu sehen. Mein Leben. Mein Wille. Alles steht in mir selbst gebündelt, im 13. Stock.
Ich wende mich zu meinem Bürogebäude mit der glänzenden Glasfront. Dort gehe ich zur Arbeit. Jeden Tag gehe ich dort zur Arbeit und lasse mich von meinen eigenen Entscheidungen quälen. Ich blicke in mein Büro. Ein langweiliger Ort. Das Einzige, was diesen Ort lebendig macht, sind ein paar Pflanzen in den Ecken, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie echt sind.
Ich kann die Kaffeemaschine sehen und schmecke den schimmeligen Geschmack des Kaffees, wenn sich kein Kollege verantwortlich fühlt, sie zu säubern. Ich sehe den Drucker, der dort länger arbeitet als alle Kollegen in Summe, und ich höre, wie er mein Original frisst, das ich für meine nächste Abrechnung brauche.
Und da, mein Schreibtisch. Ich sehe einen Mann, wie er unbedeutende Symbole in einen unbedeutenden Computer tippt. Er sieht gelangweilt und gequält aus. Er sieht vergessenswert normal aus.
Ich stocke. Habe ich wieder nicht geschlafen? Mir wird kalt. Der Wind hier oben schneidet durch meine Haut, und durch meine Glieder fahren Schreie der Angst. Der Mann schaut zu mir auf. Er sieht müde aus. Er schaut mich bloß an mit seinen eingefallenen Augen.
Ich frage mich, was ich hier eigentlich mache und was dieser Mann denkt. Vielleicht fragt er sich auch, was ich hier mache. Verdammt, diese Kopfschmerzen. Das grelle Licht tut echt nicht gut. Ich muss morgen mal zum Arzt, mittwochs ist der einzige Tag, an dem er erst spät schließt, dann frage ich ihn auch gleich, ob er mir etwas gegen Schlafmangel verschreibt.

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u/loosert_loose_3403 — 16 days ago