Zwischenbilanz mit 49 - das Leben war gar nicht mal so schön bisher. Ob es das mit ü50 noch wird?!
Gibt keine Kurzfassung, sorry.
Hallo zusammen. Ich (w) bin jetzt 49 Jahre alt und schätze mal, dass das, was ich gerade erlebe, so eine Art Mid Life Crisis ist. Mit 49 bin ich damit verdammt spät dran, aber ich war mit allem spät dran…
In meinen frühen Zwanzigern wurde mein Leben komplett aus der Spur gekickt durch Gewalt, die ich erlebt habe, und ein Ereignis, das mein Leben in zwei Teile geteilt hat. Einen davor und einen danach. Der davor war in Ordnung. Der danach ist einfach… traurig. Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich habe lange Zeit einfach ums Überleben gekämpft und leide heute auch noch jeden Tag unter den Folgen. Immerhin hat die Therapie mich soweit gebracht, dass ich immer super funktioniert habe und mein Leben echt gut bewältigen konnte. Mit 30 war ich an dem Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, ich kann nochmal starten, und habe mich für ein Studium eingeschrieben, nachdem die ersten beiden Anläufe aus Gründen nicht geklappt haben. Und dann wurde ich schwanger, stand mit 33 mit Kleinkind allein da und bin Jahrelang auf der Armutsgrenze herumbalanciert. Im Master wurde es dann besser, da habe ich dann mehr dazuverdient, und sobald es möglich war, habe ich immer Vollzeit gearbeitet und nebenher noch eine Doktorarbeit mit magna cum laude abgeschlossen. Jetzt ist mein Kind groß und ich kann voller stolz sagen: das hätte besser nicht laufen können. Ich bin eigentlich komplett fassungslos, was für einen gut geratenen jungen Menschen ich da vor mir habe. Und ich habe fast meinen Traumjob – die einzige Einschränkung ist, dass ich fast nur remote arbeite.
Das klingt jetzt wie die mega Erfolgsgeschichte. Tatsächlich geht es mir hundeelend.
Ich habe in all den Jahren natürlich stark priorisieren müssen. Und meine Prioritäten waren immer, dass ich funktioniere, meinem Kind immer zur Seite stehe und meine Arbeit. Kleine Randnotiz, ich bin auch erst seit zwei Jahren in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis. Es war wirklich ein Kampf.
Mein soziales Leben hat in der Zeit extrem gelitten. Ich war noch nie ein Mensch, der sich gut in soziale Gruppen einfügt, das überfordert mich irgendwie und ich habe kein Gespür für Menschen. Ich bin sehr schüchtern und überkompensiere das mit ner unfassbar großen Klappe. Ich bin neurodivergent und habe eine unfassbare Angst vor Zurückweisung, weswegen ich schon gar nicht wirklich auf Leute zugehe. Das lustige ist, irgendwie scheine ich auf viele Leute eine Ausstrahlung zu haben, dass sie zu mir kommen wollen. Ich wirke nach außen, sehr stark, sehr selbstbewusst. Innerlich könnte ich allerdings die ganze Zeit weinen. Ich war nie so eine 100-prozentige Außenseiterin, weil ich denke ich auch ganz gute Skills hatte und immer gewusst habe, an wen ich mich wenden kann – aber ich war halt ein nerd Girl, schon in der Schule. Ich kann irgendwie mit den meisten Menschen und deren Interessen nicht so wahnsinnig viel anfangen. Aber ich versuch’s und ein bisschen was anfangen kann ich auf jeden Fall damit! Aber halt die Leute nicht viel mit mir, außer die, die auf Leute stehen, die wahnsinnig gut reden können.
Letztes Jahr ist auch noch der letzte lebende Elternteil von mir gestorben und nun bin ich am kämpfen, das ganze organisatorisch abzuwickeln. Ich war viele Jahre die einzige emotionale Ansprechpartnerin für meine Mutter nach dem Tod meines Vaters vor 20 Jahren, und sie hat mich mit meinem Kind sehr unterstützt, was aus meiner Sicht nicht unbedingt die beste Konstellation ist, aber so war es eben. Nach ihrem Tod ist für mich eine wichtige Ansprechpartnerin weg, aber gleichzeitig spüre ich eben auch, wie viele Freiheitsgrade ich zurück gewinne.
Aber ich fühle mich wie im freien Fall. Ich kann es nicht richtig beschreiben. Meine komplette Herkunftsfamilie ist weg, und das einzige, was ich an Familie habe, ist nicht da, um mir halt zu geben, sondern um in die Welt zu ziehen – und das ist auch gut so und eine wunderschöne Erfahrung für mich als Mutter. Aber ich bleibe komplett auf der Strecke gerade.
Ich hab natürlich auch immer wieder mal Dates gehabt, und scheinbar gelingt es mir immer noch, die Aufmerksamkeit von Männern zu erhalten und scheinbar bin ich auch begehrenswert, aber es kommt halt außer Sex oder kurze „Beziehungen“ nie etwas dabei herum, was mir irgendwie etwas gibt. Ich brauche ja auch niemanden, der sich um mich kümmert und meinen Kram für mich regelt. Und so Dinge wie Familiengründung sind in meinem Alter natürlich auch kein Thema mehr. Ich hab mich auch schon drauf eingestellt, dass ich irgendwann mal alleine sterbe, aber davor liegen jetzt hoffentlich noch 30 oder 40 Jahre. Und die müssen halt auch irgendwie gelebt werden. Und die Vorstellung, nie irgendeine schöne Beziehung gehabt zu haben, tut mir auch sehr weh.
Ich habe schon Freunde, so ist es nicht. Und die wenigen sind mir auch sehr nahe – allerdings haben wir im Alltag fast gar keinen Kontakt, sondern nur, wenn wir uns sehen, so alle 6-8 Wochen. In Krisensituationen weiß ich aber immer, wenn ich anrufen kann, da habe ich dann auf jeden Fall praktische Unterstützung.
Ich habe nicht wirklich viele Hobbys, weil ich jahrelang nicht mal Zeit hatte, über sowas nachzudenken. Ich versuche, regelmäßig Krafttraining im Studio zu machen, das tut mir gut und zieht mich auch psychisch hoch, wenn ich mich in meinem Körper gut fühle. Das mache ich auch, damit ich überhaupt aus der Wohnung komme. Dadurch, dass ich abgesehen von Dienstreisen, die mal öfter, mal seltener stattfinden, im Home-Office arbeite, muss ich mir wirklich Gründe suchen, die Wohnung zu verlassen.
Ich bin auch nicht mehr so richtig drin im Ausgehen, ich liebe zwar Musik und die (Metal-)Musikszene und gehe auch gerne auf Konzerte (natürlich auch wieder allein…), aber zum Beispiel in einen Club würde ich mich nicht mehr trauen. Obwohl es mir glaube ich sehr gut täte, einfach unter anderen Leuten zu sein, die gerade dieselbe Musik hören und dazu vielleicht tanzen oder irgendwas, aber ich käme mir da mit meinen fast 50 und auch noch ohne „eigene“ Leute dabei vor wie ein Freak.
Momentan bin ich ziemlich down, und meine Bilanz sieht so aus: ich werde alt, ich werde nicht hübscher und dadurch sowieso unattraktiver und für die Gesellschaft weniger wert, ich kann mich eigentlich gleich vergraben gehen. Soziale Aktivitäten in Gruppen stressen mich und gleichzeitig sehne ich mich nach nichts mehr, als nach Anschluss.
Wie soll das weitergehen? Noch 20 Jahre Home-Office, jeden Tag drum kämpfen müssen, überhaupt irgendeinen zwischenmenschlichen Kontakt mit einem erwachsenen Menschen außerhalb des beruflichen Kontexts und vielleicht noch an der Theke beim Bäcker zu haben?
Natürlich habe ich schon drüber nachgedacht, den Job zu wechseln, aber dann sind meine anderen Probleme auch noch nicht gelöst. Und dieser Job ist halt abgesehen von der konkreten Arbeitssituation einfach genau das, wofür ich alles hingeschmissen und noch mal von vorne angefangen habe. Mein Beruf ist der einzige Lebensbereich, in dem alles immer ohne Probleme funktioniert hat, wo ich mich kompetent und meinen Aufgaben gewachsen fühle. Ich mag auch meine Kolleginnen und Kollegen, es gibt keinen Grund, dort wegzugehen (der Vollständigkeit halber: momentan unterfordern mich meine Projekte, beziehungsweise sind meine Aufgaben nicht auf meine Kompetenzen zugeschnitten, aber das ist vorübergehend. kein Problem) – außer vielleicht der identische Job an einem anderen Ort in der Nähe, aber das gibt es eben nun mal nicht.
Ich versuche, ein bisschen nach vorne zu denken, wenn zum Beispiel mein Sohn auszieht, dann kann ich mir in seinem Zimmer ein schöneres Arbeitszimmer machen und irgendwas neu anfangen – aber was mich total fertig macht, ist, dass ich das Gefühl habe, ich habe zehn Jahre meines Lebens durch Trauma und Krisen verloren, und auf einmal stehe ich da und bin alt und mein Leben ist vorbei und ich hab *für mich selbst* nichts auf die Kette bekommen. Außer halt einen Scheiß Doktortitel.
Und nun steh ich da – jeder sieht eine halbwegs attraktive, intelligente, leistungsfähige, starke Frau und Tatsache ist, dass es mir überhaupt nicht gut geht, dass ich mich einsam fühle und leer und auch überhaupt keine Ahnung habe, was ich mit meinem restlichen Leben machen soll. Für mich sieht es momentan aus, als könnte ich jetzt einfach nur noch Zeit absitzen. Und das schlimme ist: ich bin nicht mal lebensmüde oder auch nur ansatzweise „su****al“ - im Gegenteil: ich liebe das Leben und erfahre die Dinge auf unserer Welt so unfassbar gerne…. Ich warte immer noch darauf, dass mein Leben richtig losgeht, und gleichzeitig sehe ich, dass die Richtung eine andere ist.
Ich würde mich so gerne irgendwo ein bisschen engagieren, ein bisschen mit Leben, Musik, Kreativität, gern auch jungen Menschen zu tun haben – kompletter Gegensatz zu meinem Job. Aber ich kann zum Beispiel nicht garantieren, feste irgendwo ehrenamtlich zu arbeiten, weil dafür häufige Dienstreisen und sehr dynamisches Tagesgeschäft nicht die beste Ausgangsbasis sind. Und durch meine „Sollbruchstellen“ durch Trauma und ND fühle ich mich unter Menschen immer sehr verwundbar, weil man mir irgendwann auch anmerkt, dass ich in manchen Dingen eingeschränkt bin. Am schlimmsten ist bei mir das Thema Schlaf, Nächte sind für mich leider schon lange kein „sicherer Ort“ mehr - folglich habe ich massive Schlafstörungen, von denen früher oder später auch mein Umfeld mitbekommt. Ich habe Angst, dass das Bild, das Menschen von mir haben, sehr schnell bröckelt, wenn sie erfahren, wie beschädigt ich bin und wie schwer mir vieles fällt.
Ich denke im Moment noch über eine späte Traumatherapie nach, aber auch damit ist nicht alles gelöst. Und darum geht es mir hier auch nicht.
Ich muss einfach irgendwo hin mit diesem Gefühl, und vielleicht gibt es ja Menschen, die schon mal in einer ähnlichen Situation waren und einfach etwas berichten können, das Mut macht. Mehr brauche ich gar nicht. Ein bisschen Mut, ein bisschen Hoffnung. Ich seh gerade alles schwarz, aber vielleicht sehe ich auch manches zu schwarz. hat jemand bisschen Licht für mich?