
Ein Jahr und 29.000+ km mit VW ID.4 Pro
Hallo zusammen, ich möchte gerne meine Erfahrungen mit dem VW ID.4 Pro mit APP550-Motor und 286 PS mit euch teilen. Heute ist ziemlich genau ein Jahr vergangen, seitdem ich auf E-Mobilität umgestiegen bin.
Ich habe den VW damals bei einem Händler in Oberfranken gekauft. Sehr entspanntes Team, ich durfte verschiedene Modelle probefahren. Ich habe lange zwischen dem ID.3 und dem ID.4 gehadert. Zuvor schied im meinem Auswahlverfahren noch das Tesla Model 3 Highland aus, da die Versicherungskosten dafür recht grottig waren (1850 € Vollkasko vs 1300 € Vollkasko beim ID.4) und die Assistenzsysteme im Vergleich zu VW unerwartet schlechter waren, der Innenraum hat mir aber beim Tesla besser gefallen. Am besten hat mir schließlich ein ID.4 Jahreswagen aus dem Januar 2025 gefallen. An besonderer Ausstattung waren unter anderem Travel Assist, IQ.LIGHT, HUD und das Soundsystem von Harman Kardon dabei.
Mein erster Eindruck war: Boah, VW kann schon Autos bauen. Es knarzt nichts, alles wirkt stimmig und das Auto fährt sich sehr gut. Auch das Raumgefühl ist toll. Damit kommen wir aber direkt zu einem Minuspunkt: Was hat sich VW bei der Materialwahl gedacht? Obwohl alles perfekt sitzt, passen Klavierlackoptik und Plastikfeeling für mich nicht zur ansonsten guten Verarbeitungsqualität. Ich habe direkt passende Abdeckungen mit Fake-Alcantara gekauft, um die Flächen in Klavierlackoptik zu verdecken. Das macht den Innenraum für mich um einiges angenehmer. Andere Hersteller bekommen die Materialwahl aber besser hin.
Ich fahre monatlich zwischen 2.000 und 3.000 km. Ungefähr 60 % davon verbringe ich auf der Autobahn, der Rest sind überwiegend gut ausgebaute Landstraßen. Ich wohne ländlich und habe eine ordentliche PV-Anlage. Ein- bis zweimal im Monat stehen längere Fahrten mit jeweils rund 400 km pro Richtung an. Oft sind meine Frau und zwei Teenies dabei.
Ich fahre auch jetzt nicht besonders „taktisch“, sondern eigentlich genauso wie früher mit dem Benziner. Ist die Bahn frei, gebe ich durchaus Strom, auch mal bis maximal 180 km/h. Ansonsten schwimme ich eher defensiv mit. Zugegeben: Meistens stecke ich sowieso in dichtem Autobahnverkehr auf drei Spuren und komme kaum über 130 km/h hinaus.
Nach einem Jahr stehen jetzt gut 29.200 km auf dem Tacho, bei einem Durchschnittsverbrauch von 18,3 kWh/100 km. Damit bin ich voll happy.
Travel Assist ist für mich ab jetzt ein absolutes Muss, auch bei künftigen Autos. Er funktioniert meistens sehr souverän und vorhersehbar. Natürlich nicht perfekt: Manchmal übernimmt er eine falsche Geschwindigkeitsbegrenzung, wobei ich oft nachvollziehen kann, woher der Fehler kommt.
Bei mir gibt es zum Beispiel eine Stelle auf der Autobahn mit einer LED-Dot-Matrix-Wechselverkehrsanzeige, die sich bei Bedarf ein- und ausschaltet. Offenbar erkennt die Kamera selbst im ausgeschalteten Zustand noch das Muster einer 80-km/h-Begrenzung. Das hat mich technisch irgendwie beeindruckt, auch wenn die erkannte Begrenzung natürlich völlig falsch ist.
Was ich angenehm finde: Travel Assist lässt sich sehr leicht übersteuern, und der Wagen kämpft dabei nicht gegen mich. Auf besonders engen und kurvigen Landstraßen benutze ich ihn allerdings lieber nicht.
Die kapazitive Handerkennung am Lenkrad ist toll, wenn sie funktioniert – und das tut sie bei mir in etwa 95 % der Fälle. Eine Hand entspannt auf der Vier- oder Acht-Uhr-Position reicht, ohne dass man ständig am Lenkrad wackeln muss, damit der Assistent merkt, dass man noch da ist. In den übrigen Fällen, etwa wenn meine Hände sehr trocken sind, wird das System mit Vibrationen und roten Warnanzeigen allerdings ziemlich penetrant.
Vor den Touch-Bedienflächen am Lenkrad hatte ich anfangs ebenfalls etwas Bedenken. Da dachte ich: Damit muss ich dann wohl leben. Tatsächlich habe ich mich aber gut daran gewöhnt. Gerade die Wischgesten für Geschwindigkeit, Lautstärke oder die Bedienung der Playlist schätze ich inzwischen sehr.
Die Ladegeschwindigkeit ist jetzt nicht State of the Art, reicht mir aber völlig. Von 20 auf 80 % brauche ich nach meiner bisherigen Erfahrung maximal rund 30 Minuten. Das langt!
Der ID.4 ist schon ein Klopper, hat dafür aber einen recht kleinen Wendekreis. Ohne Rückfahrkamera würde ich ihn trotzdem nicht kaufen. Meiner hat eine, und die erleichtert das Parken enorm. Insgesamt fährt er sich richtig toll und liegt sehr sicher auf der Straße, fast wie auf Schienen.
Bei der Verarbeitung bleibt mein Eindruck: top. Bei der Materialwahl leider eher: Flop.
Was mir anfangs nicht so gefallen hat, waren die einzelnen Armlehnen. Ich bin eigentlich eher ein Fan von dicken Mittelkonsolen mit breiten Ablageflächen. Mit der Zeit habe ich diese Armlehnen à la VW-Bus aber lieb gewonnen. Vor allem ist dadurch in der Mittelkonsole ordentlich Platz: Zwei Kaffee-Thermobecher und eine Flasche Wasser passen locker rein.
Eine kleine Enttäuschung ist für mich die VW-Software. Grundsätzlich funktioniert sie gut, und das Navi ist weitaus besser, als ich erwartet hatte. Es arbeitet sehr gut mit dem Auto zusammen, weshalb ich es inzwischen sogar lieber nutze als die Navigation über CarPlay.
Die Oberfläche wirkt allerdings ziemlich altbacken, und auch bei den Einstellmöglichkeiten wäre mehr drin. Auf Updates wartet man vergeblich, sie werden auch nicht kommen. Da spielt Tesla zum Beispiel in einer ganz anderen Liga.
Gerade beim Navi verstehe ich nicht, warum das Ganze so altbacken aussehen muss. Dazu kommen teilweise wirklich schlechte oder veraltete POI-Daten: Bei uns um die Ecke wird eine Sparkasse angezeigt, die seit etwa zehn Jahren geschlossen ist. Eine Heilpraktikerin(?! eigentlich total irrelevant) ist an einer Adresse eingetragen, an der sie gar nicht sitzt, während die wichtige Hausarztpraxis fehlt. Routenführung und Stauprognosen sind dafür zumindest bei mir sehr zuverlässig.
Auch die Ladeplanung ist so ein Thema. Direkt im Auto eine Route mit meinen bevorzugten Ladeanbietern zu planen, finde ich eine Zumutung beziehungsweise bekomme ich es dort gar nicht so hin, wie ich möchte. In der VW-App klappt das deutlich besser, weil ich dort meine Ladeanbieter auswählen kann.
Ich plane längere Strecken deshalb inzwischen auf dem Handy direkt in der VW-App und schicke die Route anschließend ans Auto. Das wird dann bei mir anstandslos übernommen, inklusive der Akku-Vorkonditionierung vor dem Ladestopp.
Ich bin ein großer Fan des Autos. Einen besseren Einstieg in die E-Mobilität hätte ich mir kaum vorstellen können, und meine Familie fährt jedes Mal gerne mit.
Ich sehe an dem Auto, warum VW einen guten Ruf beim Autobauen hat. Gleichzeitig gibt es Entscheidungen, die ich überhaupt nicht nachvollziehen kann – gerade bei der Materialwahl und der Software. Ich hoffe sehr, dass VW insbesondere bei der Software noch aufholt.
Und noch etwas zum Schluss: Vor dem Umstieg haben mich Laden, Verbrauch und Reichweite enorm beschäftigt, eigentlich fast die ganze Zeit. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht, wie das im Vergleich zum Benziner im Alltag funktionieren soll. Am Ende war es für mich so wenig ein Thema, dass mir erst jetzt am Ende des Textes einfällt, überhaupt etwas dazu zu schreiben.
Die Ladeinfrastruktur in Deutschland finde ich nach meinen bisherigen Erfahrungen top, den Abodschungel eher flop. Meine frühere Sorge, irgendwo mit leerem Akku liegen zu bleiben, hat sich im Alltag jedenfalls nicht bestätigt.