Schließen sich Karriere und Gleichberechtigung aus?
Wenn ich beobachte, wer in meinem Umfeld besonders schnell aufsteigt, dann sind das häufig Menschen, die entweder keine Kinder haben oder deren Partner den Großteil an Erziehung/Haushalt übernimmt. Grund scheint mir zu sein, dass Karriere eben nicht nur (aber auch) von Kompetenz abhängt, sondern von hoher Flexibilität und der Bereitschaft zur informellen Mehrarbeit ("positiver Arbeitszeitbetrug"): Menschen arbeiten offiziell 100 %, tatsächlich aber deutlich mehr (abends, am WE, im Urlaub).
Mir erscheint das nur logisch: Mehr Zeitinvestition und höhere Flexibilität führen zu mehr Output, besserer Abstimmung und höhere Qualität. Gleichzeitig entstehen dadurch aber Nachteile für Personen, die zeitlich weniger flexibel sind. Etwa weil zwei Partner Kinderbetreuung und sonstige Care-Arbeit tatsächlich gleichmäßig aufteilen. Dadurch stellt sich für mich die Frage, ob gleichberechtigte Partnerschaftsmodelle in kompetitiven Karrieresystemen strukturell im Nachteil sind.
Im privaten Kreis wurde ich schon darauf verwiesen, dass sich ungleiche Rollenverteilungen oft schon früh entwickeln, meist bevor konkrete Beförderungen anstehen. Für mich spricht das allerdings nicht gegen den Zusammenhang, weil spätere Karrierepfade und Erwartungen an Verfügbarkeit ja ebenfalls früh antizipiert werden. Die Rollenverteilung entsteht dann möglicherweise schon im Vorfeld unter dem Eindruck späterer Karriereanforderungen.
Sofern in gleichberechtigten Partnerschaften beide Karriere machen, sehe ich wiederum folgende Muster:
- Eher kinderlose Paare oder die Großmutter übernimmt.
- Späte Elternschaft, also nach den entscheidenden Karrierephasen.
- Eher hochgebildete Paare in stark nachgefragten Branchen, wo Konkurrenz weniger wird.
- Eher mittlere Karrierepfade.
Mich interessiert deshalb, wie belastbar die Annahme ist, dass sich Karriereanforderungen und gleichmäßige Care-Arbeit langfristig problemlos miteinander vereinbaren lassen. Oder machen wir uns da gesellschaftlich etwas vor?