Überfordert mit einfach allem
Hallo!
tldr: ich habe viele miteinander zusammenhängende Probleme, besonders Überforderung mit Alltag und Zukunft, starkes Aufschieben, Perfektionismus, keinerlei Selbstwirksamkeit und starke Emotionen, vor allem Versagensängste und Sorgen, gerade im Bezug darauf meine Probleme anzugehen/Hilfe zu suchen. So kann es nicht weitergehen, aber ich verdränge mein Problem und rede es klein.
Sollte ich mir professionelle Hilfe suchen?
Wie kann man sein eigenes Problem anerkennen und ins Handeln kommen, wenn man eh nicht daran glaubt, Verbesserungen schaffen zu können?
Habt ihr Tipps für die Teilprobleme?
Meint ihr es könnte ADHS sein? (Traue mich nicht, diese Vermutung ernstzunehmen/Impostersyndrom)
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Ich bin 25 und Studentin. Auf dem Papier ist mein Leben in Ordnung, aber mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass ich schon lange sehr überfordert und unglücklich bin und leide, und dass es so nicht weitergehen kann. Leider finde ich es sehr schwer, zu beschreiben, was genau mein Problem ist. Wenn es mir sehr schlecht geht, bin ich zu überfordert zum Formulieren. Wenn es mir aber gerade gut geht, denke ich, dass ich mich ab jetzt einfach zusammenreiße und das Problem dann nicht mehr existiert. Es fühlt sich an wie ganz viele Probleme, die alle miteinander zusammenhängen. Ich denke, ich war schon immer "so", aber konnte es irgendwie kompensieren, aber das wird langsam unmöglich. Jedenfalls habe ich leider auch große Angst, mir Hilfe zu suchen und möchte das Problem am liebsten weiter verdrängen. Und ich habe auch gute Phasen, wo ich mir denke, dass mein Problem überhaupt nicht real ist. Ich schäme mich auch, weil ich denke, es sollte mir mit meinen Lebensumständen eigentlich gut gehen bzw. diese Probleme sollten eigentlich machbar sein.
Ich schreibe einfach mal ein paar Sachen dazu auf und hoffe, dass es nicht allzu wirr ist. Ich vertraue mir leider selbst nicht genug um zu wissen, ob das alles ist, bzw. ich glaube nicht, mein eigenes Problem wirklich gut beschreiben zu können.
1-Massives Gefühl der Überforderung, zB
- Routinen einhalten (regelmäßig essen, rausgehen, Hygiene, Haushalt)
- Organisatorisches (Masterarbeitsplatz suchen, meine Versicherung regeln, Pünktlichkeit)
- soziale Situationen (Leute kennenlernen, Gruppenarbeit an der Uni, mich mal wieder melden, einfach normales Gespräch führen)
- Mehrschrittige Sachen wie Kochen/Backen
- Studium (trotz eigentlich guter Noten und nicht so schwerer Inhalte, aber halt Aufgabenbearbeitung, Hinsetzen-und-Lernen, Orga). Ich sehe nicht, wie ich jemals eine Masterarbeit schreiben und in meinem gewählten Beruf (oder üebrhaupt irgendeinem) arbeiten soll. Davor waren es die Bachelorarbeit und Hausarbeiten, weshalb sich der Bachelor auch echt gezogen hat. In Praktika etc hatte ich immer Spaß und auch soweit gute Rückmeldungen.
Ich vermeide diese Sachen teilweise, auch wenn sie mir Spaß machen, zB würde ich gern zumindest ab und zu was kochen außer Nudeln.
2-Selbstbild/Glaubenssätze/fehlende Selbstwirksamkeit
Ich habe ein sehr schlechtes Bild von mir selbst und vor allem denke ich, ich kann gar keine Ziele erreichen oder irgendwie ernsthaft mein Leben beeinflussen. Also keine Selbstwirksamkeit. Ich denke mir zB:
- "Ich bin seltsam und kann nie "normal" werden"
- "Ich werde nie auch nur halbwegs zufrieden mit meinem Leben sein"
- "ich werde enden wie Verwandte" (in Arbeitslosigkeit, Messie-Haus, Süchte, extreme Bildschirmzeiten)
- "Ich bin nicht krank/brauche psychologische Hilfe, sondern einfach eine grundsätzliche faule Versagerin"
- "Selbst wenn ich es irgendwie schaffe, mir Hilfe zu suchen, werde ich es nicht schaffen, sie auch zu nutzen (gelernte Strategien umsetzen, üben, ggf weitere Angebote suchen)"
- "Ich kann mich nie wirklich ändern oder auch nur kleine Verbesserungen "durchziehen".
- "Ich bin eine schlechte Freundin/Partnerin/Verwandte..."
- "Ich habe keine guten Eigenschaften und kann gar nichts gut" (außer rumheulen und negativ denken natürlich)
- "all meine Erfolge waren Zufall, Glück, nur wegen Hilfe oder weil eh nichts erwartet wurde"
- "niemand mag mich wirklich und ich bin nur eine Last"
3-Aufschieben
Schon immer erledige ich Sachen auf den letzten Drücker und brauche oft Druck von außen. Deshalb hat mein Studium ewig gedauert (hatte in Regelstudienzeit alles belegt und Klausuren und Mündliche gut bestanden, aber die Hausarbeiten aufgeschoben). Auch im Haushalt und im Privatleben bleiben die meisten Sachen lange liegen oder werden nur erledigt, damit meine WG mich nicht rausschmeißt.
Ich schiebe auch Sachen auf, auf die ich mich freue, zB Hobbys nachgehen oder zu einem Treffen mit Freunden aufbrechen.
Seit ca. 2 Jahren habe ich öfter mal Phasen, in denen ich wirklich alles aufschiebe, auch Essen und Trinken etc, und mich zB mit einer Serie, Doomscrolling, aber auch Lesen ablenke, ohne daraus irgendwelche Freude zu ziehen. Ich versuche damit die Realtität komplett zu verdrängen. Dabei fühle ich mich besonders schlecht, gestresst, wie eine Versagerin und machtlos, schlafe extrem schlecht und ziehe mich auch extrem sozial zurück aus Scham. Ich nenne das "ins Loch fallen", weil es sich wirklich so unmöglich anfühlt, da wieder rauszukommen.
4-Antriebslosigkeit/Energielosigkeit
Mein Leben strengt mich aktuell sehr an, und ich bin oft müde und demotiviert und komme gefühlt nur mit Koffein und Zucker durch den Tag. Manchmal brauche ich das plus laute energiereiche Musik und durch Aufschieben erreichten Zeitdruck, um überhaupt ins Arbeiten zu kommen, gerade bei der Bachelorarbeit. Es wurde vor kurzem ein Vitaminmangel bei mir festgestellt, vielleicht liegts auch (teilweise?) daran, aber vielleicht ist das auch Wunschdenken.
5-Perfektionismus
Ich bin nie wirklich zufrieden und möchte alles "ordentlich" machen. Dann bin ich oft überwältigt und es erscheint mir sinnlos, zB ein Teilziel zu erreichen. Ich bin auch zB unzufrieden, wenn ich es nur 1x schaffe, etwas Sinnvolles/Schönes zu machen, anstattt es mir anzugewöhnen, das regelmäßig zu tun. (zB: Ich möchte mich eigentlich mehr Sport machen, aber wenn ich es dann zB wegen Hitze nicht mache, ist der Plan für mich gescheitert und ich bin demotiviert, nach der Hitze wieder anzufangen). Unter anderem deshalb brauche ich auch sehr viel Zeit und Energie für eigentlich jede Aufgabe.
6-Emotionales
Allgemein habe ich sehr starke Gefühle und kann sie nicht so gut regulieren bzw muss sie immer ausdrücken. Ich erlebe alles als emotional bedeutsam. Ich bin in letzter Zeit sehr schnell traurig, teils auch genervt/gereizt (kann auch am Vitaminmangel liegen). Ich habe schon immer eine schlechte Frustrationstoleranz, bin sehr selbstkritisch und weine viel. Ganz schwierig ist Kritik oder wenn ich einen Fehler mache, etwas vergesse oder jemanden störe. Teils bin ich auch "zu fröhlich" und überdreht und unruhig.
7-Ängste und Sorgen
empfinde ich oft und stark, siehe Punkt davor. Über die allgemeinen beschissenen Zukunftsaussichten, aber auch zB:
- andere zu enttäuschen (auch zB dass sie keinen Spaß bei einem Treffen haben, weshalb ich es gar nicht erst vorschlage)
- einen Fehler zu machen, der Probleme nach sich zieht und anderen Arbeit macht
- zu scheitern (eigentlich auf alles bezogen)
- eine Belastung zu sein,
- nicht gemocht zu werden/einsam zu sein/soziale Beziehungen zu verlieren
- nie mein Leben "auf die Reihe zu bekommen" (Studium und Beruf, Sozialleben, Haushalt und Selbstfürsorge).
- Auch größtenteils irrationale Alltagssachen (ein Seminar nicht bestehen, vergessen den Herd auszumachen, einen Autounfall zu bauen...)
Meine Ängste und Sorgen lähmen mich und halten mich davon ab, Dinge zu tun und auszuprobieren, sowie mein Problem anzuerkennen und mir Hilfe zu suchen.
Das waren so die Hauptpunkte, denke ich. Ach ja, Ordnung halten fällt mir schwer. Und ich komme überhaupt nicht mit Social Media klar. Wenn ich mir Insta runterlade, schau ich 12h am Stück Reels, bis ich diese Drecksapp wieder deinstalliere.
Ich habe ein wenig die Vermutung, dass ich ADHS haben könnte (wegen all dem, weil ich unruhig und hibbelig bin, weil mich schon bestimmt 6 Bekannte mit dieser Diagnose darauf angesprochen haben und zugegeben auch weil ich mich in den ganzen Posts zum Thema wiedererkenne.) Gleichzeitig habe ich Angst, dass ich damit nur mein Versagen rechtfertigen möchte bzw "dem Trend folge", Aufmerksamkeit suche (lol) oder eine nicht existente "einfache Erklärung" für meine Überforderung suche.
Aktuell würde ich auch behaupten, ich habe eine depressive Symtomatik, aber ich bin mir sicher, dass dies nicht der Kern oder die Ursache des Problems ist. Ich habe Angst, wenn ich zB zum Arzt gehe und mich irgendwie durch unser kaputtgespartes und überlastetes Kacksystem kämpfen kann, dass dann (wenn überhaupt) nur an diesem gearbeitet wird und dass das eigentlich nichts verbessern würde.
Ich habe große Angst, nicht ernstgenommen zu werden, oder dass mir gesagt wird, ich übertreibe und meine Probleme liegen an meiner fehlenden Disziplin. Oder, dass ich mit etwas ganz anderem und noch stärker stigmatisierterem diagnostiziert werde. Ich weiß deshalb und aus Angst vor beruflichen Folgen noch nicht sicher, ob ich medizinische Hilfe möchte bzw. mich das traue.
All das fühlt sich an wie ein einziger gordischer Knoten, oder als ob ich herausgefunden hätte, dass mein Haus auf einem aktiven Vulkan mit unterschiedlichen verbundenen Magmakammern steht (sorry wenn das Bild keinen Sinn macht, bin kein Erdkundeprofi). Heimlich wünsche ich mir, dass sich jemand dessen annimmt und mir ganz genau sagt, was zu tun ist, denn ich fühle mich nicht in der Lage, mich selbst darum zu kümmern und Sachen zu versuchen.
Sollte ich mich irgendwie aufraffen und mir professionelle Hilfe suchen? Und wenn ja, sollte ich meine Vermutungen was es sein könnte äußern? Habt ihr Tipps, wie man mit irgendeinem dieser Punkte besser zurechtkommt? Oder wie man sich auch wirklich eingesteht, dass seine Probleme real sind wenn man nun mal darunter leidet?
Ich versuche schon, meinen Lieben davon zu erzählen und irgendwie meine Gedanken zu Papier zu bringen, aber das bringt mich noch nicht ins Handeln. Ich hab auch noch nicht wirklich akzeptiert, dass ich dringend eine Veränderung brauche. Nach dem Reden/Schreiben geht es mir oft temporär beser und ich denke ach, ab jetzt wird das schon alles irgendwie, aber das ist Verdrängung und Wunschdenken und die schlechten Gefühle kommen noch stärker zurück.
Danke fürs Lesen dieser halben Bibel