Als Bruder versagt
Throwaway.. ich brauche mal ein paar ehrliche Meinungen zu meiner Familie und wie ich mit Schuldgefühlen umgehen soll.
Ich habe insgesamt drei Geschwister, darunter Zwillingsschwestern. Schon seit der Schwangerschaft bzw. seit ihrer Geburt wurde eine der beiden von unseren Eltern deutlich schlechter behandelt als die andere. Unsere Eltern wollten eigentlich nur noch ein Kind und nicht plötzlich zwei. So wurde eine Schwester immer mehr gelobt, bekam mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung, während die andere oft vernachlässigt oder kritisiert wurde.
Das hat unsere ganze Familiendynamik geprägt. Es ging irgendwie immer nur darum, wer mehr Aufmerksamkeit oder Anerkennung von unseren Eltern bekommt. Wirklich eng oder emotional verbunden waren wir als Familie eigentlich nie. Nur so untereinander zwischen mir und meinem Bruder und Vater. Zwischen den Schwestern untereinander war es auch nicht besonders warm, weil unsere Mutter die andere Schwester immer vorgezogen hat.
Meine Schwester hat darunter extrem gelitten. In der Schule wurde sie gemobbt und sie hat mir das damals sogar anvertraut. Aber ich habe ehrlich gesagt nichts getan. Ich habe ihr einfach gesagt, sie solle es ignorieren. Damals dachte ich nur: Was soll ich denn machen? Ich war schon aus der Schule raus und wollte mich nicht einmischen. Heute schäme ich mich extrem dafür, weil ich sie komplett im Stich gelassen habe.
Ihre Schulzeit war dadurch schwierig, ihre Noten wurden schlechter und zuhause wurde dann natürlich wieder verglichen, weil die andere Schwester bessere Leistungen hatte.
Es gab später noch eine andere Situation, in der sie mir erzählt hat, dass ein Mann aus unserem erweiterten Bekannten-/Familienkreis sie bedrängt bzw. belästigt hat. Unser Vater hat ihr damals nicht wirklich geglaubt und meinte eher, sie würde übertreiben oder dramatisieren. Ich habe ihr damals leider auch nicht richtig beigestanden. Erst später kam raus, dass dieser Mann wohl auch andere Frauen belästigt hat und ihre Geschichte wahrscheinlich die Wahrheit war.
Bis zum Abitur hat sie es wegen Depressionen nicht geschafft und war dann teilweise in einer Jugendpsychiatrie. Damals bin ich dann auch schon fürs Studium weggezogen und war damit beschäftigt. Dass sie sich dann langsam immer mehr von zuhause entfernt hat, habe ich dadurch gar nicht richtig mitbekommen.
Irgendwann ist sie weggezogen und hat den Kontakt zur ganzen Familie komplett abgebrochen. Seit mehreren Jahren gibt es praktisch keinen Kontakt mehr. Ich weiß durch etwas Suche nur ungefähr, wo sie vielleicht lebt.
Das Ganze belastet mich inzwischen extrem. Vor allem, weil ich merke, wie oft ich hätte helfen oder wenigstens auf ihrer Seite stehen können und es nicht getan habe. Ich fühle mich ehrlich gesagt wie ein Versager als Bruder.
Ich werde bald heiraten und merke gerade, wie sehr ich mir wünsche, dass unsere Familie irgendwie wieder zusammenkommt oder zumindest Frieden möglich wäre. Gleichzeitig weiß ich aber nicht, ob ich überhaupt das Recht habe, nach all den Jahren wieder Kontakt aufzunehmen.
Ich weiß ehrlich nicht, wie man damit umgeht, wenn man Jahre später merkt, dass man jemanden im Stich gelassen hat, der eigentlich Unterstützung gebraucht hätte.
Ein Teil von mir würde ihr gerne schreiben und einfach ehrlich sagen, dass es mir leid tut und dass ich vieles heute anders sehe. Aber gleichzeitig habe ich Angst, dass das am Ende nur egoistisch wäre und eher meinem eigenen Gewissen hilft als ihr. Was würdet ihr tun?