Warum regt sich in AT eigentlich niemand darüber auf, dass wir eines der investorenunfreundlichsten Steuersysteme in der EU haben?
Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum darüber so wenig diskutiert wird.
Kurzer Status quo: Österreich besteuert Kapitalgewinne mit 27,5 % KESt. Egal, ob du eine Aktie 1 Tag oder 30 Jahre hältst. Keine Behaltefrist, kein jährlicher Freibetrag, keine Teilfreistellung. Auch reine Inflationsgewinne werden voll besteuert. Bei thesaurierenden Fonds zahlst du via ausschüttungsgleiche Erträge auch noch jährlich Steuer auf nicht realisierte Erträge.
In anderen EU Ländern sieht dass deutlich anders aus:
Deutschland: 26,4 %, aber 1.000 € Freibetrag pro Jahr + 30 % Teilfreistellung auf Aktien-ETFs (effektiv ~18,5 %). Ab 2027 staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot.
UK: ISA – bis £20.000 pro Jahr komplett steuerfrei, kein Lifetime-Cap.
Frankreich: PEA – nach 5 Jahren keine Einkommenssteuer auf Gewinne, nur Sozialabgaben.
Schweden: ISK – Pauschalsteuer von effektiv ~1 % p.a. auf das Vermögen, dafür keine Steuer auf Gewinne.
Belgien: ab 2026 10 %, erste 10.000 € Gewinn pro Jahr steuerfrei.
Tschechien (direkt nebenan): 0 % nach 3 Jahren Haltedauer.
Slowakei, Luxemburg, Slowenien, Zypern: 0 % nach kurzer Haltefrist.
Schweiz: 0 % auf private Kapitalgewinne.
AT hatte bis 2011 eine 1-Jahres-Behaltefrist. Wurde abgeschafft.
Brunner wollte ein Vorsorgedepot mit 10-Jahres-Frist, aber das wurde von den Grünen blockierten. Jetzt blockiert die SPÖ. Das wird sich auch diese Legislaturperiode nicht änder.
Und jetzt der eigentliche Hammer: SPÖ-FinMin Marterbauer und Teile der Regierung diskutieren gleichzeitig Vermögenssteuer und Wiedereinführung der Erbschaftssteuer. Heißt: privates Investieren wird weder gefördert, noch bleibt es steuerlich neutral sondern SOLL NOCH UNATTRAKTIVER werden.
Dabei hätte es enormes Potenzial, um das staatliche und betriebliche Rentensystem zu ENTLASTEN.
Während Deutschland, Belgien und die meisten Nachbarn überlegen, wie sie mehr Bürger an den Kapitalmarkt bringen, geht Österreich in die exakt entgegengesetzte Richtung.
Ergebnis sieht man eh schon: nur ~25 % der Österreicher besitzen Wertpapiere. In Schweden und NL sind es deutlich über 50 %.
Die meisten verlassen sich komplett auf die staatliche Pension, die wegen Demografie real schrumpft. Zusätzlich holen sie sich 0,8% Festgeld bei der Erste, also star noch nen netto netto Kaufkraftverlust. :((
Meine ehrliche Frage: Warum regt das fast niemanden auf? Außer dem Aktienforum, Agenda Austria und ein paar Brokern hört man dazu praktisch nichts. Liegt’s an der niedrigen Aktionärsquote (kleine Lobby)? An der Finanzbildung? Daran, dass es nicht emotional genug ist, um zu mobilisieren? Oder am Mindset “Aktien = Casino für Reiche”, das politisch immer noch durchgeht?
Ich will ja privat für mich vorsorgen, dann LASS MICH DOCH AUCH.
TLDR: AT hat eines der investorenunfreundlichsten Steuersysteme der EU für Kleinanleger, kein Vorsorgedepot in Sicht, und mit Vermögens-/Erbschaftssteuer könnte es noch schlechter werden. Warum interessiert das so wenige?