Wie würdet ihr diese Situation als Deutsche einschätzen?
Zunächst möchte ich einige Dinge klarstellen, die für den Kontext wichtig sind. Ich bin 32 Jahre alt, komme aus dem Irak und habe einen hell- bis mittelbraunen Hautton. Ich spreche gut Deutsch und habe ein C1-Zertifikat. Außerdem spreche ich fließend Englisch. Ich bin Ärztin und habe vor etwa einem Monat angefangen, in einer psychiatrischen Klinik zu arbeiten. Außerdem trage ich kein kopftuch und bin Atheistin.
Es fällt mir leider schwer zu sagen, aber ungefähr 90 Prozent der rassistischen oder ausgrenzenden Erfahrungen, die ich bisher in Deutschland gemacht habe, kamen von anderen Menschen mit Migrationsgeschichte. Ich erwähne das nicht, um eine bestimmte Nationalität oder Gruppe zu beschuldigen, sondern weil es ein Teil meiner persönlichen Erfahrung ist.
In meiner Klinik arbeiten viele Ärztinnen und Ärzte mit internationalem Hintergrund, sowohl jüngere als auch ältere Kolleginnen und Kollegen. Sie kommen unter anderem aus der Ukraine, der Türkei, Syrien, Aserbaidschan, Russland, Rumänien und anderen Ländern. Die meisten Menschen dort sind allerdings freundlich und hilfsbereit, und ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich mich insgesamt nicht schlecht behandelt fühle.
Während meiner Einarbeitung wurde ich zunächst einem türkischen Assistenzarzt zugeteilt. Er sollte mir vor allem die klinischen Abläufe und das deutsche System zeigen, zum Beispiel das Schreiben von Arztbriefen für die Hausärztinnen und Hausärzte und die Dokumentation im digitalen System. Unsere Oberärztin hat uns beiden mehrmals ausdrücklich gesagt, dass dies meine Einarbeitungszeit ist und dass er für meine Einarbeitung mitverantwortlich ist.
Bereits am ersten Tag sagte er mir jedoch, ich solle mir ein anderes Zimmer suchen, weil dies sein Zimmer sei. Ich erklärte ihm, dass ich diesbezüglich bereits bei der Sekretärin nachgefragt hatte und dort die Information bekommen hatte, dass ich zunächst warten müsse. Trotzdem forderte er mich immer wieder auf, ein anderes Zimmer zu suchen. Das Thema kam über längere Zeit immer wieder auf, obwohl ich es bereits mit der zuständigen Sekretärin geklärt hatte.
Auch bei organisatorischen fragen. Wenn ich ihn etwas fragte, reagierte er teilweise sarkastisch, zum Beispiel mit Aussagen wie: „Das solltest du doch inzwischen wissen“, „Das habe ich dir doch schon gezeigt“ oder „Mir hat das auch niemand beigebracht.“ Ich habe dabei nicht erwartet, dass er mir alles abnimmt. Im Gegenteil: Ich habe sehr vieles selbstständig gelernt und mich bei anderen Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften und Psychologinnen und Psychologen informiert. Trotzdem war es für mich schwierig, weil er offiziell für meine Einarbeitung zuständig war.
Er war anschließend im Urlaub und sollte am vergangenen Montag wiederkommen. Danach hat er sich krankgemeldet und ist seit dem 17.09.2026 nicht mehr auf der Station gewesen. Es ist möglich, dass er am Montag wiederkommt.
Ein weiteres Beispiel ist vielleicht klein, aber für mich trotzdem auffällig. Wenn wir nach der Arbeit gemeinsam das Krankenhaus verlassen haben, sind wir gelegentlich in dieselbe Richtung gegangen. Mehrmals sagte er mir, ich solle in die andere Richtung gehen, z.B. weil die Bushaltestelle dort sei. Ich habe nie versucht, mit ihm privat befreundet zu sein oder eine persönliche Beziehung aufzubauen. Ich habe mich ihm gegenüber eigentlich nur kollegial und freundlich verhalten. Ich bin eher schüchtern und zurückhaltend und frage Kolleginnen und Kollegen normalerweise nicht nach privaten Dingen.
Es gibt außerdem eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten von der Station über meiner Station. Dort arbeiten unter anderem zwei Ärzte aus Aserbaidschan und eine Ärztin aus Russland. Manchmal habe ich mit ihnen in der Cafeteria Mittag gegessen, weil sie zu den Kolleginnen und Kollegen gehören, mit denen ich im Arbeitsalltag häufiger Kontakt habe.
Einer der aserbaidschanischen Kollegen ist beispielsweise sehr freundlich und hat mir sogar einiges über das Dokumentationsprogramm gezeigt. Als er an zwei Tagen nicht da war, saß ich wie gewohnt mit der russischen Kollegin beim Mittagessen. Dabei sagte sie unter anderem in einem für mich passiv-aggressiv wirkenden Ton: „Wo sind denn die anderen Araber? Warum setzt du dich nicht zu denen?“ Danach sagte sie, dass sie Menschen nicht möge und lieber alleine sitzen wolle.
Zuvor war ich auf Anweisung meiner Oberärztin zu ihr gegangen, weil ich Fragen zu Arztbriefen und zum Computerprogramm hatte. Sie sagte damals, dass sie es nicht möge, wenn jemand in ihr Zimmer komme. Ich habe mich dadurch ehrlich gesagt ziemlich unwohl und peinlich berührt gefühlt. Als wir später gemeinsam das Krankenhaus verließen, ließ sie mich ebenfalls einfach zurück. Am nächsten Tag saß sie dann mit dem anderen aserbaidschanischen Kollegen zusammen und ging später gemeinsam mit einer rumänischen Kollegin.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich selbst nie versucht habe, mich in eine Gruppe zu drängen oder mit diesen Kolleginnen und Kollegen privat befreundet zu sein. Ich habe keine persönlichen Fragen gestellt und niemanden zu einer Freundschaft gedrängt. Ich wollte lediglich ein normales, respektvolles und kollegiales Arbeitsverhältnis haben und während meiner Einarbeitung die Dinge lernen, die ich für meine Arbeit brauche.
Zum Glück sind viele andere Kolleginnen und Kollegen sehr freundlich zu mir, insbesondere die Psychologinnen und Psychologen. Mit ihnen verbringe ich häufig meine Mittagspausen, weil ich mich dort wohl und respektiert fühle. Außerdem kann ich mich mit ihnen auf Deutsch unterhalten, was mir hilft, meine sprachlichen Fähigkeiten weiter zu verbessern.
Deshalb möchte ich eigentlich keinen Konflikt verursachen. Ich bin selbst ein Mensch, der Konflikte möglichst vermeidet, und solche Situationen beschäftigen mich emotional. Gleichzeitig bin ich für diese Stelle extra in diese Stadt gezogen und habe gemeinsam mit meiner Katze eine Wohnung gemietet. Die Arbeitsstelle ist für mich also nicht einfach irgendein Job, den ich kurzfristig wechseln könnte.
Meine Frage ist deshalb, ob ich das Thema gegenüber dem Chefarzt oder einer anderen zuständigen Person vorsichtig ansprechen sollte. Ich möchte niemanden beschuldigen und auch keine unnötigen Probleme verursachen. Ich möchte lediglich sicherstellen, dass meine Einarbeitung funktioniert und dass ich mich an meinem Arbeitsplatz respektvoll und professionell behandelt fühle.