Bin ich weltfremd oder einfach nur gierig?
Hallöchen,
Ich arbeite aktuell auf N-1 Ebene (SVP-Level) im IT/Tech-Bereich bei einem internationalen Konzern ($5B–$10B Bewertung) in Deutschland und verantworte ein Team von etwa 100 Leuten. Ich bin Einwanderer und lebe/arbeite seit 15 Jahren hier.
Finanziell ist das Paket natürlich ein absoluter goldener Käfig, von dem man schwer wegkommt:
- Fixgehalt: 200.000 € brutto/Jahr (~16.700 € brutto / ~10.600 € netto im Monat)
- Jährlicher ESOP/VSOP-Bonus: Jedes Jahr ein zusätzlicher Equity-/Bonus-Grant zwischen 100 % und 200 % des Grundgehalts, der über 2 Jahre vestet.
Das Ding ist: Die Arbeitszeiten an sich sind gar nicht mein Problem. Offiziell arbeite ich arbeite konstant 45–50 Stunden pro Woche (hinzu kommen 5 bis 10 Stunden pro Woche für E-Mails, kurze Blicke auf den Posteingang, MS-Teams-Nachrichten usw). Früher habe ich das extrem gerne gemacht – als die Arbeit noch Sinn gestiftet hat und man das Gefühl hatte, für eine größere Sache wirklich etwas zu bewegen.
Mittlerweile ist der Arbeitsalltag aber nur noch mürbend:
- Dauerhafte Konzernpolitik: Endlose Machtspielchen, Reviersicherung und tägliche Grabenkämpfe zwischen Abteilungen.
- Wöchentlicher Rechtfertigungsdruck: Besonders getrieben durch den aktuellen KI-Hype muss ich Woche für Woche mein Budget, meine Headcounts, unsere Umsetzungsgeschwindigkeit und quasi die Existenz meines Teams verteidigen („Warum braucht ihr X Leute, wenn KI doch angeblich alles verdoppelt?“).
- Null Energie für echten Impact: Meine gesamte Kraft geht für Selbstverteidigung, interne Politik und Rechtfertigung drauf – statt dafür, wirklich etwas Sinnvolles aufzubauen.
Mein Ziel war eigentlich, eine andere C-1 / (S)VP-Rolle in Deutschland zu finden, die finanziell in einer ähnlichen Liga spielt, aber eine gesündere Kultur hat und in der man ohne dauerhafte Paranoia arbeiten kann.
Nach 15 Jahren in Deutschland fühlt sich das aber zunehmend wie die Suche nach einem Einhorn an:
- Deutsche und europäische Tech-Firmen zahlen dieses Gesamtpaket so gut wie nie.
- US-Tech-Firmen in Europa (früher der Go-To-Spot für hohe Gehälter und Flexibilität) ziehen die Daumenschrauben mit Stack Ranking, harten Metriken und Effizienzdruck immer fester an.
- Oder liegt es an mir? Vielleicht gibt es diese gesunden Executive-Rollen ja – aber ich bin in den richtigen Netzwerken nicht sichtbar genug oder schlicht nicht gut genug, um dafür gescoutet zu werden.
Ich verharre aktuell in meiner Position, bis sich was ergibt, fange aber an, an mir selbst zu zweifeln.
An alle Directors, (S)VPs oder C-1 Führungskräfte in Deutschland (besonders Fellow-Expats/Einwanderer): Ist es völlig weltfremd, eine gut bezahlte Führungsposition (~100 Leute) in Deutschland zu erwarten, die gleichzeitig erfüllend und politisch halbwegs gesund ist? Gibt es diese Rollen da draußen und mir fehlt bloß die Sichtbarkeit/das Netzwerk – oder ist der tägliche Polit-Irrsinn, der KI-Rechtfertigungsdruck und die ständige Reviersicherung bei 200k+ Fixum + ESOPs einfach das unausweichliche Schmerzensgeld?