Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist Fächer wie Elektrotechnik, Physik und Mathematik in Regelstudienzeit durchzujagen. Man braucht Zeit um Interessen und Intuition aufzubauen und das ist sehr wichtig für die Spezialisierung die man sich aussucht.
Zuerst: ja ich verstehe, dass manche wegen Bafög keine andere Wahl haben. Aber das soll kein Hauptgegenstand der Diskussion sein.
Kontext: ich studiere Elektrotechnik an einer TU und bin da nur etwas überdurchschnittlich, bin aber auch der einzige in meiner Familie der studiert und erfahre keinerlei Unterstützung.
Meine Erfahrung: viele meiner Kommilitonen studieren nicht in Regelstudienzeit und ich selber auch nicht. Ich bin auch durch Prüfungen durchgefallen oder habe ich mich abgemeldet. Jedoch habe ich mich im Folgejahr immer ein zweites Mal in die Vorlesungen gesetzt und nochmal den ganzen Zyklus mitgemacht. Das hat mir extrem geholfen eine sehr gute Intuition für die Fächer aufzubauen.
Im Gespräch mit Leuten in unteren Semestern ist mir aber dann aufgefallen, wie oft die Leute meinen, dass sie Prüfungen einfach nur bestanden (mal gut mal weniger gut) und keine Intuition für die Inhalte haben bis zu dem Punkt, dass ganze Vertiefungsrichtungen für sie nicht infrage kommen. Sie studieren aber in Regelstudienzeit. Selbst Leute mit wirklich sehr sehr guten Noten also wirklich die top 0,01% meinten zu mir sie hätten keine Ahnung von Themen, bei denen ich durch das zweite Mal besuchen der Vorlesung wirklich eine sehr gute Intuition habe, schlicht weil ich einfach deutlich mehr Zeit hatte. Und ich spreche hier von Grundlagen wie Regelungstechnik oder Festkörperphysik, das sind Grundlagen für ganze Spezialisierungen. Natürlich bedeutet das nicht, dass man nicht auch noch später Intuition dafür aufbauen kann, aber es ist dann anstrengender.
Ich bin an einem Punkt wo ich Leuten davon abraten würde, das Studium in Regelstudienzeit durchzujagen, wenn sie eine gute Intuition für die Inhalte haben wollen. Studieren ist mehr als von Prüfungsphase zu Prüfungsphase zu lernen. Verständnis und Interesse für die Inhalte sind mehr wert als möglichst viele bestandene Klausuren und gute Ergebnisse. Natürlich heisst das nicht Langzeitstudium, aber so ein bis zwei Semester mehr können einem enorm viel Luft geben.
Mir ist bewusst, dass jeder seine Prioritäten anders setzt, manche wollen schnell fertig sein und Karriere machen, nur habe ich bewusst angefangen, den Prozess über das Ergebnis zu priorisieren, und habe dadurch ein viel ausgeglicheneres Verhältnis zu mir und dem Studium entwickelt und will anderen diese Perspektive aufzeigen.
Trotzdem erkenne ich die sehr guten Leistungen meiner Kommilitonen an. Es ist eine enorme Leistung, so ein Studium in dieser kurzen Zeit mit guten Noten zu absolvieren.