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Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus, und die Staatliche Gründe für Schule
Ich habe Freerk Huiskens (der im Video) Buch "Erziehung im Kapitalismus" gelesen, und will nochmal wiedergeben, was der Staat sich von der Schule verspricht. Das mache ich in drei Abteilungen, nämlich:
- Selektionsfunktkion
- Volk- und Volksbildung
- Gute Gründe für den Staat
Kein Anspruch auf Vollständigkeit, habe es mit nur in einem anderen Kontext rausgeschrieben und wollte es noch teilen.
Nochmal kurz zu Freerk Huisken: Huisken ist ein ehemaliger und langjähriger Professor der Erziehungswissenschaften an der Uni Bremen, und ist nun primär Autor beim Gegenstandpunkt und vsa-Verlag.
- Abschnitt: Selektion
Schule hat das Ziel, Schüler:innen nach ihrer Leistung zu sortieren . Das ergibt sich aus den Erfordernissen des Arbeitsmarktes, der nun mal nur so und so viele hochqualifizierte und gut bezahlte Jobs zur Verfügung stellt, und deshalb nur einen gewissen Bedarf an Abiturient:innen und ergo Hochschulabgänger:innen hat. Der Rest muss sich eben mit Mindestlohnjobs zufriedengeben. Das Lehrpersonal ist dazu angehalten, eine Normalverteilung der Noten zu erreichen, sodass sowohl wenig gute und wenig schlechte Schüler:innen entstehen. Wenn es beispielsweise zu viele Gute Schüler:innen gibt, wird das Personal oder die Schule zurechtgewiesen. Hieran sieht man auch sehr schön, dass der Zweck nicht ist, Inhalte zu vermitteln. Dann wäre es ja niemals ein Problem, wenn es alle so gut verstanden hätten dass sie sich die 1 doch verdient haben! Oder eben so lange den Stoff durchzugehen bis ihn alle verstanden haben. Oder eben keine Prüfungen schreiben zu lassen für die man nur 2 Wochen Zeit hatte zu lernen, und den Stoff danach wieder vergessen darf usw. Daran sieht man , es ist gewollt da Schulverlierer zu produzieren, es gibt halt Bedarf an Leuten die nicht Jahrelang teure Schulbildung genossen haben und einen großen Bedarf an Niedriglohnjobs.
- Abschnitt Volkbildung und Volksbildung
Nun zur Bildung des Staatsbürgers. Die Schüler:in soll zu einem mündigen Teil der Gesellschaft erzogen werden, also zu einem Teil des Volkes. Dass dieses Volk auch erstmal gebildet und vom Staat geformt werden muss, und nicht einfach natürlich vorhanden ist, sollte klar sein, das sieht man ja ganz gut an Staatsgründungsprozessen, wie das Volk erstmal vom Staat definiert und homogenisiert werden muss(-te). Diese Homogenisierung und Formung des Staatsbürgerlichen Menschen, der den vom Staate definierten Eigenschaften XY zu entsprechen hat, ggf. eine bestimmte Religion oder Sprache oder spezifischen Normen zu entsprechen hat, all das ist der Staatliche Anspruch an die Schule. Hier bereitet der Staat die Schüler:Innen auf ihre geistige Identität als Glieder seines Volkskörpers vor. Sie dürfen und sollen lernen, dass ihre Zugehörigkeit zu diesem Sprach- und Kulturraum wichtiger ist als als ihre Zugehörigkeit zu einer Schicht oder Klasse, oder sonstiger Identitäten, wo sie sich zugehörig fühlen. Ihnen wird der Inhalt vermittelt, welcher ihnen abverlangt, sich überzeugt zu ihrer jeweiligen Nationalen Identität zu bekennen, welche der bürgerliche Nationalstaat dann mit seinen Gesetzen ganz praktisch ins Werk stellt. In modernen Nationalstaaten geschieht das logischerweise nicht mehr mit dem schnöden 20. Jahrhundert Nationalismus, sondern wie in Deutschland über Argumente wie der vermeintlichen Friedfertigkeit Deutschlands, seinem Verzicht auf Atomwaffen, seines gerechten Handels , seiner Erinnerungskultur, seinem Sozialwesen, der Freiheiten die es eingerichtet hat , die allg. Berufung auf westliche oder europäische Werte und und und. Dass diese Art der nationalistischen Volksbildung allgemein nicht als Nationalerziehung gilt, soll dabei nochmal besonders **für** Deutschland sprechen. Als Beisiel da nur kurz der Europa-Internationalismus, dem zufolge ja die Europäischen Völker ohne Hass und in Liebe zusammenrücken sollen, was natürlich nicht als deutsches Interesse an einer oder an **der** europäischen Führungsmacht gedeudet werden darf, sondern als Beweis gelten soll dass Deutschland endgültig aus seiner Geschichte gelernt hat, was natürlich dann für "uns" und "unser" Recht auf eine europäische Führungsposition spricht.
Der demokratische Staat von heute hat zudem ein Benutzungsinteresse an seinem Volk. Er
definiert dabei die Nützlichkeit umfassender und zugleich abstrakter als die Souveräne in vorbürgerlichen, zum Beispiel feudalen Gesellschaften. Da war es zum beispiel ja so, dass nur wenige gebildet waren, das Volk als Pöbel durfte mal als Kanonenfutter herhalten und mal als Abgabevieh, solange es nicht störte wurde es in Ruhe gelassen. Für gewisse militärische, klerikale oder bürokratische Sonderteile galt das natürlich nicht, die wurden dann aber auch gesondert gebildet.
Heute umfasst das Volk das gesamte Staatsvolk, mehr als nur formal. Das gesamte Volk soll das Volk des Staates sein, und damit auch für ihn da sein. Es gibt einen Anspruch des Staates auf den Bürger, auf seine gesellschaftsdienliche Benutzbarkeit! und das im allgemeinen, also vor jeder spezifischen Bestimmung dessen, was der Mensch dann mit seinem leben anfangen soll oder will.
Das wird dann auch mal eingefordert,wenn sich Teile des Volkes als nicht nützlich erweisen, also als nicht korrekt erzogen gelten. Dabei werden diese Teile dann im allgemeinen nicht abgesondert und ausgegrenzt, umgekehrt, es wird um poltischen und pädagogischen Korrekturbedarf gebeten.
Mit der ganzen Nationalerziehung will der Staat aber durchaus ein Bekenntnis **zu** ihm erreichen. Er will dass die angehenden Bürger sich mit ihm gleichsetzen, sich so richtig in seine Sorgen, Nöte und Pläne reindenken, natürlich abweichende Meinungen konstruktiv als Verbesserungsvorschlag einbringen, und letztendlich das persönliche Glück im Erfolg des Staates suchen.
Das Bekenntnis zu ihm soll natürlich keine bloße Deklamation sein, oder nur ein abstrakt-formales Bekenntnis zu einem Staatsideal sein. Das könnte ja aus Enttäuschung schnell ins Ungehorsam kippen. Das wäre zu riskant für das was der Staat sich unter einem vielseitig verwendbaren Staatsvolk vorstellt. Für effektiver wird eine Nationalerziehung erachtet, die von den **Systemwerten** ***überzeugen*** will und es der politischen Haltung des Einzelnen überantwortet, die Kluft zwischen den Vorstellungen von »Freiheit«, »Humanität«, »sozialem Miteinander« und, den ganzen Scherereien des Alltags durch positive Teilhabe und Mitverantwortung zu schließen. Kommen wir damit also fließend in meinen 3. Abschnitt: Gute Gründe für den Staat:
- Abschnitt: Gute Gründe für den Staat
Der Bürger im modernen Staat ist frei im doppelten Sinn, er ist frei über sich zu verfügen und (eben mehrheitlich) frei von den Mitteln zur Umsetzung seines Willens. Er ist also frei von einem unmittelbaren Zwang, welcher ihm jede Lebensentscheidung abnimmt, aber eben auch frei von den Mitteln zur Realisierung seines Interesses! Und gerade weil jedes Bedürfniss auf eben diese Schranken stößt, ist der freie Wille andauernd gezwungen sich zu entscheiden. Also gemeint ist hier ganz einfach die Abwägung der eigenen Interessen, weil die Mittel also zB. das zur Verfügung stehende Geld nun mal begrenzt sind. Deswegen soll man die Betätigung des freien Willens auch nicht gleichsetzen mit der erfolgreichen Realisierung von privaten Interessen. Zum Beispiel: Die regelmäßig sich einstellende Sortierung zwischen Erfolgreichen und Erfolglosen hat ihre Ursache nicht in fehlender Freiheit, oder ist ein Widerspruch zum freien Willen, sondern ist direkte Folge der gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen der Bürger ganz frei seine zumeist recht bescheidenen Wünsche zu erfüllen versucht.
Zurück zu den Entscheidungen: Für diese ist es dann aus Sicht des Staates nötig, gute Gründe zu kennen bzw. zu lernen. Gute Gründe sind dabei nicht einfach die Interessen des Bürgers, wie etwa genug zu Essen, ein bisschen Freizeit, ein Dach über dem Kopf oder ein sicheres Leben zu haben. Aus der Sicht des Staates bzw. der Erziehungsanstalten gilt nur **das** Interesse als gut begründet, welches den privaten Inhalt des Interesses am Maßstab des gesellschaftlich Erlaubten relativiert. Der angehende Staatsbürger muss wissen, was er darf, was sich aus welchen gründen gehört, und was nicht. Beispiele dieser demokratischen Denke sieht man sehr schön an den aktuellen Protestbewegungen, Gewerkschaftskämpfen, oder auch an den Forderungen der Schulstreikbewegung. Jedes noch so elementare Interesse, wie zum Beispiel das Interesse nicht in den Krieg und potentiellen Tod geschickt zu werden, muss sich konstruktiv am allgemeinen Maßstab beweisen und blamieren, um eine Gültigkeit zu haben.
Zusammenfassend:
Huisken argumentiert, dass der Zweck der Schule nicht einfach nur der ist für ne gute Bildung der Schüler:innen zu sorgen. Vielmehr ist einmal der funktionale Gehalt der Schule die Selektion für den Arbeitsmarkt, und der ideologische Gehalt die Erziehung und Formung eines Volkes, welches seinen modernen Ansprüchen und seinem Benutzungsinteresses genügt. Der Bürger soll so erzogen werden, dass er sich als Teil des jeweiligen nationalen Kollektivs sieht, und er soll dann eben mit guten Gründen für dieses ausgestattet worden sein. Er soll
seinen freien Willen mündig und konstruktiv für das staatliche und nationale Wohlergehen einsetzen.
Aus, paraphrasiert, ergänzt von: [Freerk Huisken. Erziehung im Kapitalismus](https://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/erziehung-im-kapitalismus-1/)
Die Revolution ist international oder sie ist nicht
Es gab schon eine ganze Reihe marxistischer und eine Handvoll anarchistischer Revolutionen, die alle mit großen Problemen zu kämpfen hatten; die meisten davon existieren heute nicht mehr. Einige wurden von Konterrevolutionen im Keim erstickt, z.B. in Mexiko, Spanien und Chile. Andere bestanden länger, hatten aber Probleme mit autoritären Strukturen und sind mittlerweile größtenteils niedergegangen. Rojava existiert trotz Embargo und Krieg weiter, hat aber dadurch Schwierigkeiten, die Wirtschaft antikapitalistisch umzustellen. Die Ausweitung der genossenschaftlichen Planwirtschaft und das Zurückdrängen des Kapitalismus stagniert seit Jahren.
Der erste Impuls der meisten Linken ist es jetzt, zu sagen, dass all das keine Probleme der postkapitalistischen Gesellschaft sind, sondern äußeren Faktoren, nämlich Krieg und konterrevolutionären Eingriffen aus dem kapitalistischen Ausland, geschuldet ist. Und das stimmt auch. Gleichzeitig ist es aber auch ein strategisches Problem dieser Revolutionen.
Dazu Friedrich Engels bereits 1847 in seinen "Grundlagen des Kommunismus":
"Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können? (...) Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. (...) Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein."
Ähnliches schreibt auch Marx in seiner "Kritik des Gothaer Programms" 1875.
Schon damals war die kapitalistische Wirtschaft international so stark vernetzt, dass eine isolierte Revolution in nur einem Land zum Scheitern verurteilt war. Das ist heute umso mehr der Fall, denn würde Deutschland sich wirtschaftlich vom Rest der Welt abschotten, hätte es mit einem Mal kein Öl und Benzin, kein Silicium oder seltene Erden für Computer, auch Halbleiter und Mikrochips, viele aus Indien und China importierte Medikamente - die Liste ließe sich endlos weiterführen.
Von den ökonomischen Gründen für den unausweichslichen internationalen Charakter einer sozialen Revolution, die dauerhaft erfolgreich sein soll (das heißt nicht, dass alle Revolutionen komplette Fehlschläge waren; dennoch existiert heute kein wirtschaftlich fortschrittliches, postkapitalistisches Land), abgesehen, gibt es auch einen essenziellen politischen Grund. Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass Marx mir in diesem Punkt zustimmt, sofern ich das folgende Zitat richtig auffasse:
"Die schwierige question für uns ist die: Auf dem Continent ist die Revolution imminent u. wird auch sofort einen socialistischen Character annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel nicht nothwendig gecrusht werden, da auf viel größrem Terrain das movement der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant ist?"
- Marx Brief an Engels vom 08.10.1858
Das Terrain, auf dem "die bürgerliche Gesellschaft noch ascendant ist", dürften Gebiete wie China, Japan, Australien und Kalifornien sein, die er im Satz davor als Beispiele nannte für Länder, durch deren Übergang zum Kapitalismus ein Weltmarkt entstanden war. Vielleicht waren auch sämtliche bürgerlichen Gebiete außerhalb (Kontinental-)Europas gemeint. So oder so: Marx wirft die Frage auf, ob das kapitalistische Ausland eine sozialistische Revolution ohne Weiteres hinnehmen würde. Die Geschichte zeigt uns: Nein. Nicht wenige Linke sind der Ansicht, dass viele Probleme, die realsozialistische Staaten hatten, ihre Ursache in der Tatsache hatten, dass sie eben nicht in der Mehrheit der fortgeschrittensten Staaten, sondern in stark "rückständigen" Ländern stattfanden. Um Reichtum gerecht zu verteilen, muss ein Land genug Reichtum erwirtschaften, was in einem Land wie der frühen Sowjetunion nicht möglich ist. Um die Entwicklung im Zeitraffer nachzuholen, waren Arbeitszwang und Autoritarismus notwendig, insbesondere als die erwarteten Revolutionen in Mitteleuropa ausblieben.
Wenn jede Revolution existenzielle Probleme mit dem kapitalistischen Ausland hat, dann muss die Revolution offenbar von genau diesen Ländern ausgehen, insbesondere von der Mehrheit der größten Volkswirtschaften wie den USA, China, Deutschland usw.
Was denkt Ihr? Seht Ihr das anders, stimmt Ihr zu, gibt es Ergänzungen?