Sind linke Parteien zum Scheitern verurteilt?
▲ 49 r/Dachschaden+3 crossposts

Sind linke Parteien zum Scheitern verurteilt?

Seit dem Bundesparteitag der PdL am letzten Wochenende ist die Kritik von Links größer geworden. Zu inkonsequent erscheint es vielen, dass Israels Vorgehen in Gaza jetzt offiziell als Genozid bezeichnet, dem israelischen Staat aber weiterhin ein bedingungsloses Existenzrecht eingeräumt wird. Auch Pantisanos Entschuldigung bei der CDU, nachdem er sie zuvor mit AfD und Faschist:innen auf eine Stufe stellte, fanden nicht wenige Linke zu zahm und undienlich im Kampf gegen den Faschismus, dabei rief Reichinnek vor nicht allzu langer Zeit noch inbrünstig "Auf die Barrikaden!" im Bundestag.

Nun ist das aber nur die aktuellste Entradikalisierung der PdL und es ist auch nicht nur diese eine Partei, sogar die Grünen waren, auch wenn das lange her ist, mal Teil der radikalen Linken (obwohl sie von Beginn an ein Sammelbecken war, in dem radikale und weniger radikale Linke auf Liberale und Rechte trafen, die aber in der Minderheit waren). Vom Niedergang der SPD brauche ich nicht anfangen und auch in anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus.

Worin seht Ihr die Gründe für dieses ja fast permanente Scheitern linker Parteien, ihre Radikalität dauerhaft zu erhalten und schließlich in Revolutionen münden zu lassen? Bis auf Allendes Wahlsieg in Chile 1970 fällt mir auf Anhieb kein Beispiel für eine wirklich erfolgreiche, wirklich linke Partei ein. Doch warum neigen linke Parteien so stark dazu, ihren Kurs zu verwässern, warum biedern sie sich früher oder später dem Establishment an und am wichtigsten: Was muss bei linken Parteien anders laufen, damit das künftig nicht mehr passiert?

u/Parallax_y — 8 days ago
▲ 46 r/Klimagerechtigkeit+5 crossposts

Die Revolution ist international oder sie ist nicht

Es gab schon eine ganze Reihe marxistischer und eine Handvoll anarchistischer Revolutionen, die alle mit großen Problemen zu kämpfen hatten; die meisten davon existieren heute nicht mehr. Einige wurden von Konterrevolutionen im Keim erstickt, z.B. in Mexiko, Spanien und Chile. Andere bestanden länger, hatten aber Probleme mit autoritären Strukturen und sind mittlerweile größtenteils niedergegangen. Rojava existiert trotz Embargo und Krieg weiter, hat aber dadurch Schwierigkeiten, die Wirtschaft antikapitalistisch umzustellen. Die Ausweitung der genossenschaftlichen Planwirtschaft und das Zurückdrängen des Kapitalismus stagniert seit Jahren.

Der erste Impuls der meisten Linken ist es jetzt, zu sagen, dass all das keine Probleme der postkapitalistischen Gesellschaft sind, sondern äußeren Faktoren, nämlich Krieg und konterrevolutionären Eingriffen aus dem kapitalistischen Ausland, geschuldet ist. Und das stimmt auch. Gleichzeitig ist es aber auch ein strategisches Problem dieser Revolutionen.

Dazu Friedrich Engels bereits 1847 in seinen "Grundlagen des Kommunismus":

"Wird diese Revolution in einem einzigen Lande allein vor sich gehen können? (...) Nein. Die große Industrie hat schon dadurch, dass sie den Weltmarkt geschaffen hat, alle Völker der Erde, und namentlich die zivilisierten, in eine solche Verbindung miteinander gebracht, dass jedes einzelne Volk davon abhängig ist, was bei einem andern geschieht. (...) Die kommunistische Revolution wird daher keine bloß nationale, sie wird eine in allen zivilisierten Ländern, d.h. wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland gleichzeitig vor sich gehende Revolution sein."

Ähnliches schreibt auch Marx in seiner "Kritik des Gothaer Programms" 1875.

Schon damals war die kapitalistische Wirtschaft international so stark vernetzt, dass eine isolierte Revolution in nur einem Land zum Scheitern verurteilt war. Das ist heute umso mehr der Fall, denn würde Deutschland sich wirtschaftlich vom Rest der Welt abschotten, hätte es mit einem Mal kein Öl und Benzin, kein Silicium oder seltene Erden für Computer, auch Halbleiter und Mikrochips, viele aus Indien und China importierte Medikamente - die Liste ließe sich endlos weiterführen.

Von den ökonomischen Gründen für den unausweichslichen internationalen Charakter einer sozialen Revolution, die dauerhaft erfolgreich sein soll (das heißt nicht, dass alle Revolutionen komplette Fehlschläge waren; dennoch existiert heute kein wirtschaftlich fortschrittliches, postkapitalistisches Land), abgesehen, gibt es auch einen essenziellen politischen Grund. Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass Marx mir in diesem Punkt zustimmt, sofern ich das folgende Zitat richtig auffasse:

"Die schwierige question für uns ist die: Auf dem Continent ist die Revolution imminent u. wird auch sofort einen socialistischen Character annehmen. Wird sie in diesem kleinen Winkel nicht nothwendig gecrusht werden, da auf viel größrem Terrain das movement der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant ist?"

- Marx Brief an Engels vom 08.10.1858

Das Terrain, auf dem "die bürgerliche Gesellschaft noch ascendant ist", dürften Gebiete wie China, Japan, Australien und Kalifornien sein, die er im Satz davor als Beispiele nannte für Länder, durch deren Übergang zum Kapitalismus ein Weltmarkt entstanden war. Vielleicht waren auch sämtliche bürgerlichen Gebiete außerhalb (Kontinental-)Europas gemeint. So oder so: Marx wirft die Frage auf, ob das kapitalistische Ausland eine sozialistische Revolution ohne Weiteres hinnehmen würde. Die Geschichte zeigt uns: Nein. Nicht wenige Linke sind der Ansicht, dass viele Probleme, die realsozialistische Staaten hatten, ihre Ursache in der Tatsache hatten, dass sie eben nicht in der Mehrheit der fortgeschrittensten Staaten, sondern in stark "rückständigen" Ländern stattfanden. Um Reichtum gerecht zu verteilen, muss ein Land genug Reichtum erwirtschaften, was in einem Land wie der frühen Sowjetunion nicht möglich ist. Um die Entwicklung im Zeitraffer nachzuholen, waren Arbeitszwang und Autoritarismus notwendig, insbesondere als die erwarteten Revolutionen in Mitteleuropa ausblieben.

Wenn jede Revolution existenzielle Probleme mit dem kapitalistischen Ausland hat, dann muss die Revolution offenbar von genau diesen Ländern ausgehen, insbesondere von der Mehrheit der größten Volkswirtschaften wie den USA, China, Deutschland usw.

Was denkt Ihr? Seht Ihr das anders, stimmt Ihr zu, gibt es Ergänzungen?

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u/Parallax_y — 12 days ago
▲ 27 r/DIE_LINKE+3 crossposts

Warum die US-Regierung Fred Hampton ermordete

In dem Video werden auch taktische Fragen zur Black Panther Party behandelt. Gegründet wurde sie, nachdem Cops eine schwarze Person in Oakland erschossen hatten. Neben diesem Auslöser waren weitere Ursachen für die Gründung, dass sich, nachdem rassistische Gesetze teilweise geändert worden waren, trotzdem nichts an der Armut und der fehlenden politischen Repräsentation der BIPoC änderte. Einer der Gründer, Huey P. Newton, hatte Recht studiert und wusste, dass es in Kalifornien legal war, scharfe Waffen bei sich zu haben, so lange sie offen sichtbar getragen wurden - also beschützte die BPP ihre Communities, indem sie bewaffnet patroullierten. Das Ziel ging aber schnell über reinen bewaffneten Selbstschutz vor Polizeigewalt hinaus. Das Ziel war eine Revolution und mit dem Sturz des Kapitalismus auch der Sturz eines Hauptgrundes für Rassismus.

Um nicht nur zu fordern, sondern selber Dinge zu veränder, wurde survival programs gestartet. BIPoC mit geringem Einkommen wurden hier gratis versorgt mit Kleidung, Essen und Medizin sowie Tests auf Krankheiten wie Sichelzellenanämie. Das größte und bekannteste Programm war die "Free Breakfast for Children Initiative", die dringend nötig war, weil viele schwarze Familien damals so arm waren, dass Kinder ohne Essen zur Schule gehen mussten. Im Video wird behauptet, die BPP habe zwar eine sozialistische Revolution gefordert, sie habe mit Sozialismus aber das System gemeint, das in Kanada angewandt wird/wurde. Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Zwar könnten die Programme der BPP für Frühstück, Medizin usw. durchaus auch in einem sozial angestrichenen Kapitalismus angewandt werden. Allerdings waren das "nur" kurzfristige Maßnahmen, um die Leben der Menschen unmittelbar zu verbessern. Das Ziel der BPP war wirklicher Sozialismus und nicht "das System in Kanada".

Fred Hampton wurde mit 21 Anführer der BPP in Chicago, wo der Bürgermeister die Rassentrennung wieder vorantrieb, indem arme Menschen in separate Viertel gepackt wurden - je eins für Schwarze, Latinx und Weiße. Da diese Menschen alle mit teilweise ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte, gründete Hampton eine revolutionäre Allianz zwischen der BPP und 2 Organisationen von Weißen und Latinx, die gegen die korrupte Stadt und den Bürgermeister kämpften. So entstand die Rainbow Coalition, die über Hautfarben hinweg Solidarität innerhalb der Arbeiter:innenklasse entstehen ließ. Die BPP half den Partnerorganisationen, eigene soziale Programme und gemeinsame Proteste zu starten.

Bald wurden auch in anderen Städten Rainbow Coalition Gruppen gegründet, teilweise auch an Orten, wo es keine BPP gab oder wo hauptsächlich Weiße lebten. Die Tatsache, dass Menschen verschiedener Hautfarben plötzlich zusammenarbeiteten, um den Kapitalismus zu stürzen, war eine Gefahr für den Staat. Also wurden zunächst Fred Hampton und 2 andere Parteimitglieder erschossen sowie 7 weitere festgenommen. Von da an kam es zu mehr Verhaftungen und Morden and BPP-Mitgliedern, was zu deren Niedergang führte. Im Video wird nicht erwähnt, dass das FBI bewusst einen Keil zwischen 2 führende Black Panther trieb, um die Organisation zu spalten.

Heute befürworten einige Black Panther Anarchismus statt Marxismus-Leninismus, weil sie in dezentralen, horizontalen Strukturen einen effektiveren Schutz gegen derartige Angriffes des Staats sehen.

Was haltet Ihr von den Ansätzen der BPP? Und stimmt Ihr zu, dass zentralistische Strukturen die Zerschlagung unserer Organisationen erleichtern?

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u/Parallax_y — 22 days ago

Flair "Rassismus" hinzufügen?

Frage an die Mods. Könnte ihr den Flair "Rassismus" und vielleicht auch "Antirassismus" hinzufügen? Das sind schließlich beides linke Kernthemen.

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u/Parallax_y — 1 month ago
▲ 12 r/Dachschaden+4 crossposts

Welche Praxis gegen Rassismus?

Welche Strategien und Praxen kennt ihr gegen Rassismus und sonstige Diskriminierung aufgrund von Religion, Nationalität oder "Ethnie"? Und welche findet ihr gut geeignet, welche weniger geeignet? Zu sonstiger linker Strategie finde ich leicht viele relativ gute Quellen. Zu antirassistischer leider nicht.

Hilfreich wär auch, welche Dinge, Ereignisse etc. bei euch persönlich zu einem Abbau rassistischer Ideen, Ansichten und Verhaltensweisen geführt haben. Ich weiß, gerade die letzte Frage ist schwer zu beantworten.

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u/Parallax_y — 1 month ago
▲ 45 r/Dachschaden+3 crossposts

Von Minneapolis bis Hanau – antirassistische Kämpfe verbinden

Insgesamt bin ich von dem Video enttäuscht, weil das, worum es im Titel geht, nur kurz angesprochen wird. Aber 2 Kernaussagen möchte ich trotzdem teilen:

- Intersektionalität ist strategisch wichtig, weil dadurch die radikalsten Positionen integriert werden. Die Gesellschaft so zu verändern, dass sie nicht "nur" für Schwarze besser ist, sondern auch z.B. für schwarze Queers mit Behinderung, erfordert radikalere Veränderungen. Außerdem können über diese Verknüpfung verschiedener Arten von Diskriminierung Kämpfe verknüpft werden.

- Kämpfe können bspw. innerhalb der Migrantifa Orgas verknüpft werden, etwa wenn die Selbstorganisation der Rom:nja Aufarbeitungsarbeit vorantreibt und einen Protest organisiert, wo dann die Migrantifa Orga als ganze teilnimmt, weil alle den Kampf der Rom:nja als Teil ihres eigenen antirassistischen Kampfes verstehen. Dafür ist wichtig, dass gemeinsame Nenner gefunden werden, wo verschiedene Gruppen vergleichbare Erfahrungen mit den gleichen Strukturen machen, um dann spezifische Forderungen nach außen zu tragen - wie eben Aufarbeitung der Rom:nja, Errichtung eines Mahnmals, BLM etc. In ähnlicher Weise kann auch antirassistischer und antikapitalistischer Aktivismus als miteinander verwoben begriffen werden.

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u/Parallax_y — 1 month ago
▲ 22 r/DIE_LINKE+2 crossposts

Bloggen gegen Rassismus

Was denkt Ihr dazu? Ein paar Kerninhalte aus dem Video:

- In Städten wie Cottbus ist es schon aktivistisch, als PoC überhaupt dort zu leben

- Beim Bloggen oder bei Videos geht es manchmal einfach darum, Rassismus und andere Formen von Unterdrückung und Diskriminierung sichtbar zu machen. Denn der erste Schritt, um etwas zu ändern, ist immer, sich dieser Sache bewusst zu werden, oder sie anderen Menschen bewusst zu machen.

- Um aus der linken Bubble rauszukommen und in die restliche Gesellschaft hineinzuwirken, brauchen wir Kontakte nicht nur zu anderen linken Orgas, sondern auch zu den wichtigsten links-offenen Orgas, z.B. Gewerkschaften. Und Kontakte zu Journalist:innen durch Einladung zu Events, nonformale Kommunikation oder Einladung für uns zu schreiben: bestimmt gibt es noch mehr Möglichkeiten, vor Allem für Orgas, die nicht die Möglichkeit haben, Events zu veranstalten, auf die Journalist:innen kommen.

- Da die großen Plattformen Konzernen gehören, die nicht gerade progressiv sind, und deshalb ihre Algorithmen so anpassen, dass linker Content es noch schwerer hat als ohnehin schon, ist es wichtig, diese Plattformen zwar nicht komplett aufzugeben, aber parallel auch offline aktiv zu sein, eben durch Kontakte zu Journalist:innen usw.

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u/Parallax_y — 1 month ago
▲ 73 r/Dachschaden+3 crossposts

Helfen Genossenschaften gegen die Wohnungskrise?

Wohnungsgenossenschaften sind sicher nicht der Weg aus dem Kapitalismus. Aber ihre Förderung sicherlich eine wichtige Reform, die linke Parteien, die entsprechend groß in einem Parlament sind, angehen sollten. Zum Einen würde vielen Menschen damit erheblicher Druck genommen und ihr Leben massiv verbessert. Zum Anderen wäre es strategisch im langfristigen Kampf für eine postkapitalistische Gesellschaft hilfreich, dass Menschen erleben, dass sie ihre Wohnsituation kollektiv selbst gestalten können und nicht auf Vermieter:innen oder Konzerne angewiesen sind. Auch die Solidarität unter den Menschen könnte verstärkt werden, da, wie im Video erklärt, der Zusammenhalt in Genossenschaften oft ein ganz anderer ist, und gegenseitige Hilfe groß geschrieben wird.

Was haltet Ihr davon? Und denkt Ihr, es würde den Kapitalismus schwächen, wenn ein nennenswerter Teil des Wohnraums (im Video wird gesagt, dass vor etwa 100 Jahren 1/3 der deutschen Wohnungen genossenschaftlich waren) wieder in der Hand von Genossenschaften wäre?

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u/Parallax_y — 2 months ago

Wir müssen über Strategien reden!

Seit Jahren und Jahrzehnten und noch viel länger kämpfen wir Linken gegen Kapitalismus, Unterdrückung, Umweltzerstörung und für eine bessere Welt für Alle.

Trotzdem müssen wir heute zusehen, wie sie sich vor unseren Augen drastisch verschlechtert und die Gesellschaft immer weiter nach rechts kippt, obwohl wir alles tun, um genau das zu verhindern. Wir spüren wachsenden Frust, Ohnmacht, vielleicht sogar Verzweiflung aber vor allem Wut angesichts der internationalen Tatenlosigkeit beim Klimawandel, einer sich immer weiter spreizenden Schere zwischen Arm und Reich oder permanenter, leider sehr erfolgreicher Hetze gegen queere und migrantische Menschen.

Woran liegt das? Tun wir etwa immer noch nicht genug? Oder ist, wie manche oft behaupten, der Mensch im Kern einfach schlecht und nicht zu solidarischem Zusammenleben fähig?

Bevor wir solche Annahmen unterschreiben, müssen wir erst einmal überlegen, ob unsere Herangehensweise an die politische Praxis nicht verbessert werden kann. Denn nicht jede Praxis ist gleichermaßen effektiv und da wir umgeben sind von mächtigen Menschen, Gruppen und Institutionen, die gegen uns arbeiten, kann der Findung der richtigen Strategien gar nicht genug Bedeutung beigemessen werden. Die passenden Strategien zu finden, ist kein Selbstläufer und es braucht viel Analyse und Reflexion. Die richtigen Strategien führen aber auch dazu,, dass uns jede Minute Arbeit, die wir in unsere Praxis stecken, viel weiterbringt, als wenn wir uns in Aktionen aufreiben und verausgaben, die auf den ersten Blick (und auf den zweiten) zwar effektiv erscheinen, am Ende aber nicht zielführend sind. Unsere Ressourcen (Wissen, Arbeitszeit, Kontakte, Fähigkeiten etc.) sind eine immense Kraft, die aber nur mit der richtigen Strategie eine Hebelwirkung entfaltet, die ausreicht, um die Umstände im Kern zu verändern.

Die G20-Proteste 2017 in Hamburg und die Proteste gegen die AfD 2024 oder der Hambacher Fort und Fridays for Future verdeutlichen die Relevanz der Strategiefrage. Die Proteste in Hamburg waren geprägt von starker Mobilisierung aber auch von Sachbeschädigung. Wie Sachbeschädigung als Teil von Protesten moralisch einzuordnen ist, soll hier nicht Thema sein, sondern ausschließlich die strategische Sinnhaftigkeit. Und die tendiert wohl gegen Null. Bei allem Respekt und Dank an die mutigen Menschen, die aktiv waren, gab es keine positiven Veränderungen als Resultat der Proteste zu verzeichnen. Statt auf die eigentlichen politischen Themen der G20, wurde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Fragen der vermeintlichen "Sicherheit" gelenkt und durch die Bilder in den Medien sank der Rückhalt in der Bevölkerung. Auch die Demos gegen die AfD, nachdem Correctiv ein Geheimtreffen um die Pläne der Partei enthüllte, haben zwar nochmal viel mehr Menschen mobilisiert und waren deutlich gemäßigter, haben aber ebenfalls bis auf vorübergehende Aufmerksamkeit für die Gefahren, die von der AfD ausgehen, nicht viel erreichen können. Im Gegenteil, die Gesellschaft scheint seitdem nochmal weiter nach rechts gerückt zu sein (auch wenn die Ursachen dafür wohl kaum bei den Protesten zu suchen sind).

Etwas anders sieht es beim Hambacher Forst aus: Ab 2012 besetzten Aktivist:Innen öffentlichkeitswirksam Teile des Waldes mit Baumhäusern. Neben den Demos, an denen bis zu 50.000 Menschen teilnahmen, wurden auch juristische Schritte durch die Naturschutzorganisation BUND eingeleitet, um die Rodung zu verhindern. In diesen Rahmen aus Demonstrationen, Baumbesetzungen und juristischen Maßnahmen wurden Schienenblockaden, symbolische Kunstaktionen, Sitzblockaden am Tagebau usw. eingewebt, was nur zusammen die erreichte Kraft entfalten konnte. Sitzblockaden auf den Schienen brachten medienwirksame Bilder und unmittelbaren ökonomischen Druck auf RWE ein. Zusätzlich sorgte die Gewaltfreiheit dieser Protestform, bei der sogar Geistliche der Kirche teilnahmen, dafür, dass das brutale Vorgehen der Polizei verdeutlicht wurde und sich die Legitimität in der Öffentlichkeit erhöhte. Kunstaktionen (z.B. die "rote Linie") machten das Thema emotional greifbarer, was ebenfalls zu mehr Legitimität und Akzeptanz in der Bevölkerung führte.

Forschung zu "radikalen Flanken" und Klimaprotesten zeigt, dass radikalere Taktiken die moderateren Akteur:Innen sichtbarer und akzeptabler machen, solange die Aktionen gewaltfrei bleiben - wodurch letztlich viel für das gemeinsame Ziel der radikalen und gemäßigten Gruppen erreicht wird. Genau dieses Muster war rund um den Hambi zu beobachten.

Nachhaltige und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen benötigen strategischen Pluralismus: Nicht jeder Mensch oder jede Menschengruppe reagiert auf dieselbe Botschaft, nicht jede Taktik wirkt überall gleich. Sozialwissenschaftler:Innen sprechen von "repertoires of contention" und "political opportunities" - also von einem Werkzeugkasten an Praktiken, Methoden und Taktiken (wie Streiks, Genossenschaften, Bildungsarbeit, Organizing, direkte Aktionen, oder Kunst und Medien), mit denen Bewegungen viele verschiedene Möglichkeiten haben, für ihre Ziele zu kämpfen. Strategischer Pluralismus sorgt dafür, dass die Ressourcen nicht auf eine einzige Stelle konzentriert werden, wodurch die Bewegung robust, anpassungsfähig und breit aufgestellt ist. Wird eine Methode immer stärkerer Repression ausgesetzt, bricht so nicht die ganze Bewegung zusammen und es kann an den anderen Fronten weitergekämpft werden. Zudem können Synergien entstehen, wenn bspw. eine linke Partei wächst und dadurch über Abstimmungen im Parlament Gesetze zugunsten der Bewegung beeinflussen und Spielraum ermöglichen oder durch finanzielle Mittel für parteinahe Stiftungen linke Projekte fördern kann.

Ein weiterer Vorteil von Vielfalt: Radikale Flanken innerhalb eines breiteren Protestfelds können paradoxerweise die Unterstützung für moderate Forderungen erhöhen, weil sie das Overton-Fenster verschieben und gemäßigtere Akteur:Innen vergleichsweise sinnvoll und vernünftig erscheinen lassen - auch für Leute, denen die radikaleren Forderungen zu weit gehen.. Das wird von aktueller Forschung belegt.

Wenn neue Narrative und praktische Experimente zusammenkommen, entstehen sogenannte "Policy-Feedback-Effekte": Einmal geschaffene Institutionen, Rechte oder kollektive Praktiken generieren Ressourcen, Routinen und Erwartungshaltungen, die politische Veränderungen stabilisieren und weiterer Diskursverschiebung Vorschub leisten. Kurz: Ideen, die praktisch funktionieren, werden nicht nur akzeptiert - sie werden zu Strukturen, die weitere Akzeptanz für linke Ideen und Forderungen erzeugen. Das ist der Mechanismus, der aus momentanen Erfolgen dauerhafte Veränderungen macht.

Wenn wir über sozialen Wandel reden, reden wir nicht nur über Produktionsweisen oder Parteien - wir reden auch über Werte und Normen; über das, was Menschen für "normal" halten. Genau hier setzt das Konzept der kulturellen Hegemonie an: Eine Bewegung, die es schafft, neue Begriffe, Assoziationen und Ansichten so zu verankern, dass sie in den Alltag integriert sind und als "common sense" gelten, kann die Gesellschaft wirklich verändern. Wer die Sprache, die Alltagsdeutungen, die Verhaltensweisen, die Meinungen prägt, verändert auch Handlungsspielräume auf tiefere, länger anhaltende Weise. Kulturelle Hegemonie bedeutet, dass eine dominante Klasse die andere(n) beherrscht und das nicht (nur) durch Zwang, ökonomische Abhängigkeiten oder politische Mehrheiten, sondern indem die Menschen über die Kultur von sich aus das tun, was die herrschende Klasse will. So können Weltanschauungen oder Ansichten zu bestimmten Themen (z.B.) Arbeitsmoral, "Jede:r ist seines:ihres Glückes Schmied" oder die Vorstellung, der Kapitalismus sei alternativlos und der Sozialismus in keiner seiner mannigfaltigen Varianten umsetzbar) so vorgegeben werden, dass sie den Herrschenden nützen. Reformen und sogar Revolutionen hingegen verändern zwar je nachdem das politische und ökonomische System von Grund auf - doch wenn tiefe und nachhaltige Veränderungen in der Kultur fehlen oder in nicht ausreichendem Maße passieren, sind die Veränderungen nur oberflächlich. Das System ist zwar ein neues, die Gedanken, Gefühle, Welt- und Menschenbilder vieler Leute bleiben aber dieselben. Ein Umstand, der in realsozialistischen Ländern zu großen Problemen führte.

Doch selbst wenn rein ökonomisch-politische Revolutionen noch so tiefgreifend und nachhaltig wären, hätten sie es in "modernen" westlichen Staaten schwer. Im Russland der 1910er-Jahre war eine gewaltsame Revolution noch möglich und in vielen Staaten ist sie das noch heute. Aber im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist das längst nicht mehr ohne weiteres möglich. Angenommen, es würde tatsächlich so kommen, dass eine ausreichend große Gruppe mit ausreichen großem Vorrat an Waffen die Regierung stürzt. Was passiert dann? Würden die restlichen Staaten das einfach so hinnehmen? Oder würden Staaten wie die USA, die EU und die NATO nicht viel eher alles in ihrer Macht Stehende (und das ist enorm viel) unternehmen, um die Revolution im Keim zu ersticken, egal wieviel Blut dafür vergossen werden müsste? Würden die USA und andere kapitalistische Nationen nicht eher Deutschland dem Erdboden gleich machen, als ein enormes Risiko für die Weiterexistenz ihres Systems zu akzeptieren? Und ist daher in der heutigen Welt eine Revolution, die nicht international und durch das strategische Mittel der kulturellen Hegemonie vollzogen wird, nicht unmöglich geworden?

Zumal auch Lenin die Revolution ja nicht gänzlich ohne kulturelle vollziehen konnte. Er bereitete sie mit jahrelanger Propaganda- und Medienarbeit (damals noch in erster Linie durch Zeitungen) vor. Er nutzte also Propaganda (ein probates Mittel zur Erlangung kultureller Hegemonie), um die für eine erfolgreiche Revolution nötigen Bedingungen in der Gesellschaft zu schaffen. In noch größerem Maße müssen in Deutschland und anderen Ländern erstmal die Einstellungen einer ausreichenden Zahl von Menschen bzgl. Themen wie (Post-)Kapitalismus oder der Machbarkeit alternativer Systeme verändert werden. Auch zu anderen Themen wie Migration, Klimaschutz oder Aufrüstung können wie die öffentliche Meinung beeinflussen, um so schon lange vor einer Revolution, hier und jetzt, Umstände positiv zu beeinflussen. Ähnlich tut es die Neue Rechte ja schon seit Jahren, nur leider in die entgegengesetzte Richtung - und verschlechtert oder beendet damit schon heute die Leben etlicher Menschen. Wird die öffentliche Meinung jedoch zunächst in einzelnen, später in immer mehr Themen nach links verschoben, kann der Nährboden für wirklich tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen geschaffen werden.

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- Wikipedia

u/Parallax_y — 2 months ago

Die Neue Rechte übernahm, wie hier und hier schon beschrieben, linke Theorien die sie von allem Linken löste und seitdem auf die eigenen Ziele anwendet. Dazu beruft man sich nicht auf Hitler oder Mussolini, sondern auf die weniger bekannten Vertreter der "Kulturrevolution" der Weimarer Republik; ebenfalls Rechtsradikale, die aber den Nationalsozialisten teilweise feindlich gegenüber standen und daher von der Neuen Rechten als "Widerstand gegen die Nazis" dargestellt werden, um so zu tun, als gäbe es keine Kontinuität zwischen dem damaligen Faschismus und der Neuen Rechten.

Das wurde und wird getan vom ideologischen Kern, bestehend aus rechtsradikalen Intellektuellen (Leute wie de Benoist und Kubitschek sowie deren Verlage, Zeitungen oder Think Tanks). Um deren Theorie nicht nur unter Rechtsradikalen zirkulieren, sondern in die breitere Öffentlichkeit hineinwirken zu lassen, nutzt die Neue Rechte sogenannte Multiplikator:innen - bekannte Personen, die neurechte Positionen vertreten, Ideen bekannt machen (im Vortrag werden als Beispiele Eva Herman, KenFM und Thilo Sarrazin genannt) und so das Overton-Fenster nach rechts verschieben.

Da in der Vorlesung natürlich viel mehr vermittelt wird als das, lohnt es sich, sie zu gucken.

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u/Parallax_y — 3 months ago