42 % der deutschen Wohnimmobilien haben Energieklasse E oder schlechter. Als Gutachter sehe ich täglich, was das mit dem Wert macht – und was der Markt noch nicht eingepreist hat.
Eine ImmoScout24-Auswertung von Anfang 2026 nennt eine Zahl, die in der Diskussion untergegangen ist: Rund 42 Prozent aller Wohnungen und Häuser in Deutschland haben Energieklasse E oder schlechter. Das ist kein Randsegment, das ist knapp die Hälfte des Bestands.
Dieselbe Auswertung zeigt, was seit 2021 passiert ist: Eigentumswohnungen der Klasse A haben bis Ende 2025 rund 13 Prozent an Wert gewonnen, Klasse G und H jeweils rund 12 Prozent verloren. Eine Schere von 25 Prozentpunkten in fünf Jahren. Eine immowelt-Analyse vom März 2026 kommt für die Angebotsseite auf ein ähnliches Bild: Häuser der Klasse H liegen rund 17 Prozent unter vergleichbaren Häusern der Klasse D, Wohnungen der Klasse H nur rund 9 Prozent darunter (https://www.immowelt.de/ueberuns/presse/pressemitteilungenkontakt/immoweltde/2026/gute-energiebilanz-zahlt-sich-aus-bis-zu-20-prozent-preisaufschlag-fuer-effiziente-immobilien/).
Ich bewerte solche Objekte beruflich und möchte drei Dinge einordnen, die aus diesen Zahlen regelmäßig falsch abgeleitet werden.
Erstens: Das sind Angebotspreise, keine Verkehrswerte. In der Bewertung gibt es keinen Posten "Klasse H, minus 17 Prozent". Der energetische Zustand wirkt indirekt – über den Instandhaltungsrückstau, über die wirtschaftliche Restnutzungsdauer und im Ertragswertverfahren über die nicht umlagefähigen Bewirtschaftungskosten. Ein Durchschnitt über Hunderttausende Inserate sagt nichts über ein konkretes Haus, dessen Dach 2019 neu gedeckt wurde und dessen Fenster von 1978 sind. Genau deshalb kippen Verhandlungen, in denen jemand mit einer Portalstatistik anrückt.
Zweitens: Bei vielen Objekten vergleicht man zwei Zahlen, die nicht vergleichbar sind. Ein Verbrauchsausweis bildet ab, wie die Vorbesitzer geheizt haben. Ein sparsames Paar, das die Hälfte der Räume kalt lässt, erzeugt einen deutlich besseren Ausweis als eine vierköpfige Familie im baugleichen Nachbarhaus. Ein Bedarfsausweis rechnet dagegen das Gebäude selbst durch, unabhängig vom Nutzer. Für dasselbe Objekt können beide Werte um Faktor zwei auseinanderliegen. Verhandelt wird trotzdem über den Buchstaben. In der Bewertung ist der Verbrauchsausweis als Zustandsindikator praktisch wertlos.
Drittens die Rechnung, die kaum jemand zu Ende führt. Nehmen wir ein Haus, das auf D-Niveau bei 420.000 Euro läge. Als Klasse H angeboten sind das nach der Statistik rund 348.000 Euro, also gut 70.000 Euro Abschlag. Eine Sanierung von H auf D-Niveau – Hülle, Fenster, Heizung – liegt realistisch bei 100.000 bis 150.000 Euro. Selbst mit Förderung bleibt regelmäßig eine Lücke. Der Markt hat den Abschlag also angedeutet, aber nicht ausgerechnet.
Bei Wohnungen wirkt der Effekt harmloser, weil dort nur rund 9 Prozent Abschlag gezahlt werden. Das Problem ist aber nicht kleiner, sondern verteilt und zeitversetzt. Die Sanierung des Gemeinschaftseigentums kommt über Sonderumlage oder eine erhöhte Zuführung zur Erhaltungsrücklage – nur eben Jahre nach dem Kauf, wenn der Rabatt längst verbucht ist. Wer eine Wohnung der Klasse G kauft, sollte deshalb weniger auf den Energieausweis schauen als auf den Vermögensbericht der WEG und die Beschluss-Sammlung der letzten fünf Jahre.
Ein Punkt zur Finanzierung noch, weil er zunehmend praktisch wird: Banken behandeln F, G und H inzwischen als eigene Risikoklasse und setzen den Beleihungswert entsprechend niedriger an. Es scheitert dann nicht der Kaufpreis, sondern die Finanzierung – und zwar an einer Zahl, die der Käufer nie zu sehen bekommt.
Meine These zur Diskussion: Der Abschlag für die schlechten Klassen ist derzeit eher zu klein als zu groß, weil er die Sanierungskosten noch nicht vollständig abbildet. Wer heute günstig eine H-Immobilie kauft, kauft in vielen Fällen keinen Rabatt, sondern eine gestundete Rechnung.
Widerspruch ausdrücklich erwünscht. Besonders interessiert mich, wer nach dem Kauf tatsächlich saniert hat: Was hat es gekostet, und wie viel Abschlag hattet ihr beim Kauf dafür rausgeholt?
Kurz zu mir: Ich bin Bauingenieur (M.Sc.) und DIN-17024-zertifiziert sowohl in der Immobilienbewertung als auch im Bausachverständigenwesen; in unserer Struktur entstehen rund 6.000 Gutachten im Jahr mit 220 Sachverständigen an über 50 Standorten. Seit gut zwanzig Jahren investiere ich selbst in Immobilien.