
Wann verkauft man einen Gewinner? Warum mein Quant-Modell bei +92% ausstieg, bei +100% aber drinblieb
Die schwerste Entscheidung an der Börse ist nicht, was man kauft. Es ist die Frage, wann man einen massiven Gewinner wieder verkauft. Nimmt man das Geld vom Tisch oder lässt man laufen?
Am 1. Juli lief das zweite quartalsweise Rebalancing in meinem regelbasierten Depot durch. Das erste war am 1. April, seitdem läuft es jedes Quartal. Neun von dreißig Positionen wurden diesmal getauscht. Dabei passierte etwas, das genau diese Frage beantwortet, und es endete für mich mit einem blauen Auge.
Wie das Modell Gewinner bewertet
Kurz zur Mechanik, damit klar ist, worüber ich rede. Ein Python-Modell bewertet rund 845 Aktien aus 14 Indizes nach sechs Faktoren und sortiert sie nach Punktzahl. Wer in die Top 25 kommt, wird gekauft. Wer unter Rang 40 fällt, fliegt raus. Es gibt keine Sektorquote und keine Branchenmeinung. Das Modell hat keinen Ermessensspielraum. Der Einstandskurs steht nirgends im Code, es weiß gar nicht, ob eine Position im Plus oder im Minus liegt.
Rausgeflogen sind an diesem Abend vier Technologiewerte. Applied Materials bei plus 92 Prozent, KLA-Tencor bei plus 90, dazu Broadcom und Amphenol. Nicht weil sie im Plus waren. Ihre Kurse waren schlicht so weit gelaufen, dass die Bewertung nicht mehr mitkam und der Gesamtrang durchsackte.
Micron dagegen blieb drin, bei über plus 100 Prozent. Der Score hielt, der Rang lag weiter oben. Ein klassisches System, das stur nach Gewinnhöhe oder festen Kurszielen verkauft, hätte Micron als Erstes rausgeworfen. Die Regel ist drei massiven Gewinnern also völlig unterschiedlich begegnet.
Der Fehler kam woanders her
Zwei Wochen nach dem Rebalancing fingen die Halbleiter an einzubrechen. Die Juli-Entscheidung hatte die Chip-Quote gesenkt, vier raus und ASML rein. Das hat geholfen.
Aber am selben Abend kam auch SanDisk ins Depot. Das war eigentlich keine Juli-Entscheidung. Der Titel stand schon im April auf der Kaufliste und war damals nicht vernünftig handelbar. Im Juli ging die Ausführung dann durch, direkt in den Abverkauf hinein. Im Tief lag die Position 50 Prozent unter Kauf, heute sind es rund 19.
Warum das Modell in denselben Branchen bleibt
Ich hatte erwartet, dass ein Rebalancing das Depot auch strukturell verändert. Als ich die Daten für die Sektor-Grafik aufbereitet hab, war fast alles beim Alten. Der Technologie-Anteil sank von 30 auf 23,3 Prozent, die Finanzwerte stiegen von 36,7 auf 40.
Ein Faktormodell kennt keine Branchen. Es sortiert nach Punktzahl. Und Aktien derselben Branche bekommen oft ähnliche Punktzahlen, weil auf sie dieselben Treiber wirken. Steigende Zinsen heben die Erträge aller europäischen Banken. Und ein Chipzyklus zieht die ganze Halbleiterbranche mit hoch.
Fällt also ein Titel aus einer Branche unter Rang 40, steht mit hoher Wahrscheinlichkeit ein anderer aus derselben Branche in den Top 25 bereit. Das Modell nimmt Gewinne mit und geht direkt in denselben Sektor zurück, nur mit anderen Namen. Genau das hat mich bei SanDisk voll erwischt.
Mein Fazit bisher
Ein Quartal beweist nichts, achtzehn Positionswechsel erst recht nicht. Ob die Sektorkonzentration auf Dauer schadet oder nützt, sehe ich frühestens über mehrere Zyklen.
Eine harte Obergrenze pro Sektor hab ich nicht drin, weil mein Backtest über 6,5 Jahre auch keine hat. Ich hab allerdings nie gegengerechnet, was eine 20-Prozent-Grenze pro Sektor über die Jahre an Rendite gekostet oder an Drawdown erspart hätte. Das steht jetzt auf der Liste für den nächsten Backtest.
Frage in die Runde
Wer von euch managt streng regelbasiert und hat eine harte Sektorgrenze drin? Mich interessiert, bei welchem Anteil ihr deckelt und warum.
Wer selbst mitrechnen will: Anfang jeden Monats geht die vollständige Top-50-Liste aus dem Scanner raus, mit allen sechs Faktorwerten pro Titel. Damit kann man eigene Backtests fahren, ohne das Universum selbst zusammenzusuchen. Link steht im angepinnten Post auf meinem Profil.