Mein Herbst

Die Bäume rascheln ein Flüstern vergangener Tage, doch nur, wenn der Wind sie zum Leben erweckt. Das trockene Knistern gefallenen Laubs schleift surrend über den Platz, dirigiert vom Hauch des Herbstwinds. Sich ein letztes Mal in Gold kleiden, bevor die Kälte für ein Ende sorgt. Es ist wie der letzte Protest, in Anmut zu sterben, statt lautlos dahinzuscheiden. Es wirkt wie Stoizismus, ist aber fehlinterpretierte Theatralik. Denn der Baum kleidet sich in falschem Heroismus goldgefärbter Blätter, wohl wissend, dass er im Frühjahr ein neues Leben geschenkt bekommt.

Ich bin 32. Andere in meinem Alter suchen noch den Sinn des Lebens, während ich versuche, zu verstehen, warum ich sterben muss. Ich habe Krebs. Der Schrecken liegt nicht darin, wie die Krankheit heißt, was sie mit dem Körper anstellt oder einfach darin, dass es Sterben bedeutet, sondern darin, darauf zu warten. Ohne goldenes Kleid und ohne die Hoffnung auf einen weiteren Frühling.

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u/justliterallyme — 4 days ago

Lebensform

Die Erde ist rund. Die Planeten sind rund und beschreiben eine kreisrunde Laufbahn um eine runde Sonne, eingebettet in eine Anhäufung weiterer runder Sterne, die gemeinsam eine runde Galaxie ergeben. Unsere Augen sind rund und eine runde Iris umrundet eine runde Pupille. In der Natur findet man runde Blätter zu runden Früchten, auf denen runde Regentropfen plätschern, die sich am Boden in einer runden Pfütze sammeln.

Der Mensch lebt in eckigen Häusern, geht durch eckige Türen in eckige Räume, setzt sich auf eckige Möbelstücke und blickt auf einen eckigen Monitor. Er legt seine eckige Zeitschrift auf den eckigen Tisch ab, der auf einem eckigen Teppich steht, welcher wiederum auf eckigen Fliesen liegt. Und zum Abendessen schließlich Toast. Bevor der Mensch im eckigen Bettchen ruht und von einem runden Leben träumt.

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u/justliterallyme — 2 months ago

Die Last

Die Last

Sehen Sie, ich denke, in Zeiten düsterer Schwere sehnen sich die Menschen nach leichtseligen Namen und nennen ihre Kinder in solchen Zeiten öfter so.

Da trug es sich auch zu, dass mich die Schwester fragte: „Hören Sie, ist es Ihnen denn keine Mühsal, Ihre Tochter so herumzutragen? Auf und ab laufen Sie den Gang hinunter und wieder rauf und das stundenlang.“

„Na, wenn ich schon diese vier Kilo ihres kleinen Körpers nicht tragen kann, wie soll ich denn dann die Last tragen, wenn sie eines Tages zu mir kommt und das Leben sie drückt? Wenn diese Schwere auf ihren Schultern lastet und sie bedrückt, dann ist es meine Pflicht, ihr davon beträchtlich abzunehmen.“ Ja, so erwiderte ich ihr, und da blieb sie stumm und blickte nur.

Und wirkte es doch wie ein recht ehrenhafter Gedanke, so war es ja doch unbedacht, vor der Schwester so geradeheraus zu plappern von den großen Schmerzen und der Selbstlosigkeit. Hätte es doch sein können, dass jene Schwester selbst nie derart Selbstlosigkeit von ihrem Herrn Papa erfahren habe, sodass ihren Körper beim Vernehmen dieser Worte ein Schmerz durchzuckte, der sie tief erschütterte. Nein, so bleiben lieber auch eben diese inneren Regungen der Ehrlichkeit verborgen, denn welchen Zweck hatte es denn, sein Herz so auf der Zunge zu tragen? Nicken hätte man sollen und „Ja, gewiss“ hätte man sagen sollen. „Und wie mir dieses Tragen zur Last wird, liebe Schwester, so will ich mich gleich wieder zu Bette begeben und das Tochterlein hinlegen, damit sie nun schlafe.“ Ja, so hätte ich mich entfernen sollen.

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u/justliterallyme — 2 months ago

Die Last

Sehen Sie, ich denke, in Zeiten düsterer Schwere sehnen sich die Menschen nach leichtseligen Namen und nennen ihre Kinder in solchen Zeiten öfter so.

Da trug es sich auch zu, dass mich die Schwester fragte: „Hören Sie, ist es Ihnen denn keine Mühsal, Ihre Tochter so herumzutragen? Auf und ab laufen Sie den Gang hinunter und wieder rauf und das stundenlang.“

„Na, wenn ich schon diese vier Kilo ihres kleinen Körpers nicht tragen kann, wie soll ich denn dann die Last tragen, wenn sie eines Tages zu mir kommt und das Leben sie drückt? Wenn diese Schwere auf ihren Schultern lastet und sie bedrückt, dann ist es meine Pflicht, ihr davon beträchtlich abzunehmen.“ Ja, so erwiderte ich ihr, und da blieb sie stumm und blickte nur.

Und wirkte es doch wie ein recht ehrenhafter Gedanke, so war es ja doch unbedacht, vor der Schwester so geradeheraus zu plappern von den großen Schmerzen und der Selbstlosigkeit. Hätte es doch sein können, dass jene Schwester selbst nie derart Selbstlosigkeit von ihrem Herrn Papa erfahren habe, sodass ihren Körper beim Vernehmen dieser Worte ein Schmerz durchzuckte, der sie tief erschütterte. Nein, so bleiben lieber auch eben diese inneren Regungen der Ehrlichkeit verborgen, denn welchen Zweck hatte es denn, sein Herz so auf der Zunge zu tragen? Nicken hätte man sollen und „Ja, gewiss“ hätte man sagen sollen. „Und wie mir dieses Tragen zur Last wird, liebe Schwester, so will ich mich gleich wieder zu Bette begeben und das Tochterlein hinlegen, damit sie nun schlafe.“ Ja, so hätte ich mich entfernen sollen.

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u/justliterallyme — 2 months ago