Der gesamte Ansatz gestern war unprofessionell
Ich möchte hier gar nicht über die Leistung einzelner Spieler meckern, sondern das gestrige Spiel aus einer grundsätzlichen Perspektive betrachten. Die Ausgangssituation war denkbar undankbar:
- Deutschland stand bereits als Gruppensieger fest. Selbst ein 12:0 oder ein 0:12 hätte daran nichts mehr geändert, was, vorsichtig ausgedrückt, einer unglücklich gewählten Regelung der Gruppenphase geschuldet war.
- Ecuador kämpfte um alles. Das Team hatte die historische Chance, mit einem Sieg den Einzug in die K.O. Phase perfekt zu machen.
Die Motivation war also extrem asymmetrisch verteilt: Null sportlicher Anreiz für das deutsche Team, sich bedingungslos aufzureiben; maximaler Anreiz dagegen für Ecuador.
Genau das hat sich auf dem Platz widergespiegelt. Ecuador hat um jeden Ball gefightet, ging extrem hart in die Zweikämpfe und rannte sich die Lunge aus dem Leib. Am Ende wirkten sie stehend K.O., getragen nur noch von der Hoffnung auf das Achtelfinale. Bei den deutschen Spielern merkte man dagegen deutlich, dass niemand kurz vor der K.O.-Runde ein unnötiges Risiko eingehen wollte, auch wenn Julian Nagelsmann das natürlich nicht zugeben mag.
Was hätte man also besser machen sollen? Meiner Meinung nach hätte man komplett mit einer B-Elf auflaufen müssen. Das hätte gleich drei entscheidende Vorteile gehabt:
- Die Reservespieler hätten die Chance bekommen, sich für die Startelf zu empfehlen.
- Die A-Elf hätte eine dringend nötige Pause bekommen, und das Risiko von Verletzungen oder unnötigen Gelbsperren wäre gleich null gewesen.
- Man hätte die aktuelle Situation vermieden, in der die Mannschaft medial schlechtgeredet wird. Die Öffentlichkeit erwartet, aus welchen Gründen auch immer, selbst in einem völlig bedeutungslosen Spiel 100 % Leistung. Einer B-Mannschaft hätte man die Niederlage verziehen.
Die USA haben genau das getan: Sie haben gegen die Türkei neun Spieler rotiert und prompt verloren. Dort wird nun aber ganz sicher nicht der Weltuntergang herbeigeredet. "Work smarter, not harder" ist dort das Motto. Und das täte uns auch mal gut.